Symbolbild: Kundin und Verkaeuferin in der Fernsehabteilungvor in einer Saturn Filiale (Quelle: imago-images/ Johannssen/photothek.net)
Audio: rbb|24 | 30.08.2019 | O-Ton Andreas Lauk | Bild: imago-images/ Johannssen/photothek.net

Interview | Berufsberater für Auszubildende - "Die wenigsten Jugendlichen wollen wirklich Verkäufer werden"

Die meisten Bewerbungen für Ausbildungsplätze gibt es im Verkauf. Das hat allerdings oftmals nichts mit dem zu tun, was Jugendliche wirklich wollen, sagt der Berufsberater Andreas Lauk. Die meisten träumen von kreativen Jobs oder von behördlicher Sicherheit.

rbb|24: Herr Lauk, was ist Ihre Lieblingssituation in der Beratung – ein unbeschriebenes Blatt oder jemand, der schon genau weiß, was er will?

Andreas Lauk: Am liebsten ist uns die Situation, wenn der Interessent klare und konkrete Vorstellungen von dem hat, was er gerne machen möchte. Wenn wir im Gespräch dann feststellen, dass seine Vorstellung sogar mit der Realität ziemlich gut übereinstimmt,  können wir schon bald in die nächste Phase eintreten und auf die gewünschte Ausbildung zusteuern. Obwohl eben auch viele junge Leute kommen, die ihre Vorstellungen nicht so klar formulieren können und da muss man dann bei null anfangen.

Wie geht denn "bei null anfangen"?

Da besprechen wir die verschiedensten Branchen und die sich darin befindenden Berufe und schauen, was sich der Bewerber vorstellen kann.

Wie oft scheinen die Berufswünsche wirklich zu Leistungen und Persönlichkeitsprofil des Jugendlichen zu passen?

Es passt sehr oft nicht zusammen – nämlich etwa bei jedem zweiten Gespräch. Etwa 50 Prozent der Interessenten, die zu uns kommen, glauben eine feste Vorstellung zu haben und noch mal 50 Prozent haben keine Vorstellung. Die, die glauben, eine Vorstellung zu haben, würde ich noch mal halbieren. In die, bei denen diese Vorstellung in etwa passt und die andere Hälfte. Bei denen sich herausstellt, dass sie mit einer falschen Vorstellung kommen.

Schauen Sie sich dazu auch die Zeugnisse der Jugendlichen an?

Wir schauen natürlich ins Zeugnis der jungen Menschen. Aber wir erleben bei locker 80 Prozent der Schüler, dass sie aufgrund von Unter- oder Überforderung oder anderen Gründen in der Schule eine wesentlich schlechtere Leistung hinlegen als sie eigentlich könnten. Insofern sehen wir sehr häufig relativ schlechte Noten, die mit dem, was die jungen Leute drauf haben, nicht ganz zusammenpassen. Ich hatte gerade gestern so einen Elftklässler, also jemand, der das Abitur ansteuert, im Gespräch. Er hat von den Unterrichtsinhalten erzählt und auch ein begründet, dass er bei mir sitzt und von der Schule weg will, weil er da vor Langeweile einschläft.

Kommen die jungen Leute eigentlich allein zu Ihnen oder geht die Initiative meistens von den Eltern aus? Und wenn die Eltern eine große Rolle spielen: Kommen die auch mit zum Gespräch?

Die ganz jungen Kandidaten im Alter von 16, 17 Jahren kommen in der Regel über die Initiative der Eltern zu uns. Sie werden dann auch von ihnen begleitet. Darum bitten wir auch, weil derjenige ja noch minderjährig ist. Die 18-Jährigen und älteren kommen von selber zu uns und führen auch das Gespräch mit uns dann selbständig.

Gibt es in der Beratung bemerkenswerte Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen?

Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, dass junge Bewerberinnen mehr Ahnung, Informationen und eine bessere Einschätzung bezüglich der Berufe haben, für die sie sich interessieren. Die jungen Männer wirken beim ersten Eindruck in der Regel eher schlecht informiert und auch eher desinteressiert. Sie wirken eher orientierungslos.

Doch auf den zweiten Blick, wenn man mit dem oder er Bewerberin schon Wochen oder Monate im Bewerbungsverfahren ist, stellt sich das Ganze dann umgekehrt dar. In der Tendenz sind die jungen Damen dann eher unentschlossen und zögerlich und entscheiden sich letztlich lieber gar nicht. Wohingegen die jungen Männer, wenn es dann erstmal im Bewerbungs- und Betreuungsverfahren konkret wird, schneller zuschnappen. Da sind sie dann entschlussfreudiger.

Welche Berufe sind für Jugendliche besonders attraktiv? Sind das wirklich, das lassen die Zahlen der geschlossenen Ausbildungsverträge vermuten, Verkäufer und Kauffrauen oder –männer?

