Symbolbild: Ein Küken schlüpft im Naturmuseum in Luzern. (Quelle: dpa/Sigi Tischler)
Audio: ARD | 12.06.2019 | Karin Bensch | Bild: dpa/Sigi Tischler

Bruderhahn-Aufzucht, andere Rassen - Alternativen zum Kükentöten in Brandenburg

Das Töten männlicher Küken kurz nach dem Schlüpfen bleibt erlaubt - laut  Bundesverwaltungsgericht bis Alternativen zur Verfügung stehen. Dabei gibt es beispielsweise in Brandenburg bereits Initiativen, die massenhaftes Schreddern überflüssig machen. Von Mara Nolte

Das massenhafte Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht bleibt vorerst erlaubt. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Donnerstag entschieden. Männliche Küken sind für die Fleisch- und Eierproduktion ungeeignet. In der EU wird es deshalb geduldet, dass sie innerhalb
von 72 Stunden nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast werden

Laut Urteil seien die wirtschaftlichen Interessen der Brütereien allein kein "vernünftiger Grund" für das Schreddern der Küken. Da noch in der Entwicklung befindliche Verfahren das Töten aber
voraussichtlich bald überflüssig machen werden, sei Brütereien eine vorherige Umstellung nicht zuzumuten, erklärten die Richter.

3 Millionen Legehennen in Brandenburg

Direkten Einfluss hätte ein Verbot des Kükentötens vornehmlich auf Brütereien, in denen die Küken schlüpfen und dann je nach Geschlecht entweder aussortiert oder als Legehennen weiterverkauft werden. In Brandenburg gibt es zwar keine Brütereien, wohl aber Betriebe, die Legehennen für die Eier-Produktion kaufen. Auf 47 Geflügelhöfen werden jedes Jahr um die 900 Millionen Eier von drei Millionen Legehennen gelegt. In der konventionellen Massenzucht wurde das männliche Äquivalent zu jeder dieser Hennen kurz nach dem Schlüpfen getötet.

Geschlechtserkennung im Ei wird schon eingesetzt

Von einem Verbot des Tötens männlicher Küken, würden wohl vor allem die Entwickler einer Methode profitieren, die die Geschlechtsbestimmung bereits im Ei ermöglicht. Mit dem "Seleggt"-Verfahren der Rewe-Group, das auch vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit 5 Millionen Euro gefördert wurde, kann das Geschlecht eines Embryos zwischen dem achten und zehnten Bruttag bestimmt werden. Das Verfahren, das auf einem Hormontest beruht, wird bereits eingesetzt und ist laut Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) "marktreif".

Wirtschaftlich hat die Methode einen Vorteil gegenüber anderen Initiativen, die die männlichen Küken aufziehen, die Mehrkosten pro Ei sind geringer. Bei einem Seleggt-Ei liegen sie zwischen 1 und 3 Cent.

Bruderhahn-Küken werden aufgezogen

Dem Tierschutzbund geht das Wohl der Tiere beim Seleggt-Verfahren jedoch nicht weit genug. Da niemand mit Sicherheit bestätigen könne, dass Hühnerembryonen nach dem 7. Tag der Bebrütung keine Schmerzen empfinden, lehnt der Deutsche Tierschutzbund jede Methode ab, die nach dem 6. Bruttag angewendet wird.  

Länger überleben dürfen die männlichen Küken bei Initiativen wie "Bruderhahn". Hier werden die Tiere, die sich eigentlich nicht zur Mast eignen, aufgezogen und dann zu Fleisch, Wurst und Fertigwaren verarbeitet. Die Mehrkosten, die dabei entstehen werden auf die Eier umgelegt, 4 Cent mehr kostet ein Bruderhahn-Ei.

Für den Tierschutzbund löst das Projekt aber nicht die aus ihrer Sicht eigentliche Problematik, die Massentierzucht. Für Annette Rost vom Tierschutzverein Berlin ist ethischer Genuss mit Massentierhaltung nicht zu vereinbaren. "Wir müssen uns von 'Geiz ist Geil' verabschieden, vor allem wenn wir wissen, dass ein Lebewesen involviert ist." Ethisch vertretbar bedeutet für Rost, "dass Tieren Leid, vor allem völlig überflüssiges Leid erspart bleibt."

