Boris Johnson/Rolls Royce (Quelle: dpa/Imago)
Bild: dpa/Imago

Handel mit Großbritannien - Was die Brexit-Unsicherheit für Brandenburg bedeutet

Brandenburg verbindet mit Großbritannien ein gewaltiges Handelsdefizit und das ist gut so. Denn britische Importe sind Grundlage für die wertvollsten Exporte des Landes: Flugzeugtriebwerke aus Teltow-Fläming. Umso problematischer wäre ein harter Brexit. Von Oliver Noffke

Die Auswirkungen des Brexits auf Brandenburgs Wirtschaft sind schwer abzuschätzen. Zu diesem ernüchterndem Schluss kommt das Wirtschaftsministerium [mwe.brandenburg.de]. Mehr als drei Jahre nach der britischen Brexit-Abstimmung und einen Monat vor dem bereits verschobenen Austrittstermin ist weiterhin unklar, zu welchen Bedingungen Großbritannien die EU verlassen wird - oder ob dieser Fall überhaupt eintreten wird. Für Unternehmen, deren Geschäfte eng mit England, Nordirland, Schottland oder Wales verbunden sind, ist die andauernde Hängepartie ein Trauerspiel.

Laut brandenburgischem Wirtschaftsministerium steht Großbritannien auf Platz acht der wichtigsten Exportmärkte des Bundeslandes. 2017 erlösten märkische Firmen 450 Millionen Euro in Großbritannien. Für ein ostdeutsches Bundesland, dessen Wirtschaft oftmals mit Begriffen wie "Strukturschwäche" in Verbindung gebracht wird, ist dies eine enorme Summe. Das Vereinigte Königreich ist insbesondere ein wichtiger Absatzmarkt für Firmen, die Papiererzeugnisse, Fahrzeugteile und Motoren, Kunststoffwaren oder Bauteile für Luftfahrzeuge herstellen. Freier Zugang zum britischen Markt ist für sie besonders wichtig.

Noch 2016 hatten die Exporte einen Gesamtwert von 464 Millionen Euro. Ob es sich bei dem Rückgang im darauffolgendem Jahr, um ein einmaliges Ereignis gehandelt hat, ist noch nicht abzusehen. Die Exportwerte für 2018 sind noch nicht veröffentlicht. Dass es innerhalb einer Phase des allgemeinen Aufschwungs überhaupt einen so deutlichen Rückgang gab, ist erstaunlich. Zumal das britische Pfund infolge des Volksentscheids spürbar an Wert verloren hat: Produkte aus der Eurozone sind auf der anderen Seite des Ärmelkanals also teurer geworden. Dass der Wert der Exporte um 14 Millionen Euro gesunken ist, deutet daher darauf hin, dass deutlich weniger Waren aus Brandenburg nach Großbritannien exportiert worden.

Exporteuren könnten Tarife erspart bleiben

Sollte es zu einem sogenannten harten Brexit kommen, also einem Abschied ohne dass die zukünftigen Beziehungen zur EU geregelt sind, werden sich auch Brandenburger Unternehmer auf eine völlig neue Situation einstellen müssen. Großbritannien wäre dann ein sogenanntes Drittland, mit dem kein Handelsabkommen besteht – auf einer Stufe mit Ländern wie Togo oder Pakistan. Sämtliche Waren müssen dann Zollkontrollen durchlaufen.

Außerdem werden auf die Waren Zolltarife nach dem Regelwerk der Welthandelsorganisation WTO erhoben. Der deutsche Zoll führt in seinen Tariflisten Tausende Produkte. Für jedes sind werden eigene Aufschläge festgelegt. Zwar hat die britische Regierung angekündigt, im Falle eines harten Brexits auf die Tarife für Waren aus der EU zu verzichten. Dass Brüssel diesen Gefallen erwidert, ist allerdings ausgeschlossen. Zum einen schützt die EU ihre Unternehmer durch Tarife vor billiger Konkurrenz aus Drittländern, zum anderen ist der Zugang zum europäischen Markt ihre Trumpfkarte.

Ein Handelsdefizit das Gold wert ist

Firmen, die Waren aus Großbritannien beziehen, würden bei einem harten Brexit also zukünftig deutlich teurer einkaufen. Für Brandenburg ist das ein riesiges Problem. Denn der Gesamtwert der importierten Waren ist mehr als doppelt so hoch wie der des Exports. 2017 lag er bei 967 Millionen Euro (2016, 911 Millionen Euro).

Fast zwei Drittel (63,8 Prozent) davon entfielen auf Luftfahrzeuge beziehungsweise Maschinenteile für die Herstellung von Luftfahrzeugen. Insgesamt hängen in Berlin und Brandenburg 17.000 Jobs von der Luft- und Raumfahrtindustrie ab. In beiden Ländern gibt es derzeit mehr als 7.500 industrielle Arbeitsplätze in der Branche.

