Eine Flasche Rotwein steht hinter einem Weinglas. Quelle: Jiri Hubatka/imago
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Video: SUPER. MARKT | 30.09.2019 | Milan Schnieder | Bild: Jiri Hubatka/imageBROKER

"Weinkurhaus" - Berliner Firma zieht Rentner mit Wucher-Wein über den Tisch

Mitarbeiter der Firma "Weinkurhaus" verkaufen bei Haustürgeschäften Wucher-Weine an ältere Menschen. Für ihre Abzocke wurde die Firma schon einmal verurteilt. Angehörige bemerken den Schaden oft erst, wenn Zigtausende Euro verloren sind. Von Milan Schnieder

In Berlin und Brandenburg werden Rentner immer wieder Opfer dubioser Haustürgeschäfte, bei denen überteuerte Weine und Fruchtsäfte verkauft werden. Die Firma "Weinkurhaus" aus Berlin-Hellersdorf versucht, auf diese Art den großen Reibach zu machen. Den Betroffenen, meist alleinstehende Senioren, wird Wein sowie Fruchtsaft zu Wucherpreisen verkauft. Angehörige der Betroffenen bemerken den Schaden häufig erst, wenn er in die Zigtausende geht.

Über 59.000 Euro hat etwa Klaus P. aus Berlin-Reinickendorf für mehr als 1.000 Flaschen Wein, Saft und Likör bezahlt. Der 77-Jährige ist schwerbehindert und fast taub. Er wird in seinem Leben diese Flaschen wohl kaum aufbrauchen, aber er hat für die Getränke einen Großteil seiner Ersparnisse ausgegeben. Mit Mitteln, die an Schamlosigkeit kaum zu überbieten sind, haben die Mitarbeiter von Weinkurhaus den Rentner immer weiter ausgenommen.

Bis zu 8.000 Euro Nettoverdienst

Der Anwalt von P., Peter Schäfer, vertritt aktuell fünf Geschädigte gegenüber dem "Weinkurhaus", sieben weitere Fälle wurden schon verhandelt. Schäfer kennt sich mit der Masche der Weinverkäufer aus: "Die rufen bewusst ältere Leute an, weil die nicht so eine starke Widerstandsfähigkeit gegen solche ‚Weinkurhausberater‘ aufbieten können. Je älter und kränker, desto günstiger ist das scheinbar."

Das musste auch ein Reporter des rbb-Verbrauchermagazins SUPER.MARKT erleben, der sich undercover um einen Job als Außendienstmitarbeiter bei "Weinkurhaus" beworben hatte. Bis zu 8.000 Euro Nettoverdienst stellte ihm der Inhaber und Geschäftsführer in Aussicht.

Verkäufer verschaffte sich Zugang zu Wohnungen

Zur Probe sollte der rbb-Reporter einen erfahrenen Vertreter auf dessen Tour begleiten. Besucht wurde dabei unter anderen ein 94-jähriger Berliner, der allein lebt und während des Verkaufsgesprächs zunehmend überfordert wirkte. Fast 50 Flaschen Wein wurden ihm vom "Berater" aufgedrängt – zu einem Gesamtpreis von knapp 2.700 Euro.

Bei einer Kundin verschaffte sich der Verkäufer Zugang zur Wohnung, obwohl diese das ausdrücklich ablehnte. Durch die unangenehme Situation soll Sozialdruck aufgebaut werden, so Professor Marko Sarstedt vom Lehrstuhl für Marketing der Uni Magdeburg. Und weiter: "In solchen Situationen fühlt sich ein Konsument vielleicht dazu genötigt, ein Produkt zu kaufen, das er eigentlich nicht haben möchte."

Firma "Weinkurhaus" wurde schon einmal verurteilt

Aber nicht nur das aufdringliche Verkaufsgebaren von "Weinkurhaus" ist problematisch. Die Weine werden zusätzlich extrem teuer verkauft. Die Qualität hält allerdings nicht mit: Laut Schätzung von Umberto Galli Zugaro, Dozent der Europäischen Sommelier Schule, ist der Wein, der für über 66 Euro verkauft wird, maximal 15 Euro wert. Auch bei anderen Flaschen, die SUPER.MARKT hat prüfen lassen, schätzt der Kenner den verlangten Preis als bis auf ein Vierfaches überhöht ein. Beim Blick auf die Etiketten wird zudem klar: Hier wurden Weine unterschiedlicher Winzer zusammengemischt. Nicht gerade ein Qualitätsmerkmal.

Für Rechtsanwalt Schäfer ist das Vorgehen von "Weinkurhaus" ein klarer Fall von Wucher: "Üblicherweise beginnt der Wucher-Tatbestand bei 100 Prozent des üblichen Preises." Zwei Gerichte in Potsdam haben das Weinkurhaus schon 2014 und 2016 zur Rücknahme von verkauften Getränken verurteilt. Die Begründung damals: Sittenwidrigkeit. Denn die Verträge waren "in einer Überrumpelungssituation zustande gekommen." Zudem sei der Preis für eine Flasche Wein, "dessen genaue Herkunft unbekannt ist, exorbitant hoch."

