Silke Friedrich und Holger Friedrich im Radio Eins Studio (Quelle: rbb)
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Audio: radioeins | 21.09.2019 | Interview mit Silke und Holger Friedrich | Bild: rbb Download (mp3, 80 MB)

Interview | Neue Eigentümer des Berliner Verlags - "Wir haben das Potenzial, den Lesern Antworten zu geben"

Bislang war das Berliner Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich der Öffentlichkeit eher unbekannt. Doch seit einer Woche spekulieren die Medien über die neuen Eigentümer des Berliner Verlags. Im Interview erklären sie, warum sie den Verlag gekauft haben.

rbb: Warum kaufen Sie die Berliner Zeitung den Berliner Verlag, wie passt das in Ihr Lebenskonzept?

Silke Friedrich: Ich habe das Gefühl, dass die Zeit reif ist. Für uns war klar: Entweder bewegen wir uns oder wir bewegen etwas. Wir haben uns dann für die zweite Option entschieden. Der Berliner Verlag ist eine wunderbare Möglichkeit, sich einzubringen und vielleicht auch die gesellschaftliche Entwicklung um ein paar Impulse zu bereichern. Das war unsere Hauptmotivation. Es war eine sehr gute Entscheidung.

Holger Friedrich: Es war eine Opportunität, und dann überlegt man, ob man sie ergreift oder nicht. Der Berliner Verlag ist eine Ikone. Da ist die Frage: Geht man rein, nimmt das Risiko, nimmt die ganze Erfahrung, die man hat, bietet eine Plattform für etwas an und versucht, von dem Punkt aus vorwärts zu marschieren.

Im "Spiegel" heißt es, sie hätten die "Berliner Zeitung" als Gegenleistung für eine Dienstleistung haben wollen, also als Honorar. Was ist da dran?

Holger Friedrich: Ich wurde eingeladen, in einer Führungskräfte-Veranstaltung bei DuMont einen Vortrag zu halten. In einer Vorabstimmung gab es dann natürlich die Frage: Wie macht man das jetzt mit den Honoraren, Terminen, Agenda? Zur gleichen Zeit war in der Presse, dass die regionalen Verlage verkauft werden sollen. Dann hab ich ganz offen gefragt: Wäre es möglich, dass man darüber reden kann? Der Kollege war für den Moment irritiert, weil er von mir was ganz anderes erwartete. Dann wurde ich nach dem Vortrag nochmal darauf angesprochen. Ich habe das Interesse bekräftigt - und kurze Zeit später meldete sich die Agentur oder die Firma, die diesen Verkaufsprozess managt. Das ist dann immer ein sehr komplexer Prozess. Wir haben das entsprechende NDA unterzeichnet, ein "Non Disclosure Agreement", also eine Vertraulichkeitsvereinbarung. Dann ging der Verkaufsprozess los.

Vor zehn Jahren hatte DuMont 152 Millionen Euro für den gesamten Verlag hingelegt. Wieviel zahlen Sie für den Berliner Verlag, wieviel ist er noch wert?

Holger Friedrich: Also, wir reden erst über Ihr Gehalt und dann über meins und dann über den Kaufpreis...

Das können wir gerne machen. Wir werden hier nach Tarif bezahlt. Für einen Auftritt im Medienmagazin gibt es gut 180 Euro als Autor. Das wäre für den Moment mein Gehalt.

Holger Friedrich: Okay, Sie haben gewonnen. Wir haben vereinbart, dass darüber nicht geredet wird. Ich kann versprechen, dass es nicht die Summen waren, die draußen in der Presse als höchste kolportiert wurden. Es waren sehr harte Verhandlungen. Wir haben ihn auch nicht geschenkt bekommen. Es ist ein wechselseitig fairer Deal.

Journalisten lieben Vergleiche. Sie, Herr Friedrich, sind mit IT zu Geld gekommen. Deswegen die Frage: Sind Sie der deutsche Jeff Bezos, der jetzt eine angeschlagene Zeitung retten möchte?

Nein. Ich weiß nicht, warum Herr Bezos das gemacht hat. Aber wir wissen, warum wir es gemacht haben: Wir denken, dass im politischen oder gesamtgesellschaftlichen Diskurs etwas fehlt. Wenn man die Möglichkeit hat, das entsprechend zu bedienen, kann man es immer probieren.