Die Tatsache, dass eine große Anzahl junger Leute in die Verkäufer-Ausbildung geht, hat noch nichts damit zu tun, was sie wirklich wollen. Sondern damit, was vorhanden ist. Es sind einfach bei den großen Lebensmittel- oder Textilwarenketten sehr viele Ausbildungsplätze im Angebot. Was die jungen Menschen wirklich wollen, sind meist kreative Berufe mit Medien oder Mode. Oder Berufe mit behördlicher Sicherheitsgarantie. Manche finden Tourismus ganz spannend - wobei sie da oft eine falsche Vorstellung haben. Aber eigentlich wollen die wenigsten wirklich Verkäufer werden. Wer es dann doch macht und ein paar Jahre in diesem Beruf arbeitet, kommt oft ziemlich genervt zu uns zurück und will sich noch einmal verändern.

Kommt es denn vor, dass Jugendliche nichts finden und dann in Hartz IV rutschen? 

Viele junge Leute bekommen aufgrund ihres mäßigen Schulabgangszeugnisses nach der 20 bis 30. Bewerbung noch nicht mal Einladung zu Bewerbungsgesprächen, sondern nur Absagen – wenn überhaupt. So vergeht vielleicht ein halbes Jahr Bewerbungsmarathon. Dann ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, dass sie zum Jobcenter gehen und anmelden, dass sie Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes benötigen. Das ist dann kein Zuckerschlecken. Denn das ganze Verhalten innerhalb der Jobcenter mit den Antragstellern ist übel. Da wird man von oben herab behandelt und kriegt zu spüren, dass man nicht auf der Gewinnerseite steht. Wenn sie dann Leistungen bekommen, merken sie nach einer Weile, dass das eine Art solides Taschengeld ist, mit dem sie ganz gut über die Runden kommen und auf dem sie sich vielleicht auch ein bisschen ausruhen können.

Aber es gibt es selten, dass jemand zu Beginn des Berufsfindungsprozesses sagt, Hartz IV ist ja auch gut…?

Doch, es gibt durchaus auch solche jungen Leute. Die kommen aus entsprechenden Elternhäusern, in denen der Bezug von ALG II-Leistungen schon seit Jahren vorgelebt wird. Für sie ist es sozusagen völlig normal dass "das Amt" zahlt.

Allerdings ist es auch sehr schwer, aus dieser Schleife herauszukommen und selbständig zu werden: Wer im elterlichen Haushalt von Hartz IV lebt, dem wird das – wenige - verdiente Geld auf die Leistung angerechnet. Arbeiten lohnt sich also nicht wirklich. Zu Hause ausziehen ist auch extrem schwer, denn der Staat streicht dann die Hartz IV-Leistung – und das Geld fehlt dann, sowohl den Jugendlichen als auch den Eltern. Deshalb sind die auch oftmals daran interessiert, dass die Kinder weiterhin bei ihnen wohnen. Etwas Eigenes aufzubauen ist für diese jungen Menschen also wirklich schwer.

Sie sagten ja vorhin schon, dass Verkäufer beispielsweise eher als unattraktiver Beruf für die jungen Leute gilt. Was könnten Unternehmen den tun, um solche Jobs attraktiver zu machen?

Der Verkäuferberuf ist nun mal immer gleich. Das kann man kaum ändern. Es geht ja schlicht und ergreifend darum, dass der Kunde in den Laden kommt und Ware kauft. Und der Verkäufer soll derjenige sein, der dem Kunden den Aufenthalt und das Produkt selber möglichst attraktiv rüberbringt. Gerade große Unternehmen haben wenig Spielraum, den Beruf schicker, bunter, lustiger zu machen. Wenn in einem ganz kleinen Betrieb die Verbindung zwischen Chef und Auszubildenden sehr eng ist, kann das vielleicht spannend und lustig werden, weil der Chef oder die Chefin sehr ambitioniert ist und sich gerne mit seinem Auszubildenden beschäftigt. Aber sobald das Unternehmen etwas größer ist, kann man da an kaum einer Stellschraube mehr drehen.

Bekommen Sie eigentlich einen Rücklauf, wie die einzelnen Geschichten dann weitergegangen sind?

Auf jeden Fall. Dadurch, dass wir für suchende Unternehmen von Jahresbeginn bis zum Sommer den  ganzen Bewerbungsprozess steuern, sind wir auch noch nach Beginn der Ausbildung der Kandidaten mit dem Unternehmen im Kontakt und kriegen regelmäßig Feedback. Das reicht von "hurra, hat wunderbar geklappt" bis hin zu "pustekuchen, der Kandidat hat nach drei Wochen wieder gekündigt". Dann sind alle enttäuscht. Denn wir haben ja dann wahnsinnig viel Aufwand betrieben und am Ende kommt nichts dabei bei raus.  Unsere Abbrecherquote liegt, wie bundesweit, bei den Auszubildenden bei knapp 30 Prozent.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

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9 Kommentare

  1. 9.

    "Die wenigsten Jugendlichen wollen ..." - Sind ja schließlich nicht doof.

  2. 8.

    Erfahrung Bäckereien, KollegInnen:
    kurz vor Beendigung der Probezeit wurden die Mitarbeiter rausgeschmissen, damit man sie nicht fest einstellen musste. Gab es Festeinstellungen, dann ohne Begründung nur befristet. Bei Schwangerschaften endeten diese umgehend.

