Wohnkomplex der Hilfswerk-Siedlung Berlin in Berlin-Wilmesdorf am 16.02.18 (Quelle: Imago/ Blume)
Audio: Inforadio | 13.04.2019 | Josefine Janert | Bild: Imago/ Blume

Forderung nach mehr Sozialwohnungen in Berlin - Mieterverein kritisiert christliches Wohnungsunternehmen

Immobilienkonzerne wie die Deutsche Wohnen stehen auch für ihren offenbar unsozialen Umgang mit Mietern in der Kritik. Auch deshalb will eine Initiative sie enteignen. Doch was ist mit den Unternehmen im Umfeld der christlichen Kirchen? Von Josefine Janert

Eine ruhige Straße in Berlin-Zehlendorf. Früher war in der gediegenen Villa eine katholische Schule untergebracht. Jetzt residiert darin eine Katholische Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft mit dem Namen Petruswerk. In seinen besten Zeiten besaß das Petruswerk in West-Berlin rund 4.000 Wohnungen. Nach Umstrukturierungen sind davon 2.000 übrig geblieben.

Petruswerk klagt über hohe Baukosten

"Unser Maßstab ist der Mensch" steht auf der Homepage. "Wirtschaftlich agieren, sozial handeln". Beim Petruswerk eine Wohnung anzumieten, ist im Moment schwierig. Es gibt noch kaum freie Einheiten. Immerhin baut das Unternehmen: 100 Prozent freier Wohnungsbau, also keine Sozialwohnungen.

Die Baukosten seien in den letzten Jahren stark angestiegen, klagt der Justiziar Thorsten Eckert. Wollte man einen Teil als Sozialwohnungen anbieten, müsste man die Mieten für die anderen Wohnungen entsprechend höher ansetzen, und das möchte man nicht. "Am Ende kann es ja kein Zuschussgeschäft sein. Dann würde es sich nicht rechnen, könnte man die Mitarbeiter nicht bezahlen, dann müsste man Insolvenz anmelden", so Eckert.

Mieterverein: "Kirchen wollen beim Wettlauf mitmarschieren"

Reiner Wild ist Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Wenn das Petruswerk nicht mehr auf sozialen Wohnungsbau setzt, werde es seinen eigenen Maßstäben nicht gerecht, kritisiert er. "Mein Eindruck ist, dass in Anbetracht der Wohnungsmarktverhältnisse und der Entwicklung bei Grundstückspreisen und Hauspreisen die kirchlichen Unternehmen bei dem Wettlauf mitmarschieren wollen und entsprechend auch ihre Renditeerwartungen umsetzen wollen und sich leider nicht immer an anderen, nämlich sozialen, stadtentwicklungspolitischen Zielen orientieren", meint Reiner Wild.

Das Petruswerk ist nicht das einzige kirchliche Wohnungsbauunternehmen. Einige Kirchengemeinden verfügen über Wohnungen in geringer Zahl. Außerdem gibt es noch die Hilfswerk-Siedlung, ein Wohnungsunternehmen im Eigentum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Es besitzt heute in der Stadt rund 4.500 Wohnungen. Mit dieser Größe steht es im Fokus der Bürgerinitiative, die für Enteignung mobilisiert. Doch deren Mitinitiator Rouzbeh Taheri teilt auf Anfrage mit, eine Enteignung der Hilfswerk-Siedlung stehe für die Initiative nicht zur Debatte, weil sie am Gemeinwohl orientiert sei.

"Dann hätte Berlin gar kein Geld mehr"

Jörn von der Lieth, Geschäftsführer der Hilfswerk-Siedlung, fordert, dass die Bürgerinitiative sein Unternehmen auch von der Liste der zu enteignenden Konzerne streicht, die in der Stadt kursiert: "Im Schnitt sind in Berlin sechs Prozent Sozialwohnungen. Wir haben noch über 35 Prozent", sagt von der Lieth. Einen Teil der frei werdenden Wohnungen vergibt die Hilfswerk-Siedlung an Flüchtlinge und ehemalige Obdachlose.

Die Enteignung von Immobilienkonzernen, den Zwangsverkauf an den Staat, hält Geschäftsführer von der Lieth nicht für das richtige Mittel gegen die Wohnungsnot. "Es ist nicht sinnvoll, weil es die Mieten nicht dauerhaft niedrig halten kann. Auch die städtischen Wohnungsunternehmen haben in ihrem Kooperationsvertrag Erhöhungen von zwei Prozent. Und finanzierbar ist es auch nicht", sagt von der Lieth. "Dann hätte Berlin gar kein Geld mehr, nicht für Kindergärten, nicht für Lehrer, Beamte, für nichts."

Auch der katholische Wohlfahrtsverband Caritas lehnt die Enteignung ab. Genau wie Thorsten Eckert, Justiziar des katholischen Petruswerks. Mit dem Schlagwort der Enteignung wecke man vielleicht nur auf, "um vielleicht doch noch rechtzeitig Wege zu finden, dieses Ungleichgewicht eben doch nicht mehr so zügig durch die Stadt räubern zu lassen, wie es derzeit der Fall ist."

Beitrag von Josefine Janert

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

16 Kommentare

  1. 16.

    Nachtrag
    1500 € je m2 Grund und Boden bedeutet aber auch eine GFZ von 10 bis 20
    Während der Häuslebauer mit einer GFZ von 0,4 -0,8 500€ bezahlt.
    Also zahlt der HäusleBauer weit mehr.

  2. 15.

