Handwerker reißen am 03.05.2017 in Braunsbach (Baden-Württemberg) das Dach eines durch die Flut stark beschädigten Hauses ab (Bild: dpa/Marijan Murat)
Video: rbb24 | 13.05.2019 | Maja Helmer | Bild: dpa/Marijan Murat

Berlin und Brandenburg - Polizei warnt vor neuer Betrugsmasche bei Dachdeckern

Mit einer neuen Masche ziehen Betrüger älteren Berlinern und Brandenburgern das Geld aus der Tasche: Vorgebliche Dachdecker verkaufen unnötige Reparaturen zu Wucherpreisen. Oft muss der Pfusch am Haus hinterher teuer repariert werden. Von Maja Helmer

Die Männer, die an Ute Witts Gartenpforte klingeln, haben sich ihr Opfer vermutlich gezielt ausgesucht. Die ehemalige Zahnärztin lebt allein in ihrem Haus in Berlin-Grunewald und ist schon 83 Jahre alt. Die Männer stellen sich als Dachdecker vor und behaupten, sie hätten vom Nachbardach aus gesehen, dass der Schornstein ihres Hauses beschädigt sei und dort Wasser eindringen könne.

Ute Witt ist erst skeptisch. Doch als die freundlichen Handwerker ihr einen professionell gestalteten Flyer überreichen, lässt sie die beiden den vermeintlichen Schaden begutachten. Anschließend zeigen die Männer ihr ein Handy-Foto: Darauf soll der beschädigte Schornstein abgebildet sein. Ute Witt hat Angst, dass der vermeintlich kaputte Schornstein ihr einen Wasserschaden beschert. Weil die Männer sich überzeugend als Mitglieder der Handwerkskammer darstellen, vertraut sie ihnen.

Angebliche Schäden, die die Opfer nicht sehen können

Beim Betrugsderzernat des Landeskriminalamts in Berlin kennt man viele solcher Fälle. Ute Witt passt ins Beuteschema der sogenannten "Dachhaie": Eigenheimbesitzerin, alleinstehend und schon etwas älter. Oliver Klau vom LKA attestiert den Tätern besondere rhetorische Fähigkeiten: "Insbesondere wenn es sich um ältere Geschädigte handelt, können die Täter durch eine sehr geschickte Gesprächsführung tatsächlich ihre Opfer in eine gefühlte Zwangslage bringen, die dann dazu führt, dass die Opfer bereitwillig Verträge abschließen."

Und genau das tut auch Ute Witt: 3.000 Euro soll die Reparatur kosten - eine Summe, die ihr plausibel erscheint. Doch kaum haben die Dachdecker mit ihrer Arbeit begonnen, wird die Reparatur plötzlich immer teurer. Die Handwerker wollen weitere Schäden entdeckt haben. Aufs Dach klettern und das nachprüfen, kann die alte Dame nicht. Aber sie will wenigstens eine Rechnung haben. Doch die Handwerker weigern sich. Sie verlangen Bargeld - und zwar sofort. Die Stimmung ist mittlerweile nicht mehr freundlich.

"Dann ging‘s eben ums Geld"

Die Täter bedrängen die alte Dame massiv. Sie gehen so weit, sie zu fragen, ob sie nicht noch alte Goldringe habe. Am Ende begleiten die Dachdecker Ute Witt zum Bankautomaten und nötigen sie, Geld abzuheben - insgesamt 9.300 Euro.

Pure Abzocke, findet Heiko Ebert von der Dachdeckerinnung Brandenburg. Er schätzt, dass ein seriöser Betrieb für eine derartige Reparatur nicht einmal die Hälfte verlangen würde. Ebert hat die Arbeiten auf Ute Witts Dach in Augenschein genommen. Ob überhaupt jemals ein Schaden da war oder ihn die Handwerker schlicht erfunden haben, kann er nachträglich nicht mehr feststellen. Doch was er an Reparaturen vorfindet, ist schockierend: "An der Stelle sieht man, dass die Schornsteinabdeckung nicht gut befestigt wurde. Beim nächsten Sturm fliegt die vom Dach und könnte auch den Nachbarn verletzen", so Ebert. Gefährlicher Pfusch also.

30 bis 40 Fälle monatlich in Berlin

Ute Witt muss nochmals einen Handwerker bezahlen, der den Pfusch der Dachhaie beseitigt. Die Masche ist teuer für die Opfer, lukrativ für die betrügerischen Handwerker. Jeden Monat werden 30 bis 40 Fälle allein bei der Polizei Berlin angezeigt. Das Landeskriminalamt spricht bei den Tätern von verschiedenen Gruppen aus Osteuropa: "Wir haben aber in der Vergangenheit auch britische, irische und deutsche Tätergruppen feststellen müssen."

