Janina Mütze (Quelle: Presse/Civey)
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Audio: Inforadio | 10.08.2019 | Annika Krempel | Bild: Presse/Civey

Gründer in Berlin - Warum viel mehr Frauen Start-ups gründen sollten

Die meisten Start-ups sind in Männerhand. Dabei gibt es viele Gründe für Frauen, selbst ein Unternehmen zu gründen, sagen die, die das bereits getan haben. Auch wenn es noch so einige Vorurteile gibt, an denen gerüttelt werden muss. Von Annika Krempel

Ein alter Industriebau mit mehreren Hinterhöfen in Berlin Mitte. Im Vorderhaus liegt das Büro von Civey. Das Unternehmen führt Meinungsumfragen durch. Janina Mütze hat mit ihren Geschäftspartnern innerhalb von vier Jahren ein Team mit mehr als 60 Mitarbeitern aufgebaut: Außerdem ist sie Vorsitzende des Start-up-Unternehmerinnen-Netzwerks. Dass nur gut 15 Prozent aller Start-up-Gründer weiblich sind, findet Mütze ein "Unding". Denn Unternehmertum bringe persönliche Unabhängigkeit und Weiterentwicklung.

Die Ursachen für die niedrige Gründerinnen-Quote sucht sie in der Kindheit. "Mädchen werden häufig anders erzogen als Jungen. Das fängt schon beim Spielzeug an", sagt sie. "Das führt vielleicht dazu, dass Mädchen gewisse Themenfelder aussparen und letztlich an der Uni seltener Mint-Fächer studieren [Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder technische Studiengänge, Anmerkung d.R.]. Genau die braucht man aber später bei der Gründung eines Tech-Unternehmens." Folgerichtig gründen Frauen seltener IT-Start-ups, zeigt der Female-Founders-Monitor des Deutschen Start-up Verbands. Stattdessen beginnen viele Gründerinnen im Bereich E-Commerce.

Gründerinnen haben mit Vorurteilen zu kämpfen

Große Unterschiede gibt es auch bei der Kapitalausstattung der Unternehmen. Gründerinnen nutzen laut der Untersuchung deutlich seltener staatliche Fördermittel und Geld von Risikokapitalgebern als männliche Gründer. Frauen, die Kapital anwerben konnten, gaben in der Umfrage außerdem erheblich niedrigere Finanzierungen an. Auch wenn die Umfrage an der Stelle nicht repräsentativ ist, deuten durchschnittlich 3,4 Millionen Euro für Männer und nur 200.000 Euro für Frauen auf eine Schieflage hin.

Tanja Emmerling leitet in Berlin den Hightech Gründerfonds, einen Wagniskapitalgeber für Technologie-Start-ups. Die Investorin will diese Ungleichheit zumindest für ihren Fonds nicht bestätigen. "Frauen können sehr wohl Kapital aufnehmen und bekommen auch in späteren Finanzierungsrunden durchaus eine hohe Finanzierung. Es braucht aber einfach mehr Frauen in diesen Themen."

Doch sie weiß, dass einige Investoren Gründerinnen durchaus mit Skepsis begegnen. Eine schwedische Studie, für die Risikokapitalgeber befragt wurden, hat solche Vorurteile nachgewiesen. Zum Beispiel gelten Frauen als risikoscheu und vorsichtig. Außerdem legten die Geldgeber Frauen schneller negativ aus, wenn Eigenkapital fehlt oder bewerteten den Erfolg des Unternehmens konsequent schlechter als bei denen, die von Männern geführt werden. Alle Stereotype, so das Ergebnis der Studie, seien aber unbegründet.

"Wir wollen sie unterstützen"

Investorin Emmerling stellt schon eine Besserung in ihrer Branche fest. Vor allem jüngeren Investoren sei das Thema durchaus bewusst. Sie würden Wert auf Frauen in Gründerteams legen. Letztendlich wäre es aber gut, wenn es auch mehr Investorinnen gebe.

Bis es so weit ist, bereiten kleinere Initiativen Gründerinnen den Weg, wie die von SAP. Der Software-Konzern unterstützt derzeit in einem speziellen Programm Start-ups mit weiblichen oder gemischten Teams mit Geld und Wissen. "Wir haben gesehen, dass diese Gründer es schwerer haben, an Finanzierung und Mentoren bekommen", sagt Alexa Gorman, die bei SAP für die Start-up-Aktivitäten zuständig ist. "Wir wollen sie unterstützen, damit sie die gleichen Möglichkeiten bekommen, wie andere Gründer."

Gründerin Sara-Marie-Wiechmann (Quelle: rbb/Annika Krempel)
Sara-Marie Wiechmann, eine der drei Gründerinnen von Cowomen | Bild: rbb/Annika Krempel

Zwar achtet das Unternehmen nach eigener Aussage in allen Programmen darauf, den Frauenanteil hoch zu halten. Jetzt legt Gorman aber nochmal einen speziellen Fokus auf Vielfalt. Obwohl vergleichsweise wenige Frauen ein Technik-Unternehmen gründen, war es laut Gorman auch gar nicht so schwer, passende Start-ups für das Programm zu finden.

