Berlin: Zwei Menschen laufen in der Straße Unter den Linden an einem Geldautomaten vorbei (Quelle: DPA/Lisa Ducret)
Audio: Inforadio | 27.08.2019 | Oliver Soos | Bild: dpa

Interview | Kersten Trojanus, AG Geldautomaten - "Der Zuwachs unabhängiger Geldautomaten wird weitergehen"

Der Betrieb von Geldautomaten ist teuer, sagt Kersten Trojanus. Er vertritt unabhängige Anbieter, die für jede Transaktion direkte Gebühren verlangen. Dass es solche Angebote in Zukunft öfter geben wird, liegt vor allem am Rückzug klassischer Banken, sagt er.

rbb|24: Warum ist Bargeld bei unabhängigen Betreibern von Geldautomaten so teuer?

Kersten Trojanus: Es ist nicht teuer, es ist kostengerecht verpreist. Der Hauptgrund für unsere Gebühren ist, dass wir keine eigenen Konten haben, sondern dass alle Abhebenden Fremdnutzer sind. Da wir keine eigenen Konten anbieten, können wir auch nicht wie einige Banken zehn, 15 oder 20 Euro Kontoführungsgebühr nehmen, mit denen Einzelleistungen verrechnet werden können. Wir müssen tatsächlich jede Transaktion einzeln bepreisen, um kostendeckend arbeiten zu können.

Und was heißt teuer? Wir haben Standorte, an denen kostet das Abheben einen Euro, wir haben Standorte mit 1,95, es gibt Standorte mit drei, mit vier, mit 5,95 Euro. Die verschiedenen Kosten hängen im Wesentlichen mit dem Standort zusammen, denn wir bezahlen teilweise wahnsinnig hohe Mieten.

Wie hoch liegen denn die Mietkosten für einen Geldautomaten, zum Beispiel in Berlin?

Also da gibt es von bis. Es gibt Standorte, die Geldautomaten als einen Service anbieten wollen. Das ist üblicherweise bei Lebensmittelgeschäften der Fall. Ich habe mal gelesen, im Einzelhandel profitieren die Händler am meisten. Die Leute heben Geld ab, werden aber gleich zum Kunden und bezahlen mit dem abgehobenen Geld. Also da sind wir relativ günstig dabei. An hoch frequentierten Standorten in der Hauptstadt werden bis zu vierstellige Mieten pro Monat verlangt. Das muss man erst mal wieder verdienen.

Wenn man sich die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre anschaut, dann fällt auf, dass es heute im Stadtbild deutlich mehr Schildchen gibt, die auf Geldautomaten von Drittanbietern hinweisen. Wie kam es denn zu dieser Entwicklung?

Also die Entwicklung ist klar. Die Banken bauen Filialen ab. Die Kunden nutzen ihre Banken zunehmend online. Es gehen weniger Leute in die Filialen. Diese werden geschlossen, weil sich mit den Flächen nicht mehr genügend Umsatz und Ertrag erwirtschaften lassen. Auf dem Land, wo der Filialrückbau besonders stark spürbar ist, versuchen wir gemeinsam mit den Gemeinden Modelle zu finden, die eine Bargeldversorgung sicherstellen.

Dass man in Städten wie München, Hamburg, Berlin vermehrt unabhängige Geldautomaten sieht, hat auch noch einen anderen Grund: Neben den traditionellen, deutschen Abhebenden ist da natürlich auch noch touristischer Verkehr. Geldautomaten zum Abheben von Bargeld im Ausland zu nutzen ist ein gängiges Verfahren. Insofern findet diese Nutzung verstärkt in den Innenstädten und Speckgürteln der Großstädte statt. Aber im Wesentlichen hängt diese Entwicklung mit der Schließung von Bankfilialen zusammen.

Ihre Mitglieder springen da in Lücken, die entstehen?

Solche Lücken merken wir auch. Haben wir Geldautomaten an Standorten, an denen eine Filiale schließt, steigen dort die Transaktionen in die Höhe. Der Bedarf für Bargeld ist ja da.

Können Sie eine Prognose zur weiteren Entwicklung abgeben?

