ICC-Konzept von IGP Projekt GmbH/SAA Schweger Architekten (l.) und ein Konzept für das ICC als Biosphäre von NEUNER & BOEVING GbR (Quelle: NEUNER & BOEVING GbR/ SAA Schweger Architekten)
Video: Abendschau | 14.06.2019 | Agnes Taegener | Bild: NEUNER & BOEVING GbR/SAA Schweger Architekten

Senat prüft Pläne für das ICC - Pragmatischer Neuanfang oder visionäre Rettung?

Am Freitag beraten Vertreter des Senats und der Bezirke sowie Denkmalschützer erstmals die 13 Investorenvorschläge für das ICC. Zwei der eingereichten Konzepte zeigen exemplarisch die Bandbreite der Ideen: Von pragmatisch bis visionär. Von Sebastian Schöbel

Ufo, Raumschiff, Maschine. Für das ICC wurden schon viele Beschreibungen gefunden. Roland Böving aber nennt es "einen riesigen Sarg mit einer gigantischen Klimaanlage". Was so gar nicht zu der Vision passt, die Böving für das seit 2014 geschlossene ICC hat. "Kinder müssen sagen: Da will ich rein. Das muss so aussehen, dass sie sagen: Ich will das alles entdecken."

Deswegen hat Böving beim Interessenbekundungsverfahren für ICC-Investoren einen radikalen Vorschlag gemacht: Der stillgelegte Bau soll als klimaneutrales Kongresszentrum mit eigener Biosphäre wieder auferstehen. "Warum nicht eine Kuppel drüber machen", fragt Böving.

Umbaupläne für ICC (Quelle: rbb|24/Sebastian Schöbel)
Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel

Er zeigt auf eine Querschnittszeichnung des ICC, die sich über fast eine gesamte Wand in seinem Planungsbüro erstreckt. Über dem Gebäude ziehen sich lange Linien. "Wir planen eine Stahlkonstruktion, die darüber liegt und die sich selber trägt. Und wir legen eine ETFE-Folie dazwischen: nicht brennbar, fast einen Zentimeter dick und wirklich stabil." Gesehen hat Böving diese Art von Kuppelkonstruktion im englischen Cornwall, wo ein alter Steinbruch mit Kuppeldächern aus ETFE-Folie zu einem Indoor-Tropenpark gemacht wurde. Auch in Deutschland gibt es ein prominentes Beispiel: Die Allianz Arena des FC Bayern wurde mit ETFE-Folie verkleidet.

Umbaupläne für ICC (Quelle: rbb|24/Sebastian Schöbel)
Entwurf für die ICC-Biosphäre. Unten rechts: Das Vorbild "Eden Project" in England.Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel

Oben Folie, unten Tropen

Unter dieser gigantischen transparenten Hülle würde das ICC quasi sein eigenes Klima bekommen. Dann könne man das Gebäude endlich mit Frischluft versorgen, zum Beispiel durch Fenster, die man auch öffnen kann, sagt Böving. Die Energiekosten des ICC würden dann dramatisch sinken, erst Recht, wenn man die Folie auch noch mit transparenten Solarpanelen bestückt. Man könnte dem "Sarg" also die Klimaanlage ausbauen und stattdessen behutsam öffnen.

Dazu käme ein großer Park auf dem Dach des ICC, der für zusätzliche Frischluft sorgt und dank Biosphäre sogar Pflanzen aus nicht-europäischen Klimazonen beherbergen könnte. Böving stellt sich dazu einen Lehrpfad für Schulklassen vor, auf den Spuren des Alexander von Humboldt.

Diesen Park und auch das Innere des ICC selbst soll man direkt von der S-Bahn erreichen können - auf revolutionär neue Art und Weise, sagt Bövings Kollegin, die Architektin Christina Neuner: "Wir arbeiten mit verschiedenen Fahrstuhlsystemen, die nicht nur vertikal fahren, sondern auch horizontal." Solch ein System wird bereits seit einigen Jahren von ThyssenKrupp entwickelt und in einem Test-Hochhaus im schwäbischen Rottweil eingesetzt.

Dieses futuristische Lift-System soll dann auch in das neue "ICC Plus" fahren, ein Anbau dort, wo heute das Parkhaus steht. Hier - und nicht in den Sälen des alten ICC - sollen künftig hauptsächlich Kongresse und Konferenzen stattfinden, sagt Neuner, in hochmodernen, flexiblen Räumen. Denn bei Ortsbesuchen im alten ICC habe sie schnell gemerkt: Die Forderung des Senats nach Fläche für Events mit bis zu 8.000 Personen sei in den alten Räumen kaum umsetzbar. In einem Neubau direkt daneben ginge es aber schon - wenn man auf Hochtechnologie setzt, die Neuner und Böving in der Schweiz gefunden haben.

