Ein BlaBlaBus steht am 24.06.2019 in der Nähe des Berliner Busbahnhofs. (Quelle: rbb|24/Winkler)
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99 Cent von Potsdam nach Hamburg - Was hinter den Aktionspreisen von BlaBlaBus steckt

Für 99 Cent von Potsdam nach Hamburg: Mit solchen Kampfpreisen ist BlaBlaBus am Montag in den Fernbusmarkt eingestiegen. Aber wer zahlt eigentlich am Ende wirklich drauf - die Kunden, die Busunternehmen oder BlaBlaBus selbst? Von Johanna Siegemund

Von dem Versprechen, mehr Farbe ins Spiel zu bringen, ist am Dienstagmittag am Potsdamer Bahnhofsvorplatz nichts zu sehen. Seit einer halben Stunde wartet eine 24-jährige Studentin auf den korallenroten BlaBlaBus. 10:40 Uhr wäre Abfahrtszeit von Potsdam nach Hamburg gewesen. Doch ob sie die bereits verpasst hat, weiß sie nicht: Auf dem Ticket sind zwei unterschiedliche Abfahrtsstandorte ausgewiesen, im Bahnhof weiß keiner Bescheid, und bei der BlablaBus-Hotline hebt trotz einiger Versuche niemand ab.

Bekommt Flixbus dieses Mal ernsthafte Konkurrenz?

Es scheint kein guter Start in Potsdam zu sein, obwohl dieser für das Unternehmen sehr wichtig ist. BlaBlaBus muss schnell Kunden gewinnen, um Flixbus den Markt streitig zu machen.  "Kennlernpreise von 99 Cent", wie der deutsche BlaBlaBus-Manager Christian Rahn sie bezeichnet, sollen die Marke schnell bekannt machen und den Fernbusmarkt aufmischen.

Dabei scheint es doch ein sehr ungleicher Wettbewerb zu sein. Flixbus hat innerhalb von acht Jahren fast den kompletten Fernbus-Markt übernommen. Laut Daten des Marktforschungsinstitutes IGES liegt der Marktanteil von Flixbus mittlerweile bei mehr als 95 Prozent. Täglich bietet das Unternehmen Fahrten zu 2.000 Orten an.

BlaBlaBus plant den schnellen Ausbau des Streckennetzes

BlaBlaBus gehört zu dem französischen Unternehmen Comuto, das in Deutschland bislang nur die Mitfahrzentrale Blablacar betreibt. Seit 2018 gehört dem Unternehmen auch der französische Fernbusbetreiber Ouibus. Dieses Angebot will man jetzt in Deutschland ausbauen – zuerst mit 19 deutschen Fahrzielen, bis Ende des Jahres will Comuto 400 Fahrziele europaweit anbieten.

Die Konzepte der Unternehmen sind ähnlich: Beide kooperieren mit privaten Busunternehmen, die sowohl Busflotten-, als auch Fahrer stellen. Der Großteil des wirtschaftlichen Risikos werde nach wie vor auf die Busunternehmen übertragen, sagt Prof. Dr. Andreas Krämer, Co-Autor der Studie "Mobilitätstrends 2019". Die aktuellen Aktionspreise werden laut Manager Rahn aber durch Blablacar querfinanziert werden.

6,5 Millionen potenzielle Kunden gibt es in Deutschland schon

Die Mitfahrplattform könnte auch zum größten Vorteil für den neuen Fernbusanbieter werden. BlaBlaBus setzt auf die bereits bestehende Community von 6,5 Millionen registrierten Kunden auf Blablacar.de, will eine Erweiterung zum bereits bestehenden Angebot sein. Auf der Webseite werden neben normalen Mitfahrangeboten auch Busverbindungen angezeigt und als "bestes Angebot" angepriesen.  Auch Krämer glaubt, dass der Zugang zu potenziellen Kunden durch die Plattform leichter ist: "Die Nummer 1 im Bereich der Mitfahrgelegenheiten tritt jetzt gegen die Nummer 1 im Bereich der Fernbusse an."

Bis September sollen die Aktionspreise für Blablabus noch laufen. Das Ziel, damit Aufmerksamkeit zu erregen, scheint zu funktionieren: Die 24-jährige Studentin konnte erst gar nicht glauben, was ihr auf der Plattform angeboten wird. Oft fährt sie von Potsdam in die Heimat, nach Hamburg. Allerdings noch nie für 99 Cent: "Man weiß ja schon von Flixbus, dass es unglaublich günstig ist. Ich habe das hinterfragt, was das für ein Bus sein wird – vielleicht ein VW-Bus oder etwas anderes Komisches." Trotzdem hat sie gebucht – so wie anscheinend viele andere, denn bei kurzfristigen Buchungen gibt es die billigen Fahrten für 99 Cent meist nicht mehr.

"Von 99 Cent kann man gerade mal den Sprit bezahlen"

Gespart wird angeblich nicht bei den Bussen selbst, diese haben sogar eine Müdigkeitserkennung, eine Spurhalteassistenz und eine Alkoholzündschlosssperre, damit der Fahrer nicht betrunken fahren kann.  Auch für den Kunden gibt es – wie bereits aus anderen Fernbusangeboten gewohnt – kostenloses Wlan, Steckdosen, USB-Ports und sogar XL-Sitze.

Der Gewerkschaftsverband ver.di vermutet, dass bei den Personalkosten eingespart werden könnte, denn von 99 Cent könne man gerade mal den Sprit bezahlen, sagt Pressesprecher Andreas Splanemann: "In der gesamten Fahrbranche, das betrifft die Logistik und den Personenverkehr, sehen wir, dass immer häufiger die gesetzlichen Vorschriften nicht eingehalten werden. Das sind ja Mindestvorschriften, was die Lenk- und Ruhezeiten anbelangt."

