Frau bekommt ihre Nägel in lila lackiert (Quelle: Imago// JuNiArt)
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Video: Super.Markt | 20.05.2019 | 20:15 Uhr | Bild: imago/JuNiArt

Falsches Material, schlechte Hygiene - Welche Gesundheitsrisiken in Billig-Nagelstudios lauern

In einigen Berliner Kiezen ist gefühlt an jeder Ecke ein Nagelstudio. Mehr als 800 davon gibt es mittlerweile in der Stadt. Nicht anders in Brandenburg. Doch vor allem bei Dumpingpreisen sollten Verbraucher misstrauisch werden.

 

Das Geschäft mit dem Nagel boomt. Mehr als 800 Maniküre-Studios gibt es allein in Berlin, 60.000 sind es aktuell in Deutschland - mit Umsätzen in Milliardenhöhe. Zu absoluten Dumpingpreisen wird etwa der neueste Shellac-Schrei angeboten, ein Lack, der lange halten soll.

Doch viele der Nagelstudios nehmen es mit der Hygiene nicht so genau, hat das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt herausgefunden. Wer Pech hat, fängt sich Pilzinfektionen und schmerzhafte Entzündungen ein und landet anschließend beim Dermatologen.

Was viele nicht wissen: Nageldesigner ist kein Ausbildungsberuf. Eine Anmeldung beim Gewerbeamt genügt – und schon kann es losgehen. Die 55-Jährige Nageldesignerin Sylvia Weigel aus der Lausitz ist handwerkskammergeprüft, bildet selbst aus und kämpft um den guten Ruf ihrer Branche. "Was da letztlich an Wissen und Können dahinter steckt, wird überhaupt nicht erkannt", sagt Weigel. "Der Politik ist es anscheinend auch egal, dass wir an lebenden Menschen arbeiten und daher auch ein großes Verletzungsrisiko besteht."

Nagelfalz-Entzündungen und Nagelablösungen

Kritiker wie Weigel bemängeln, dass der Beruf weder anerkannt noch geschützt ist. Zudem kontrollieren die Gesundheitsämter nicht turnusmäßig, sondern nur bei Beschwerden. Das wiegt besonders schwer, wenn man sieht, mit welchen Chemikalien in den Studios mitunter gearbeitet wird. Methylmethacrylat etwa kann heftige Allergien auslösen. Deswegen warnt das Bundesamt für Risikoforschung schon seit langem vor dieser Flüssigkeit: "Der Stoff kann Nagelfalz-Entzündungen und Nagelablösungen verursachen, in deren Folge der Nagel unter Umständen auch nicht mehr nachwächst." Das Bundesamt für Risikoforschung sieht die Länder in der Pflicht und rät, die zuständigen Landesbehörden sollten "entsprechende Maßnahmen zum Schutz des Verbrauchers ergreifen".

Doch verkauft wird Methylmethacrylat sogar an Privatpersonen, zum Beispiel auf einem Großmarkt in Berlin-Lichtenberg. Ein Liter kostet dort knapp 16 Euro. Das hochwertige Etyhlmethacrylat hingegen, das Weigel für das Nageldesign nutzt, ist mit 60 Euro fast viermal so teuer. Den Unterschied merkt der Kunde im Studio nicht, denn beides riecht extrem stark.

Ungenügende Fach-Kenntnisse

Eine weitere Gefahr: In den meisten Studios wird vor dem Lackieren die Nagelplatte angefeilt, damit der Kunststoff auch hält – doch genau da können schnell Bakterien eindringen. Für Nageldesignerin Weigel ist das ein Unding: "Das war vor 20 Jahren vielleicht so, als die ersten Kunststoffe auf den Markt kamen. Inzwischen gibt es so weiterentwickelte Kunststoffe, dass ich auf dem Nagel arbeiten kann, ohne überhaupt zu feilen, zu buffen." Diese Alternative nutzt allerdings nicht jeder Nageldesigner - auch weil mitunter Fachkenntnisse fehlen.

Geprellte Kunden, geprellte Mitarbeiter?

In einer Stichprobe des Verbrauchermagazins Super.Markt war allein in fünf von sieben Nagelstudios aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse keine gründliche Beratung möglich. Die Ausbildung der Mitarbeiter und die Herkunft der Produkte waren nicht nachvollziehbar. Dazu kamen extrem günstige Preise: 13 Euro statt 25 etwa für die beliebten Shellack-Nägel.

Äußern will sich dazu allerdings niemand. Super.Markt wurden mehrere Interviewtermine wieder abgesagt. Nur ein vietnamesischer Studiobetreiber, der anonym bleiben will, gibt Auskunft. "Ich kann da nur mit den Kopf schütteln. Ich finde es unglaublich, dass sie überhaupt diesen Service für diesen Preis angeboten bekommen. Denn man muss so viel bezahlen: das Personal, die Miete, das Material. Mir tun auch die Mitarbeiter in diesen Studios leid, die bekommen sicher einen Hungerlohn."

 

Sendung: Super.Markt, 20.05.2019, 20:15 Uhr 

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Zitat "A fehlt uns die gesetzliche Grundlage zum einen...." Liebes RBB /Super . Markt Team , das die ab 0:07 genannte Aussage so stehen gelassen wird verwundert nun schon...... Auch in Berlin gilt das Infektionsschutzgesetz & die Hygieneverordnung, beides zu überwachen obliegt dem Gesundheitsamt der jeweiligen Bezirke.
    Einen "Arzt" wird man dafür kaum brauchen.......da ja nicht medizinisch, sondern kosmetisch, also im verschönerndem Sinne auf gesundem Nagel gearbeitet wird.

  2. 1.

    Geiz ist halt geil.

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