Beslan Kabertay (Quelle: Ralph Pache)
Ralph Pache
Audio: Inforadio | 04.05.2019 | Franziska Ritter | Bild: Ralph Pache Download (mp3, 13 MB)

Vom Flüchtling zum Unternehmer - "Manche Syrer weinen, wenn sie meinen Halloumi probieren"

Was macht ein Geflüchteter, dessen Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden? Sich selbständig - mithilfe von Gründerpaten. In Berlin unterstützt ein Pilotprojekt so beispielsweise eine deutsch-iranische Fachkräftevermittlung und eine Halloumi-Käserei. Von Franziska Ritter

Ein Tisch, ein Laptop, Regale mit Akten: So sieht das Berliner Büro von Studio Tehran 94 aus, das Roham Soleimani in seiner Wohnung in Neukölln eingerichtet hat. Der gebürtige Iraner baut mit zwei Kompagnons eine Web- und Designagentur auf, die eine Brücke zwischen seiner persischen Heimat und Deutschland schlagen soll. Roham Soleimani will Entwickler und Designer aus dem Iran an deutsche Kunden vermitteln und seinen Landsleuten so eine berufliche Perspektive bieten.

Kulturschock in Deutschland

Der junge Iraner musste vor sechs Jahren seine Heimat verlassen, weil seine Familie vom Mullah-Regime verfolgt wurde. Er war politisch aktiv; seine Mutter gehörte einer Gruppierung an, die im Iran verboten wurde. "Irgendwann haben wir einen Anruf bekommen, dass wir auf der Liste der politisch Verfolgten stehen und das Land verlassen müssen", erinnert er sich. Da tauchten sie unter und nahmen einen Flieger nach Europa.

Roham Soleimani, damals 21, landete in einem unterfränkischen Asylheim - ein Kulturschock für den jungen Mann. Er wurde depressiv, sprach kein Wort. Erst nach einem halben Jahr begann er ein paar Brocken Deutsch zu lernen und seinen Platz in der neuen Heimat zu suchen. Inzwischen arbeitet er als Projektmanager in einer Berliner Designagentur, doch seine Abschlüsse – er hat in Teheran Grafik- und Modedesign studiert – werden in Deutschland nicht anerkannt. Deshalb baut er sein eigenes Unternehmen auf.

Florian Glossner (Quelle: Jana Legler)
Florian Gloßner | Bild: Jana Legler

Gründerpaten für Geflüchtete

Unterstützung bekommt er dabei von den Wirtschaftsjunioren Deutschland. Der Verband junger Unternehmer und Führungskräfte hat 2017 ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das Geflüchtete auf ihrem Weg in die Selbständigkeit begleitet. Es stellt ihnen erfahrene Unternehmer als Gründerpaten zur Seite. Sie gehen die Businesspläne ihrer Schützlinge durch, helfen ihnen, sich in Deutschland zurechtzufinden.

"Natürlich verfügt jemand, der aus einem anderen Land zu uns kommt, über weniger Kontakte, kennt sich nicht mit der Bürokratie und dem Steuersystem aus. Da können wir als Unternehmer wertvolle Hilfestellung leisten", erklärt Florian Gloßner, Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren. Der Kaufmann aus Bonn, der selbst drei Unternehmen führt, hat Roham Soleimani in den vergangenen Monaten ehrenamtlich als Gründerpate begleitet. "Er zeigte mir, wie alles funktioniert, hat mich mit Finanzberatern und Anwälten vernetzt", berichtet der Iraner.

Tscherkessischer Käse aus Berlin

Auch Beslan Kabertay hat bei dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Programm Start-Up Your Future [startupyourfuture.de] mitgemacht. Der Syrer lebt seit 2015 in Berlin und baut hier eine Käserei auf, die Spezialitäten aus seiner Heimat anbietet. "Manche Syrer weinen, wenn sie meinen Halloumi-Käse probieren, weil er sie an zu Hause erinnert", sagt er voller Stolz.

