Symbolbild: Ein Pfleger schiebt ein Bett in den Operationstrakt. (Quelle: dpa/Patrick Seeger)
Video: Brandenburg aktuell | 15.07.2019 | Anja Meyer | Bild: dpa/Patrick Seeger

Bertelsmann-Stiftung - Experten fordern Schließung kleiner Krankenhäuser

Krankenhäuser können ein Gesundheitsrisiko sein, wenn nicht die richtigen Fachärzte da sind. Deswegen plädieren Gesundheitsexperten nun in einer Studie dafür, kleine Hospitale zugunsten großer Spezialzentren zu schließen. Was hieße das für die Region?

Gesundheitsexperten haben am Montag dafür plädiert, jedes zweite Krankenhaus in Deutschland zu schließen. In einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung heißt es, auf diese Weise könnten die Patienten deutlich besser versorgt werden. Viele kleine Kliniken hätten oft nicht die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle zu behandeln - wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte.

"Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung", schreiben die Wissenschaftler des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich verhindern, wenn Ärzte und Pflegepersonal sowie Geräte in weniger Krankenhäusern gebündelt wären. Nur in ausreichend großen Kliniken könnten Facharztstellen rund um die Uhr besetzt werden, heißt es in der Studie weiter.

Die Qualität der Notfallversorgung und planbarer Operationen lasse sich so verbessern. Zudem könne der Mangel an Pflegekräften gemindert werden. Konkret plädieren die Autoren der Studie dafür, die Zahl der Kliniken in Deutschland von derzeit knapp 1.400 auf unter 600 zu verringern.

Die verbleibenden Häuser könnten dann mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten.

Berliner und Brandenburger Krankenhäuser unterstützen die Studie

Unterstützung kommt von der Pflegedirektorin der Berliner Charité. "Wenn man in die Länder schaut, wo das praktiziert wird, dann ist die Konzentration von Krankenhäusern sicherlich eines der Dinge, die man initiieren sollte", sagte Judith Heepe dem rbb. Allerdings dürfe man die Krankenhäuser nicht "blind schließen", um keine Nachteile für die Patienten entstehen zu lassen.

Die Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG), einer der größten Gesundheitsdienstleister in Brandenburg, sieht hingegen keinen akuten Handlungsbedarf für das Land. Allerdings müsse es "natürlich für schwere, hochspezialisierte Erkrankungen eine Zentralisierung geben", sagte die Geschäftsführerin der GLG Eberwalde, Steffi Miroslau, dem rbb. "Da gibt es keine zweite Meinung."

Brandenburg hat sieben solcher Zentren für Krebserkrankungen und weitere 56 Krankenhäuser.

Brandenburg sieht sich gut aufgestellt

Brandenburgs Gesundheits-Staatssekretär Andreas Büttner wies auf rbb-Anfrage allerdings zurück, dass die Studie für Brandenburg zutreffe, da sie nicht die Bedingungen im Land berücksichtige. "Wir haben bereits in den Neunziger Jahren den Strukturwandel in den Krankenhäusern durchgeführt", sagte Büttner. Seit 1991 flossen nach Angaben des Gesundheitsministeriums fünf Milliarden Euro Fördermittel in die Modernisierung und Umbau der Krankenhäuser.

"Selbstverständlich sollen die Krankenhausstandorte erhalten bleiben", versicherte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). "Wir wollen, dass sie sich noch stärker als Gesundheitszentren auch im ländlichen Raum öffnen können." Sie könnten dann auch gern "Poliklinik" heißen.

Büttner fügte hinzu, für Brandenburg gehe es vor dem Hitergrund der Bevölkerungsentwicklung nicht um den Abbau von Krankenhäusern, sondern um den Umbau der Standorte zu modernen Gesundheitsanbietern.


"Für viele Bürger ein Stück Heimat"

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisiert die Studie hingegen heftig. "Wer vorschlägt, von ca. 1600 Akut-Krankenhäusern 1.000 platt zu machen und die verbleibenden 600 Kliniken zu Großkliniken auszubauen, propagiert die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß", sagte DKG-Präsident Gerald Gaß laut einer Mitteilung vom Montag.

Solche Vorschläge seien das exakte Gegenteil dessen, was die Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse" für die ländlichen Räume gefordert habe. Die Kommission wurde Mitte 2018 von der Bundesregierung eingesetzt.

Die Krankenhausgesellschaft widerspricht auch der Einschätzung der Studie, wonach durch ein Zusammenziehen von Kliniken und eine Bündelung von Ärzten, Pflegepersonal und medizinischen Geräten eine qualitativ bessere Versorgung erreicht werden könnte. Das sei "absolut unbelegt", so Gaß. Die Qualität der Versorgung in den Kliniken werde seit Jahren gemessen und mit wenigen Ausnahmen werde jedes Jahr allen beteiligten Kliniken ein hohes Niveau bestätigt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, kleinere Kliniken auf dem Lande zu erhalten. Sie seien "für viele Bürger ein Stück Heimat". Gerade in gesundheitlichen Notlagen brauche es eine schnell erreichbare Versorgung. In der Studie heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil.

Sendung: Inforadio, 15.07.2019, 10.00 Uhr

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16 Kommentare

  1. 16.

    Wieso das denn? Man bekommt gerade in kleineren Krankenhäusern, mit kleinerem Portfolio oftmals einen kurzfristigen Termin (z.B. CT, Röntgen). Man muss ja nun nicht immer verletzt oder bettlägerig sein um ein Krankenhaus zu rechtfertigen.
    Die großen Krankenhäuser bekommen ja jetzt schon keine Kapazitäten frei. Und viele Patienten finden auch ein Krankenhaus in Wohnnähe gut, falls es o.g. Gründe gibt.

