Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin bei der Handylektüre (Quelle: Chromorange/Spremberg)
Bild: chromorange

Instagram-Fotoshooting in Gedenkstätte - 20 Prozent auf Blusen im Holocaust-Mahnmal

In den sozialen Medien finden Marken zielgerichtet ihre Kundschaft. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Influencer. Eine fiel nun durch ein Fotoshooting im Holocaust-Mahnmal auf. Wer urteilt auf Instagram und Co. eigentlich über Geschmack? Von Oliver Noffke

Eine junge Frau posiert in schicker Kleidung. Das Makeup ist perfekt, das Lächeln sitzt. Unter dem Bild steht ein Rabattcode. Wer ihn nutzt, erhält 20 Prozent auf irgendwas. Es könnte eines von unzähligen Bildern sein, die Instagram verstopfen. Stünde das Modell nicht zwischen den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals.

Die Frau, die das Bild gepostet hat, heißt Ebru Erol, 26 Jahre alt, aus München. Mehr als 333.000 Menschen folgen ihr. Von ihrem Instagram-Account hat Erol das Bild bereits gelöscht. Aber das Internet vergisst nicht, wie ein Twitter-Post des Satirikers und Künstlers Shahak Shapira zeigt.

Nun stellen sich mehrere Fragen. Muss man diese Frau kennen? Wer entscheidet, wann Influencer geschmacklos oder pietätlos handeln? Und: Wie kommt jemand auf die Idee, das Holocaust-Mahnmal für ein Fotoshooting zu nutzen?

Was junge Menschen kaufen, sehen sie vorher oftmals in sozialen Netzwerken

Frauen wie Stefanie Giesinger, Caroline Daur oder Leonie Hanne erreichen Millionen von Menschen. Sollten Sie diese Namen noch nie gehört haben, werden Ihre Kinder oder Enkel Ihnen gern mitteilen, dass diese Damen angeblich bis zu 10.000 Euro oder mehr erhalten, wenn sie sich für Instagram mit einem Produkt ablichten lassen.

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) hat im April eine Studie veröffentlicht [bvdw.org], aus der sich ablesen lässt, wie wichtig Influencer mittlerweile für die Werbewirtschaft sind. Ein Viertel der Befragten hatte mindestens einmal täglich Kontakt zu Influencern auf Instagram, Youtube oder anderen Plattformen. Ein Fünftel gab an, Produkte gekauft zu haben, nachdem Influencer sie empfohlen hatten.

Schaut man auf die entsprechenden Zahlen für 16- bis 24-Jährige, wird schnell deutlich: Influencer sind die Werbe-Superstars unserer Zeit. Fast die Hälfte der jungen Befragten (44 Prozent) gab an, mehrmals täglich Kontakt zu Inhalten von Influencern zu haben, weitere 27 Prozent zumindest täglich. In der Gruppe der Superkontakter gaben 43 Prozent an, aufgrund solcher Werbebeiträge Markenprodukte gekauft zu haben, weitere zehn Prozent sind sich nicht sicher. Generell störte sich keine Gruppe weniger an den gesponserten Beiträgen als die 16- bis 24-Jährigen.

Die Macht der Nische

Von den Schwergewichten der Branche scheint Ebru Erol auf den ersten Blick weit entfernt. Ob jemand Einfluss in den sozialen Netzwerken ausübt, entscheidet aber nicht allein die Zahl der Follower, sagt Benjamin Rüegg, Gründer des Berliner Start-ups Likeometer. Er erstellt Ranglisten, mit denen der Einfluss von Influencern greifbar gemacht werden soll. Reichweite, Zuwachsrate und die Antwortfreudigkeit der Accounts werden dafür beachtet.

Originalität ist ebenso wichtig. "Mikro-Influencer sind fast wertvoller als Profile, die aussehen wie alle anderen", sagt Rüegg. "Wenn jemand strickt und dem folgen dann 4.000 Leute, die sich wirklich für dieses Thema interessieren, dann ist das auch für eine Marke aus dem Bereich besser."