Die Mitglieder der AG Geldautomaten haben derzeit bundesweit knapp 5.000 Geldautomaten. Das sind fast zehn Prozent des deutschen Geldautomatenbestandes. Und wir wachsen zweistellig pro Jahr. Ich denke, das wird so weitergehen. Die nächsten Fusionen im Bereich der Genossenschaftsbanken und Sparkassen werden kommen. Ob das bei den Großbanken auch so kommt, werden wir sehen. Nach einer Fusion findet als erstes ein Filialabbau statt, um die Überlappung der Flächen im Vertriebsnetz zu bereinigen. Der Zuwachs an unabhängigen Geldautomaten wird also weitergehen. Vielleicht nicht in der gleichen Geschwindigkeit wie bisher, denn es gibt natürlich auch einen Zuwachs bei anderen Zahlverfahren.

Banken sind tendenziell daran interessiert, Geldautomatentätigkeiten immer mehr auszulagern

Wir spüren natürlich auch, dass es mehr Auszahlungen an der Supermarktkasse gibt, mehr Online-Zahlverfahren und so weiter. Es gibt Tendenzen, dass sich andere Zahlverfahren auch etablieren. Aber der Bedarf nach Bargeld wird sich dann auf die Automaten konzentrieren, die noch da sind. Und das sind dann eben die Automaten der Drittanbieter oder der verbliebenen Institute.

Haben Sie einen Überblick, wie viele Automaten Ihrer Mitglieder in Berlin und Brandenburg stehen?

Das habe ich leider nicht. Die Mitglieder der AG Geldautomaten stehen untereinander auch im Wettbewerb und legen die Zahlen nicht gegenseitig offen. Für Berlin schätze ich zwischen drei- und fünfhundert.

Kommen wir nochmal zu den Kosten zurück. Wie teuer ist es denn so einen Automaten zu installieren und was kostet der Betrieb im Monat?

So ein Automat kostet im Monat zwischen 1.000 und 1.500 Euro, wenn es teure Verbauungen sind auch mal 2.000 Euro plus Miete. Da sind die Betriebskosten drin, da ist das Monitoring drin, da sind die Software- und Hardware-Kosten drin. Da sind Sicherheits-Features drin. Die Reinigung der Automaten. Und vor allem das Befüllen.

Große Herausforderungen für uns in Deutschland sind aktuell stark steigende Kosten für Werttransporteure sowie die neue Konkurrenzsituation durch das nun mögliche Geldabheben an der Supermarktkasse. Während die unabhängigen Automatenbetreiber hohe Kosten für die Sicherung der Automaten sowie die Verfügbarkeit von Bargeld aufbringen müssen, können Mitarbeiter der Supermärkte das eingenommene Geld, ohne aufwändige Prüfung von Echtheit und Umlauffähigkeit durch zertifizierte Prüfmodule, wieder an Kunden auszahlen. Unabhängige Geldautomatenbetreiber dagegen beziehen die geprüften Noten für die Automatenbefüllung ausschließlich von der Bundesbank. Das verursacht hohe Kosten, die am Ende auch der Kunde in Form von Abhebegebühren mittragen muss.

Wie schnell kann man so einen Automaten aufstellen oder wieder abbauen?

Teilweise stehen die innerhalb von zwei Wochen. Manchmal dauert es etwas länger, je nach Spediteur, die das dann auch für uns verbauen. Aber ansonsten geht das relativ schnell. Der Abbau genauso.

Sind Diebstahl oder Sprengungen Probleme, die sie betreffen?

Ja klar, auch das ist ein Thema für uns. Wir investieren schon seit Jahren massiv in Sicherheit. Das kostet richtig viel Geld. Die Geschäftsbanken dachten ja immer: "Wenn die Geldautomaten in der Filiale stehen, sind die sicher." Tatsächlich finden diese Sprengungen fast alle in den Filialen statt. Da wird einfach die Kamera ausgeknipst oder besprüht und dann werden die Automaten da alle morgens um fünf mit Gas bestückt und gesprengt. Das Problem haben wir in diesem Umfang nicht, weil wir bereits seit Jahren verschiedene Sicherungssysteme haben. Aufbrüche und Sprengungen gibt es auch bei uns. Aber nicht in dem Umfang, wie das Geschäftsbanken haben. Wir haben viel Geld in physische Sicherheit investiert, in den Automaten ist Tinte drin, ein Gasschutz, sehr starke Tresore.

