Ein Blick in die Berliner Friedrichstraße.
Bild: Audio: Inforadio, 08.07.2019, Sebastian Schöbel

Probleme der Einzelhändler - Handelsverband lehnt autofreie Friedrichstraße ab

Die Friedrichstraße in Mitte hat es nicht leicht: Läden machen zu, auch weil die Straße nicht gerade zum Flanieren und Verweilen einlädt. Der Bezirk will es mit einem autofreien Wochenende im September probieren. Der Handel ist nicht überzeugt. Von Sebastian Schöbel

Die Friedrichstraße in Mitte war einmal eine über die Grenzen von Berlin hinaus bekannte Shopping-Meile. Luxus-Boutiquen, Edel-Cafés und in den (wenigen) Wohnungen das entsprechende Publikum. Doch inzwischen ist sie ein immer härteres Pflaster für den Einzelhandel: Immer wieder werden Läden dicht gemacht, zuletzt traf es sogar einen großen Mode-Konzern. Der Grund: Die Kunden blieben aus.

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel von den Grünen ist überzeugt: Der dichte Verkehr auf der Friedrichstraße verdrängt die Menschen. "Es ist wirklich mehr Leben ohne Autos." Deswegen hat von Dassel am Montag im rbb angekündigt, die Friedrichstraße am ersten September-Wochenende für den Autoverkehr zu sperren. Eine dauerhafte Sperrung aber sei vorerst nicht in Sicht. "Das wollen wir mit den Anrainern organisieren, nicht gegen sie", sagte von Dassel.

Keine historisch gewachsene Flaniermeile

Doch das "Leben", das von Dassel auf die Friedrichstraße bringen will, ist schwer zu organisieren - weil in der Straße selbst ja kaum jemand wohnt. Nur durch die Einzelhändler und Gastronomen werden Menschen angelockt. Doch muss aus deren Sicht die Friedrichstraße dafür autofrei werden? "Nein, muss sie nicht", sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. "Gute Einkaufsstraßen müssen keine Flaniermeilen sein."

Zumal die Friedrichstraße das auch nie war, sagt Busch-Petersen. Und sie wird es wohl auch nicht mehr werden, weil sie auf ihre engen, historischen Dimensionen zurückgebaut wurde. Heißt in der Konsequenz: Enge Bürgersteige, keine Bäume, wenig Aufenthaltsqualität. Dazu kommt der Autoverkehr, von dem aber bisher auch keiner wisse, wohin er umgeleitet werden soll, so Busch-Petersen.

Wohin mit den Autos?

Wirklich konkret seien die Planungen für die Friedrichstraße aber ohnehin nicht, sagt Busch-Petersen, weil zum Beispiel auch Zukunft vieler umliegenden Straßen offen sei. Die Verkehrsberuhigung von Unter den Linden, die im Koalitionsvertrag angekündigt wurde, wurde bis heute nicht umgesetzt, während die Wilhelmstraße weiterhin für die britische Botschaft gesperrt ist und in der Leipziger Straße schon über eine neue Tram und dauerhaftes Tempo 30 nachgedacht wird. Ohne die Friedrichstraße drohe der Verkehrsinfarkt, sagt Busch-Petersen. "So kann ich vielleicht in Hildburghausen die Innenstadt gestalten, aber nicht in einer Millionenmetropole."

Die Mall of Berlin zieht Kunden ab

"Die Kaufleute sehen diese Entwicklung sehr skeptisch", so der Handelsverbandschef, daher fehle es auch ein einem gemeinsamen Haltung. Wirtschaftlich geholfen wäre der Friedrichstraße auch eher, wenn etwa die Verbindung zum Potsdamer Platz und der Mall of Berlin attraktiver wäre, so Busch-Petersen. Da bestehe nämlich derzeit eher Konkurrenz statt Zusammenspiel - was so nicht geplant gewesen sei. "Das ist sicherlich schwerer, als man es sich gedacht hat." Der Weg zwischen Mall of Berlin und Freidrichstraße habe sich als zu weit herausgestellt, die Abstimmung mit den Füßen habe nun das neuere Shopping-Angebot gewonnen.

Nun müsse eventuell das Angebot an Läden in der Friedirchstraße punktuell überdacht werden. Wobei es die Einzelhändler zurzeit auch anderswo schwer hätten, sagt Busch-Petersen, durch die Konkurrenz des Onlinehandels und den Druck zahlungskräftiger Gastronomen, die den Händlern Flächen streitig machten.

