Ein in die Höhe ragender Plattenbau im Berliner Mühlenkiez (Bild: rbb/Oliver Noffke)
Video: Abendschau | 31.08.2019 | Tom Garus | Bild: rbb/Oliver Noffke

Mühlenkiez in Berlin-Pankow - 10.000 Einwohner, keine Post, keine Bank

Mitten in der Großstadt und trotzdem irgendwie abgehängt: Im Berliner Mühlenkiez wohnen Tausende Menschen, viele von ihnen im Rentenalter. Schon bald werden sie ihre letzte Bank vor Ort verlieren - und die Post gleich mit. Von Oliver Noffke

Wenn die Postbank-Filiale im Berliner Mühlenberg Center schließt, verliert ein ganzer Stadtteil seinen letzten Zugang zu persönlicher Bankberatung durch geschultes Personal. Die Zweigstelle im Osten Prenzlauer Bergs habe die konzerninternen Überprüfungen hinsichtlich "Wirtschaftlichkeit und Optimierungsprüfungen" nicht überstanden, teilt die Deutsche-Bank-Tochter auf Anfrage schriftlich mit. "In diesem Zusammenhang hat die Postbank beschlossen, die Filiale in der Greifswalder Straße bis Ende des Jahres zu schließen."

Allein im Mühlenkiez - also dem Karree zwischen Storkower Straße, Michelangelostraße, Kniprodestraße und eben der Greifswalder Straße – leben etwa 10.000 Menschen. Ein Großteil von ihnen ist 1977 hierher gezogen und geblieben. Die DDR-Führung hatte die Neubausiedlung für Arbeiterfamilien am Reißbrett entworfen. Heute ist ein großer Teil der Bewohner im Rentenalter.

Wann für die Postbank konkret Schluss sein soll, hängt von der Deutschen Post ab, denn auch sie will sich aus dem Einkaufscenter verabschieden. "Unsere Filialkollegen sind seit Längerem intensiv auf der Suche nach einer passenden Lösung für die Eröffnung einer neuen Partner-Filiale", so die Antwort einer Post-Sprecherin an rbb|24. Mit anderen Worten: Sobald sich jemand findet, der für die Post Postdienstleistungen in der Nähe übernimmt, sind beide Konzerne weg.

Wo das Postzeichen drauf ist, ist nur selten die Deutsche Post drin

"Post- und Bankfilialen, der direkte Kundenkontakt sollen komplett abgeschafft werden", sagt Lutz Kämmerer, Verdi-Bereichsbetreuer Deutsche Post AG in Berlin und Brandenburg. "Sie bauen die Leistungen nicht ab, sondern lagern sie aus", sagt er. "Man wartet, bis man einen Servicepartner gefunden hat und dann verzieht man sich."

Beide Konzerne wurden in den vergangenen Jahrzehnten von ihren Managern bis zur Unkenntlichkeit filetiert. Tochterfirmen, Teilungen, Übernahmen von Dienstleistungen - heute ergibt sich daraus ein undurchsichtiges Geflecht. Wo das Posthorn leuchtet, ist in den seltensten Fällen auch tatsächlich die Deutsche Post selbst drin. Die kleine Filiale im Mühlenberg Center ist dafür ein Beispiel. Es ist eine Postbank, in der Postdienstleistungen übernommen werden.

Seit Monaten gibt es am Schalter kein anderes Thema zwischen den Kunden und den Mitarbeiterinnen – allesamt Frauen um die 50 oder älter. Sie sind Post-Beamtinnen, die lediglich ausgeliehen wurden und nach der Schließung wieder zur Deutschen Post zurückkehren werden. Wo sich anschließend ihr Arbeitsplatz befindet wird, wissen die Frauen nicht.