    Beim Jobcenter vorgetragen: "ach, das kennen wir nicht anders, das ist normal so".

    Und warum wird das geduldet? Warum unternimmt da niemand was?

    Bäckereifachverkäuferinnen haben schon die absurdesten Arbeitszeiten, fiese Bezahlung und werden dann auch noch verar...t.

    Wieso sollte einer noch so einen Beruf ergreifen wollen?

  3. 7.

    Danke für den interessanten Blick hinter die Kulissen. Ich habe auch ein paar Jahre im Lebensmittel-Einzelhandel hinter mir. Gängige Praxis war dort, Azubis als Einzelhandelskaufleute auszubilden, sie dann aber nach bestandener Prüfung als Verkäufer einzustellen, was einer deutlich niedrigeren Entgeltgruppe entsprach... Sowas kann schon arg an der Motivation sägen.

  4. 6.

    Ich habe eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht und dort viele Jahre gearbeitet. Als Verkäufer, Substitut, Assistent der Geschäftsleitung, Filialleiter und zum Schluss als Zentraleinkäufer für 140 Filialen. Diese persönliche Entwicklung wäre heute ohne ein Studium nicht mehr denkbar. Aufstiegsmöglichkeiten sind heute wesentlich schwieriger geworden. Das schreckt viele junge Menschen ab. Früher war man stolz darauf, Kunden fachgerecht und mit fundierten Warenkenntnissen beraten zu können. Durch die Änderung der Ausbildungsordnung obliegt der Berufsschule nicht mehr die Vermittlung der Warenkenntnisse. Die Ausbildungsbetriebe können dieses i. d. Regel nicht kompensieren, was beim Verkäufer Unbehagen und Hilflosigkeit erzeugt. Hinzu kommt der Aspekt, dass der EH keinen Wert auf Fachkräfte legt. Ich habe für einen Bildungsträger 16 Verkäufer ausgebildet, deren Abschlussnote überdurchschnittlich war. Keiner hat eine Festanstellung bekommen.

  5. 5.

    Warum müssen immer Mütter nachmittags/abends für die lieben Kleinen da sein? Habe viele Jahre im Schichtdienst gearbeitet -auch an Wochenenden- dies zwang den Kindesvater zu deutlich selbständigerem Handeln (samt kleineren Unfällen und nächtlicher Kotzattacke des Kindes).
    @ (1) CD - das Problem ist doch nicht Arbeitszeit außerhalb von 9-5, sondern die Unberechenbarkeit bzw. Mangel an Flexibilität und Verständnis seitens des Arbeitgebers. Wenn man rechtzeitig weiß wann wie lange und nicht länger als 8 Stunden plus Pause, bei Rücksichtnahme auf familiäre/ private Besonderheiten oder Wünsche, haben solche Arbeitszeiten durchaus positive Seiten

  6. 3.

    Ausbildungsunternehmen sollten gezwungen werden, die Azubis nach den erfolgreichen Prüfungen für min. ein Jahr fest einzustellen bei Tariflohn. Damit würden die "billigen Arbeitskräfte Azubis" wegfallen, der Anreiz ist dann weg. Diese Mogelpackungen sind für die Jugendlichen nix, genau wie die Befristungen bei Jobs für Ältere (immer (!) sachgrundlos, es gibt keinen wirklichen Grund für sowas!) gerade im öffentlichen Dienst. Völlig problemlos könnten Arbeitgeber auch Rücksicht nehmen und Muttischichten einrichten, die von ca. 9 bis 17 Uhr laufen - die ganzen unverheirateten, kinderlosen Abfeierer können auch abends spät arbeiten oder frühs gleich nach dem Clubbesuch. Damit wäre Beruf und Familie vereinbar und der Job attraktiver. Also es ginge ganz ganz viel, wenn man nur wollte.

  7. 2.

    Ich gebe Ihnen mit dem was Sie schreiben vollkommen recht. Desweiteren kommt heute noch dazu, wenn man die Lehre als Verkäufer/in beendet hat wird man von den wenigsten Betrieben übernommen und Vollzeit gibt es so gut wie gar nicht mehr. Und mit dem Gehalt, was man bei 6 Stunden erhält, kann man alleine keine Existenz aufbauen. Selbst wenn man nach Tarif bezahlt wird.

  8. 1.

    Kein Wunder, wenn der Beruf des Verkäufers immer unbeliebter wird. Vor wenigen Jahren/Jahrzehnten noch hatte man relativ geregelte Arbeitszeiten, es gab dann höchstens mal den langen Donnerstag. Inzwischen ist es doch so, dass Verkäufer fast rund um die Uhr eingesetzt werden, weil es ja so hip ist, 24h/7 einkaufen gehen zu können. Wer hat auf diesen unnötigen (im Gegensatz zu Bereichen wie Sicherheit/Medizin/Transportwesen)Schichtdienst denn überhaupt noch Lust? Familienfreundlich ist so ein Job schon lange nicht mehr, und der Verdienst ist oft auch sehr mau.

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