Standbild aus dem Film "Ohne Polen läuft hier nichts" (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 18.09.2019 | Agata Horbacz | Bild: rbb

Interview | Redaktionsleiter Andreas Oppermann - "Ohne Polen läuft hier nichts"

Sie sind vom Arbeitsmarkt in Berlin und Brandenburg nicht mehr wegzudenken: Zuzügler aus dem benachbarten Polen. Ein rbb-Film begleitet einige dieser Menschen. Andreas Oppermann, Redaktionsleiter Frankfurt (Oder), erklärt, warum sie unabkömmlich sind.

rbb: Der Titel des Films lautet: "Ohne Polen läuft hier nix!". Was meinen Sie damit?

Andreas Oppermann: Es gibt Branchen in Berlin und Brandenburg, die ohne polnische Arbeitskräfte definitiv weniger gut oder vielleicht sogar gar nicht mehr funktionieren würden. Im Film begleiten die Autorinnen Agata Horbacz und Katharina Zabrzynski zum Beispiel ein Zimmermädchen, das jeden Tag von Slubice nach Berlin zum Arbeiten fährt. In dem Hotel, in dem sie arbeitet sind zwölf von 14 Reinigungskräften Polinnen. Das ist alles andere als ein Einzelfall. Ohne polnische Arbeitskräfte wäre der Berliner Tourismusboom schwer vorstellbar. Ähnliches gilt für die Fachkräfte in der Industriemontage. Die Rüdersdorfer Firma, die wir besuchten hat 25 Prozent polnische Fachkräfte. Ohne sie würde die Firma wohl nicht mehr existieren. Insofern ist der Titel mehr als nur eine journalistische Zuspitzung - und man kann wirklich sagen: Ohne Polen läuft hier nichts.

Haben Sie sich auch angeschaut, in welchen Branchen besonders viele Polen und Polinnen in Berlin und Brandenburg arbeiten?

Wenn ich mich in Frankfurt (Oder) umschaue, dann stelle ich fest, dass es kaum noch ein größeres Geschäft gibt, in dem keine Polinnen und Polen arbeiten. Sie sind fester Bestandteil des Einzelhandels. Wer regelmäßig auf der A12 oder dem Berliner Ring unterwegs ist, sieht enorm viele polnische Lkw und Transporter. Diese Alltagsbeobachtung lag unserem Datenrecherche zugrunde. Wir wollten wissen, ob der Eindruck stimmt. Gerade in der Logistik hat die Zahl der beschäftigten Polen von 2015 bis 2018 dramatisch zugenommen – und zwar um über 220 Prozent. In Berlin ist das ähnlich, aber auf niedrigerem Niveau (+130 Prozent). In Berlin sind viele Polen vor allem im Baugewerbe und auf dem großen Feld der Dienstleistungen beschäftigt, in Brandenburg  arbeiten viele auch in der Leiharbeitsbranche.

Was sind die Gründe dafür?

Zwei Gründe spielen zusammen. Zum Einen haben wir in vielen Bereichen tatsächlich einen  großen Bedarf an Arbeitskräften. Und zum Zweiten haben wir nach wie vor ein großes Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West. Die Monteure in unserem Film verdienen in Rüdersdorf das Dreifache von dem, was sie in Polen verdienen würden. Das Zimmermädchen doppelt so viel wie eine Bankangestellte in Polen.

Seit 2011 hat sich die Anzahl der Polen in Berlin und Brandenburg mehr als verdoppelt. Liegt das allein an der seitdem für Polen geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit?

Das ist der wesentliche Grund. Natürlich spielt auch die geografische Nähe eine Rolle, etwa wenn viele Stettiner in die Uckermark gezogen sind, weil die Grundstücke da günstiger waren. Aber das konstante Wirtschaftswachstum in Berlin und Brandenburg in den vergangenen Jahren ist eben auch wichtig. Nur so ist zu erklären, dass der stärkste Zuzug in Brandenburg nach Teltow-Fläming erfolgte. Dort sitzt in Großbeeren die Logistikbranche. Außerdem sind Ludwigsfelde und Dahlewitz wichtige Industriestandorte in diesem Landkreis. 

