Archivbild vom 13.04.2018: Fahrradkuriere in Berlin protestieren gegen Lohndumping und Arbeitsbedingungen. (Quelle: imago-images/Christian Ditsch)
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Interview | Fahrer über Ende des Lieferdienstes - "Deliveroo war nie transparent für uns"

Am Freitag stoppt der Essens-Lieferant Deliveroo kurzfristig seine Aktivitäten in Deutschland. Im Interview spricht ein Berliner Fahrer über die Arbeitsbedingungen - und nennt das jetzige Vorgehen "scheinheilig".

rbb|24: Sie haben sich am Montagabend mit anderen Deliveroo-Fahrern getroffen, um darüber zu sprechen, wie es weitergeht. Wie viele waren dabei – und wie weit sind sie bei den Diskussionen gekommen?

Deliveroo-Fahrer*: Es waren etwa 19 Personen. Es hätten meiner Meinung nach mehr sein können, aber viele sind im Urlaub und viele versuchen auch, in den letzten Tagen noch so viel wie möglich zu arbeiten – am Freitag ist ja Schluss. Es war trotzdem sehr produktiv, wir haben auch darüber gesprochen, welche Forderungen wir möglicherweise an Deliveroo stellen können. Dazu werden wir uns mit einem Arbeitsrechtsanwalt zusammensetzen, das wird sich in den nächsten Tagen klären.

Deliveroo gibt keine Zahlen zu Fahrern oder Löhnen heraus. Wie viele Kuriere sind Ihrer Schätzung nach in Berlin unterwegs?

Wir haben am Montagabend mal überschlagen: Es müssten definitiv zwischen 200 und 400 Personen sein. Die Frage ist immer, wie aktiv die Fahrer sind, wie viele Stunden sie in der Woche arbeiten. Aber man kann sagen, dass in einer gut gebuchten Zone täglich 40 bis 50 Fahrerinnen und Fahrer unterwegs sind. Solche Zonen sind zum Beispiel Moabit und Prenzlauer Berg, Gendarmenmarkt, Alexanderplatz, Kreuzberg. Neukölln ist zum Teil auch ganz gut gebucht.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es für Deliveroo offensichtlich in Deutschland im Vergleich zu anderen Märkten nicht lief?

Das ist für mich als Fahrer natürlich immer schwierig zu sagen. Ich habe oft gehört, dass es am deutschen Markt an sich liegt. Andererseits kann sich ein Konkurrent wie Lieferando hier auch halten. Wenn man nach Frankreich schaut und sich dort ansieht, welche Proteste es dort gegen Deliveroo gibt, weil das Unternehmen versucht, die Gebühren für Restaurants runterzusetzen und somit auch die Löhne drückt – darauf haben sie sich hier in Deutschland gar nicht erst eingelassen, sondern jetzt eben direkt aufgehört. Das hat mich schon überrascht.

Ist die Arbeit als Fahrer für den Marktführer Takeaway mit Lieferando, Lieferheld und anderen Diensten anders?

Es ist ein ganz anderes Arbeitsverhältnis. Wir bei Deliveroo sind freie Mitarbeiter, die bei Lieferando sind Angestellte. Sie bekommen einen fixen Stundenlohn von aktuell – wenn ich richtig informiert bin – neun Euro brutto. Allein dieser Unterschied macht schon viel aus.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Hauptberuflich bin ich Softwareentwickler. Da arbeite ich Teilzeit, sechs Stunden pro Tag. Dann hänge ich je nach Empfinden noch vier bis sechs Stunden Deliveroo dran. Ich arbeite nur abends, grob zwischen 17 und 23 Uhr, hauptsächlich in Schöneberg. Was die Bezahlung angeht: Man weiß nie, wie viele Aufträge man kriegt und kann das auch nicht beeinflussen. Ich habe es immer geschafft, auf 15 Euro brutto die Stunde zu kommen. Unterhalb dieser Marke wollte ich in dem Job nie arbeiten. Man muss aber auch sagen, dass ich nie den Druck vieler meiner Kollegen hatte, die komplett von dieser Arbeit für Deliveroo abhängen.

Was sind das für Leute?

Es gibt viele, die als Studenten dort arbeiten. Genauso gibt es welche, die in einem anderen Unternehmen hauptberuflich als Fahrradkurier gearbeitet und Deliveroo noch nebenbei gemacht haben. Da finden Sie alle möglichen Kombinationen. Es sind größtenteils aber sehr junge Menschen, zwischen 20 und 30. Viele sind nicht in Deutschland geboren, davon sind viele aus Frankreich gekommen, wo Deliveroo schon länger aktiv ist. Es ist sehr durchmischt.  

Im vergangenen Jahr hatten sich Fahrer massiv beschwert, sie seien noch nicht mal richtig versichert. Wie waren Sie versichert?