Erol hat in der segmentierten Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts ihre Nische gefunden. Zu den schicken und teuer aussehenden Kleidern, Blusen und Mänteln trägt sie modische Kopftücher. Sie spricht eine klar definierte Zielgruppe an, die in Deutschland von der Werbung oft ausgeblendet wird und die sie selbst ideal repräsentiert: jung, muslimisch, konservativ, modebewusst.

Rüegg sagt auch: "Es ist wichtig zu wissen, wo kommen die Follower eigentlich her? Sind eventuell welche gekauft?" Erols Profil scheint diesbezüglich erst einmal unverdächtig. Laut der Analyse-Website Socialblade hat sich die Zahl ihrer Follower in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich aufgebaut. Einzig Anfang Mai 2017 zeigt sich ein deutlicher Anstieg innerhalb eines Tages. Das muss aber nichts bedeuten. Vielleicht wurde ihr Account an diesem Tag auf einem anderen Medium prominent gezeigt. Ihre Follower sind sehr aktiv. Jedes Foto erhält Dutzende Kommentare und wird mit Tausenden Herzchen bedacht. Fake-Profile zeigen kein so reges Interesse.

In der Welt von Instagram ist Ebru Erol also kein Niemand. Man muss sie zwar nicht kennen, aber was sie schön findet, trägt oder interessiert, erreicht Hunderttausende. Worüber sie sich keine Gedanken macht auch.

Wer entscheidet über Geschmack bei Werbung von Influencern?

Um irreführende Werbung zu verhindern, müssen Influencer werbliche Posts kennzeichnen. Die Landesmedienanstalten überprüfen das. Der Wohnort oder die Adresse im Impressum entscheiden, welche Anstalt zuständig ist. Gegen diese Regeln hat Erol nicht verstoßen.

Der gelöschte Post vom Holocaust-Mahnmal enthielt einen Rabattcode für den Onlineshop der türkischen Modemarke Modanisa. Obwohl Erol ihre Posts oft als Werbung ausweist oder kennzeichnungspflichtige Rabattaktionen anpreist, heißt das nicht unbedingt, dass zwischen ihr und Modanisa wirklich Geld fließt. rbb|24 hätte darüber gern mit dem Unternehmen gesprochen. Auch inwieweit Fotomotive mit Influencern koordiniert werden oder ob es einen Verhaltenskodex gibt, hat uns interessiert. Eine Anfrage blieb jedoch unbeantwortet.

Instagram ließ auf Anfrage über eine Hamburger Presseagentur mitteilen, Posts von Influencern fielen unter die Gemeinschaftsregeln [instagram.com]. Die Facebook-Tochter prüfe nur die Inhalte der Anzeigen, die direkt bei ihr geschaltet werden. So lange sich niemand über Influencer konkret beschwert, tut das Unternehmen nichts.

Bleibt der Deutsche Werberat, das Selbstregulierungsorgan der deutschen Werbewirtschaft. Empfinden Verbraucher Reklame als anstößig, können sie sich an den Werberat wenden. Der arbeitet nach einem Kodex, einem Ethik-Regelwerk zu Werbung für Zigaretten, Alkohol, Produkten für Kinder oder dem Umgang mit Minderheiten. Der Werberat prüft auch Beschwerden über werbliche Inhalte von Influencern. Allerdings beansprucht dieser Prozess oftmals mehrere Wochen Zeit.

In sozialen Netzwerken geschieht die Selbstregulierung hingegen unmittelbar. User spiegeln kurz nach Veröffentlichung ihre Meinung zu den Beiträgen. Je nachvollziehbarer und größer die Kritik, umso wuchtiger der Shitstorm.

Wie konnte das passieren?

