Michael Müller (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister spricht im dpa-Interview(Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 15.07.2019 | Interview mit Michael Müller (SPD) | Bild: dpa/Britta Pedersen

Interview | Reaktion auf VBB-Kritik - Müller: 365-Euro-Ticket durch teurere Einzeltickets finanzieren

Mit einem 365-Euro-Ticket will Berlins Regierender Michael Müller die Verkehrswende beschleunigen. Doch woher sollen die 100 Millionen Euro Mehrausgaben kommen? Im rbb schlägt Müller vor, den Bund zur Kasse zu bitten - und Einzeltickets teurer zu machen.

rbb: Ein Bus- und Bahnticket für 365 Euro im Jahr - also für einen Euro am Tag. Das gibt's schon in Wien und künftig auch in Berlin - wenn es nach dem Regierenden Bürgermeister geht. Herr Müller, ein häufig gehörtes Argument gegen ihren Vorschlag lautet: der ÖPNV muss attraktiver werden durch bessere Anbindung, mehr Züge, höhere Sicherheit Sauberkeit. Das schaffe man nicht, indem man die Fahrpreise senkt. Was antworten Sie?

Michael Müller: Dass das erst einmal eine richtige Forderung ist, aber das eine das andere nicht ausschließen muss. Ich freue mich darüber, dass wir überhaupt jetzt diese Debatte führen über die Verkehrs- und Umweltpolitik. Da spielt ein attraktives Angebot für die BVG natürlich eine entscheidende Rolle. Und richtig ist - das habe ich auch von Anfang an immer betont - es ist ein schrittweises Ziel, das verfolgt werden muss in Einklang mit einem attraktiven Angebot. Busse und Bahnen müssen die entsprechenden Kapazitäten auch erbringen können. Wir brauchen neue Strecken, müssen investieren. Aber parallel dazu muss man natürlich auch über ein attraktives finanzielles Angebot nachdenken und über günstige Ticketpreise, damit die Leute dann auch wirklich umsteigen.

Wenn man den Preis für die Umweltkarte von heute 761 Euro auf 365 quasi halbiert, dann bedeutet das durchgerechnet Mindereinnahmen von 100 Millionen Euro jährlich für die BVG. Wer zahlt das?

Im Moment zahlt das Land Berlin schon über 700 Millionen Euro für unser Nahverkehrsangebot - das darf man nicht vergessen. Es gibt ja mehrere Stellschrauben, wie man so eine weitere finanzielle Belastung ausgleichen könnte. Wenn mehr Leute umsteigen aufgrund des günstigen Ticketpreises, hat man auch mehr Einnahmen.

Dann wird ja auch diskutiert, ob nicht der Bund sich auch beteiligen muss an Nahverkehrskosten. In Bonn zum Beispiel gibt es mit Unterstützung der Bundesregierung auch ein 365 Euro-Ticket, weil man eben schon sagt, man will das Austesten, ob wir nicht in den Ballungsräumen im Sinne einer besseren Umweltpolitik zur gemeinsamen Finanzierung kommen müssen - zum Beispiel auch über die Umlage der CO2-Steuer. Es gibt also mehrere Komponenten, die man dann berücksichtigen muss. Es ist nicht so, dass die Mehrkosten eins zu eins dann auch im Berliner Landeshaushalt landen würden.

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg fürchtet, dass das 365 Euro-Ticket in Berlin zulasten seiner Verkehrsbetriebe in Brandenburg geht. Die Unternehmen wollen nämlich eigentlich, dass die Tarife angehoben werden. Machen Sie dem VBB einen Strich durch die Rechnung?

Auch da muss man wieder genauer hingucken. In Wien zum Beispiel war es ja so, dass diejenigen belohnt wurden, die ein Abo genommen haben. Eben diese günstige 365- Euro Karte. Und das diejenigen etwas mehr zahlen mussten, die vielleicht zwei-, dreimal im Jahr fahren oder als Touristen in die Stadt kommen. Es ist möglich, Ticketpreise zu erhöhen - aber dennoch die zu belohnen, die wirklich viel mit der BVG fahren, darauf angewiesen sind oder umsteigen wollen vom Auto.

Zum Zweiten ist es doch ganz klar, dass wir uns mit Brandenburg abstimmen müssen und werden. Das haben wir immer so gemacht. Wir haben ja zum Beispiel auch schon ein 365 Euro Azubi-Ticket, das war ein ausdrücklicher Wunsch auch aus Brandenburg. Es ist doch klar: Der VBB ist uns sehr wichtig. Wir machen eine gemeinsame Landesplanung, wir wollen auch eine gemeinsame Verkehrspolitik. Aber es muss auch erlaubt sein, aus Berlin mal einen Anstoß zu geben.

Eine Sorge, die in Brandenburg geäußert wird: Wenn das Umweltticket in Berlin so wenig kostet, dann fahren die Pendler aus Brandenburg bis an die Stadtgrenze und dann steigen dann auf Bus und Bahn um. In Brandenburg würde dann der ÖPNV weniger genutzt. Wie kann man dem entgegenwirken?

