Fahrradkurier von Deliveroo auf dem Kurfürstendamm in Berlin (Quelle: imago-images/Stefan Zeitz)
Bild: Audio: ARD | 12.08.2019 | Thomas Spickhofen

Kurzfristiges Aus für Fahrer und Kunden - Lieferdienst Deliveroo stellt sein Geschäft in Deutschland ein

Einer der größten Essenslieferdienste gibt auf: Wie Deliveroo am Montag mitteilte, wird das Deutschland-Geschäft in dieser Woche eingestellt. Die selbstständigen Kurierfahrerinnen und -fahrer haben am Freitag ihren letzten Arbeitstag.

Der britische Essenslieferdienst Deliveroo verlässt den deutschen Markt. Das hat das Unternehmen am Montag rbb|24 bestätigt. Deliveroo ziehe sich zum 16. August 2019 aus Deutschland zurück, teilte Sprecher Johannes Gottstein mit.  

Zu den Gründen hieß es von Sprecher Gottstein, Deliveroo wolle sich auf die Märkte konzentrieren, in denen "das größte Wachstumspotenzial" und "die größte Rendite" erwartet werde. In diesem Zusammenhang nannte er Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. "In den anderen Märkten bleibt das Unternehmen weiterhin aktiv", betonte Gottstein.

Hintergrund ist mutmaßlich das Erstarken des Marktführers Takeaway in Deutschland: Die mit der Marke "Lieferando" bekannt gewordenen Niederländer hatten vor wenigen Monaten das Deutschland-Geschäft des Rivalen Delivery Hero ("Lieferheld", "pizza.de", "Foodora") geschluckt und sind gerade dabei, die britische "Just Eat" zu übernehmen.

Archivbild vom 13.04.2018: Fahrradkuriere in Berlin protestieren gegen Lohndumping und Arbeitsbedingungen. (Quelle: imago-images/Christian Ditsch)
Bild: imago-images/Christian Ditsch

Am 16. August ist Schluss

Deliveroo informierte nun am Montag seine Kunden in einer E-Mail über das Aus. Unter dem Betreff "Goodbye - for now" hieß es, dass der Betrieb in Deutschland mit dem kommenden Freitag, 16. August, eingestellt werde. Ziel sei es, "den weltbesten Essenslieferdienst zu schaffen", heißt es weiter. "Wo wir das nicht auf einem Level durchführen können, den wir erwarten und den Du verdienst, sind wir nicht tätig."

Deliveroo wolle sich nun auf andere europäische Länder sowie die Asien-Pazifik-Region fokussieren, hieß es hier. In diesen Märkten habe sich der Umsatz verdoppelt, teilte das Unternehmen zur Begründung mit. Deliveroo habe dafür gesorgt, dass Fahrer, Restaurants und Mitarbeiter "angemessene" Vergütungs- und Kulanzpakete erhielten, hieß es ohne nähere Details.

"Jeder Mitarbeiter erhält eine gesetzliche Kündigung"

Auf Nachfrage zu den Kündigungskonditionen betonte Gottstein gegenüber rbb|24: "Deliveroo geht über das gesetzliche Minimum hinaus."

Die Kündigungsfristen betragen demnach zwei Wochen für diejenigen, die kürzer als sechs  Monate beschäftigt waren, vier Wochen bei einer Beschäftigung zwischen sechs und zwölf Monaten, und "für diejenigen, die länger als ein Jahr bei Deliveroo waren: gesetzliche Kündigungsfrist".

Gottstein erklärte gegenüber rbb|24: "Jeder Mitarbeiter erhält eine gesetzliche Kündigung." Deliveroo wolle den Mitarbeitern dazu eine "Kompensationszahlung" anbieten: in Höhe eines Zwei-Wochen-Lohns für die, die bis zu einem Jahr im Unternehmen waren, für länger Beschäftigte einen Monatslohn pro Jahr.

Kurzfristige Ankündigung "für alle am fairsten"

Zu der Ankündigung, bereits in einer Woche den Dienst einzustellen, teilte Gottstein mit:  "Wir sind der Meinung, dass die Frist von einer Woche für alle am fairsten ist." Nach einer Ankündigung, dass Deliveroo den deutschen Markt verlasse, werde die Nachfrage sinken. Für die Fahrer sei es daher "besser (...), eine kurze Frist und ein großzügiges Kompensationspaket zu haben, als stetig immer weniger Aufträge". Die Mitarbeiter könnten nun "den größten Teil ihrer Kündigungsfrist nutzen, um nach einem neuen Arbeitsplatz zu suchen".

Auch die Kurierfahrerinnen und -fahrer wurden erst am Montag über die Einstellung der Deliveroo-Aktivitäten in Deutschland informiert. rbb|24 liegt eine entsprechende E-Mail vor, in der einem Fahrer "freiwillige Zahlungen" angeboten werden, "als Geste des Guten Willens", wie es heißt.

Kuriere planen Treffen in Berlin

Erst im vergangenen Jahr hatten sich die Deliveroo-Kuriere massiv darüber beschwert, dass die Firma zu wenig zahle und sie noch nicht einmal versichere. Sie forderten, dass sie nicht mehr als Scheinselbständige arbeiten müssen und eine Kranken- und Unfallversicherung bezahlt bekommen.