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas teilte auf Anfrage mit, dass Genehmigungen für Foto- oder Filmaufnahmen am Holocaust-Mahnmal nur erteilt werden, wenn ein Zusammenhang oder Kontext zur Gedenkstätte besteht - aber nicht für rein gewerbliche Zwecke. Im Fall von Influencerin Ebru Erol habe keine Anfrage vorgelegen, hieß es.

Es ist also durchaus möglich, dass die 26-Jährige nicht einmal um die Bedeutung des Orts wusste, an dem sie posierte. Die Redaktion hat mehrfach versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, um über die Umstände des Fotoshootings zu sprechen. Alle Anfragen blieben jedoch unbeantwortet.

Stattdessen hat sie sich mittlerweile selbst zu Wort gemeldet. Auf ihrem Instagram-Kanal schreibt sie: "Für mich ist es von Bedeutung jeden zu respektieren, egal welcher Herkunft oder Religion sie angehören. Deshalb ist es mir wichtig euch dies mitzuteilen und mich aufrichtig zu entschuldigen." Doch sie schreibt auch: "Das Foto entstand nicht für Werbezwecke". Warum hat sie es dann trotzdem genau dafür genutzt, mit einem Rabattcode versehen und als "Anzeige" gekennzeichnet?

Shahak Shapira hat bereits vor zwei Jahren mit seiner Kunstaktion "Yolocaust" thematisiert, wie sich Menschen in der Gedenkstätte benehmen. Dazu legte er am Holocaust-Mahnmal entstandene Selfies über Bilder von Leichenbergen aus Konzentrationslagern. Lachende und posende Touristen an Gedenkorten sind seit Längerem ein Phänomen, nicht nur in Berlin, auch in Ausschwitz und anderswo.

Ebru Erol schreibt weiter: "Ich hatte nur das getan, was sehr viele andere dort auch getan haben [...]." Aber entschuldigt das ein Mode-Shooting im Holocaust-Mahnmal?

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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20 Kommentare

  1. 20.

    Ich zweifele nicht daran das die Dame wusste wo sie sich befindet und für was der Ort steht. Ich unterstelle ihr einfach mal, das es ihr egal war. Ich habe bei vielen jüngere Arbeits- oder Trainingskollegen feststellen müssen, das dieses Thema nicht mehr präsent ist. Und zwar unabhängig von der schul- und akademischen Bildung.

    Bei vielen anderen Ereignissen der jüngeren deutschen Geschichte fehlt das Wissen teils völlig. Gerade im Juni musste ich ein paar jüngeren Kollegen mal erklären, was es z.B. mit dem 17. Juni oder der Luftbrücke auf sich hat, da sie es schlicht nicht wussten.

  2. 19.

    Wenn es um die Inszenierung des eigenen Egos geht, sind dem heutzutage keine Grenzen mehr gesetzt. Verstörend.

  3. 17.

    "Es ist also durchaus möglich, dass die 26-Jährige nicht einmal um die Bedeutung des Orts wusste, an dem sie posierte."

    Hahaha, ich bin mir sicher, sie wusste genau, wo sie stand, als das Shooting gemacht wurde.

  4. 16.

    Geile Fotoshootings in irren Klamotten neben krass schwarzem Marmor gabs ja auch schon auf Friedhöfen!
    Na holla... das kann ja was werden, wenn solche Influencer und deren Millionen Anhänger in 20 Jahren komplett unsere Gesellschaft beherrschen und bestimmen.

  5. 15.

    Kann es sein, dass Sie den Sinn und Zweck dieses Mahnmals absichtlich übersehen möchten. Der Architekt hat sich schon was dabei gedacht, als er diese Vielen „Klötze“ schuf. @Stefan, dies ist nicht ein Ort um den Spaßfaktor für irgendwelche Instagram Späße zu nutzen, sondern soll zum Nachdenken anregen. Trauermiene ja, muß nicht.

  6. 14.

    Die Stelen sind so hässlich, wundert mich, dass damit überhaupt ein Influencer Werbung schalten will.

  7. 13.