Dieselbe Masche fünf Jahre nach Verurteilung

Doch fünf Jahre später bedient sich das "Weinkurhaus" unbeirrt der gleichen Masche, wegen der es verurteilt wurde. Der Stadträtin für Wirtschaft im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, Nadja Zivkovic, sei der Fall erst seit der vergangenen Woche bekannt, sagt sie gegenüber dem rbb. Nun will sie den Fall an das Gewerbeamt weiterleiten. Dort würde dann kontrolliert, ob eingeschritten werden müsse oder nicht.

Bis dahin schützen sich Verbraucher am besten, indem sie solche Hausbesuche bereits am Telefon ablehnen. Wer doch etwas gekauft hat, sollte so schnell wie möglich Kontakt zur Verbraucherzentrale oder einem Anwalt aufnehmen.

Sendung: SUPER.MARKT, 30.09.2019, 20.15 Uhr

Beitrag von Milan Schnieder

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14 Kommentare

  1. 14.

    Meine Oma hatte Ende 2013 das Vergnügen rein zufällig am Tag wo die Rente aufs Konto kam, 24 Flaschen Traubensaft zum Preis von über 300 € zu bestellen. Telefonisch versuchte ich Herrn T. zu erklären, dass meine Oma Demenz hat und somit praktisch nicht geschäftsfähig. Leider war sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell (durch mich) betreut. Aber selbstverständlich hat sie -mit meiner Hilfe- die Bestellung per Einschreiben mit Rückschein widerrufen. Das Geld wurde trotzdem nicht zurückgezahlt, da meine Oma eine Woche später -lt. telef. Aussage von T.- am 3.1.2014 wiederum 24 Flaschen Saft bestellt hat. Diesmal war der "Verkäufer" aber soooo schlau, dass er den Durchschlag der Rechnung nicht in der Wohnung lies, denn wenn der "geizige Enkel" die Bestellung sieht, könnte ja Ömchen wieder "genötigt" werden zu kündigen. Somit wurde die zweiwöchige Widerrufsfrist abgewartet verbunden mit der "freundlichen" telefon. Aussage: Der Widerruf wurde verrechnet mit der Bestellung vom 3.1.14!

  2. 13.

    Nur weil es schon im Mittelalter praktiziert wurde ist es trotzdem nicht ok!

    Ich bin kein Vertreter. Aber ich würde solch Vorgehensweise weder bei mir selbst noch bei Kollegen dulden und entsprechend handeln, wenn es auch nur ansatzweise in diese Richtung geht!

    Ihren letzten Absatz verstehe ich und gebe Ihnen Recht!

  3. 12.

    Wieso noch? Betrogen und über den Tisch gezogen wurde schon im Mittelalter.
    Sie widersprechen sich selbst. Sie sind Vertreter, um einigermaßen zufrieden davon leben zu können. Und was tun Sie als Vertreter? ;-)

    "Schade aber, daß nicht auch von positiven Kundenbeziehungen gut und fair beratener Weinkunden berichtet wird. "------ Weil es nicht Aufgabe einer Redaktion ist, Werbung für den Handel zu betreiben.

  4. 11.

    Es ist wirklich beschämend, wie wenig Moral und Anstand noch vorhanden ist! Kein Mensch - ob jung oder alt sollte derart genötigt werden!
    Ich selbst bin seit 30 Jahren im Weinvertrieb und habe bis heute noch diesen permanenten Umsatzdruck - allerdings nicht getrieben durch Gier nach immer mehr Geld, sondern eher um selbst noch einigermaßen zufrieden davon leben zu können. Anders als beim hier vorgestellten Unternehmen kämpfen die meisten Vertreter ordentlicher Weinvertriebe eigentlich nur noch um‘s Überleben. Wie ungleich schwerer wird das noch, wenn solche Methoden weiterhin relativ ungestraft eingesetzt werden können?!
    Gut, das hier über diese Machenschaften berichtet wird, als „Insider“ kann ich Ihren Bericht voll und ganz bestätigen!
    Schade aber, daß nicht auch von positiven Kundenbeziehungen gut und fair beratener Weinkunden berichtet wird. Sie würden staunen, wieviel zufriedene Kunden es gibt die uns gern über Jahrzehnte die Treue halten.

  5. 10.

    Herr Tornow,

    Nicht nur die Tatsache, dass dadurch vornehmlich ältere Bürger betrogen werden - denn im Alter nimmt bei Menschen erwiesenermaßen leider das Misstrauen ab - sondern dass dadurch auch ein normalerweise seriöser Beruf in den Dreck gezogen wird.

    Es ist an der Zeit, dass solche Machenschaften mit Haftstrafen nicht unter 2 Jahren geahndet werden.

    Sollte also einer Ihrer "Verkäufer" eines Tages vor meiner oder der Haustür meiner Mutter stehen, können Sie darauf wetten, dass Sie ihn anschließend suchen lassen müssen. BMW inklusive!




