Frank Wesemann (Quelle: rbb/Mona Ruzicka)
Video: Brandenburg aktuell | 19.09.2019 | Mona Ruzicka | Bild: rbb/Mona Ruzicka

Bündnis in Prignitz-Ruppin - Ernährungsrat will die Region auf Brandenburger Teller holen

Viele Landwirte in Brandenburg produzieren für den Export - in den Supermärkten liegt gleichzeitig Gemüse oder Obst aus fernen Ländern. Ein Bündnis in Prignitz-Ruppin entwickelt Konzepte, wie eine gute regionale Ernährung aussehen könnte. Von Mona Ruzicka

Ein kleines Dorf könnte satt werden von dem was Frank Wesemann auf seinen zehn Hektar Acker anbaut. Sein Öko-Hof "Waldgarten" steht am Rande von Barenthin in Ostprignitz-Ruppin. Mehrere Dutzend Gemüsesorten wachsen nebeneinander: Lauch, Bohnen und Sellerie fügen sich zu einem satt-grünen Teppich aus Blättern zusammen. Im Gewächshaus wachsen Tomaten und Gurken und auch exotische Früchte wie Physalis gedeihen auf Brandenburger Boden.

Es ist aber noch lange nicht so, dass auf den Tellern der Brandenburger vor allem Essen made in Brandenburg landet. Die meisten Betriebe in Brandenburg produzieren für den Export oder für Tierfutter sehr viel von einem Produkt, etwa Weizen, Roggen oder Mais. Die Tomaten in den Supermärkten kommen hingegen eher aus Spanien oder Marokko. Das sei ein Fehler, sagt Wesemann. "Wir brauchen kleine Betriebe, die divers aufgestellt sind und das produzieren, was die Menschen an Nahrung brauchen." Er hält das für umweltverträglich und nachhaltig, außerdem würde so mehr Wertschöpfung im Land stattfinden.

Ernährungsrat schaut auf regionale Lebensmittel

Deshalb hat er vor einem Jahr in Kyritz den Ernährungsrat Prignitz-Ruppin mitgegründet, den ersten im ländlichen Raum in Deutschland. Das Konzept "Ernährungsrat" war bisher vor allem ein urbanes Phänomen, in Berlin gibt es eine solche Initiative seit 2016 [ernaehrungsrat-berlin.de]. Ziel ist es, ein Ernährungskonzept für die Region zu erstellen, mit besonderem Fokus auf regionale und nachhaltige Ernährung.

In Kyritz fanden sich schon beim ersten Treffen mehr als 40 Interessierte für das Thema, zum engen Kreis gehören neben dem Landwirt auch Vertreter von Sozial- und Umweltvereinen, eine Stadtabgeordnete und Privatpersonen wie ein Kyritzer Lehrer. Unterstützung kommt zudem von der Landesarbeitsgemeinschaft für politisch-kulturelle Bildung in Brandenburg. "Es entwickelt sich gerade ein Bewusstsein, dass man Klimawandel, Umweltschutz und Ernährung zusammen denken muss", erklärt Frank Wesemann den großen Zulauf.

Erste Ideen für Kitas und Schulen

Eine besondere Chance sieht die Initiative in der Gemeinschaftsverpflegung. Das Essen in kommunalen Einrichtungen wie Schulen oder Kitas könnte als Erstes umgestellt werden. Bedarf gäbe es in Kyritz: Sowohl die Kita als auch die Schule sind mit der Essens-Situation unzufrieden. Es gibt keine Möglichkeit, vor Ort frisch zu kochen, das Essen wird von einem großen Caterer zugeliefert. Eltern berichten, dass das Essen zwar günstig sei, darunter aber die Qualität leide.

Für Kai Raabe, Lehrer für Naturwissenschaften an der Carl-Diercke-Oberschule in Kyritz, war das ein Grund, sich von Anfang an im Ernährungsrat zu engagieren. An seiner Schule essen nur etwa 15 von 280 Schülern in der Cafeteria. "Wir hätten gerne, dass mehr Schüler hier essen oder auch mal mit regionalen Lebensmitteln selber kochen. Sie sollen ein Bewusstsein entwickeln, was sie essen und woher das Essen kommt."

Kommunale Investitionen würden in der Region bleiben

Die Cafeteria ausbauen, neue Caterer beauftragen - solche Großprojekte kann der Ernährungsrat nicht alleine auf den Weg bringen. Die Bürgermeisterin von Kyritz, Nora Görke (parteilos), ist seit dem Gründungstreffen Unterstützerin. "Es freut mich, dass wir in Kyritz so aktiv sind", sagt sie. "Es wäre mein Traum, für Schulen und Kitas mit regionalen Produkten zu kochen und den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass das schmeckt." Dafür müsse aber erst einmal die Finanzierung geklärt werden.

Der Landwirt Frank Wesemann wäre sofort bereit, seine Produkte an Schulen oder Kitas zu liefern, sagt er. Momentan seien seine Kunden eher in Potsdam oder Berlin. "Meine Idealvorstellen wäre, dass ich in Kooperation mit Schulen und Kindergärten im Ort Lebensmittel produziere." Bei einer langfristigen Zusammenarbeit würden seiner Meinung nach alle profitieren: Er hätte Planungssicherheit, die Einrichtungen frisches und regionales Essen - und die Investitionen der Kommunen würden bei seinem Betrieb in der Region bleiben.