Tierwohl nicht mit Massentierhaltung vereinbar

Einen Schritt weiter in Richtung Tierwohl geht die Initiative "Ei Care" von Naturland, die sogenannte Zweinutzungshühner nutzt. Auf fünf Bio-Höfen in Deutschland wird die Rasse "Le Bleues" gehalten, deren Hennen Eier legen und deren Hähne Fleisch ansetzen können. Auch auf dem Biohof Auguste in Kolkwitz (Spree-Neiße).

Dort werden die männlichen Küken aufgezogen und setzen im Gegensatz zu konventionellen Rassen gut Fleisch an. Die Hennen werden nach der Lege-Saison als Suppenhuhn verkauft. Die Hühner leben in Herden von maximal 1.000 Tieren. In der Bio-Landwirtschaft sind Herdengrößen bis zu 3.000 Tiere erlaubt.

Ein Mitarbeiter füttert auf dem Hof Auguste Hühner der Rasse "Le Bleues". (Quelle: rbb)Fütterung auf dem Biohof Auguste

Mit der Massentierzucht ließe sich ein Projekt wie "Ei Care" kaum vereinen. Dafür ist die Haltung zu teuer, die Tiere aus ökonomischer Sicht nicht effektiv genug. Ein Huhn der Rasse "Le Bleues" legt etwa 240 Eier - eine Henne in der Massenindustrie rund 300 Eier pro Jahr. Die Hähne benötigen außerdem mehr Zeit um Fleisch anzusetzen, dadurch entstehen für die Landwirte höhere Kosten, was wiederum Fleisch und Eier teurer macht. 40 Cent mehr kostet ein Ei der Initiative "Ei Care".

Verbraucher sind bereit, mehr zu zahlen

Eine Umfrage des rbb-Verbraucheragazins Super.Markt zeigt, dass 75 Prozent der Befragten durchaus bereit sind, mehr Geld für Eier auszugeben, wenn dafür keine Küken getötet werden. 30 Prozent wollen allerdings nicht mehr als 2,5 Cent pro Ei mehr zahlen. Weitere 30 Prozent würden höchstens 7,5 Cent mehr pro Ei zahlen und noch nicht einmal ein Prozent der Befragten würden 37,5 Cent mehr pro Ei bezahlen - so viel mehr kostet aber ein Ei aus einer Aufzucht wie aus dem Bilderbuch.

Sendung: Inforadio, 12.06.2019, 18:00 Uhr

Beitrag von Mara Nolte

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15 Kommentare

  1. 15.

    Wenn nicht geschreddert werden soll, wünsche ich viel Spaß beim Grillhähnchen essen bei den Unmengen an Überlebenden.

  2. 14.

    Danke für den Hinweis! Wir haben den Fehler korrigiert und aus Frau Klöckel Frau Klöckner gemacht.

  3. 13.

    ….Ministerin Julia Klöckel…..einfach köstlich der rpp ;)

  4. 12.

    Da ist aber jemand echt sauer, wenn’s ums Billigschnitzel oder Brathuhn aus der Massenproduktion geht. Adrian hat schon vollkommen recht mit seiner Aussage. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit. Nur am Sonntag gab es Fleisch zu essen und was übrig blieb kam am Montag z.B. in den Eintopf. Geht schon, wenn man nur will. Fragt man heute Kleinkinder, was Sie zu Mittag essen möchten, ist oftmals die Antwort recht banal: Spagetti mit Tomatensoße oder eine Pizza. Aber habe noch keines schreien hören: ich will Fleisch auf den Tisch haben.

  5. 11.

    Alles falsch. Etwas sachlicher wäre gut. Lesen Sie die Urteilsbegründung und dann reflektieren Sie Ihre emotionale Jammerei

  6. 10.

    Ich finde es grässlich und barbarisch männliche Küken zu töten.
    Dass Tiere noch immer so behandelt werden, als seien sie ein Haufen Abfall und dass es von den Richtern sogar noch stattgegeben wird, solch ein Verbrechen zu begehen, ist erschreckend und unmenschlich.
    Wir leben im 21 Jahrhundert und die oben genannten Alternativen sind anwendbar. Es ist nur Geiz oder Faulheit, wenn die Tierhalter es nicht tun.