  6. 9.

    Jeder mit mehr als 2 Hirnzellen weiß, dass keine Umfrage harmlos ist. Aber genau da fängt es ja schon an. Wenn die Gier nach dem Geschenk größer als das Nachdenken ist.

    Ich kann mich nur wiederholen. Nicht ans Telefon gehen (dann kommen auch keine Umfragen). Niemanden reinlassen.

    Gegen Anrufe kann man sich wehren. Schriftlich untersagen und bei weiteren Anrufen die Bundesnetzagentur einschalten.

  7. 8.

    Guten Tag, Herr Tornow!

    Wenn Sie es denn wirklich sind, sind wir doch sehr verwundert, dass Sie sich hier äußern.
    Nach Abschluss unserer Recherchen zu diesem Beitrag haben wir Sie schließlich recht eindrücklich um eine Stellungnahme gebeten.

    Wir sind zudem der Meinung, dass man nicht "irgendwie" an sein Geld kommen muss, sondern bei welcher unternehmerischer Tätigkeit auch immer, ehrlich uind fair handeln sollte.
    Für uns ist daher fraglich, ob sich Ihr aktuelles Geschäftsmodell überhaupt optimieren lässt und nicht eher eingestellt gehört.

    Mit freundlichen Grüßen
    Die SUPER.MARKT-Redaktion

  8. 7.

    Mich erinnern diese dubiosen Geschäfte an die sogenannten Kaffeefahrten damals. Da konnte man für zehn Mark nach Sylt oder Fehmann inklusive Mittagessen und dann kamen diese Werbeverkaufshows. Decken aus Argentinien, erlesene Weine aus Italien und Frankreich. Und es gab immer welche die sich haben übers Ohr hauen lassen.

  9. 6.

    Ich behaupte, dass Sie nicht der Inhaber dieses dubiosen Geschäftsmodells sind. Denn sonst würden Sie sich hier in aller Öffentlichkeit für Ihr Verhalten Entschuldigen. Dementsprechend ist Ihr Kommentar unverschämt und anmaßend.

  10. 5.

    Einen Hausbesuch abzulehnen ist hier nicht so einfach wie man denkt. Wer möchte nach einer scheinbar harmlosen Umfrage nicht gern die Danke-Schön-Präsent aus der Behindertenwerkstatt entgegen nehmen? Die Kinder haben sich doch solche Mühe gegeben. Falsch ist jedoch, dass gezielt Jagd auf ältere Menschen gemacht wird. Allgemein werden Nummern von alten Click-Tel-CD's u.ä. durchtelefoniert. Immer und immer wieder. Die älteren Menschen sind jedoch leider jene, die letztendlich auf diese ganze Masche hereinfallen. Andere sind bereits Bestandskunden und werden permanent alle paar Wochen tyrannisiert. Auch hier trifft es junge wie alte Menschen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern. Den Telefonistinnen ist es verboten Namen von der Liste zu streichen. Oft genug kommen Anrufe von Angehörigen, diese werden unverschämt abgewimmelt. Dies in einer Art und Weise, welche allein schon bestraft gehört. Der Standort selbst wechselt alle zwei Jahre!

  11. 4.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich als Inhaber dieses Geschäftes freue mich über Ihr Feedback und Anregungen, wie unser Geschäftdmodell verbessert werden könnte.

    P.S. Ich bin selber fast blind und trage eine starke Brille. Irgendwie muss man ja an sein Geld kommen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Tornow

  12. 3.

    Eiserne Regel für ältere/alte Leute:
    Öffne niemals die Tür, wenn Du keinen Besuch erwartest.
    Nimm niemals den Hörer ab, wenn eine unbekannte Nummer anruft.
    Ich bin selbst ein "älterer Leut". Mögen mir solche negativen Erfahrungen erspart bleiben.

    Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, wer sich im Alter über den Tisch ziehen lässt, dem wäre das auch in jüngeren Jahren passiert. Deutlicher möchte ich da nicht werden.

  13. 2.

    DANKE ! für die Sendung und den Hinweis auf diese Firma !
    Es ist BESCHÄMEND wie eiskalt dort Verkäufer jagd auf Leute machen die sich über den Tisch ziehen lassen !
    das ist Drückerkolone pur ! Hoffentlich schiebt DIESMAL die zuständigeBehörde nen Riegel vor. Das ist fast schon nen Fall für die Staatsanwaltschaft. Erstaunlich wie diese Firma das über die Jahre, trotz Gerichtsverfahren so weiter machen kann.

    Ps. Hochachtung für Euren Einsatz mit versteckter Kamera ! Erinnerte mich stark an "ALI" Wallraff zu besten Zeiten.

  14. 1.

    Schamlos und unverschämt. Solche Typen sollen sich bei mir ja nicht blicken lassen. Mir tun die älteren Personen schon irgendwie leid. Andersrum allerdings kann ich jedem nur raten, niemals Fremde Personen Zutritt in die Wohnung zu gewähren. Im Fall von Hartnäckigkeit die Tür gar nicht erst öffnen.

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