Das Team von "Soulbottle". Das Unternehmen möchte eine nachhaltige, plastik- und schadstofffreie Alternative zu abgefülltem Wasser aus dem Supermarkt bieten. (Quelle: Soulbottles)
Audio: Inforadio | 29.06.2019 | Franziska Ritter | Bild: Soulbottles

Stiftungskonzepte in Berlin - Wenn ein Unternehmen sich selbst gehört

Wem gehört ein Unternehmen? Dem Firmengründer? Den Investoren? Oder den Menschen, die tagtäglich dafür arbeiten? Franziska Ritter über Firmen, die sich dank einer Stiftungskonstruktion selbst gehören.

In einem Gewerbehof in Neukölln sitzt zwischen Computermonitoren und Topfpflanzen das Team von Ecosia. Das ist eine Suchmaschine, die eine Alternative zu Google bieten will. Klicken Internetnutzer auf Werbeanzeigen, zahlen die Unternehmen, zu denen sie auf diesem Wege gelangen, Ecosia eine Provision. "Der Unterschied ist, dass wir dieses Geld nicht an Aktionäre ausschütten. Wir haben damit in den vergangenen Jahren über 58 Millionen Bäume gepflanzt", erklärt Firmengründer Christian Kroll.

Team von "Ecosia", eine ökologische Suchmaschine (Quelle: Ecosia Press)
Team hinter der Suchmaschine Ecosia | Bild: Ecosia Press

Der gebürtige Wittenberger betont, dass er "sein Baby" niemals an Investoren verkaufen oder Gewinne aus dem Unternehmen ziehen würde. Doch was, falls ihm einmal etwas zustößt und Ecosia an seine Erben übergeht? Würden die das Unternehmen in seinem Sinne weiterführen? Um zu verhindern, dass Ecosia mit seinen 35 Mitarbeitern in die Fänge von Spekulanten gerät, hat der Firmengründer zwei Prinzipien in die Satzung aufgenommen. Erstens: Gewinne dürfen nur dem Unternehmen dienen, und zweitens: Kontrolle über Ecosia hat nur, wer in der Firma arbeitet.

Zusätzlich haben die Eigentümer von Ecosia ein Prozent ihrer Stimmrechte an die gemeinnützige Purpose-Stiftung übertragen, die als Kontrollgesellschafter fungiert. Sollte das Unternehmen jemals verkauft oder vererbt werden, würde die Stiftung ein Veto dagegen einlegen. Dazu hat sie sich in ihren Statuten verpflichtet. Durch diese Konstruktion gehört Ecosia sich gewissermaßen selbst.

Wiederaufforstung durch Ecosia (Bild: Ecosia)
Wiederaufforstung durch Ecosia | Bild: Ecosia

Eine Rechtsform für sinnorientierte Unternehmen

Die Purpose-Stiftung und ihre Unterstützer wollen einen Paradigmenwechsel bewirken: Unternehmen sollen nicht den Reichtum einzelner Menschen mehren, sondern der Gesellschaft dienen. "Wenn ich davon überzeugt bin, dass ein Unternehmen eine Gruppe von Menschen ist, die für einen Sinn arbeiten, brauche ich ein anderes Rechtskleid, als wenn ich glaube, ein Unternehmen soll dem Eigentümer dienen und Gewinne ausschütten", erläutert Achim Hensen aus dem Stiftungsteam.

Sinnorientiert zu wirtschaften schließt Gewinne nicht aus. Im Gegenteil: Rendite muss sein, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Alle Überschüsse werden in die Firma investiert, gespendet oder an Mitarbeiter ausgeschüttet. Und noch etwas ist anders als bei anderen Unternehmen: Die Anteile der Eigentümer werfen keine Dividenden ab. Christian Kroll etwa, der Gründer der grünen Suchmaschine Ecosia, verdient so viel wie seine Kollegen. Selbst auf eine Rückzahlung des Kapitals, das er ins Unternehmen gesteckt hat, verzichtet er. Das ist ein radikaler Schritt.

Eine Firma in Händen der Mitarbeiter

In Tempelhof sitzt ein Unternehmen, das noch einen Schritt weiter als Ecosia gegangen ist. Es produziert wiederbefüllbare Trinkflaschen aus Glas: die Soulbottles. Sie sollen Menschen dazu animieren, weniger Wasser aus Plastikflaschen zu konsumieren – der Umwelt zuliebe.