Auch in logischen Schutz haben wir investiert, was den Schutz von USB-Anschlüssen angeht etwa. Die Schäden, die durch erfolgreiche Angriffe durch PCs entstehen, die an die Automaten angeschlossen werden, sind ja viel höher als die Schäden durch Sprengungen. Wenn ein Automat so manipuliert werden kann, dass er auszahlt wie eine Slotmachine im Casino. Auch der Schutz davor kostet richtig Geld. Das sind Millionen, die man da investieren muss. Jetzt müssen die Geldautomaten auf Windows 10 umgestellt werden. Das geht bei jedem Betreiber in die Millionen. So ein Netz an Geldautomaten kostet einfach richtig viel Geld.

Bei Banken finden 95 Prozent der Transaktionen am Geldautomaten durch eigene Kunden statt. Da verdient eine Bank keinen Cent dran. Die wenigen Fremdtransaktionen, die zum Beispiel Sparkassen abwickeln und für die sie noch 5,60 Euro in Rechnung stellen können, decken ja nicht einmal im Ansatz die Kosten, die sie haben. Deswegen sind die Banken tendenziell daran interessiert, diese Geldautomatentätigkeiten immer mehr auszulagern. Mit den derzeit niedrigen oder keinen Zinserträgen trägt sich so ein Geldautomatennetz einfach nicht mehr für Banken.

Vielen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Oliver Noffke für rbb|24.

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5 Kommentare

  1. 5.

    Und der Automat liest Ihre Karte, gleicht sie ab, erkennt die PIN, gleicht sie ab. Und gibt den richtigen Betrag heraus. Teilweise auch in der Stückelung, die Sie haben wollen. Und auf dem Bildschirm steht sogar, was Sie machen sollen und können, auch in mehreren Sprachen... Denken Sie, da sitzt im Automat ein Mensch, der das alles für Sie macht? Und der klärt mit dem BackOffice per Handy Ihre Eingaben?

  2. 4.

    Aha. Sie verstehen aber schon, dass Windows das weltweitführende Betriebssystem ist? Sie können ja gerne beim Hersteller der Geldautomaten mal nachfragen. In D ist der Platzhirsch Wincor Nixdorf. Hier geht es aber um die Betreiber, nicht um die Hersteller. Und die Vernetzung ist entscheidend.

  3. 3.

    Manches bleibt mir schleierhaft: Wieso muß irgendson Automat auf Windows umgestellt werden? Ich kenne und nutze seit den frühen 80-iger Jahren Bankomaten und die haben seitdem immer noch Bildschirm und Eisentastatur. Betrag eintippen, Geld kommt heraus, fertig.

  4. 2.

    Die Bargeldversorgung der Bevölkerung ist Grundauftrag der Bundesbank und der Banken, ganz unabhängig von der Rentabilität. Natürlich ist „virtuelles“ Geld billiger, aber es leistet eben auch nicht, was Bargeld leistet, und schafft dafür neue Probleme und Abhängigkeiten („Mitlesen“ aller Zahlungsvorgänge durch Staat und Unternehmen, nicht krisenfest, nicht ohne betriebsfähige IT, Endgeräte und Internet nutzbar).

    Die Auszahlung über Supermärkte hängt auch damit zusammen, dass es für die Märkte ggf. billiger ist, das eingenommene Bargeld an die Kunden abzugeben (und dafür bezahlt zu werden), statt es teuer zur Bank bringen zu lassen.

  5. 1.

    "Jetzt müssen die Geldautomaten auf Windows 10 umgestellt werden. Das geht bei jedem Betreiber in die Millionen."
    Es gibt Alternativen. Für das Geld könnte man sicher auch einmalig auf ein freies Betriebssystem umstellen und wäre von Lizenzen an Microsoft befreit. Die Bedienoberfläche muss so oder so gepflegt werden, die Kosten dafür ändern sich also auch nicht wesentlich. Und da im Backendbereich sicher auch schon vergleichbare Systeme im Einsatz sind, dürfte eine Zertifizierung des Betriebssystems auch kein unüberwindliches Hindernis sein.

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