Der wichtigste Akteur ist dabei Rolls Royce. Der britische Konzern stellt in Dahlewitz (Teltow-Fläming) Flugzeugtriebwerke her. Relativ kleine wie die der BP700-Reihe, aber auch das Meisterstück des Unternehmens: das XWB, eine extrem leistungsfähige und vergleichsweise spritsparende Maschine. Nahezu jeder neue Langstreckenjet von Airbus bekommt im französischen Toulouse diese Triebwerke verpasst. Für die 3.000 Mitarbeiter bei Rolls Royce in Dahlewitz ist dieses Geschäft so etwas wie eine Beschäftigungsgarantie für die kommenden Jahrzehnte.

Das enorme Handelsdefizit mit Großbritannien ist für Brandenburg Gold wert. Das zeigt ein Blick auf die Exportzahlen mit Ländern, in die die Triebwerke zur Endmontage geliefert werden. 2016 bezogen Brandenburger Unternehmen Waren im Wert von 636 Millionen Euro aus Frankreich, aber lieferten Waren im Wert von 1.477 Millionen Euro dorthin: ein Handelsüberschuss von 841 Millionen Euro. Aus den USA wurden im gleichen Jahr Waren für 833 Millionen Euro bezogen und für 1.995 Millionen exportiert: ein Überschuss von mehr als 1,16 Milliarden Euro. Wesentlichen Anteil daran haben Luftfahrzeugteile.

Rolls Royce hält sich bedeckt

Es liegt nahe, dass Rolls Royce in Dahlewitz für einen Großteil der brandenburgischen Importe aus Großbritannien verantwortlich ist. Das Unternehmen selbst hält sich auf Anfrage von rbb|24 dazu bedeckt. Einzelheiten zu Lieferketten oder Zuliefern will das Unternehmen weder herausgeben noch bestätigen. Ein Sprecher teilt lediglich mit: "Wir arbeiten konzernweit und für alle betrieblichen Vorgänge daran, Service-Unterbrechungen für unsere Kunden in Folge des Brexit möglichst zu verhindern."

Im August teilte Rolls Royce der britischen Tageszeitung "The Guardian" mit, bereits mehr als 100 Millionen Pfund (112 Millionen Euro) für Brexit-Vorbereitungen ausgegeben zu haben. Hauptsächlich sei das in die Werke im englischen Derby sowie in Dahlewitz investiert worden. Wofür genau das Geld ausgegeben wurde, bleibt auch auf Nachfrage unklar.

Aus der Antwort des Unternehmens klingt aber auch eine gewisse Frustration heraus: "Planungssicherheit ist wichtig für unsere Kunden, uns und unsere Lieferanten. Diese Sicherheit gibt es erst, wenn alle Aspekte vertraglich geregelt sind." Mit anderen Worten: Solange nicht klar ist, auf welche Art von Brexit britische Politiker sich überhaupt einigen, kann man in Brandenburg auch nicht für die Zukunft planen.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Alles klar. Sie sind also nicht auf dem aktuellen Stand. Das kann schon mal passieren, wenn man gewöhnt ist, Vorgekautes nachzubeten, anstatt sich eigenständig zu informieren. Kritik an der Demokratieferne der EU kommt übrigens nicht nur vom "Voll-Nahdsi-Opa" sondern auch von der Partei Die Linke. Warum? WEIL es dort nun mal erhebliche Demokratiedefizite gibt. Aber auch diese Feinheiten werden ihresgleichen kaum wahrnehmen. Alles Nahdsi außer Mutti.

  2. 7.

    Noch viel mehr Länder müßten diesen Verein (EU) verlassen!

  3. 6.

    Da sagen der Nazi Opa, Bernd Höcke und die Schweizerin aber was anderes. Aber es ist wie in allen Parteien alles nur Geschwätz. Hauptsache am Futtertrog sitzen.

  4. 5.

    Austrittsvertreter? Bitte verbreiten Sie keine Fake News. Die AfD will nicht per se den Austritt sondern erst mal Reformen. Und die sind auch bitter nötig. Die Machtzentrierung bei der EU-Kommission hat nämlich mit Demokratie nichts zu tun. Aber solche Feinheiten werden ihresgleichen kaum wahrnehmen.

  5. 4.

    Die Leute sollten sowieso weniger fliegen - allein schon wegen des Klimaschutzes. Hat doch Greta gesagt. Schon vergessen? Im Übrigen glaubt doch wohl hier außer Lieschen Müller niemand ernsthaft, daß das Establishment einen Brexit zuläßt - weder das britische noch das der übrigen EU-Länder. Die Show kann doch niemand ernst nehmen, der bei Verstand ist.

  6. 3.

    Üb 20 % der Brandenburger Wähler wollen sogar noch mehr Einschnitte. Sonst hätten sie nicht die EU Austrittstvertreter der afd gewählt.

  7. 2.

    Ein gutes Beispiel wie Populisten mi Lügen eine Nation zerstören. Geht GB raus finden sie sich bald in klein England wieder.

  8. 1.

    Dass jetzt "die Hand auf dem Oberschenkel" gekommen ist, war zu erwarten.
    Die EU täte gut daran, realistische Positionen zu der "Backstop" Problematik einzunehmen, die die Souveränität des Vereinigten Königreichs respektieren.
    Dazu gehören auch technische Verfahren, wie sie Johnson unterbreitet hat, ernsthaft zu prüfen.

Das könnte Sie auch interessieren