Das ist genau das, was man da verabreden muss: Wie man eben gemeinsam für die Region Berlin-Brandenburg günstige Ticketpreise organisiert und in welchen Schritten? Genau das wollen wir ja nicht, dass eine Verkehrspolitik zulasten des einen oder anderen gemacht wird. Wir gehen jetzt schon gemeinsam sehr viele Schritte in Richtung günstiger Angebote: Das Azubiticket habe ich genannt, es gibt ein neues Firmenticket, da landet man bei ungefähr 470 Euro, es gibt ein günstiges Sozialticket und und und.

Warum wollen wir uns nicht das Ziel setzen, die nächsten Schritte zu gehen, die Abonnenten wirklich zu belohnen mit einem einfachen, klaren, überschaubaren Tarifangebot 365 Euro? Das muss eingeführt werden mit einem attraktiven Fahrgast-Angebot, mit mehr und besseren Zügen, in die wir jetzt investieren - aber es ist doch ein richtiges Ziel, das man sich vornehmen kann, und das man auch nicht auf die lange Bank schieben muss.

Herr Müller, herzlichen Dank für das Interview!

Leicht gekürzte Fassung des Interviews auf Inforadio. Die Fragen stellte Moderator Alexander Schmidt-Hirschfelder

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46 Kommentare

  1. 46.

    Die Frage ist nur, was ist Ursache und was ist Wirkung. Die Linke (und die SPD) werden gewählt, weil sie gegen Armut kämpfen und was für die sozial schwachen tun. Deshalb findet man beides zusammen.

  2. 45.

    Sie haben es richtig dargestellt. Bei Citymaut und erhöhten Parkgebühren muss sich ein Grossteil der Bevölkerung wegen fehlender Finanzmittel umstellen müssen.
    Allerdings führt dies dann dazu, dass sich nur "reiche Autobesitzer" eine Fahrt in die Innenstadt leisten können.
    In letzter Konsequenz führt dies zu "Freie Fahrt für Besserverdiener in Luxus-SUVs"

  3. 44.

    Erfrischend, Ihre Ehrlichkeit. Ja. Erst wenn es eine City-Maut und Parkplatz-Gebühren richtig zu Buche schlagen, wird sich ein erheblicher Anteil der Autofahrer umorientieren müssen. Und das geschieht hoffentlich bald.

  4. 43.

    Wie kommen Sie darauf, dass der private Autoverkehr subventioniert wird? Im Gegenteil, die Autofahrer zahlen deutlich mehr Steuern als für den Strassenbau und werden Instandhaltung ausgegeben wird.

  5. 42.

    als einer derer die diese " Träumereien " umsetzen soll gebe ich offen zu , ich fahre mit dem Auto zum Dienst weil es sauberer, bequemer und zuverlässiger ist egal was es kostet ! Wie auch immer die Preisgestaltung aussehen wird wer finanziell kann fährt in der City mit dem Auto. Erst wenn dies untersagt, extrem verteuert etc. wird,erst dann wird die ganze Fahrpreisdiskussion interessant. Im übrigen ,Ausweitung des Fahrangebotes ,E- Busse , die zusätzlichen Fahrer (lach) lieber kein Kommentar dazu . Der Grundgedanke vom Individualverkehr hin zum Öffi ist richtig um dem Verkehrskollaps vorzubeugen bzw. abzuschwächen.

  6. 41.

    @rbb Was kosten alle öffentlichen Autoparkplätze in Berlin jährlich? Wie werden die finanziert? Welchen Anteil zahlen die Nutzer*innen? Warum ist die Nutzung in Berlin fast kostenlos? So funktioniert die Verkehrswende NICHT! In anderen europäischen Metropolen werden anteilige Kosten in Rechnung gestellt oder sogar bessere ÖPNV Angebote damit finanziert. Die Subventionen für den privaten PKW Verkehr können reduziert werden :) Auch so bleibt mehr Steuergeld für einen bedarfsgerecht funktionierenden ÖPNV übrig.

  7. 40.

    Klarer Fall von HartzIV-Prägung. Sozialistische Mumpe!

  8. 39.

    Hallo huhu, es klingt zwar erst mal plausibel, dass der Preis ausschlaggebend war. Bei genauer Betrachtung stellte sich das aber als falsche Schlussfolgerung heraus, denn der Zuwachs fand vor der Preisreduzierung statt.
    https://www.zfk.de/mobilitaet/oepnv/artikel/wien-365-euro-jahreskarte-sorgt-nicht-fuer-mehr-fahrgaeste-2019-07-05/

    Entscheidend war das Gesamtkonzept aus verbessertem Angebot und verschärfter Kontrolle des Pkw-Verkehrs.

  9. 38.

    "...den Vielfahrer, der gern in Berlin ohne beruflichen Anlass herumkutschiert"

    als ob das iregneine Relevanz hätte- wieso sollten oft privat herumfahrende das nicht dürfen? Schließlich machen das auch alle Renter so. Und ja, auch die, die zum Arzt müssen- viel von denen übrigens auch mehrmals im Monat. Und auch Rentner haben ein Sozialleben und Freizeitinteressen- auch die profitieren von einem Monatsticket in Höhe von 30.- Eur (im Gegensatz zu jetzt).