Die Daten zeigen: Der größte Zuwachs findet nicht in den grenznahen Regionen statt. Wie können Sie sich das erklären?

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Grafik mit den Einpendlern. Seit 2011, dem Jahr, in dem die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Polen in Deutschland gilt, ist deren Zahl um mehr als das 20-fache gestiegen. Dieser Wert gilt auch für Berlin. Allerdings ist die absolute Zahl in Berlin deutlich niedriger. Für den Grenzraum gilt sehr oft: Wohnen in Polen, arbeiten in Brandenburg. Außerdem wächst der Grenzraum tatsächlich immer enger zusammen. Das lässt sich in Frankfurt (Oder), Guben  oder Schwedt sehr gut beobachten. Der Gang oder die Fahrt über die Brücke zum Nachbarn ist in beide Richtungen so selbstverständlich, dass ein Umzug kaum noch nötig ist, um in den Genuss der Vorteile zu gelangen.

Mit welchen Herausforderungen sind die Protagonisten in dem Film konfrontiert?

Joanna Heim, das Zimmermädchen aus Słubice hat dieselben Herausforderungen zu meistern wie sehr viele Pendler in Brandenburg. Die Fahrt kostet viel Zeit. Die Monteure leben eigentlich 300 Kilometer weiter östlich. Sie sind nur unter der Woche hier. Sie nehmen für das bessere Gehalt in Kauf, dass sie Fernbeziehungen mit ihren Familien führen. Für den Sänger im Chor der Deutschen Oper bedeutet das Engagement in einem Haus mit Weltniveau den Verlust der Heimat. Insofern haben sie alle Probleme, die auch viele deutsche Arbeitnehmer haben. Für den größeren Wohlstand zahlen sie alle auch einen Preis. Nur unsere Lehrerin ist wirklich genau da, wo sie immer hin wollte: In Deutschland.

Haben Sie auch mit Deutschen über den Zuzug aus dem Nachbarland gesprochen? Wie ist die Stimmung?

Im Allgemeinen gut. Wir stellen fest, dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen im Grenzraum tendenziell immer selbstverständlicher wird. Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen: Als die Lehrerin aus unserem Film deutschen Kindern Deutsch beibringen sollte, gab es bei den Eltern der Grundschule auch Vorbehalte. Eine Ausländerin, die Muttersprachlern die eigene Sprache beibringt, war im ersten Moment doch etwas viel. Aber das hat sich gelegt, weil der Unterricht gut ist, weil die Kinder die Lehrerin schätzen und weil die Rektorin voll hinter ihr steht. Wenn sich selbst hier alles entspannt hat, ist es nicht verwunderlich, dass auch sonst vor allem ein normales bis gutes Zusammenleben zu beobachten ist. Polnische Einwohner in Brandenburg sind Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr, sie sind auf den Straßen präsent und sie beteiligen sich am gesellschaftlichen Leben. Eigentlich ist diese Normalität ein großer Schatz. 80 Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen ist sie zumindest keine Selbstverständlichkeit.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sendung:  Die rbb Reporter - Ohne Polen läuft hier nix!, 18.09.2019, 21.15 Uhr.

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11 Kommentare

  1. 11.

    Sie sagen es. Genau das war auch der Grund für die EU-Osterweiterung.

    Konrad Kustos: "Aus Migranten Kapital schlagen"

  2. 10.