Der 28-Jährige gehört einer syrischen Minderheit an, die aus dem Nordkaukasus stammt und bei der Käse eine lange Tradition hat: den Tscherkessen. In Damaskus hat er Käse nach den 1.000 Jahre alten Rezepten seines Volkes hergestellt, bis ihm wegen des syrischen Bürgerkriegs die Milch ausging. Dass er nach Deutschland kam, war Zufall, sein Neustart in Berlin mühselig. Beslan Kabertay hauste zwei Jahre lang in einem Flüchtlingsheim, ehe er eine eigene Wohnung in Marzahn fand.

Neustart in Deutschland – mit Hürden

Mit dem Traum von seiner eigenen Käserei in Deutschland vor Augen machte er sich selbständig. Dass man hierzulande so viel Zeit in die Bürokratie investieren muss, hat ihn allerdings überrascht. "In Deutschland müssen Firmengründer an zwei Fronten arbeiten: an der echten Gründung und der auf dem Papier", scherzt er.

Bei der Firmengründung unterstützt hat ihn Rainer Matthes. Der Geschäftsmann aus Erkner, der eine eigene Unternehmensberatung aufgebaut hat und inzwischen im Ruhestand ist, gab seine Erfahrung an Beslan Kabertay weiter. Nachdem sie monatelang an seiner Geschäftsidee gearbeitet haben, will der Syrer endlich loslegen. "Ich habe alles vorbereitet. Die Fabrik ist bereit, mein Businessplan steht. Fehlt nur noch die Zulassung vom Veterinäramt", sagt er. Darauf wartet er seit acht Monaten – eine Geduldsprobe für den jungen Mann.

Zukunft ungewiss

Seit 2017 haben die Wirtschaftsjunioren 150 Geflüchtete aus Berlin und Brandenburg auf ihrem Weg in die Selbständigkeit begleitet. Jetzt muss sich zeigen, wie erfolgreich deren Geschäftsideen sind. Davon hängt auch die Zukunft des Programms Start-Up Your Future ab, das bis Sommer 2019 vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. Noch ist offen, ob es verlängert oder auf andere Bundesländer ausgeweitet wird.

Beitrag von Franziska Ritter

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5 Kommentare

  1. 5.

    Zustimmung, guter Käse ist nicht einfach zu finden, in den Supermärkten gibt es nur noch Massenprodukt aus der Industrie. Ordentlichen Halloumi, Mozarella oder Parmezan findet man nur noch in Fachgeschäften.

  2. 4.

    ... in Friedenszeiten ersetzt den Feind die Verwaltung. Her mit dem Käse!

    @rbb: bitte berichten, wenn die Fabrik fertig ist und wo man den Käse kaufen kann!

    Viel Glück und Erfolg Beslan!

  3. 3.

    Also ich will jetzt diesen Käse essen und zwar sofort! Das Veterinäramt sollte man wegen Untätigkeit und gezielte Geschäftsverhinderung verklagen!

  4. 1.

    Klasse und ich wünsche ihm gutes Gelingen. Aber es zeigt auch wieder, dass unsere Politik den Fachkräftemangel nur vorschiebt, wenn Abschlüsse aus dem Ausland hier nicht anerkannt werden und hochgebildete Flüchtlinge nicht in ihrem Beruf arbeiten können und gezwungen werden umzusatteln.
    Abgesehen davon macht mich traurig, dass hiesige Gründer auch mit mehr Hürden zu kämpfen haben (abgesehen von der hier skizzierten Geschichte, für die ich wirklich viel Erfolg wünsche), während Geflüchteten ein Pate zur Seite gestellt wird und wer nicht über ein Netzwerk verfügt, ziemlich alleine dastehen könnte.
    Ich hatte keinen Paten und musste letztendlich aufgeben, schade, aber für irgendwas war es gut. Der Kampf danach hat sich gelohnt.
    Jedem Gründer, egal wo er herkommt: viel Glück und Erfolg.

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