    Das trifft aber nur für den Neubau zu!
    Bei Bestandsimmobilien muss das nicht so teuer sein. Eine theoretisch zu erwartende Rendite führt zu "Fantasie Preisen". Mit einem Instandhaltungsrückstau und Angleichung des Standarts (Modernisierung) kann diese Fantasierendite auch erzielt werden.
    Jedoch auch Finanzämter sind MietPreistreiber, weil sie erwarten das die Miete sich am "Mietspiegel" orientiert, ansonsten es als "Hobby" angesehen wird und lfd. Instandhaltung nicht oder nicht vollständig absetzbar sind.

  3. 14.

    Für Kirchenbashing ist das hier nicht der richtige Platz. Ich frage mich gerade, weshalb Mietervereine nicht Genossenschaften gründen und selber bauen... Kritik üben ist immer einfach. Gewerkschaften könnten das auch.... Und, da war doch noch wer, der bauen könnte... Ach ja, der Staat.... Ich bin froh, dass die Kirchen ziemlich viele Aufgaben im Staat übernehmen. Kitas, Schulen, Essensausgaben, Kältehilfen, Senioreneinrichtungen usw.... Müsste sonst der Staat alles organisieren. Es ist nicht immer nur eine Frage der Finanzen. Und das sage ich als Ausgetretener.

  4. 13.

    Die Kirchen haben so viel Leid über die Menschheit gebracht, höchste Zeit mal der Menschheit was gutes zu tun!

  5. 12.

    Na da haben Sie aber die Grundstückskosten unter den Tisch fallen lassen. In Berlin durchschnittlich 500 €/m². Können aber auch schon mal 1500 €/m² sein. Die und die Baunebenkosten hinzugerechnet, sieht's mit der Rendite schon nicht mehr ganz so rosig aus, wie Sie uns hier weismachen wollen.

  6. 11.

    Da melden sich ja mal wieder die richtigen Kirchenkenner zu Wort. Es sind wohl die, die keine Kirchensteuern zahlen, aber stets mehr soziales Engagement fordern.

  7. 10.

    Mach Sinn, denn was man nicht hat, kann man auch nicht teilen. Und aus Nichts etwas materialisieren kann auch die Kirche nicht. Wo ist also das Problem?

  8. 9.

    Soziale Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften bieten seit je her in Berlin günstigere Wohnungen an. Wozu muss man diese noch zusätzlich versuchen zu bedrohen? Ich war damals als Neuberliner nicht in der Lage so eine günstige Wohnung zu bekommen und zahlte mehr als ein Drittel für eine sogen. freie Wohnung. Ging auch. Wäre es nicht besser Eigentum für die Leute und Neubau steuerlich zu fördern? Sozialen Wohnungsbau kann der Senat doch selber betreiben.

  9. 8.

    Hallo Thomas!
    Meinst Du damit auch die Räuber, die zur Durchsetzung ihrer Eigeninteressen sich immer neue Gründe ausdenken, damit keine neue Wohnungen gebaut werden?

  10. 7.

    "Neubau kostet in der Berlin derzeit 12-13 Euro auf den Quadratmeter kalt."
    Wie meinen? Neubau kostet ca. 1.500,- €/qm. Aber man muss nicht 12-13,- €/qm nehmen, um diese Wohnungen zu amortisieren, wenn es das sein sollte, was Sie meinen. Natürlich helfen solche überhöhten MIeten, den Bau schnell zu amortisieren und dann Kohle zu scheffeln. Das geht mit hohen Mieten immer besser. Und leider reden wir auch längst von 16-20,- €/qm monatlich ...

  11. 6.

    "um vielleicht doch noch rechtzeitig Wege zu finden, dieses Ungleichgewicht eben doch nicht mehr so zügig durch die Stadt räubern zu lassen, wie es derzeit der Fall ist." Den Räuber kann man nur aufhalten, indem man ihm festnimmt und seine Beute entzieht.

  12. 5.

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Es geht darum, daß man Sozialwohnungen quer finanzieren muß.
    D.h. wie man auch von anderen Projekten weiß, bietet man 30% Sozialwohnungen für 6,50 den m2 an, muß man den Rest für über 10 Euro vermieten.
    Normale Leute, die eben gar keinen Anspruch auf Sozialwohnungen haben, haben aber sicher lieber einen Preis von 8Euro den Quadratmeter.
    Das ist bei Neubau aber auch schon schwer zu machen, denn Neubau kostet in der Berlin derzeit 12-13 Euro auf den Quadratmeter kalt. Und auch eine kirchliche Einrichtung, wie auch jede öffentliche, muß letztlich wenigstens kostendeckend arbeiten. Und das heißt immer auch mehr als nur die reinen Betriebskosten hereinbekommen.

  13. 3.

    Warum baut eigentlich der Mieterverein nicht eigene Wohnungen für seine Mitglieder und die es werden wollen.

  14. 2.

    ...ja Paula, leider ist das so. Die Kirchen teilen nur wenn sie auch was dafür bekommen...das ist ihr Geschäftsmodell..seit über 2000 Jahren .. funktioniert doch bis heute..und der Staat macht mit..

  15. 1.

    Ja, Kirche heißt eben nicht automatisch sozial, was hinsichtlich der Katholischen Kirche auch Pabst Franziskus anprangert.Einer der seltenen Fälle, der in der Katholischen Kirche auf Prunk und Status verzichtet.
    Und die Evangelische Kirche unterscheidet sich da wohl kaum. Das bestärkt mich mal wieder in meiner Ansicht, dass Kirche nur Verwaltung ist und nichts mit Glauben , Nächstenliebe und Christlichkeit zu tun hat.

Das könnte Sie auch interessieren