    Wer dieses Märchen glaubt, ist selber schuld. Die grösste Angst der hiesigen Kapitalisten sind die Personalkosten. Daher werden Arbeitnehmer aus EU und anderswo angelockt um die Löhne in Deutschland zu drücken. Das kann man daran sehen, dass viele Deutsche von ihren Gehältern und erst recht von ihrer Rente nicht mehr in Würde leben können. Würde ist halt Konjunktiv in Deutschland. Die Autoindustrie verzeichnet momentan 5% Umsatzrückgang und schon arbeiten viele Betriebe kurz, entlassen langjährige Mitarbeiter oder melden Insolvenz an. In Polen mittlerweile leben die meisten Bürger besser als die 50% abgehängten deutschen Bundesbürger. Und die Polen wissen das!

  3. 8.

    Nicht die "tausenden Polen" zerstören die Löhne in den Bauhauptgewerben sondern die deutschen Bauherren und deutschen Subunternehmer zahlen eben nicht mehr. Die nehmen denn lieber Arbeiter aus Polen oder Rumänien, die sich alles gefallen lassen müssen.

  4. 7.

    wenn die " die deutschen Fachkräfte " in einem anderen EU-Land deutlich mehr verdienen würden, ja dann wären die auch dort. Siehe Ärzteabwanderung nach Norwegen oder UK , nur als Beispiel . Es wird dem Geld gefolgt, was denn sonst?
    Die Wirtschaft macht es doch vor: Verlagerung der Produktion in Länder mit niedrigerem Lohnniveau , egal wie weit entfernt

  5. 6.

    " Sie wissen ganz genau was sie wollen und dafür auch verlangen können. " daran ist auch nichts zu kritisieren. Hatte selber mit polnischen Handwerkern zu tun und die hatten eine ausgezeichnete Arbeit gemacht.

  6. 5.

    wenn das so sein sollte : einfach keine Polen mehr einstellen/ beschäftigen.. Dann wird sich sehr schnell zeigen, dass deutsche Handwerker die Lücken nicht füllen können. Welcher Arbeitnehmer würde denn im Ausland arbeiten wenn er nicht Vorteile davon hätte ?
    und in der ARD dürfen wir lesen : 79.000 Jugendliche waren 2018 ohne Ausbildungsvertrag - dabei blieben 58.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.
    " Berliner Polen sparen sich auch immer noch die deutsche KFZ Steuer und die deutsche Versicherung für ihre Fahrzeuge...." ja, warum denn nicht ?

  7. 4.

    "Mehr als der übliche Mindestlohn" ist aber meilenweit entfernt von Tariflohn. Für die Polen ist das vielleicht keine Ausbeutung, für die deutschen Fachkräfte aber jedenfalls Lohndumping.

  8. 3.

    Nachdem tausende Polen die Löhne in den Bauhauptgewerben zerstört haben, durch ihre illegale Arbeit in Deutschland, daher kein vernünftiger Deutscher mehr auf dem Bau arbeiten möchte, haben die Polen nun ihre "Preise" angezogen und leben jetzt wie die Made im Speck! Insbesondere unsere Berliner Polen sparen sich auch immer noch die deutsche KFZ Steuer und die deutsche Versicherung für ihre Fahrzeuge...............jupp da ist man super Konkurrenzfähig! Von Ausbeutung kann ich hier nichts entdecken!

  9. 2.

    Das ist Quatsch. Vielleicht in wenigen Einzelfällen.
    Ausgebeutet werden mehr Bulgaren, Rumänen und Flüchtlinge aus den bekannten Ländern. Polen sind mittlerweile Selbstbewußter den je. Sie wissen ganz genau was sie wollen und dafür auch verlangen können. Habe einige kennengelernt und weiß das sie mehr als den üblichen Mindestlohn in der Montage-Branche bekommen. Auch im Hotelgewerbe werden sie gut bezahlt.
    Deutsche sind sich ja mittlerweile zu FEIN für gewisse Jobs....
    Die wolle in ein Start-Up mit Kicker und Ruheraum am Arbeitsplatz.
    Sorry,... Ironie.

  10. 1.

    "- und man kann wirklich sagen: Ohne Polen läuft hier nichts." - und man kann wirklich sagen: ohne Ausbeutung und Ausnutzung von Polen läuft hier nichts.

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