Ortseingang Proschim (Quelle: rbb)
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Video: rbb-Reportage "Proschim - das letzte Dorf"| 14.07.2019 | Ulrike Steinbach | Bild: rbb

Interview | Drohende Abbaggerung von Proschim - "Es ist idiotisch, uns abzureißen"

Der Tagebau Kausche ist noch 500 Meter von Proschim entfernt: Ob er sich das Lausitzdorf einverleibt, ist immer noch nicht klar. Filmemacherin Ulrike Steinbach hat die Proschimer gefragt, wie es sich so lebt am Rande des Abgrunds - und deutliche Antworten erhalten.  

rbb|24: Frau Steinbach, Sie haben einen Film gedreht über das Dorf Proschim in der Niederlausitz. Trotz Kohleausstieg, könnte Proschim für eine Erweiterung des Tagebaus abgebaggert werden. Warum?

Ulrike Steinbach: Obwohl der Kohleausstieg beschlossene Sache ist, hat die Politik dem Energieversorger Leag die Entscheidung überlassen, ob sie das Dorf noch brauchen oder nicht. Bis 2038 dürfen sie noch Kohle abbaggern, der Tagebau Welzow 2 ist nur 500 Meter von dem Dorf entfernt. Wenn die Leag die Abbaufläche wie geplant noch erweitern will, wäre Proschim weg.

Wie ist die aktuelle Situation?

Im Abschlussbericht der Kohlekommission wird das Dorf nicht erwähnt, insofern ist die Situation für die Menschen dort völlig unklar. Die Leag will sich bis nächstes Jahr entscheiden, wie es weitergeht. Wahrscheinlich werden sie abwarten, wie sich die politische Situation weiter entwickelt. Und die Leute im Dorf warten auf die Entscheidung.

Ulrike Steinbach (Quelle: privat)
Filmemacherin Ulrike Steinbach | Bild: privat

Wie gehen die Menschen mit dieser Unsicherheit um, ob ihr Haus in ein, zwei Jahren noch steht?

Das Dorf ist gespalten. Es gibt ganz aktive Menschen, die - wie im Film zusehen ist - gelbe Kreuze aufgestellt haben, um gegen die Abbaggerung zu protestieren. Die Kohle-Gegner demonstrieren auch und setzen sich ein, soweit sie können. Und dann gibt es die andere Seite: Die Leute, die bei dem Energieversorger arbeiten. Die halten sich mit ihrer Meinung zurück oder sagen: "Ja, nun, so ist das nun mal. Wenn der Bagger kommt, ziehen wir halt um." Das Dorf hat ja nun schon Jahrzehnte der Unsicherheit hinter sich.

In Ihrem Film wird deutlich, dass der Riss auch mitten durch Familien geht. Trotzdem scheint die Dorfgemeinschaft gut zu funktionieren. Wie erklären Sie sich das?

Gute Frage, das haben wir uns zunächst auch nicht erklären können. Viele, die gesagt haben: "das halte ich nicht aus", sind längst weggezogen. Jetzt gibt es in Proschim noch 275 Einwohner - und diejenigen, die geblieben sind, hängen an ihrem Dorf und der Gemeinschaft. Viele sind in Vereinen aktiv, und aus dem alten Gasthof haben sie ein Kulturzentrum gemacht.

In einer Szene kommt ein Feuerwehrmann zu Wort, der sagt, dass er mit seinen Kameraden das Thema Kohle grundsätzlich ausklammert. Das ist dann wohl auch so eine Art des Umgangs damit.

Zum Teil sind die Menschen in Proschim schlicht genervt von dem Thema – müssen die Leute jetzt schon wieder zu uns ins Dorf kommen deswegen? Aber wenn man ins Gespräch kam, hatten dann doch viele ein Redebedürfnis.

Einige Bewohner in dem Dorf haben sich dafür eingesetzt, dass Windräder aufgestellt werden. Jetzt produziert das Dorf 60 mal mehr Strom, als es verbraucht. Ausgerechnet dieses Dorf soll nun plattgemacht werden für Braunkohle.