Umbaupläne für ICC (Quelle: rbb|24/Sebastian Schöbel)
Roland Böving und Christina Neuner | Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel

Kongresszentrum ausgelagert

Dort, im SwissTech Convention Center in Lausanne, wurde 2014 ein System zur modularen Umgestaltung großer Kongressräume verbaut. "Man kann innerhalb von ein paar Minuten die Stühle unterhalb des Bodens absacken und damit verschiedene Ranghöhen gestalten", sagt Christina Neuner. "Und man kann mit modularen Wänden die Räume schallisoliert abtrennen, so dass aus einem großen Raum bis zu drei kleinere Räume werden." Anders als beim alten ICC wäre das neue "ICC Plus" von Neuner und Böving flexibel auf die Bedürfnisse von Kongressveranstalter anpassbar.

Der Enkel der ICC-Fassadenbauer

Das alte ICC würde dann zwar immer noch Kongressen zur Verfügung stehen, könnte aber auch als öffentliche Begegnungsstätte und Spielfläche für Kulturveranstaltungen wie Konzerte genutzt werden. Auch Klimaexperimente können sich Böving und Neuner dort vorstellen, durch die eigens geschaffene Biosphäre.

Florian Krochmann, Vorstand im Planungsbüro IGP in Berlin, ist hingegen davon überzeugt, dass das ursprüngliche ICC-Gebäude allein als Kongressstandort reichen würde. "Das hat ja auch jahrelang funktioniert." Deswegen will Krochmann mit seinem Konzept, dass er beim Senat eingereicht hat, das ICC nicht nur außen, sondern auch innen erhalten.

Für den gebürtigen Berliner ist das durchaus auch eine sehr persönliche Herausforderung. Seine Großeltern und sein Onkel hatten in den 1970er Jahren eine Fassadenbaufirma in Berlin. "Und ihr erstes, großes Durchbruchsprojekt war die Herstellung der Hülle des Kongresszentrums." Das Aussehen des ICC hat Krochmanns Familie damit entscheidend geprägt.

ICC-Konzept von IGP Projekt GmbH/SAA Schweger Architekten
Der Entwurf von IGP: ICC mit Hotel-Hochhaus | Bild: IGP Projekt GmbH/SAA Schweger Architekten

In dem Konzept, das Krochmann zusammen mit dem bekannten Architektenbüro Schweger entwickelt hat, ist deswegen zwar die komplette Erneuerung der Haustechnik vorgesehen, ansonsten bleibt im Gebäude selbst aber alles beim Alten, um die ursprüngliche Faszination des Gebäudes zu erhalten.

Hinter dem ICC aber, dort wo heute das Parkhaus vor sich hin modert, soll etwas Neues entstehen: Ein runder, knapp 140 Meter hoher Hotelturm mit 750 Zimmern. "Weil Berlin dort definitiv ein Hotel braucht und auch vertragen kann", sagt Krochmann und beruft sich auf Marktstudien seines Planungsbüros.

Doch nicht nur die Gegend rund um die Messe brauche ein neues Hotel, sagt Architekt Jan-Peter Frahm, der das Konzept mit eintwickelt hat. Vor allem das ICC selbst könne ohne ein Kongresshotel gar nicht wirtschaftlich betrieben werden. Diesen Gedanken hatte offenbar bereits 2014 der berühmte Architekt Jan Kleihues, als er ein rundes Hotel-Hochhaus für das ICC entwarf. Frahm greift diese Idee nun auf, sprengt aber Kleihues' Dimensionen deutlich: Sein Turmbau würde fast so hoch werden wie der Funkturm. Allerdings würde er auch zur ursprünglichen Planung der ICC-Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte passen, die von Anfang an ein ICC-Hotel vorgesehen hatten. Gebaut wurde es allerdings nie.

Architekten Krochmann und Frahm
Die Architekten Krochmann und Frahm (r.) | Bild: rbb Abendschau

Der Palast der Republik des Westens

Das ICC selbst wollen Frahm und Krochmann sanieren und modernisieren, im Kern aber unverändert lassen und als Kongresszentrum nutzen. Dass die eigentliche Nutzfläche gemessen an der Größe des Baus eigentlich viel zu gering ist, schreckt Architekt Frahm nicht ab. Im Gegenteil: "Das bedeutet einen enormen Luxus an Bewegungsfläche. Das würde man heute gar nicht mehr so bauen."