Cowomen will die Arbeitswelt für Frauen verändern

Bevor Investoren Geld geben, sind Co-Working-Spaces für viele Unternehmensgründer die erste berufliche Adresse. Dort können sie einen Schreibtisch mieten und starten so vergleichsweise günstig in die Selbstständigkeit. Immer mehr davon richten sich speziell an Frauen, etwa Cowomen. Sara-Marie Wiechmann, eine der drei Gründerinnen, sagt: "Wir sind für viele als Alternative zum Homeoffice interessant – auch, weil die Energie hier anders ist als in anderen Spaces. Für viele Frauen ist das inspirierender."

Cowomen hat sich zum Ziel gesetzt, die Arbeitswelt für Frauen zu verändern. Wiechmann erzählt, dass sie selbst in ihrer alten Firma keine Rollenvorbilder hatte, als ihr eine Führungsposition angeboten wurde. Im Netzwerk des Co-Working-Space sollen sich Frauen deshalb gegenseitig unterstützen und Vorbild sein. Female Empowerment nennt Wiechmann das.

"Wir sind flexibler und selbstbestimmter"

Im Durchschnitt sind Gründer in Deutschland 35 Jahre alt. Ein Alter, das bei vielen mit der Familiengründung kollidiert. Sind Gründerinnen 35 Jahre alt oder älter, sind 70 Prozent von ihnen bereits Mütter, zeigt die Umfrage des Start-up-Verbands. Tatsächlich ist die Geburt eines Kindes für manche Frauen sogar Anlass, sich selbstständig zu machen.

Auch Kati Ernst hat ihr Unternehmen Ooshi wegen ihrer drei Kinder gegründet. Dafür haben sie und ihre Geschäftspartnerin sichere Jobs aufgegeben. Es fehlte an Flexibilität und Selbstbestimmung. "In Konzernen gab es die Möglichkeiten nicht, deshalb haben wir uns unseren Job selbst kreiert. Jetzt können wir uns frei nehmen, wenn etwas anliegt. Wir sind flexibler und selbstbestimmter", sagt Ernst.

Mütter müssen sich erklären, Väter nicht

Neben der Unternehmensgründung schultern viele Frauen mit der Kindererziehung eine zweite Last. So arbeiten Gründerinnen mit Kindern in der Woche tendenziell weniger als Kinderlose oder Männer. Der Rest der Zeit geht wohl für den Nachwuchs drauf. Allerdings gilt das nicht für Väter, die ein Unternehmen gründen.

Kati Ernst teilt sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann. Auch er ist selbstständiger Unternehmer. "Was mich stört ist die Wahrnehmung von außen. Ich wurde schon oft gefragt, wie ich das mit den Kindern hinkriege, auch von möglichen Geschäftspartnern. Meinem Mann hat dagegen noch nie jemand diese Frage gestellt. Es ist ungerecht, dass das nur uns in die Schuhe geschoben wird."

Doch auf der anderen Seite sei es für ihren Mann schwierig, sich als Vater die nötigen Freiräume zu schaffen. Sie fordert deshalb mehr Verständnis für die unterschiedlichen Rollen, die Unternehmer – ob Mann oder Frau – ausfüllen. Es sei sogar ein Vorteil, wenn Unternehmer nicht nur für sich, sondern für eine Familie Verantwortung tragen, findet Ernst. Denn viele gründeten dann mit mehr Bedacht

Sendung: Inforadio, 10.08.2019, 11:44 Uhr  

Beitrag von Annika Krempel

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5 Kommentare

  1. 5.

    Die Gründe ein Startup/Firma zu gründen werden unabhängig von Geschlecht/Herkunft etc. immer sehr ähnlich sein, und zwar an den Top Positionen: Unabhängigkeit(an dem und das arbeiten was man möchte, und der eigene Chef sein) und Geld verdienen. Wer dies bestreitet will nur blenden und mit Merkmalen die anderen beiden Dinge vorantreiben. Irgendwelche Leute die behaupten benachteiligt zu werden weil man XY Merkmal hat ist in der harten Geld-getriebenen Marktwirtschaft eine unsinnige Aussage, denn verdienen wollen alle und jeder will mitverdienen, egal wer der Gegenüber ist. Entschuldigungen warum etwas nicht klappt gibt es immer..

  2. 4.

    Man müßte eigentlich eine Frauenquote für Start-Ups einführen. Und erst wenn es 50% Frauenanteil gibt dürften Männer wieder Kredite etc für Ihre Ideen bekommen. - Achtung, Satire!

    Schönen Tag noch

  3. 3.

    Wenn Männer darüber reden, wie angeblich wenig oder gar nicht benachteiligt Frauen sind, muss man dem natürlich immer komplett und uneingeschränkt Glauben schenken... schon klar...

  4. 2.

    Danke für diesen tollen Artikel. Vorbilder sind extrem wichtig. Wenn Mädchen sehen, was andere vor ihnen erreicht haben, lassen sie sich einfach seltener erzählen, was angeblich nicht notwendig ist.

  5. 1.

    Daß die Männer selbständig und Frauen angestellt sind, zieht sich auch wie ein roter Faden durch meine gesamte Familie. Mein Bruder, mein Sohn, mein Schwiegersohn und ich sind selbständig, und sämtliche Frauen - außer die Frau meines Vaters - sind Angestellte. Daß die Ursache dafür aber NICHT in der Erziehung liegt, sollte sich spätestens seit Harald Eias Doku "Brainwash - Das Genderparadox" herumgesprochen haben.

    Ich war übrigens auch als alleinerziehender Vater zweier Kinder selbständig. Auch das funktioniert. Aber dümmlichen Vorurteilen bin ich in meiner Vaterrolle von Anfang an begegnet.

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