Die Leute in Proschim haben natürlich bewusst die erneuerbaren Energien vorangetrieben. Sie wollen deutlich machen: Das lassen wir nicht mit uns geschehen, es ist idiotisch, uns abzureißen.

In dem Film kommen auch junge Aktivisten vor, die nicht aus der Region kommen, sondern zum Demonstrieren dorthin gekommen sind. Wie werden die im Dorf beurteilt?

Teils, teils. 2016 gab es das große Klimacamp. Ein Aktivist erzählte uns, ein Landwirt habe ihnen eine große Wiese zur Verfügung gestellt und sie auch unterstützt. Der Landwirt soll danach große Probleme bekommen haben, erzählt man sich im Dorf. Daraufhin hat er sich ziemlich zurückgezogen - mit uns wollte er nicht sprechen.

Eindrucksvoll in dem Film  ist eine Szene, in der eine ältere Frau unter Tränen sagt: Wenn ich hier weg muss, dann nehme ich mir einen Strick. Ist es wirklich vorstellbar, dass jetzt noch ein Dorf für die Braunkohle weichen muss?

Wir haben bei der Leag nachgefragt, es gibt noch keine Pläne, was konkret mit Proschim passieren soll. Solange die Entscheidung noch nicht da ist, werden in der Nähe Baugrundstücke freigehalten. Ich bin eigentlich eher optimistisch, dass das Dorf erhalten bleibt - gerade weil die Politik in die Richtung geht und man es eigentlich auch keinem mehr erklären kann. Auch im Dorf sind die meisten vorsichtig optimistisch.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Matthias Pohl, Redaktion rbb|24

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Antwort auf [Esperanto] vom 13.07.2019 um 11:29
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15 Kommentare

  1. 15.

    Alle Dörfer bleiben...

  2. 14.

    Ohne Kohle hat die ganze Region keine Zukunft. Es bestehen zudem Zweifel ob die Proschimer alle gegen die Kohl sind. Das ganze Kima im Ort scheint vergiftet und da wird sich auch nichts anderen wenn Proschim belieben sollte. Dann gehen die Probleme in der Region richtig los. Die Grünen Weltverbesserer sind dann Weg und die Leute in der Region stehen allein da.

  3. 13.

    Solche Behauptungen können leicht vor Gericht laden. Üble Nachrede und da eine Firma dazu noch § 824 BGB Kreditgefährdung.

  4. 12.

    Danke RBB für diesen Beitrag. Die Kohleverstrohmung soll laut Kohlekommission 2038 beendet sein! Wenn unsere Regierung diesen Vorschlag umsetzt, ist dann definitiv schluss! Die Leag hat ihren Rahmenbetriebsplan für das Teilfeld 1 bis 2037 verlängern Lassen! Also würde ja Proschim nicht dem Tagebaue weichen. Proschim liegt nämlich so wie der Flugplatz Welzow im bereich des Teilfeld 2. Teilfeld 2 würde somit als Erweiterung des Teilfelds 1 erst 2037 weiter gehen.
    Ich finde es viel wichtiger, dass am zusammenhalt im Dorf gearbeitet wird. Es sollte jeder über seinen Schatten springen und Proschim wieder zu dem machen was es einmal war!

  5. 11.

    Danke RBB für diesen Beitrag!
    Wer den gesehen hat weiß jetzt das Süd Brandenburg von der Kohlelobby regiert wird. Unglaublich was den Proschimern zugemutet wird. Die Entscheidung ob Proschim Weg kommt oder nicht der LEAG zu überlassen ist ein Verbrechen Herr Woidke !!! QUITTUNG KOMMT AM 01.09.

  6. 10.

    John aus Berlin dreht mal wieder auf....
    <<<Lebenswertigkeit nach Jahren der Nullinvestition<<<Sie kennen Proschim gar nicht,Knieschuss!
    <<<Des weiteren hat die LEAG im vergangenen Wirtschaftsjahr ihre Planziele erfüllt<<<
    Na dann mal rüber mit den Zahlen...und wieviel Gewerbesteuern bei den betroffenen Kommunen angekommen sind.
    2017 waren es 70 Mio. Miese.
    Batterie in Pumpe, können die gerne machen, aber bitte OHNE 4 Millionen vom Steuerzahler !!!
    @RBB, der Tagebau heißt "Welzow-Süd "(Teilfeld 1), der ist noch 500m von Proschim entfernt.