Externe Busunternehmen als Leidtragende des Preisringens

Auch, wie profitabel das Fernbusgeschäft wirklich ist, wird von Marktforschern immer wieder hinterfragt. Laut Andreas Krämer bräuchte man acht bis zehn Cent pro Kilometer und Passagier, um nachhaltig profitabel zu sein. Momentan lägen die Preise eher bei fünf bis sieben Cent pro Kilometer.

Das würde sich durch den neuen Konkurrenten BlaBlaBus wahrscheinlich noch einmal verschärfen: Die Nachfrage auf dem Fernbusmarkt sei seit einigen Jahren gedeckt – wer da noch einsteigen will, müsse das bessere Angebot haben. Besonders auf Strecken, die beide Anbieter bedienen, könnte es zu einem Ringen um den besten Preis kommen – zulasten der externen Busunternehmen.

Externe Busunternehmen als Leidtragende des Preisringens

Die Marktmacht von Flixbus ist schwer zu brechen. Auf den neuen Anbieter reagierte das Unternehmen eher entspannt. Schließlich schaffte es Flixbus in den vergangenen Jahren, sowohl neue als auch etablierte Fernbuskonkurrenten aufzukaufen. Darunter Eurolines, MeinFernbus, Postbus und auch Megabus, die ähnlich wie BlaBlaBus zum Deutschlandstart mit 1-Euro-Tickets geworben haben.

Flixbus habe den Markt nicht erobert wegen der besten Busse, des besseren Streckennetzes, des professionelleren Marketings oder wegen des überragenden Auftritts, meint Andreas Krämer, es sei einfach eine Frage der finanziellen Stabilität. Trotzdem glaubt er, dass BlaBlaBus bessere Chancen habe, als andere Anbieter – denn BlaBlaCar genieße bereits große Bekanntheit. Das könne man durch den Eintritt in den Fernbusmarkt ausbauen. Dadurch könne Comuto höhere Einnahmen erzielen und das Markenbild als Mobilitätsanbieter schärfen.

Im September endet die Aktionsphase von BlaBlabus

Erst ab September, wenn BlaBlaBus seine Aktionsphase beendet, wird sich zeigen, inwieweit sich das Unternehmen in Deutschland halten kann. Die Studentin aus Potsdam ist von ihrer ersten vermeintlichen Fahrt mit BlaBlaBus am Ende etwas genervt. Eine halbe Stunde länger werde sie wohl noch warten. Und beim nächsten Mal wird sie es sich wohl noch einmal überlegen, ob sie nicht doch lieber den Konkurrenten nimmt: Der braucht nämlich gute zwei Stunden weniger bis nach Hamburg.

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 8.

    ab 99 Cent, nicht generell, so wie die Überschrift hetzt. Für 99ct um 2:50 nachts.

  2. 7.

    Besser für alle sind günstige Bahnpreise statt Dividendenauszahlungen des teilprivatisierten kaputtgesparten Staatskonzerns mit ruinoesen Quatschprojekten (Stuttgart 21...). Dann bräuchte niemand Billigbusse und endlosen Autobahnausbau. Besser Bahn wieder verstaatlichen und massiv bedarfsgerecht (!!!) ausbauen.

  3. 6.

    Einige Dönerläden in Berlin haben bei Geschäftseröffnung auch Döner für 1 Cent verkauft. Gerade bei BlaBlaCar ist es völlig unsinnig, sich an einem Werbepreis abzuarbeiten und dabei den Rest zu vergessen: Meiner Meinung nach hat BlaBlaCar schon die Mitfahrgelegenheiten-Börsen platt gemacht bzw. monopolisiert und dann stückweise die Daumenschrauben angezogen (Registrierzwang, heftige AGB-Änderungen, Abwicklung, Erstkontakt und Zahlungen nur noch über das BlaBlaCar-Portal usw.) Wer BlaBlaCar nicht teuer bezahlt und dafür seine Daten preisgibt, kann derzeit Mitfahrgelegenheiten vergessen.

  4. 5.

    Fahrzeiten:
    Flixbus benötigt für die Strecke Berlin - Hamburg 3 Std 15 Min bei normaler Verkehrslage (via A100, A111, A10, A24).
    BlaBlaBus benötigt für die gleiche Strecke 4 Std 55 Min ??(ok, mit Zwischenhalt am Flughafen Tegel)
    Fahren die nur über die B5 hoch? Gibt es schon Erfahrungsberichte?

  5. 3.

    Das Argument, mit 99Cent könne man kostendeckend fahren ist völliger Quatsch.
    Bei einem neuwertigen Bus mit aktueller Ausstattung und im Schnitt belegten 49 Sitzplätzen / Fahrgästen, einem angenommenen Verbrauch von 40 Litern Diesel auf 100 km ist für die Strecke Potsdam-Hamburg die Rechnung denkbar einfach: Strecke ca. 300 km, 120ltr, geteilt durch 49 Plätze, macht 2,82€ alleine der Dieselpreis zu einem günstigen Kurs von 1,15€/ltr, bei Großabnahme.
    Es fehlen in der Rechnung: Betriebskosten inkl. Maut und Lohnkosten.
    Wer dann noch meint, mit Flix oder Blabla gut unterwegs zu sein, macht sich an Ausbeutung von Menschen mit schuldig und sollte seine Position überdenken.

  6. 2.

    Es zwingt ja niemand die externen Busunternehmen zu den Preisen zu fahren.

  7. 1.

    was is denn jetz mit der Studentin? Steht die immer noch in Potsdam und wartet?

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