Wie ein Deliveroo-Fahrer rbb|24 am Montag sagte, wollen sich die Berliner Kuriere noch am Montag zu Gesprächen treffen. Dabei gehe es unter anderem um die Gründung eines selbstverwalteten Lieferkollektivs. Dafür gebe es Unterstützung, zum Beispiel aus Frankreich. Wieviele Deliveroo-Kuriere es in Berlin gibt, ist nicht genau bekannt. Wie der Fahrer sagte, müssten es "weit über 100 sein".

Deliveroo mit Hauptsitz in London wurde 2013 gegründet und ist nach dem Ausstieg in Deutschland noch in 13 Ländern aktiv.

Sendung: Inforadio, 12.08.2019, 18:00 Uhr

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Antwort auf [Hanseat] vom 12.08.2019 um 16:26
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12 Kommentare

  1. 12.

    Hallo

    Nicht nur hier findet man Kommentare ahnungsloser nicht involvierter auch auf anderen Plattformen.
    Deliveroo bot mir neben meinem anderen selbständigen Job einen einzigartigen Ergänzungs Job an, der in Sachen effektivem Verdienen und Flexibiliät einzigartig war, daher ist schon jetzt absehbar das alles andere ein deutliches Downgrade darstellen wird.

    Ja, ich war dort nicht versichert, ich bin aber auch selbständig und mich braucht keiner Versichern, ich zahle alles

    In 90 min Mittagsschicht waren meist 3 Aufträge fertigzustellen die 15 bis 18€ lieferten, schwankende Trinkgelder von Kunde zu Kunde nicht mitgerechnet, in einen Plan hab ich mich nie vorgetragen, ich konnte bequem eine Schicht annehmen und abgeben wann es mir passte, lediglich meine virtuelle Statistik wurde dadurch schlechter.

    Pluspunkte waren, 100% Flexibilität, keine bindende Arbeitszeit, Minimum 1h arbeiten und dann bequem ausloggen, wenn man keine Lust hatte, einfach die Schicht nicht antreten

  2. 11.

    Spazieren gehen, einkaufen und essen in 30 min Pause? Das ist ein Gehetze. Bei mir ist die nächste Einkaufsmöglichkeit ca. 10 min vom Büro entfernt. Mal die üblichen Imbisse weggelassen. Gesünder darf es schon sein. Und wenn ein Meeting ist, dann wird natürlich für alle bestellt. Anderenfalls ist der Arbeitsfluss zu gestört.

  3. 10.

    Also, wenn ich heute irgendwo meine Klappstullen auspacke, werde ich angesehen, als wäre ich geistesgestört. Klar: Man müsste dem Kind nur einen neuen, natürlich englischen Namen geben, dann wäre es ganz schnell ganz hip. Der olle Imbisswagen liegt ja auch "voll im Trend", seit er "Foodtruck" heißt und das dort zusammengestoppelte Fastfood "Streetfood".

    Aber erstmal ist es doch viel schöner, sich häufig (während auch Kochen unseren Medien zufolge "voll im Trend" liegt)hierhin und dorthin Essen liefern zu lassen. Natürlich superumweltfreundlich verpackt. Von wegen Kampf dem Plastikmüll und so ...

  4. 9.

    Na und? Dann muss man den durchgesessenen Bürohintern in der Pause mal nach draußen an die frische Luft bewegen und etwas einkaufen gehen.
    Ist gut für den Kreislauf und das Portemonnaie.
    Und hat den Effekt, daß Scheinselbständige nicht ausgenutzt werden.

  5. 8.

    Denen wird keiner Nachweinen und das ist auch gut so, diese Lohndrückerei und Scheinselbstständigkeit zu beenden ist eine Wohltat für Berlin, für die Zusteller gibt es genug freie Stellen in der Stadt für menschlichere Löhne.

  6. 7.

    Was haben die Leute nur vor der Erfindung der Lieferdienste gemacht?
    Richtig: Stullen geschmiert und mitgenommen oder sich anderes Essen von zu Hause eingepackt.

  7. 6.

    Lang lebe die Scheinselbständigkeit. Ohne sie läuft im "innovativen" Sektor fast nichts.

  8. 4.

    Mir tun die Kurriere leid, die heute vollkommen überrascht wurden mit dieser Nachricht. Deliveroo hat sich aber auch sonst gegenüber den Kurrieren verhalten wie die Axt im Walde. Hauptsache die fetten Gewinne stimmen.

  9. 3.

    Volle Zustimmung. Wenn es dem Esel zu wohl wird...…. Ein "selbstverwaltetes Lieferkollektiv" würde exemplarisch für die Parallelwelt so mancher Zeitgenossen stehen.

  10. 2.

    "unnötiger Service für Kochfaule"

    die einen sind Kochfaul, die anderen Denkfaul. Erstere sind mir deutlich lieber.

    "Dabei gehe es unter anderem um die Gründung eines selbstverwalteten Lieferkollektivs. "

    eine sehr gute Idee. ich hoffe, rbb behält das im Auge und berichtet darüber

  11. 1.

    Solchen Unternehmen weine ich keine Träne nach: unnötiger Service für Kochfaule mit zuviel Geld. Ein reines Luxusproblem. Hinzu kommt, dass die Kuriere sehr häufig mit dem Radauf Gehwegen langbrettern, anstatt die Straße zu benutzen.

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