Die Täter hinterlassen kaum Spuren und verschleiern ihre Identität geschickt. Bei Ute Witt gab nur der bunte Flyer, den die Handwerker ihr aushändigten, Hinweise auf die Identität der Dachhaie. Doch die genannte Firma ist weder unter der angegebenen Adresse zu finden, noch im Handelsregister eingetragen. "Die Täter lassen sich immer wieder neue Methoden einfallen, um für die Polizei nicht greifbar zu sein", so Oliver Klau vom Landeskriminalamt. Oftmals würden Firmennamen kurzfristig geändert.

Versteckspiel mit der Polizei

Doch selbst wenn die Täter auf frischer Tat ertappt würden, sei es äußerst schwierig, einen Betrug nachzuweisen, sagt Klau: "Wir müssen den Tätern in jedem einzelnen Fall nachweisen, dass sie schon von vornherein vor hatten, tatsächlich keine ordnungsgemäße Leistung zu erbringen oder aber deutlich mehr Geld zu fordern, als anfangs vereinbart war."

Die Polizei rät deshalb, einen Handwerker, der an der Haustür auf Schäden hinweist, nicht vorschnell zu beauftragen, sondern immer ein zweites Angebot einzuholen. Außerdem soll man auf einer ordnungsgemäßen Rechnung mit Anschrift und Steuernummer bestehen – und im Zweifel eher die Polizei rufen, als eine horrende Summe in bar zu zahlen.

Sendung: SUPER.MARKT, 13.05.2019, 20:15 Uhr

Beitrag von Maja Helmer

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Interessanterweise ist genau sowas am vergangenen Samstag bei uns abgelaufen. Wir hatten einen Termin mit einem ortsansässigen Dachdecker. Plötzlich stand (vorfristig) ein Kleintransporter mit deutscher Firmen-Beschriftung vor dem Grundstück und es kam eine Person auf uns zu, die allerdings aus Polen stammte (seine eigene Auskunft). Im Verlauf des Gesprächs wurde dann klar, daß es nicht jemand war, den der erwartete Dachdecker evtl. beauftragt hatte, sondern jemand, der genau mit der oben beschriebenen Masche sich sofort über unser Dach "hermachen" wollte. Ziemlich suspekte Vorgehensweise. Er kannte zwar die zu erwartenden Preise von Dachdeckern der Region ganz gut, aber dann gleich mit dem halbem Preis und Festpreisgarantie zu kommen, ohne das Dach näher untersucht zu haben, macht dann schon gleich mißtrauisch. Wir haben ihn abgewimmelt und dann passierte genau das, was eben so kommt, wenn die merken, daß sie nicht zum Erfolg kommen. Es wird auffällig schnell und übellaunig abgehauen.

  2. 3.

    Die Polizei zu rufen ist prinzipiell eine gute Idee.
    Wir hatten einen Betrugsversuch durch einen Anruf angeblicher Polizisten. Am Telefon hingehalten und mit dem Handy die echte Polizei angerufen. Erst
    nach wiederholtem Anruf sind die gekommen. Das Interesse, die Betrüger zu erwischen war nicht vorhanden. Noch während die Polizisten bei uns waren, wurden wir wieder angerufen und aufgefordert zur Bank zu gehen und dann das Geld zu übergeben.
    Die Beamten haben mir nur geraten aufzulegen.

  3. 2.

    Leider sind Sie anscheinend nicht in der Lage sich in die Perspektive der älterer Menschen zu versetzen. Da hätte auch ein Präventionsflyer direkt innen an der Hauseingangstür kleben können. Trotzdem wäre die Frau vermutlich darauf eingegangen. Das hat auch psychologische Hintergründe.
    Im Übrigen widersprechen Sie sich. Anfangs meinen Sie, es wird genug in den Medien darüber berichtet. Dann fordern Sie, es müsse mehr berichtet werden. Na was denn nun?
    Und zum Schluss, Ihr Kommentar „selbst Schuld“ finde ich unangebracht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nie in solch eine Situation kommen. Falls doch, hoffe ich, Sie haben Freunde, Verwandte oder Nachbarn, die Sie in dem Fall vor Fehlern bewahren.

  4. 1.

    Bitte nicht falsch verstehen, aber selbst schuld! Es wird in den Medien genügend über solche Machenschaften berichtet! Jeder, der geistig noch in der Höhe ist, kann sich denken, dass dies ein Betrug ist. Und nun zu den Medien und zur Polizei ein Appel: Wie wäre es, wenn man anstatt solch einen Beitrag hier verfasst, Flyer verteilt, mit einer Warnung vor solchen Betrügern? Und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk darüber jede Stunde berichtet bzw. eine Dauerschleife einführt? Dann wären die 17,50 Euro jedenfalls sinnvoll angelegt. Das nennt man Prävention. Leider muss in unserem Land, aber erst immer etwas passieren, bevor gehandelt wird. Vorsorge statt Nachsorge. Ist günstiger und effektiver! Oder möchte man das gar nicht?

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