Grafik zu den Plänen für den Siemens-Innovationscampus in Berlin (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 10.07.2019 | Sebastian Schöbel | Bild: rbb

Planungswerkstatt - Wie die Bürger bei der Siemensstadt 2.0 mitreden wollen

Noch im Juli könnte der Architekturwettbewerb für den Berliner Siemens-Campus starten. Das Projekt löst auch Skepsis aus, vor allem bei Anwohnern. Eine Planungswerkstatt soll sicherstellen, dass der Bürgerwille nicht ignoriert wird. Von Sebastian Schöbel

Das Stadtteilbüro der Bundestagsabgeordneten Helin Evrim Sommer ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die Stimmung gut. Die Linken-Politikerin hat an diesem Dienstagabend zu der von ihr unterstützten "Planungswerkstatt Siemensstadt" eingeladen, es ist bereits das vierte Treffen der Gruppe.

Mehr als zwei Dutzend Leute sitzen um einen langen Tisch herum und diskutieren über das größte Stadtentwicklungsprojekt Berlins: den neuen Siemens-Campus, der hier gleich um die Ecke entstehen soll. Überall liegen Kartenausdrucke, ein Beamer wirft Notizen an die Wand.

Bürgerbeteiligung heute, Akzeptanz später

"Wichtig ist, dass die Anwohner von Anfang an einbezogen werden, wenn sich ihr Kiez verändert," sagt Helin Evrim Sommer, "dass sie in den Prozess einbezogen werden und auch mitgestalten können." Die Planungswerkstatt soll den Bürgerwillen in das Großprojekt Siemens-Campus hineintragen. Unter den Teilnehmern sind Berliner Bürgerbeteiligungsveteranen, die schon ums Tempelhofer Feld gekämpft haben, aber auch Anwohner, die zum ersten Mal politisch aktiv werden. "Diese Menschen wohnen dort, immer noch", so Sommer, "und die müssen das Gebiet auch annehmen."

Angst vor Verdrängung

Denn Ängste gibt es in Verbindungen mit den Siemens-Plänen durchaus, das wird bei diesem Treffen deutlich. Angst vor jahrelangem Bau-Chaos und Verzögerungen, Angst vor dem Verkehrskollaps. Vor allem aber Angst vor Verdrängung - außerhalb und innerhalb von Siemens. Einige Anwohner fürchten die Gentrifizierung der Siemensstadt durch hochpreisige neue Siemens-Wohnungen und einkommensstarke Nachbarn. Die Siemensianer, vor allem in den alteingesessenen Unternehmensteilen wie der Gasturbinenfertigung, haben Angst, dass für sie auf dem topmodernen Campus mit all seinen Start-ups, Forschungslaboren und Innovationsschmieden kein Platz mehr sein wird.

Der Google-Konzern ist mit seinem Campus in Kreuzberg an ganz ähnlichen Bedenken krachend gescheitert. Droht Siemens das Gleiche in Spandau?

Nicht unbedingt, sagt Hans-Ulrich Riedel, Fraktionsgeschäftsführer der Linken in der Bezirksverordnetenversammlung. "Erstens halte ich Siemens für wesentlich intelligenter", sagt der gelernte Architekt und Stadtplaner. "Und zweitens ist es tatsächlich auch so, dass eine ganze Reihe von Menschen hier Hoffnung in dieses Projekt setzen. Deswegen müssen wir - genauso wie Siemens - verantwortungsvoll damit umgehen und nicht einfach auf Konfrontation setzen."

Doch was, wenn es doch zum Konflikt kommt? "Wenn wir das Gefühl haben, über den Tisch gezogen zu werden, können wir auch lauter werden."

Die Planungswerkstatt bei der Arbeit

Ein Projekt mit Vorbildcharakter

Unter anderem fordern die Teilnehmer der Planungswerkstatt, dass der Siemens-Campus für die Öffentlichkeit zugänglich ist, dass soziale Infrastruktur wie Schulen und Kitas geschaffen werden und dass die versprochenen Sozialwohnungen wirklich kommen - Punkte, die sich zum Teil bereits in der Vereinbarung zwischen dem Land Berlin und Siemens finden und seitdem vom Konzern auch bei öffentlichen Veranstaltungen zum Campus versprochen werden.

600 Millionen Euro will Siemens für seinen Campus ausgeben - und damit einen ganz neuen Kiez erschaffen. Stadtplanung mit einem profitorientierten Konzern: eine einmalige Ausnahme oder vielleicht doch ein Projekt mit Vorbildcharakter? "Na klar könnte es Schule machen", sagt die Linken-Politikerin Sommer. "Wenn private Unternehmen und Konzerne etwas Gutes machen, sollte man sie dafür auch loben." Sofern es Menschen helfe, sagt sie. Der Konzern müsse erst zeigen, dass er Bürgerbeteiligung wirklich ernst nimmt. 

Ende Juli beginnt der städtebauliche Wettbewerb für den Siemens-Campus. In der Jury, sagt Sommer, sollten dann auch die Bürger der Siemensstadt vertreten sein - und ihre Wünsche Teil der Vorgaben für die Architekten werden.

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7 Kommentare

  1. 7.

    Doch, Hi-Tech im Sinne der Klimafreundlichen Mobilität. Heuchelei ist nur dass man andere umerziehen möchte, also Wasser predigt und Wein trinkt. Schon wahr, die TU quillt mit Pkw ringsum über.

  2. 5.

    Schöne Ideen.
    Wann wird's fertig sein? 2050? 2060?

  3. 4.

    Ich denke eher, wenn der Campus fertig ist, wird es keine Autos mehr in der Innenstadt geben. Die Öffis sind dann natürlich noch so wie heute.

  4. 2.

    Der Bürgerwille solle nicht ignoriert werden. Sagt die Linken-Politikerin als Geburtshelferin der "Planungswerkstatt Siemenssstadt". Was ist der "Bürgerwille" ? Definiert das nun die Linkspartei mit unter 10 % Wählerstimmen in der betroffenen Region?
    Wir haben in Berlin genügend vom Steuerzahler gut bezahlte "Werkstätten" der Planung auf Bezirks- und Stadt-Ebene, die den jeweiligen Parlamenten gegenüber berichtspflichtig sind. Eine weitere, demokratisch nicht legitimierte "Werkstadt" ist nicht erforderlich. Wem ist die "Werkstatt" berichtpflichtig, wie werden da Entscheidungen herbeigeführt?
    Im Planungsanhang der "Werkstatt" kommen wieder Kaltluftschneisenexperten zum Zuge, ich hoffe, es sind nicht dieselben, deren Empfehlung zur jahrzehntelangen Tempelhofer Industriebrache in bester Stadtlage geführt hat.

  5. 1.

    Am geplanten Campus werden aber tausende Pkw-Parkplätze benötigt, wie an der TU Berlin zwischen Tiergarten und Reuter-Platz, ohne Gebühr versteht sich! Damit die Klimaforscher mit dem Pkw zur Uni können.

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