    Mit Influenza sollte man zum Arzt gehen. Und was ist dieses Instagram? Kann man Menschen, die sich mit solchem Müll beschäftigen, wirklich ernstnehmen?

  8. 12.

    "Muss man diese Frau kennen?"
    Nein.

    "Wer entscheidet, wann Influencer geschmacklos oder pietätlos handeln? "
    Muss jeder selbst entscheiden - und eben nicht z.B. Medien. Pietät finde ich gerade an dem Ort schwierig, denn der Ort des Mahnmals steht historisch wirklich für nichts.

    "Und: Wie kommt jemand auf die Idee, das Holocaust-Mahnmal für ein Fotoshooting zu nutzen?"
    Mag dem einen oder anderen unpassend vorkommen, aber der Architekt des Mahnmals hat keine Begrenzungen vorgegeben - eher im Gegenteil. Warum also sollten Dritte es tun?

  9. 11.

    Da kann man Ihnen nur recht geben. Das Problem des Stelenfeldes war von Anfang an, dass es räumlich und ästhetisch auch ohne die Denkmalabsicht "kickt". Kein Wunder, dass der eigentliche Kontext im Lauf der Zeit zunehmend verloren geht.

  10. 10.

    Warum sollte man eine Influencerin unterstützen, die einen Gedenkort für eine Fotoshooting missbraucht? Das Erinnern an die massenhafte Ermordung von Menschen sollte wichtiger sein als Make-up und Klamotten.

  11. 8.

    Dann schreibt es doch in den Bericht. Ist ja mal eine Aussage. Sehr befremdlich bei Influencern, die ja von der Öffentlichkeit leben. Danke für die Info

  12. 7.

    Ich formuliere es jetzt mal etwas sanfter: Glauben wir wirklich, dass die Wahl des Ortes ein Zufall war? Wäre das nicht ziemlich naiv?

  13. 6.

    Finde diesen Beitrag sehr Geschmacklos um ehrlich zu sein. Wenn eure Anfragen unbeantwortet geblieben sind, hat das sicherlich seinen Grund. Und eine aufrichtige Entschuldigung (Erols Statement) weiter so in den Dreck zu ziehen, finde ich unter aller Sau!

  14. 5.

    Wer ein solches Denkmal an solch einer Stelle baut und einheimische und Touristen regelrecht zum "Danebenbenehmen" einlädt darf sich nicht über das Resultat wundern. ... ab jetzt also bitte nur noch mit gesenktem Kopf und Trauermiene durchs Denkmal.

  15. 4.

    Naja ihr recherchiert doch so gut über Instagram und ihren Vorschriften, warum stellt ihr dann die Frage auf, warum im Post „Anzeige“ steht? Ihr solltet doch wissen, dass man alles, worin man die Marken erkennen kann/ markiert sind mit Anzeige/ Werbung kennzeichnen muss! Egal ob es eine Werbung ist oder nicht. Ich finde es schade, dass ihr und noch so viele andere Reporter alles versuchen um die Influencer runterzukriegen, statt sie zu unterstützen! Das gilt nicht nur für diese Dame sondern für so viele anderen auch!

  16. 3.

    "Es ist also durchaus möglich, dass die 26-Jährige nicht einmal um die Bedeutung des Orts wusste, an dem sie posierte."

    Aber bitte. Dazu muß man die letzten Jahre unter einem Stein oder in Rakka verbracht haben.

  17. 2.

    Die Redaktion hat mehrfach versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, um über die Umstände des Fotoshootings zu sprechen. Alle Anfragen blieben jedoch unbeantwortet.

  18. 1.

    Statt über Influencer zu reden, wäre es besser, mit ihnen zu reden. Warum hat der rbb nicht bei Influecern nachgefragt? Das Thema ist komplex ja, nur, dann muss man halt mal mit den Leuten reden. Die Fragen offen in die Medien zu stellen ist nett, aber reicht nicht aus.

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