    Massenmord ist absolut widerlich.
    Man kann sich nicht einfach als Mensch über die Tiere stellen. Sie haben die gleichen Rechte wie wir.

  7. 9.

    Fleisch soll teurer werden und das Töten von Küken sollte sofort aufhören. Kein Wunder wenn unsere Regierung nicht so gewählt wird - ich gehöre echt dazu.

  8. 7.

    Die Alternativen zum Kükentöten in Brandenburg ist der Import der Legehennen, ganz banal weil es nach Recherchen des RBB keine Brütereien gibt.

    Wenn 75% der Verbraucher tatsächlich bereit wären, müssten die konventionellen Eier wie Blei in den Supermarktregalen liegen.

    Wie auch in vielen anderen Bereichen auch unterscheiden sich die Taten aber deutlich von den Worten.

  9. 6.

    Alternativen wurden im Artikel beschrieben. Sei es "Segleggt"/ "Bruder-Hahn" / "Ei care".
    Einfach mal den Artikel gründlich lesen, bevor stumpfsinnig gemosert wird...

  10. 5.

    Es ist bewiesen und empfohlen, den Fleischkonsum deutlich geringer zu halten, als er derzeit in unseren Essgewohnheiten (bei den meisten Menschen TÄGLICH) verankert ist.

    Die gesundheitlichen Folgen bzw. krankheitlichen Folgen eines zu hohen Fleischkonsums sind bekannt - gelebt wird allerdings, wie im Artikel beschrieben, "Geiz ist Geil" - solange Lebewesen in Massen getötet und als "Schnäppchen" angeboten werden, wird der Konsum sich nicht groß verändern.
    Würde man konsequent die Haltung dieser Tiere wesentlich verbessern und lebenswürdig gestalten, würde das die Preise enorm erhöhen - und jeder Einzelne würde beim Einkauf zweimal überlegen, ob er sich wirklich 3 Packungen Salami in den Warenkorb legt, wenn eine davon auf einmal 4,99 EUR kosten würde.

    Es ist eine Pseudo-Aussage, wenn Menschen sagen, sie unterstützen den Tierschutz und möchten bessere Bedingungen für die Tiere, sind dann aber nicht bereit, mehr zu bezahlen bzw. "Einschränkungen" ihres Verbrauchs hinzunehmen.

  11. 4.

    Naja, wenn man die Küken nicht direkt umbringt, wird man wohl Projekte wie Bruderhahn so weit ausbauen müssen, dass sie keine Nischenprodukte mehr sind. Kostet dann halt mehr. Fleisch ist aber allgemein viel zu billig und die Menschen essen ungesunde Mengen Fleisch, ich sehe also da kein grundsätzilches Problem.

  12. 3.

    wenn wir keine anderen Probleme haben.... Warum gründet denn keiner einen Verein, der die überzähligen Küken abholt? Da hat bestimmt kein Betrieb was dagegen. Nein, es soll einfach nur verboten werden ohne zu überlegen, was der Betrieb mit den Küken machen soll. Darf er sie auch einfach beim Tierschutzbund abgeben?

  13. 2.

    Was ich bei der ganzen Diskussion vermisse: die Antwort auf die Frage, wo man mit den männlichen Kücken wohl bleibt. Werden die ausgewildert? Gibt es Patenschaften?
    Alice Schwarzer müsste die derzeitige Praxis eigentlich unterstützen, aber die ist ja nicht in der Politik.
    "Für den Tierschutzbund löst das Projekt aber nicht die aus ihrer Sicht eigentliche Problematik, die Massentierzucht. Für Annette Rost vom Tierschutzverein Berlin ist ethischer Genuss mit Massentierhaltung nicht zu vereinbaren."
    Das ist eigentlich der Knackpunkt aber ethischer Genuss (auch noch Genuss) für 80 Mio. anspruchsvolle Menschen ist nun mal nicht so einfach. Bruderhahn-Kücken & Co. sind nur Nischenproduktionen, die auch niemals die derzeit anfallenden Junghähne aufnehmen könnten und einer ganzen Nation die Ernährungsgewohnheiten umzugewöhnen, daran könnten sogar die Grünen scheitern.

  14. 1.

    Das hätte man schon lange beschließen müssen.

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