Briefe aus dem Copyshop

Auch innerhalb der Konzerne scheint Verwirrung bezüglich der Zuständigkeiten zu herrschen. So teilt die Postbank mit, dass der Cash-Group-Geldautomat hinter dem Einkaufscenter bleiben wird. Wie lange lässt sich allerdings nur schwer nachprüfen. Denn obwohl eindeutig Postbank über dem Automaten steht, gehört er ihr nicht. Es handele sich um einen "Postbank Partner Geldautomaten". Wer genau dieser Partner ist, kann das Unternehmen selbst auf Nachfrage nicht seiner Datenbank entnehmen. Notfalls könnten Postbankkunden aber auch in einem Supermarkt im Center bis zu 200 Euro abheben, wenn sie dort für mindestens 20 Euro einkaufen.

Das Mühlenbergcenter im Berliner Mühlen-Kiez (Bild: rbb/Oliver Noffke)Das Mühlenbergcenter in Pankow

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bietet ein Copyshop bereits seit einigen Jahren diverse Postleistungen an. "Filialmitarbeiterinnen bei der Postbank Filialvertrieb AG machen eine Ausbildung von bis zu drei Jahren", so Kämmerer. "Wenn das heute ein Späti-Betreiber übernehmen möchte, bietet die Post ihm einen Grundkurs an." In vielen Fällen würden Postdienste heute aber auch von Familienbetrieben oder kleinen Firmen ohne Betriebsräte übernommen, sagt er. Statt einem tarifgebundenen Entgelt gäbe es viele Fälle, in denen Mindestlohn oder vielleicht nicht einmal das gezahlt werde. "Als Kunde ist das gar nicht mehr zu unterscheiden, zu welchen Bedingungen die Leute dort arbeiten", so Kämmerer.

Aufschub nach Anwohnerprotest

Ursprünglich hatte die Postbank geplant, die Filiale bereits Ende Juni zu schließen. Lediglich ein Anwohnerprotest hatte den Aufschub erwirkt - organisiert von Tino Schopf. Der SPD-Politiker vertritt den Wahlkreis im Abgeordnetenhaus, seit er 2016 das Direktmandat errungen hat. "Natürlich wäre es mir am liebsten, wenn die Bankangebote blieben. Nicht jeder kann bis zur nächsten Sparkasse an der Danziger Straße laufen." Mehr als 1.000 Menschen hatten im Mai für den Erhalt der Filiale unterschrieben, sagt er. "Dass die Postbank dort auszieht, ist eine unternehmerische Entscheidung. Das müssen wir so akzeptieren", so Schopf. Es sei zumindest eine positive Entwicklung, dass viele Supermärkte mittlerweile Auszahlungen an der Kasse anbieten würden, findet er. "Mir ist wichtig, dass die Post da bleibt. Die Senioren brauchen das."

Es darf bezweifelt werden, dass ältere Anwohner beim Ausfüllen von Einschreiben oder Anträgen Hilfe bekommen - so wie es derzeit im Mühlenberg Center üblich ist -, wenn ein externes Unternehmen diese Dienstleistungen anbieten wird.

Bereits vor einigen Jahren wurde die nahegelegene Sparkasse an der Heinrich-Böll-Bibliothek zum sogenannten "SB-Center" degradiert. Statt Schaltern und Personal sind hier ausschließlich Automaten zu finden. Die landeseigene Immobiliengesellschaft Gewobag hatte der Postbank angeboten, die früheren Flächen der Sparkasse günstig anmieten zu können, sagt Schopf. Bisher habe es darauf noch keine Antwort gegeben.

Die Frage von rbb|24, ob dieses Jahr weitere Filialen in Berlin oder Brandenburg geschlossen werden sollen, beantwortete die Postbank ebenfalls nicht.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

32 Kommentare

  1. 32.