Es gibt für Fahrer die obligatorische Versicherung bei der Berufsgenossenschaft Verkehr. Es ist allerdings nicht einfach, nach einem Unfall an Geld zu kommen: Anfang Juli bin ich gestürzt und habe mir den Finger ausgekugelt, weswegen ich nicht arbeiten konnte. Es hat mich viel Mühe und Zeit gekostet, den ganzen Papierkram zu durchblicken. Wenn man dann bedenkt, dass ein Großteil der Fahrer in Berlin nicht so gut deutsch spricht und sich nicht im deutschen Rechtssystem auskennt, dann ist das ein Problem. Darüberhinaus kann sich jeder noch freiwillig selbst versichern.

Deliveroo hat auf unsere Nachfrage zu den Kündigungskonditionen betont, man gehe über das gesetzliche Minimum hinaus. Eine Woche zwischen der Ankündigung, den Dienst einzustellen und dem letzten Arbeitstag sei "für alle am fairsten." Was halten Sie von diesem Vorgehen?

Ich finde das scheinheilig. Klar haben sie eine Frist und ich gehe davon aus, dass sie die einhalten – alles andere wäre auch dumm. In unseren Verträgen steht aber auch, dass Deliveroo nicht verpflichtet ist, uns irgendwelche Aufträge zu geben. Sie können uns also ab sofort keine geben, wir kriegen dann kein Geld, obwohl wir immer noch im Vertragsverhältnis sind. Das macht dann keinen Unterschied. Wenn man sich ansieht, dass unsere Frist bis Freitag läuft und wir darüberhinaus eine Sondervergütung von zehn Tagen bekommen sollen, dann kommt man de facto auf 14 Tage Kündigungsfrist.

Deliveroo will den Mitarbeitern eigenen Aussagen zufolge eine "Kompensationszahlung" anbieten – auch den freiberuflichen Fahrern. Wie beurteilen Sie dieses Angebot?

Bis jetzt sieht es so aus: Zehn Tage Lohn bekommt jeder vergütet, zwei Wochen, wenn wir einen Brief unterschreiben. Den haben wir noch nicht. Das Problem ist: Keiner weiß, wie sie das berechnen. Wir wissen von zwei Fahrern, die ihre Vergütung für zehn Arbeitstage erhalten haben: Es waren 403 und 407 Euro. Diese Berechnung basiert auf dem Tagesdurchschnitt der letzten zwölf Wochen. Diese Fahrer haben das durchgerechnet und kommen auf einen Tagessatz von 89 bis 93 Euro. Ich finde es ungerecht, dass Deliveroo da scheinbar Tage einberechnet, an denen wir nicht gearbeitet haben. Das muss ja so sein, sonst wäre diese Zahl nicht zustande gekommen. Deliveroo war nie transparent, was die Vergütung der Aufträge angeht und wie sie die berechnen – dass das nun auch am Ende so ist, ist ärgerlich, aber vielleicht sogar konsequent.

Kurzfristig bin ich dank meines anderen Jobs zum Glück nicht auf Deliveroo angewiesen. Wir Freiberufler bekommen ja nicht mal Arbeitslosengeld I."

Deliveroo-Fahrer

Sie haben am Montag mit anderen Fahrern auch diskutiert, ein selbstverwaltetes Lieferkollektiv zu gründen. Wie kam es dazu?

Diese Kollektividee existiert schon etwas länger, die Deliveroo-Ankündigung am Montag hat das nun in den Mittelpunkt gerückt. Ein Mitglied eines anderen Kollektivs hat uns gestern schon einen ersten Eindruck vermittelt: Es wird einen sehr großen Aufwand bedeuten und lange dauern, das umzusetzen. Wir müssen erst einmal genau diskutieren, welche Prinzipien wir uns als Genossenschaft auferlegen.

Es würden auch hohe Kosten auf uns zukommen, voraussichtlich etwa 10.000 Euro für die Gründung, dazu noch technisches Equipment, das wir den Restaurants zur Verfügung stellen müssten. Das sind zum Beispiel Tablets, mit denen Sie Aufträge annehmen und Drucker für die Kassenzettel, die sie an die Essenslieferungen tackern. Bei der technischen Seite haben wir den Vorteil, dass es in Frankreich schon eine Firma gibt, die spezielle Software für solche Kollektive entwickelt hat. Die hat auch ein Modul für Essenslieferanten, das wird in Frankreich und den Niederlanden bereits erfolgreich genutzt. Zusammen mit einer Berliner Firma würden die uns unterstützen.

Wie geht es jetzt bei Ihnen persönlich weiter?

Kurzfristig bin ich dank meines anderen Jobs zum Glück nicht auf Deliveroo angewiesen. Wir Freiberufler bekommen ja nicht mal Arbeitslosengeld I. Langfristig aber will ich im Nebenjob wieder als Fahrradkurier arbeiten – mit Deliveroo hat das nichts zu tun. Es ist die Bewegung die man hat, das Freiheitsgefühl, durch die Stadt zu fahren. Das macht mir immer noch Spaß.

Vielen Dank für das Gespräch.