    Und wenn tatsächlich jemand nur einmal im Monat zwei Fahrkarten für Hin- und Rückweg braucht und ansonsten nie mit den Öffentlichen fährt, wird eine evtl. Mehrbelastung sich absolut gerechnet in Grenzen halten- die Ersparnis aller anderen (Rentner) hingegen wird signifikant höher ausfallen.
    Mit anderen Worten: die allermeisten Rentner werden von einem 365 Eur Ticket profitieren.

  10. 37.

    Genau! Ich nutze auch die Viererkarten (Kurzstrecke und Normal) und liege damit unter den 365 Euro. Ganz große Klasse, dass das zu Lasten der Wenigfahrer geht.

  11. 36.

    Woran Sie gerade denken, diese Freiheit möchte ich Ihnen nicht nehmen.

    Gleichwohl bleibt die Frage, wie die 100 Millionen im Jahr sich auf die dann verkauften Einzelfahrscheine und von mir aus auch Vierer Karten verteilen, denn wenn Müller letztere ausklammern würde, könnte die Rechnung nicht aufgehen.

  12. 35.

    Müllers Vorschlag bewirkt die Mehrbelastung von Wenigfahrern, die dann Vielfahrer mitfinanzieren.

    Das Beispiel, ein Rentner, der gelegentlich einen Arzt aufsuchen muss, finanziert dann den Vielfahrer, der gern in Berlin ohne beruflichen Anlass herumkutschiert. Muss nicht immer so sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es so ist, ist significant.

  13. 34.

    Die Einzelfahrt kostet schon länger 2,80€. Der Rentner, der sich solch ein Ticket kauft ist selber schuld. Die 4er-Karte ist erheblich preiswerter und wurde bei der letzten Erhöhung auch nicht teurer. Warum muss ich gerade an den Blinden denken, der über Farben redet?

  14. 33.

    Blöd, dass trotzdem der Anteil am Modal Split gleich geblieben ist. Der hatte sich vor allem durch den Ausbau des Angebotes erheblich vergrößert, stagniert aber seit der Preissenkung. Es wird also trotz rd. 1/3 billigeren Jahresabo in Wien nicht häufiger mit Bus und Bahn gefahren.

  15. 32.

    Was qualifizieren Sie hier denn potentielle Nutzer dieses 365-Euro-Tickets als "hippe Vielfahrer" ab? Was ist denn bitte an häufiger ÖPNV-Nutzung "hip"? Haben Sie ein Problem mit Abo-Kunden oder was stimmt nicht bei Ihnen? Es geht Ihnen einzig und alleine darum, ALLES schlechtzureden, was dieser Senat vorschlägt. Wir sollten stattdessen einfach alle weiterhin so viel Auto fahren wie möglich und in Sachen ÖPNV rein gar nichts ändern. Das wird für eine Millionenmetropole das beste sein.

  16. 31.

    " Busse und Bahnen müssen die entsprechenden Kapazitäten auch erbringen können. Wir brauchen neue Strecken, müssen investieren. Aber parallel dazu muss man natürlich auch über ein attraktives finanzielles Angebot nachdenken und über günstige Ticketpreise, damit die Leute dann auch wirklich umsteigen."

    Das parallel gefällt mir besonders gut. Erstmal sollte in den Nahverkehr und deren Fahrplan vernünftig investiert werden. Und wenn man Ergebnisse sieht, dann kann man sich über die Gestaltung der Ticketpreise Gedanken machen. Solange dahingehend nichts passiert, wird auch keiner, der es nicht unbedingt muss, auf den ÖPNV umsteigen.

  17. 30.

    Eine wichtige Zahl fehlt, so etwas ist bei Müller-Interviews normal.

    Müller sagt, sein 365 € Jahresticket soll der Bund bezahlen. Ich gehe erstmal davon aus, der zahlt dafür nichts. Dann müssen die 100 Millionen im Jahr auf die Einzelfahrscheine umgelegt werden.

    Daher die Frage, wieviel wird dann ein Einzelfahrschein kosten? Im Augenblick zahlt der Rentner, der zum Arzt muss, 2.70 € für den Einzelfahrschein..
    Was wird er künftig, um hippe Vielfahrer mitzufinanzieren, dann zahlen müssen?

  18. 29.

    Unklar ist, wie mit den Tarifzonen umgegangen werden soll. Aus dem im Text genannten derzeitigen Abo-Preis lässt sich schließen, dass AB gemeint ist. Was ist mit BC und ABC, werden die mitverbilligt, proportional oder anteilig? Was ist mit Monatskarten die weitere Tarifzonen wie Potsdam oder Landkreise enthalten?

  19. 27.

    Bevor die Partei in einstellige Wahlergebnisse rutscht, lieber noch ein paar Stimmer "kaufen" solange man das noch kann.

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