Nachdem die Firmengründer aus der Geschäftsleitung des Unternehmens ausgestiegen sind, haben sie fast alle Firmenanteile abgegeben. Sie liegen in einer GbR, der nur Mitarbeiter von Soulbottles beitreten können. Gemeinsam wachen sie darüber, dass das Unternehmen seinen Werten treu bleibt. Unter anderem fließt von jeder Trinkflasche, die die Tempelhofer verkaufen, ein Euro in Projekte, die Menschen einen Zugang zu sauberem Trinkwasser verschaffen.

Alle entscheiden mit

An der Spitze des Unternehmens, einer GmbH, stehen drei Geschäftsführer – allerdings nur auf dem Papier. "Intern sind wir Hafter, das ist ein Unterschied: Wir leiten das Unternehmen nicht", so Marian Gutscher, der zu dem Führungsgespann gehört. Dieses Dreierteam trägt das unternehmerische Risiko, für den Fall dass Soulbottles in die Insolvenz rutscht. Dafür bekommen sie einen Gehaltsbonus, die Chefrolle übernehmen sie aber nicht.

Und wer von den 55 Mitarbeitern trifft dann Entscheidungen? Die Menschen, die am nächsten am Thema dran sind, sagt Gutscher: "Wenn ich hier eine bestimmte Rolle innehabe, zum Beispiel im Vertrieb arbeite, dann darf ich alle Entscheidungen, die dafür nötig sind, selber treffen."

Investoren, die nicht auf schnelles Geld spekulieren

Zusätzlich zur Mitarbeiter-GbR gibt es einen Kontrollgesellschafter, der bei wichtigen Entscheidungen ein Vetorecht hat: die Purpose-Stiftung. Sollte Soulbottles einmal verkauft werden oder Dividenden ausschütten, würde sie das verhindern. Das schließt Investitionen von Kapitalgebern jedoch nicht aus. "Da wird mit einem sehr alten Prinzip gebrochen, nämlich dass es Macht für Geld gibt", sagt Achim Hensen. Kapitalgeber müssten sich darauf einlassen, dass sie investieren ohne Stimmrechte zu übernehmen.

Soulbottles hat einen Kapitalgeber an Bord, der den Tempelhofern nicht in die Geschäfte hineinreden darf. Er bekommt für sein Investment eine festgelegte Rendite. Sind die Kosten beglichen, laufen alle Gewinne wieder dem Unternehmen zu. Und was, falls das Unternehmen in eine finanzielle Schieflage gerät und dringend neue Kapitalgeber braucht? Einen Investor, der sein Geld nur lockermacht, wenn ein Manager seines Vertrauens das Kommando übernimmt? "Dann sind wir gezwungen andere Wege zu finden", sagt Marian Gutscher. "Aber genau das ist die Idee: Wir wollen ja verhindern, dass jemand mit Profitinteressen ins Unternehmen kommt."

Sendung: Inforadio, 29.06.2019, 09:45 Uhr

Beitrag von Franziska Ritter

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ich kaufe keine Flaschen von Drittanbietern, wir haben in D ein Pfandsystem oder eine Mülltonne und somit liege ich im legalen Bereich. Ich finde diesen Artikel eher wie Schleichwerbung für (anders-)kapitalistische Firmen, die ihren Investor bezahlt aus dem Gewinn den die Firma dem Kunden als Öko draufschlägt. Tut mir leid. Kommt mir vor wie Bio.

  2. 2.

    Danke rbb für die Änderung der Überschrift ;-))))

  3. 1.

    der Artikel dreht sich um Rechtsformen von Unternehmen. Stiftungen und GmbH können eh keine Aktionäre haben. Es ist schön, dass es solche anderen Firmen gibt, aber die Überschrift und teilweise der Tenor zeigen, dass hier die Autorin entweder Äpfel mit Birnen vergleichen will oder eine Abneigung gegen Aktiengesellschaften hat. Dann doch lieber unter Panorama als im Wirtschaftsteil. Im Bereich Wirtschaft hat der rbb leider einige Defizite.

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