*Name und Kontaktdaten sind der Redaktion bekannt, der Mann möchte aus arbeitsrechtlichen Gründen anonym bleiben.

Das Interview führte Sebastian Schneider, rbb|24

Sendung: rbb 88,8, 13.08.2019, 17.20 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Na, subito, heiß und mit extra Chili/Peperoni drauf - dann gibt's auch die 2,50 zusätzlich uff die Kralle :-))
    (aber vor(!) 19.30 Uhr, danach ist abendschau)

  2. 10.

    Mir schmeckts bei leiferheld.de sowieso viel besser und die haben auch schönere Farben.
    Übrigens liegen bei uns immer 2 - 3 EUR bereit für den netten Lieferanten (Lieferheld, DHL, Hermes, etc...)und der/die bekommt ein überraschtes Lächeln bei Übergabe.

  3. 9.

    Ist doch gute so, dann ziehen die voll Scheinselbständigen weiter in die nächste Stadt und hier wird dringend benötigter Wohnraum frei.

  4. 8.

    Von einem 6-Stunden-Job als Informatiker kann man in der Regel durchaus gut leben. Wer dann noch in einem (genehmigten?) Zweitjob 4-6 Stunden anhängen kann (also einen 10/12-Stunden-Arbeitstag plus Wege zur Arbeit macht), um damit pro Woche noch einmal 250-350 Euro dazu zu verdienen, macht das wohl eher aus Spaß und statt "Workout" und nimmt damit vielleicht Leuten eine Arbeit weg, die wirklich auf das Geld angewiesen sind. Entsprechend fröhlich sehen die Demonstrierer auf dem Titelbild aus, die die "dramatischen Zustände" beklagen.

  5. 6.

    Zitat: Freiberufler bekommen ja nicht mal Arbeitslosengeld I. Zitat Ende

    Nein, aber wie #3 bereits geschrieben hat kann man sich freiwillig versichern.

    Außerdem stehen auch Selbstständigen und Freiberuflern in vollem Umfang SGB II Leistungen zu. Nur dazu muss man natürlich alle Einnahmen und Ausgaben offen legen, damit die Anspruchshöhe ermittelt werden kann.

  6. 5.

    Meines Wissens sind die Fahrer nicht "freiberuflich" (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Beruf_%28Deutschland%29 ), sondern als Kurierfahrer gewerblich selbständig tätig.
    Jeder Selbständige in diesem Land hat neben dem eigentlichen Auftrag eine Menge zu beachten, zu tun und zu zahlen. Das wissen auch die Fahrradkuriere (Berufsgenossenschaft!) beim Einstieg und können dann nicht so tun, als seien sie Angestellte mit einem Anspruch auf einen bestimmten "Stundenlohn" oder Sozialversicherung. Der RBB-Interviewer scheint davon wenig zu wissen – die Kündigungsmodalitäten ("gesetzliches Minimum"?!) richten sich nach dem verhandelten Vertrag und nicht nach dem Arbeitsrecht, oder?

  7. 4.

    "Was mir aber zu denken gibt, ist die absolute Müllflut durch die Lieferdienste. Das ist doch Irrsinn."

    Keine Sorge: Jetzt werden ja Strohhalme, Wattestäbchen und Plastiktüten verboten. Damit sind die größten Probleme gelöst und der Plastikmüllberg verschwindet im Nullkommanix.

  8. 3.

    Also, zum einen oder kann sich jeder selbständig arbeitende Mensch bei der Agentur für Arbeit freiwillig gegen Arbeitslosigkeit versichern. Das sollte mit Aufnahme der Tätigkeit geschehen. Kostet nicht viel, kann man auf der Webseiten der Agentur nachlesen.
    Zum anderen ist jeder, der sich entweder voll oder teilselbständig macht, auch gehalten, sich mal über Kosten und Einnahmen sowie die Bedingungen bewusst zu sein und sich vorher zu informieren. Einfach loslegen ist naiv. Wer einen Hauptjob hat, der ist Sozialversicherungstechnisch ja versorgt.
    Was mir aber zu denken gibt, ist die absolute Müllflut durch die Liefeedienste. Das ist doch Irrsinn.

  9. 2.

    Schön. Eine Sklavenhalter-Firma weniger. Aber es gibt ja noch genug andere. Und genug Dummköpfe, die sich weiterhin ausnehmen lassen. Freier Markt eben. So wie ihn die FDP ständig fordert.

  10. 1.

    Vielleicht sollte jetzt der deutsche Staat mal zeigen das er ist, der srine Burger schützt. Bislang scheute sich der staat ja immer gegen offenbare Scheinselbsständigkeit bei größeren Unternehmen virzugehen, meist mit dem indirekten hinweis man mochte das Unternehmen nicht in Schwierigkeiten bringen.
    Dieses braucht man hier nicht zu befurchten und wurde den "Scheinarbeitnehmern" ruckwirkend Sicherheit bringen. Zudem einem deutlichen Wink an die anderen Unternehmen wie DHL, Hetmes etc. ausenden.

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