Genau diesen einzigartigen Charakter wolle man bewahren, sagt Frahm. "Das ICC ist einfach ein sehr wichtiger Teil der Westberliner Geschichte." Er habe es bedauert, sagt Frahm, dass man dem Palast der Republik im Ostteil der Stadt nicht die gleiche Bedeutung zugemessen habe. Das ICC sei nämlich "das Pendant" dazu gewesen. "Ein Zeichen des Aufbruchs, ein kultureller Ort." Fernsehübertragungen aus dem ICC hätten einst die gesamte  Bundesrepublik fasziniert, erinnert er sich, zum Beispiel wenn Entertainer-Legende Harald Juhnke dort auftrat. "Das ist doch einfach ein Gebäude, was fasziniert. So wie der CityCube einen einfach nur kalt lässt." Eine Anspielung, die man bei der Messe Berlin wohl nicht so gerne hört: Die hatte den CityCube als auch deswegen gebaut, weil sie mit dem ICC nie wirklich warm geworden ist.

Jan-Peter Frahm hingegen hofft nun, dass das ICC noch vor Baubeginn unter Denkmalschutz gestellt wird. Das, sagt er, würde einen "verlässlichen Rahmen für den Umgang mit dem Gebäude" schaffen.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

20 Kommentare

  1. 19.

    Sie sprechen mir von der Seele. Gerade innen ist es ein Meisterwerk der Architektur. Vor allem, wenn man bedenkt wann es errichtet wurde. Äußerlich steht es nur auf diesen Betonsäulen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es mal inZukunft so aussieht wie hier im Artikel beschrieben.

  2. 17.

    Also ich finde das ICC innerlich und besonders äußerlich gelungen, war selber beruflich mehrmals drin. Viel zu schade um es abzureißen!

  3. 15.

    Wenn man es schaffen sollte, alle sozialpolitischen Baustellen, teils wörtlich, zu bedienen und schuldenfrei zu sein, kann man über überdimensionierte Paläste der Monetarisierung nachdenken. Was kulturelle Veranstaltungsmöglichkeiten angeht, sollte Berlin an Flexibilität denn an Monumentalität von Großbauprojekten interessiert sein. Die kleine Bar um die Ecke, der eher mäßig große Musikschuppen nebenan, Familienzentren, Freizeitzentren - in ganz gewöhnlichen Häusern - sind das, was Menschen brauchen - zusätzlich zum partizipativen Mitgestaltungsraum. Festgesetzte, durchgeplante Projekte des inszenierten Feierns scheitern, sind leb- und seelenlos. Die Gentrifizierung zu bekämpfen, zu hohe Mieten inklusive und für ausgleichend Naherholung und Lebens- statt Überlebensraum zu sorgen, sind schwierige, aber machbare Herausforderungen.

    Konstruktiver kann ich das nicht kommentieren. Destruktiv wäre etwa, den Architekt*innen Arbeitslosigkeit zu wünschen bzw. einen Blick fürs Wesentliche.

  4. 14.

    Selbstverständlich, der PdR war genauso alt wie das ICC und hatte 100-pro mehr für Jugendliche und Kulturfans zu bieten als das ICC je konnte und können wird. Das ICC war mal hier und für Kleinveranstaltungen zu gebrauchen, weiter nichts.
    Das ICC sieht ganz gut aus, ohne Frage, nur der Palast war es auch. Es war eine Machtdemonstration des Westens den Osten mit bauhaus-Stil zu verunstalten.

  5. 13.

    Meinen Sie wirklich, dass das was mit Ost und West zu tun hat? Ich bin aus dem Osten und war froh, dass der Palast der Republik abgerissen wurde. Beim ICC wäre ich das auch; jedoch rein nur aus dem Grund, weil es mir nicht gefällt (fahre jeden Tag dran vorbei). Wenn jemand das anders sieht, respektiere ich das natürlich.

  6. 12.

    Weg mit dem Ding. Und stattdessen mehr bezahlbare Wohnungen bauen. Das wäre wohl mehr im Interesse der Bürger dieser Stadt als irgendwelche utopischen Biosphärenpläne (deren Umsetzung mit Sicherheit auch utopisch viel kosten würde).

  7. 10.

    Na dann auf zum nächsten Projekt alla BER! Weil Berlin ja kann .

  8. 9.

    Achtung, die Zwischenüberschrift "Oben Folie, unten Tropen" ist doppelt.

  9. 8.