Autofreier Feldversuch im September

Eine Lösung könnte sein, die Friedrichstraße als Teil einer größeren, neuen Berliner Innenstadt zu denken, die sich dann auch gemeinsam vermarkten müsste. "Das würde sich wirklich lohnen", ist sich Nils Busch-Petersen sicher. "Vom Brandenburger Tor bis zum Königstor, das ließe sich gut vermarkten." Und wäre wohl auch günstiger als eine ganze Straße autofrei zu machen.

Noch aber geht es in der Friedrichstraße weiter wie bisher. Pläne, Autos an einigen Sommerwochenenden zu verbannen, liegen nach Widerstand der Anrainer auf Eis. Der Bezirk will nun im September und im Dezember für einige Tage die Autos von der Friedrichstraße verbannen. Das bestätigte Bürgermeister von Dassel dem rbb am Montag. Angedacht ist außerdem, das in der Vorweihnachtszeit rund um den zweiten Advent die Straße autofrei bleibt, dann womöglich sogar länger als drei Tage

In beiden Testläufen sollen Erfahrungen gesammelt werden für mögliche weitergehende Lösungen in den kommenden Jahren. Wie von Dassel weiter ankündigte, steht voraussichtlich im Mai kommenden Jahres ein so genannter Verkehrsversuch an. Dabei soll dann genauer und "gerichtsfest" erhoben werden, was eine längere Sperrung der Friedrichstraße unter anderem im Hinblick auf Verkehrsströme und Unfallhäufigkeit bringen würde.

Der für den 8. September geplante verkaufsoffene Sonntag wurde vom Verwaltungsgericht Berlin gerade erst untersagt. Dann wird man auf der Friedrichstraße zwar möglicherwesie flanieren können. Aber nicht einkaufen.

Beitrag von Sebastian Schöbel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

14 Kommentare

  1. 13.

    Friedrichshain und Kreuzberg mal für ein Wochenende komplett für Autos dicht machen und alles an Autos auf öffentlichem Straßenland verbieten für diese Zeit.

    Dann sehen die hippen Anwohner und Weltverbesserer mal, wo sie bleiben.....

  2. 12.

    "Die Friedrichstraße in Mitte war einmal eine über die Grenzen von Berlin hinaus bekannte Shopping-Meile. Luxus-Boutiquen, Edel-Cafés und in den (wenigen)..."

    Ja WAR aber heute nicht mehr, warum will man in Berlin ständig einem die ZwanzigerJahre aufdrängeln?
    Es nervt. Diese Straße ist fast unbewohnt, wurde asphaltiert, es Arbeiten hauptsächlich Anwälte und Sachverständige dort, diese sieht man "flanieren" nämlich in der Pause Mittagessen holen. Der Rest ist leblos, bis auf das LaFayette, aber das ist nicht Luxus sondern Standard. Wer fährt oder geht schon dort hin außer ein Tourist der enttäuscht wieder abzieht. Da gibt's nichts, was eine Sperrung rechtfertigt.
    Am Ku'damm wohnen Menschen, Pariser Str., Fasanenstr. Uhlandstr. usw. man kann mit Freunden hinfahren, oder selbst parken, im Restaurant bei Sommer unter den Bäumen genießen und flanieren. Mitte? Nichts los.

  3. 11.

    Schräg? Nö, finde ich nicht. Realistisch. Ganz ehrlich? Wenn die zwei Tage dieser Art von Geschäften schon finanziell schaden, dann ist sowieso etwas nicht i.O. Das meinte ich. Im.Übrigen gibt es auch wohlhabende Menschen, die bereit sind ein paar Meter zu laufen, wenn sie etwas kaufen möchten^^

  4. 10.

    Ein Wochenende ohne Einkünfte mit anderen schlechten Zuständen wie Baustellen etc. zu rechtfertigen, ist mehr als schräg.

    Die Friedrichstraße hat allerdings ohnehin nichts zu bieten. Nur Filialisten wie Rossmann oder Modeketten u.ä. Das muss ich nicht haben.
    Selbst wenn man mir Geld für die Galeries Lafayette bieten würde, würde ich dort nichts finden. Das Quartier 206 ist tot, schöne kleine Geschäfte sind weg.
    Netter Versuch mit der Sperrung, aber falscher Ort. Man schaue sich am Wochenende die Idioten an, die einzeln in ihren SUV sitzen und ins Parkhaus wollen. Die stehen und stehen. Und verpesten die Luft.