    Guter Artikel, besser kann man es nicht beschreiben. Mühlenkiez hieß das aber übrigens nie!
    In diesem Wohngebiet lebte ich von 1978-1992.
    Das Mühlen-Center hat das Gebiet später kaputt gemacht. Die Post war zu DDR-Zeiten im Dienstleistungs-Standardbau ggü. Der ist gleich als erster nach dem Mauerfall inkl. Jugendklub zerfallen. Anstatt alles mit Bedacht zu planen, machte man eine intakte Infrastruktur in diesem Wohngebiet kaputt.
    Man errichtete dieses dämliche Mühlen-Center auf dem Areal der HO-Gaststätte "Zur Mühle", obwohl in der Greifswalder Str. ggü vom S-Bhf bis zur Berliner Allee, zur Zeit des Baus genügend fußläufige Geschäfte vorhanden waren. Auch die Sparkasse gibt es nicht mehr. Nur meine Kontonummer mit dem Präfix 419 erinnert an alte Zeiten...
    Ich war letztens in der Gegend und geschockt... heute würde ich da nicht mehr wohnen wollen. Einziger Vorteil der Bewohner, es sind alles größtenteils Wohnungsgenossenschaften geblieben.

  2. 31.

    Auch wenn es den Menschen vor Ort nicht hilft: entzieht der Post-bank euer Geld.Ich kenne Einige, die das mittlerweile gemacht haben.




  3. 30.

    Vielleicht sollte man mal der"Post" die Abwicklung der RentenZahlungen entziehen. Ein Monopolisten-Millionen-Geschäft
    Herr Abgeordneter und durch nichts zu rechtfertigen.

  4. 29.

    Theoretisch ist das ja Okay
    Einzig der Mensch oft auch der ältere macht da Probleme. Wer um die 70 Jahre alt ist und das sind diese Menschen die bereits 1977 dort einzogen hat es schwer sich mit den "neuen Nachbarn" zu verständigen Vertrauen aufzubauen.
    Nach deiner Lesart "eigenes Verschulden"?

  5. 28.

    Sehe gerade, da fehlte noch was. Ich meinte, in den Wohnungen gibt es auch noch andere Bewohner, welche älteren Menschen auch mal helfen könnten, außer man ignoriert sich.

  6. 26.

    Sie meinen also, das ältere Menschen nur noch in einem Radius von 1km existieren. In meiner Nachbarschaft leben auch ältere Menschen und die jammern nicht so herum. Und dort ist die Bank sogar 2km entfernt. Man kann auch alles überdramatisieren.
    Es gibt dort in den Wohnungen auch noch andere Bewohner, außer man ignoriert sich.

  7. 25.

    Sie haben recht, die nächste Postfiliale ist nur 1 km weiter, aus eigener Erfahrung sollte man dort am S+U Schönhauser Allee allerdings oftmals 45 min Wartezeit einplanen, besonders zum Monatswechsel.

    Schneller geht es in der kleinen "Kiez-Post" Ebertystrasse 5, 10249 Berlin, ist auch nicht viel weiter!

  8. 24.

    Das Sterben der Poststellen begründet sich auch durch die Nutzung des Internets (email-Verkehr). Da der Versandhandel immer mehr zunimmt, ist auch jetzt schon ein Sterben der Einzelhandelsgeschäfte fetszustellen. Im Bundesvergleich ist z:B. die Schließungsquote bei Apotheken die größte weit und breit, Berlin ist da Spitze! . Dadurch ist z.B. bei Apotheken pro 100.000 €inwohner bundesweit Schlusslicht in der Apothekendichte. Auch Center sind nicht mehr so einfach zu vermieten.
    Leider sind , wie hier bei der Post auch, besonders die Senioren die Leidtragenden, wobei eine Reduzierung der Mietfläche im obigen Falle vielleicht auch ein weg gewesen wäre, um Kosten zu sparen. Man muss nicht alles gleich komplett plattmachen!

  9. 23.

    Das ist eine unwürdige und freche Antwort gegenüber älteren Menschen, auch Du wirst mal alt werden.
    Du solltes Dich wirklich was schämen !

    Für manch einen gehbehinderten Menschen bedeutet 1km eine große Hürde.