Nach einem Jahr Ernährungsrat Prignitz-Ruppin sind noch keine konkreten Projekte auf den Weg gebracht, trotzdem zeigt sich das Kern-Team zufrieden. Man habe viele Akteure an einen Tisch gebracht und die Situation in Kyritz analysiert. In den Startlöchern stehe das Projekt "Ernährungslotsen", bei dem Schüler in regionalen Betrieben, wie dem Ökohof oder der Bäckerei Vollkern in Temnitztal, mehr über die Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln lernen. Ihr Wissen über gute Ernährung sollen sie dann weitertragen. Momentan bemüht sich der Ernährungsrat um die Finanzierung.

Regionale Tafelrunde (Quelle: rbb)
Die "Regionalen Tafelrunde" | Bild: rbb

Weitere Ernährungsräte in der Gründungsphase

Weil es in Kyritz so gut anläuft, wächst die Idee inzwischen auch über die Region hinaus und findet Nachahmer. Zwischen August und Oktober finden sogenannte "Regionale Tafelrunden" zum Thema Schulverpflegung statt, unterstützt vom Ministerium für Justiz, Europa und Verbraucherschutz. Vertreter des Ernährungsrates teilen dabei ihre Erfahrungen in Heinersdorf-Steinhöfel, Potsdam und Eberswalde. Ziel ist es, in den jeweiligen Regionen Interessierte zu vernetzen und weitere Ernährungsräte zu gründen.

In Potsdam hatte die CDU im Frühjahr schon die Gründung eines Ernährungsrats angeregt, in den Landkreisen Oder-Spree und Potsdam-Mittelmark haben sich in den letzten Monaten ebenfalls Interessenten gefunden, sehr zur Freude von Marc Schreiber. Er ist einer der Sprecher des Ernährungsrats und arbeitet daran, dass sich im nächsten Jahr ein Ernährungsrat für ganz Brandenburg gründet. "Es ist schön zu sehen, dass einige Initiativen unserem Vorbild nacheifern und sich noch in diesem Jahr gründen wollen. Dann wollen wir schauen, wie sich kleinere Ernährungsräte zusammentun und wir unsere Kräfte bündeln können."

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6 Kommentare

  1. 6.

    Ich gebe finde im großen und Ganzen haben hier allen Recht, jedoch war es bei den Discountern und einigen Supermärkten schon immer so, das z B. Obst und Gemüse überwiegend aus dem Ausland verkauft wird. Man sollte dabei auch bedenken, das Obst und Gemüse was aus der Region stammt, zwar besser schmeckt, aber oftmals auch wesentlich teurer ist. Und viele Menschen können sich es einfach nicht leisten diese Ware zu kaufen.

  2. 5.

    Der Meinung von Kerstin kann ich mich voll und ganz anschließen. Auch ich ärgere mich immer mehr darüber, dass es überwiegend Obst und Gemüse aus Spanien, Holland u.a. Ländern gibt, die nichts mit Regional oder Saisonal zu tun haben.
    Ich schaue ganz bewusst darauf, wo das Obst oder Gemüse produziert wurde. Werder Frucht z.B. produziert auch Paprikaschoten. Was Tomaten betrifft kaufe ich entweder die aus dem Land Brandenburg oder Sachsen- Anhalt.
    Leider ist die Vielfalt in Supermärkten und Discounter mit regionalen und saisonalen Produkten sehr gering. Selbst Herbst- und Wintergemüse kommen von weit her. Das muss nun wirklich nicht sein.

  3. 4.

    ich begrüße diesen Wandel sehr. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass dieses ganze Hin-und Hergefahre der Lebensmittel von Süd nach Nord und Ost nach West unterbleiben muss. Ich versuche bewusst regional einzukaufen. Obst und Gemüse wird von mir Saisonbedingt im Biohof Brodowin gekauft. Natürlich wird mir auch von dort alles mit dem Auto geliefert, aber unverpackt und Regional. Zum Glück besinnt sich auch der Eine oder Andere Supermarkt auf regionale Produkte und bietet diese nun verstärkt an.

  4. 3.

    Ich suche seit Jahren EINEN Regionalladen in der Gegend, leider Fehlanzeige.
    Zwar gibt es hier und da einen Hofladen, aber da stimmen Angebot und Öffnungszeiten (z.T. im Winter geschlossen) überhaupt nicht.
    Was nützt mir ein Kartoffelhof, wenn ich für die Eier wieder woanders hin fahren muss, für das Gemüse wieder woanders hin. Ein guter Hofladen mit breitem Angebot ist eine echte Marktlücke. Oder kennt hier jemand soetwas.
    In der Region TF, nicht Bayern.

  5. 2.

    Die Schulspeisung ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solange westdeutsche Lebensmittelmonopolisten darüber bestimmen, was hier vor Ort in ihren Supermärkten landet, wird dieser Wahnsinn weitergehen. Brandenburger Lebensmittel sind in unseren Supermärkten immer noch die Ausnahme. Stattdessen kommt die Masse der Lebensmittel aus den ABL. Wer so manifestiert verantwortungslos wie die westdeutschen Supermarktketten mit unseren Ressourcen und unserer Umwelt umgeht, gehört entschädigungslos enteignet. Solche flächendeckenden Klimakiller braucht kein Mensch.

  6. 1.

    Obst und Gemüse das von weither zu uns gekarrt wird, gehört verboten. Für mich fällt schon Spanien darunter, es sind aus Andalusien immerhin ca. 3.000 Kilometer, ebenfalls Marokko, Türkei und Portugal etc.. Die Niederlande lasse ich gerade noch gelten.
    Regionale Produkte kaufen wäre einfach vernünftig!

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