    Die H&M-Schließung dem vielen Autoverkehr unterjubeln zu wollen, ist mal wieder sehr manipulativ. Die schließen, weil sie seit Jahren auf dem absteigenden Ast sitzen. Einfach mal Wirtschaftsnachrichten der letzten Jahre lesen.

  5. 9.

    "eine Wochenende"
    Aus einem WE werden alle WE, mir egal - die Friedrichstr. ist sowieso überbewertet, im Süden eine Todeszone ohne Bäume,
    Im Norden Bettler und Obdachlose am Bhf.
    Von mir aus kann das eine Fußgängerzone wie die Wilmersdorfer Str. werden. Ich verzichte gerne.
    Ich hab den Breitscheidplatz in Nähe, da kann man wenigstens Parken gegen Gebühr.
    Mitte hat es nicht geschafft 30 Jahre nach dem Mauerfall irgendetwas Flaniermeilenartiges auf die Beine zu stellen.
    Die Leipziger ist tot, Unter den Linden, Torstr. ist tot. Im Westen hat man mehr Möglichkeiten.

  6. 8.

    Jau! Das eine Wochenende wird schon nicht den Ruin bedeuten. Normale Geschäfte müssen z.b. wochen- und monatelange Baustellenzeiten verkraften. Die Geschäfte können ja einen Sänften-Shuttle anbieten^^. Alles gut!

  7. 7.

    Was für ein schlauer Kommentar. Das wohlhabende Klientel sorgt aber im ausschließlich südlichen Teil der Friedrichstraße für den Umsatz, im nördlichen Teil gibt es nichts außergewöhnliches außer dem Bahnhof und dem Friedrichstadt-Palast. Der Handelsverband hat schon recht, was nutzt eine Flaniermeile ohne Kundschaft. Am Kurfürstendamm funktioniert es auch ganz wunderbar, deswegen ist es nach wie die Adresse Nummer eins in Berlin. Parken + Shoppen.

  8. 5.

    Eine interessante Entwicklung,die sich hier anbahnt. Während es jahrelang als "Gottgewollt bzw. dem Markt geschuldet war.wenn kleine Geschäfte durch das zum Teil sinnfreie Zupflastern mit Einkaufscentren aufgeben mussten, wird jetzt der Untergang des Abendlandes prophezeit. Dabei ist dieser Zustand hausgemacht.Dadurch das auf die Wiederherstellung der alten Fassaden verzichtet, bzw. vom Senat nicht als Vorbedingung eingefordert, zugunsten von Verkaufsflächen auf Ladezonen und Parkhäuser verzichtet wurde, und vor allem dem berliner Konzept von Wohnen und Arbeiten eine Absage erteilt wurde,ist diese Straße ein totes künstliches Konstrukt.Die Hoffnung der 90er Jahre, Scharen von Neu - Reichen Personen aus dem russischen Sprachraum würden die Schicki - Micki Läden permanent leerkaufen, hat sich als Strohfeuer entpuppt. Die Investorenriege hat in ihrer Unfähigkeit langfristig zu Planen,nichts anderes getan, als sich selbst das Wasser abzugraben.

  9. 3.

    Zur Flaniermeile gehören auch Parkplätze und ausreichend Parkhäuser, da die reiche Klientel eben nicht ÖPNV fährt. Die Fahrradfahrer flaniert nicht, zu geizig.

  10. 2.

    Die Friedrichstr. ist in Berlin völlig unwichtig, jibs nüscht zu koofen.

  11. 1.

    Ab und zu fahre ich gezielt zum Einkaufen in die Friedrichstraße, allerdings interessieren mich weder teure Modeshops noch andere Luxusläden. Rund um den Bahnhof Friedrichstraße sind mit Dussmann, Butlers etc. etliche Läden, in denen ich lange stöbern kann - dabei ist es mir ehrlich gesagt völlig egal, ob da Autos durch die Straße fahren oder nicht. Es gibt ja schließlich Ampeln, um über die Straße zu kommen, soviel Zeit muss sein, um auf Grün warten zu können. Eine autofreie Friedrichstraße würde für mich nicht wirklich an Attraktivität gewinnen. Ich würde da auch nicht sitzen und flanieren wollen, sondern gehe gezielt in Geschäfte, die ich besuchen möchte.

Das könnte Sie auch interessieren