    Wie immer in Berlin bei Großprojekten, und das hier ist eins, zahlt der Bürger drauf. Egal, was uns vorher versprochen wird, dass die Kosten alleinig der Käufer stemmt, bleibt nur eins: ABRISS. Das sind überschaubare Kosten für Berlin und seine Bürger.
    BER, Humboldt Forum, Staatsoper SIEMENS Campus u.a. sind mahnende Projekte, deren Kosten explodierten und die Kostenrahmen sprengten. Bei all diesen Bauvorhaben wurde uns Bürgern millionenfach Bausand in die Augen gestreut. Grütters, Lederer, Müller, Pop - die Sandmännchen (-frau) sind einige der Protagonisten.
    Das ICC hatte seine Zeit und nun kann es weg.

  10. 7.

    Abreissen den Asbestpalast. Bei anderen Einrichtungen wurde nicht so lange gezögert.

  11. 6.

    "Er habe es bedauert, sagt Frahm, dass man dem Palast der Republik im Ostteil der Stadt nicht die gleiche Bedeutung zugemessen habe. Das ICC sei nämlich "das Pendant" dazu gewesen. "Ein Zeichen des Aufbruchs, ein kultureller Ort." "

    Aus meiner Sicht würde ich das umdrehen.
    Nicht so sehr die Gebäude in ihrer Architektur sind falsch, sie wurden aus einem geradezu verheerenden Stadtverständnis heraus brachial in das Stadtgefüge hineingestellt.

    Das ICC im Westen verdoppelt und verdreifacht die Schneise noch, die die Stadtquartiere an dieser Stelle trennt, sodass Menschen sehr viel Phantasie brauchen, um die Quartiere überhaupt ineins zu denken. Der Palast der Republik verkannte den Umstand, dass an dieser Stelle der "Linden" nur ein Gebäude stehen kann, dass von der Feingliedrigkeit keinesfalls unterhalb den "Linden" sein kann. Alles andere ist ein architektonischer Fremdkörper.

    Das Bessere für die Linden ist mittlerweile gefunden, beim ICC (noch) nicht.

  12. 5.

    Abreissen und durch Wohnraum ersetzen steht also wohl nicht auf dem Plan? Das ganze Areal macht auf mich der Eindruck eines postapokalyptischen Lebensraums für Autos, nicht für Menschen. Als Zeichen des Aufbruchs kann man ja auch einen Wald pflanzen, wenn man keine Wohnhäuser bauen möchte.

  13. 4.

    Es wurde aber damals im Westteil Berlins errichtet. Zu recht steht dieses architektonisch schöne Bauwerk jetzt unter Denkmalschutz. Das Sie und andere, besonders viele Ostdeutsche, rein gar nichts mit diesem Bauwerk anfangen können, ist schon verständlich. Vor allem vor dem Hintergrund, das Erichs Lampenpalast, der auch eine Meisterleistung( innen) war, vorschnell abgerissen wurde. Auch meine Wenigkeit hätte sich gewünscht, den Palast d.Republik an dieser Stelle stehen zu lassen. Soviel dazu.

  14. 3.

    Das endlose Gewürge des RRG Müller-Senats geht weiter und macht mal wieder einen "Ideen-Wettbewerb". Den wievielten eigentlich?.

    Nach nur 35 jähriger Nutzung war für das ICC mit seinen vielen internationalen Auszeichnungen der Abriss im Gespräch. Zwei bis Vier Millionen pro Jahr kostet der Leerstand. "Klarheit spätestens 2015" sagte 2014 der zuständige Staatssekretär.

    ICC Baukosten fast 500 Millionen €. 330 Millionen Sanierungsbedarf. In Summe müssen mithin 830 Millionen auf 35 Jahre abgeschrieben werden. 23 Millionen pro Jahr. Eine echte Müller-Leistung, so ähnlich wie sein Häuserrückkauf, wo er als Hanns Im Glück Immobilien zurückkauft, die Sarrazin zuvor verscherbelt hat.

  15. 2.

    Wenn man das ICC nicht abreißen möchte (was eh nicht so einfach ist wie bei Erichs Lampenladen), muss die Außenfassade erhalten und sichtbar bleiben.

    Schön wäre es auch, wenn entsprechend der ursprünglichen Planung dort eine U-Bahn halten würde. Leider behindert dieser Senat lieber die Verkehrswende und will die Vorleistungen beseitigen.

  16. 1.

    Wenn das ICC im Osten stehen würde, wäre es schon längst abgerissen. Denkmalschutz für diesen hässlichen, aus der Zeit gefallenen Klotz kann doch nur ein Witz sein.

Das könnte Sie auch interessieren