    Diese Postfiliale ist da immer gefragt gewesen und war auch voll und auch von jüngeren Menschen aber das Mühlencenter liegt schon lange im sterben und die Post muss ja auch sparen.

  10. 22.

    Was ist ihre Definition von voll? Ich empfand die Filiale ehr als leer. 1 km ist doch ok, wenn man das nicht mehr laufen kann, dann hat man glaube andere Probleme. Übrigens für die Gesundheit sollte man am Tag mindestens 5-8 km laufen, dadruch reduzieren sich Blutdruck, das Risiko von Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall. Und wie gesagt, wenn man nur zur Beratung dort hingeht, aber dann die Produkte im Copyshop kauft, dann wird jeder Laden unwirtschaftlich.

  11. 21.

    Nun, ich wohne dort. Und ich kann dir sagen, dass diese Filiale immer voll war. Wenn ich dort bin, stehe ich immer 20 min an. Die Menschen nutzen die Post durchaus. Die nächste Filiale ist zwar nur 1 km entfernt, kann für einen alten Menschen aber eine unüberwindliche Hürde darstellen. Also quatsch nicht, wenn du die Tatsachen nicht kennst

  12. 20.

    noch als Ergänzung: Hat man doch übrigens auch bei der Deutschen Bahn gesehen, wohin die Gewinnmaximierung führt. Und auch da ist der Staat als Eigentümer in der Pflicht eine Daseinsvorsorge zu gewährleisten. Der Schaden ist hinterher immer größer.

  13. 19.

    Unter abgehängt versteht man doch eher gravierendes wie strukturelle Defizite oder grundsätzlich versäumte Investitionen und nicht, dass mal eine Bankfiliale nicht in 500m Fußweg erreichbar ist.

    Außerdem gibt es diverse Bankfilialen am Antonplatz, das ist eine Straßenbahnhaltestelle oder 200m Fußweg entfernt. Sorry, aber den Frame des Artikels finde ich immer noch ganz schönen Quatsch! :)

  14. 18.

    Also wenn Du schon Fakten benennst, dann musst Du sie auch richtig benennen. Die Schönhauser Allee ist zwei S-Bahn-Stationen weit weg.Es geht doch darum, dass in Zeiten von Globalisierung und Maximierung von Gewinnrediten ein gewisse Grundversorgung am Ort auch vorhanden sein sollte. Dazu zählt in so einem großen Viertel auch dass es z. B. eine Einkaufsmöglichkeit gibt, einen Arzt, eine ordentliche Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, Schule, Kita und eben auch eine Post. Das ist auch Aufgabe von Politik, dies Daseinsvorsorge zu sichern. Und die Post und die Postbank gehören nun auch mit dem Deutschen Staat als Aktionär. Die Post schließt überall Filialen und lagert das leider an kleine Einzelhändler aus, die dann alle Risiken übernehmen, nur um die Gewinne der Post zu steigern. Und da MUSS die Politik handeln und eingreifen, um eine bestimmte Daseinsvorsorge zu gewährleisten. Darum geht es.Sonst werden andere die Macht übernehmen,wenn die Leute sich nicht mehr vertreten fühlen

  15. 17.

    Die Leute sind doch nicht abgehängt. Anstatt in den Copyshop zu gehen, wäre man mal in die Postfiliale gegangen.

  16. 15.

    Wie kommen Sie denn darauf, dass die Postbank ein Staatsunternehmen ist? Das ist sie schon nicht mehr, als sie aus der Post herausgelöst wurde. Sie gehört heute der Deutschen Bank. Und die steckt bekanntlich selbst mitten drin im Abspeckprogramm.

  17. 14.

    Das Mühlencenter liegt im Prenzlauer Berg nicht in Pankow.

  18. 13.

    Die postbank ist KEINE Tochter eines Staatsbetriebes mehr, sondern ist eine Tochter der Deutschen Bank, die mas´chen kann, was sie will!

Das könnte Sie auch interessieren