  2. 15.

    "Solche "Experten" gehören gefeuert!"
    Von wo gefeuert und vom wem gefeuert?

    Ihr Kommentar hat ähnlichen Nährwert wie die Expertise von Bertelsmann.

  3. 14.

    Prima Idee aus GT! Wir konzentrieren in Brandenburg alle herzkranken Omis Nähe Herzklinik Cottbus, wohingegen alle krebskranken Männer ü 60 nahe Frankfurt Oder angesiedelt werden. Nur so kann die Rendite gesichert werden. Wer nicht umziehen will, muss halt zur Behandlung pendeln. Wirkt garantiert stabilisierend. Auf dem Land gibt's nur noch Homöopathie auf Kassenrezept. Dafür gibt's seitens Bertelsmann auch eine Studie...

  4. 13.

    Solche "Experten" gehören gefeuert!

  5. 12.

    Wessen Interessen Bertelmann vertritt ist hinlänglich bekannt. Private"Investoren",
    die wollen für ordentliche Rendite das Geld in den Pflege-, Krankenkassen ausgeben!
    Oder Pflegeheimbetreiber werben für 16% Renditeausschüttung an ihre Anleger. Vergleiche Werbung dieser Wohltäter.

  6. 11.

    Wer beauftragte denn die Stiftung für solch eine Studie und was kostete diese dem Auftraggeber?

  7. 10.

    Der Kapitalfehler ist nicht die Anzahl der Krankenhäuser sondern die Privatisierung des Gesundheitssektors und dessen Unterwerfung unter die Gewinninteressen von Aktionären und Anteilseignern.

    Im Übrigen gibt es weitaus seriösere Institutionen als ausgerechnet die Nebenregierung in Gütersloh, die sogar der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages als Quelle ablehnt.

  8. 9.

    Danke für die Reaktion! Aus Ihrer Antwort scheint mir aber auch ein wenig das schlechte Gewissen zu sprechen - schließlich äußere ich mich nicht dazu, welchem der beiden Ansätze ich den Vorzug geben würde. Ich fand es vor allem interessant, wie unterschiedlich man allein durch die Formulierung einer doch sachlichen Überschrift an die Sache herangehen kann. Und grundsätzlich bin ich froh, dass der RBB auch bei solchen Themen noch eigene Beiträge verfasst und nicht nur den regionalen Mantel für Artikel einer Zentralredaktion bereitstellt.

  9. 8.

    Lieber Herr Ehrenburg,

    vielen Dank für Ihre Kritik.

    Aber das ist bei vielen Themen der normale Werdegang: Erst muss das Thema ja erstmal im Raum stehen (Stiftung hat Schließung gefordert, weil...), damit daraufhin verschiedene Experten und Institutionen das Thema weiter beleuchten. Die Tagesschau hat die weitere Diskussion als Titel verwendet.

    Auch wir haben im Text die Kritiker zu Wort kommen lassen. Auf Inforadio.de finden sie zusätzlich ein Interview mit dem Politikchef der AOK Nordost, der sich klar gegen den Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung ausspricht:

    https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/int/201907/15/355154.html

    Liebe Grüße,
    rbb|24

  10. 7.

    An den Überschriften sollt ihr sie erkennen:
    RBB: "Experten fordern Schließung kleiner Krankenhäuser" Tagesschau.de: "Ärzte warnen vor Klinikschließungen"





  11. 6.

    Ich finde daß jemand der das teuerste Studium in Deutschland für "Peanuts" bekommt ( ja ich weiß das man viel lernen muß) auch der Gesellschaft etwas wieder geben kann. Z. B. ein Einsatz auf dem Land. Auch dort leben Menschen die mit ihren Steuern die Unis finanzieren.

  12. 5.

    Experten empfehlen mit Steuergeldern studierte Ärzte in unterversorgte Gebiete (Dorf) zu verpflichten ????

  13. 4.

    Der Zweck der Bertelsmannstiftung ist Geld von unten nach oben zu verteilen - sehr richtig - wattn Sch***verein. Außerdem steht die Stiftung allem anderem vor. Diese Artikel müssten also eigentlich immer mit:"Eine Studie des, nicht für die Allgemeinheit arbeitenden, Bertelsmannkonzerns..." beginnen.

  14. 3.

    Im Klinikum Neukölln kann es Dir schon passieren, dass Du mehr als sechs Stunden in der Notaufnahme warten musst. Wenn jetzt mehr als die Hälfte der Krankenhäuser geschlossen wird, muss ich mir dann Urlaubstage für die Notaufnahne nehmen?

  15. 2.

    Ich will mich erstmal gar nicht für oder gegen eine Variante entscheiden. Mir scheint die Studie allerdings von einem Übermaß an Apparate-Medizin geprägt zu sein und von der Unterbelichtung des Gedankens, dass der Mensch nicht nur eine Physis aufweist, sondern auch eine Psyche.

    Da liegt Vieles quer dazu, eindeutig gemacht zu werden. - An der Benennung so bezeichneter "Zielkonflikte" kommt niemand vorbei: Welcher Aspekt hat aus welchen Gründen Vorrang? Welcher andere Aspekt kann aus welchen Gründen herabgestuft werden?

  16. 1.

    Die Bertelsmann-Stiftung propagiert immer nur neoliberale Positionen, also Sozialabbau. Von daher sollte man denen nicht über den Weg trauen. https://lobbypedia.de/wiki/Bertelsmann_Stiftung

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