  7. 8.

    Dr. Kawasaki dreht mal wieder auf...

    Wenn bei der LEAG die Licher ausgehen, dann erübrigt sich doch Ihr schier endloser propagandistischer Kampf gegen das Unternehmen von selbst. Also keine Panik und Proschim bleibt stehen, wobei die lokale Lebenswertigkeit nach Jahren der Nullinvestition schwer von ausserhalb einzuschätzen ist.
    Des weiteren hat die LEAG im vergangenen Wirtschaftsjahr ihre Planziele erfüllt und neben den hohen Tariflöhnen und der Erfolgsbeteiligung auch wieder höhere Steuern bezahlt. Zudem ist auch das Projekt der Batterie im Schwarze Pumpe mit Eigenmitteln teilfinanziert, sowie wurde ein Großteil der Azubis übernommen.
    Also bitte (auch wenn es schwerfällt) bei den Fakten bleiben, denn eine Insolvenz sieht anders aus.

  8. 7.

    Der Braunkohletagebau in Deutschland verursacht Jahr für Jahr gesellschaftliche Kosten i.H.v. 15 Milliarden Euro. Das wird aus Steuergeldern von uns allen bezahlt. Ich finde dieses Geld ist in einer Technologie von Vorvorgestern nicht gut angelegt. Mit einem Teil dieses Geldes können Sie für die betroffenen Kumpel Umschulungen, Beschäftigungsgesellschaften und vieles mehr finanzieren.

  9. 5.

    Die LEAG ist keine "funktionierende" Firma. Sie macht Verluste! Auf Kosten der Dorfbewohner, auf kKsten unseres Klimas, auf Kosten der Umwelt und zukünftiger Generationen. Nach marktwirtschaftlichen Prinzipien hätte diese Firma längst Insolvenz anmelden müssen. Nach umweltpolitischen Prinzipien hätte diese Firma längst ihren angerichteten Schaden begleichen müssen!

  10. 4.

    1: In der Nähe von Proschim
    2: Nein, das alles ist nicht idiotisch, es ist sogar sehr, sehr klug. Man fängt halt erst mal vor der eigenen Haustür mit dem Kehren an. Wie viele Jobs sind in der Regionen Leipzig/Halle in den EE seit 10 Jahren verloren gegangen. Ich erinnere mich da dunkel an das SolarValley.

  11. 3.

    Welcher normale Mensch mit einem mindestens durchschnittlichen IQ glaubt noch ernsthaft daran, dass die Kolchose PROSCHIM abgegbaggert wird? Dieser Drops ist längst gelutscht und politisch nicht mehr durchsetzbar.
    Also was soll diese erneute Hysterie und "Sonderberichterstattung"? Dafür ist Zeit, wenn recht bald auch in Cottbus die fahrenden Einkaufsläden und der Rufbus Realität sind und uns der "LANDSCHLEICHER" des RBB besuchen kommt.

  12. 2.

    1. Frage: wo befindet sich der "Tagebau Kausche" ?
    2. Frage: wo findet man die Meinung der auch wegen PROSCHIM vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Kumpel?
    Ist es nur idiotisch PROSCHIM abzureißen oder ist es auch idiotisch, aus rein idieologischen Gründen eine funktionierende Firma plattzumachen? Ist es auch idiotisch, in der Lausitz aus der Kohlestromproduktion auszusteigen wenn wenige Kilometer weiter polnische Schlote ungeniert weiterrauchen? Ist es idiotisch, aus dem Atomstrom auszusteigen, wenn unweit der deutschen Westgrenze 58 AKWS zuverlässig Strom (auch für Germany) produzieren? Ist es idiotisch, das Land mit Windrädern zu verschandeln? Bayern macht das nicht! u.s.w.u.s.f.

  13. 1.

    Es wäre ziemlich verlogen, wenn das Dorf jetzt noch abgebaggert würde, genauso wie beim Hambacher Forst. Nur dass hier noch Menschen wohnen.

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