Stimmt es, dass Sie auch ein Kopf hinter Verimi sind, einer gemeinsamen Login-Plattform, bei der etwa Axel Springer beteiligt ist?

Ja. Aber das ist jetzt wiederum ein sehr technisches Thema, ein regulatorisches Thema. Die EU hat die Europäische Datenschutzgrundverordnung aufgesetzt, damit wir eines unserer Grundrechte, die informationelle Selbstbestimmung, durchsetzen können. Und dafür bedarf es einer technischen Plattform. Die gibt es leider Gottes nur in den USA oder im asiatischen Markt. In Europa haben wir sowas nicht. Insofern war die Grundidee, dass man sowas entwickelt. Das haben wir in unserem Think Tank getan, zusammen mit einem Industriepartner. Dann sind weitere Industriepartner dazugekommen. Einer davon war ein großes deutsches beziehungsweise Berliner Verlagshaus.

Sie kennen also schon einzelne "Player", einzelne Verlagsgrößen, in Deutschland?

Holger Friedrich: Wir leben in Berlin und wir haben ein sehr interessantes Leben. Da hat man ab und an mit dem einen oder anderen zu tun.

Zur Übernahme des Berliner Verlags hat der "Spiegel" neben einem mehrseitigen Interview mit Ihnen auch eine Vorabmeldung herausgegeben, also eine nachrichtliche Zusammenfassung, die dann andere Medien übernehmen. Die Kernbotschaft dieser Nachricht war: Sie lesen die Zeitung gar nicht mehr, die sie jetzt übernommen haben. Stimmt das?

Silke Friedrich: Als wir die Meldung gelesen haben, waren wir richtig sauer, weil es für uns nicht die Zusammenfassung des Interviews war. Wir fühlten uns überhaupt nicht repräsentiert. Wenn eine Tageszeitung auf diese Meldung aufspringt und kolportiert, dann ist es einfach sehr schade: weil es zu kurz ist, weil es auch falsch ist, weil es einen ganz falschen Zungenschlag hat. Mich freut, dass manche Leser das auch überprüfen, das ist an den Kommentaren abzulesen. Ich finde es nur schade für diejenigen, die keine Cross-Checks machen und vielleicht nicht das Original-Interview gelesen haben.

Angesichts sinkender Auflagen der großen Berliner Zeitungen – geht da noch was?

Holger Friedrich: Da ist eine Menge zu tun, da ist eine Menge Platz, und dem werden wir uns widmen.

Silke Friedrich: Dafür sind wir auch angetreten. Sonst hätten wir uns diesem Projekt gar nicht gestellt.  Es war ja eine ganz bewusste Entscheidung – insofern trauen wir uns zu, das anzugehen.

In den vergangenen Jahren ist bei der Berliner Zeitung einiges passiert, um sie kostengünstiger zu machen. Ist das auch etwas, was Sie im Sinn haben - die Einbindung der Berliner Zeitung in andere Zeitungsnetze? Oder würden Sie sagen: So eine Hauptstadtzeitung muss eigenständig sein?

Holger Friedrich: Das ist jetzt ein bisschen schwierig, denn wir haben noch nicht die Genehmigung durch das Kartellamt … Aber ich kann vielleicht so viel sagen: Mein E-Mail-Account ist seit Dienstag geplatzt. Die Meldungen kamen nicht nur aus Berlin und Brandenburg, sondern aus den USA, China, Russland. Eine Menge kluger Leute haben angeboten zu helfen und sich entsprechend einzubringen. Wenn wir dieses Potenzial erschließen, bin ich mir sicher, dass wir einen sehr interessanten Content zur Verfügung stellen, als das, was da jetzt so durchoptimiert wurde und zu einer gewissen Vereinheitlichung führte.

Silke Friedrich: Diese Vereinheitlichung führt zu einer gewissen Medienmüdigkeit: Hab ich eine Zeitung gelesen, hab ich alle gelesen.

Man konnte lesen, dass Sie digitale Produkte planen. Was könnte das sein?   

Holger Friedrich: Wir haben Informationen so aufzuarbeiten, dass sie faktenorientiert bei den Lesern ankommen. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass diese Informationen über die geeigneten Kanäle verbreitet werden. Print ist ein Teil davon, aber der viel größere Teil sind die ganzen digitalen Kanäle. Das heißt: Wir müssen auf die Apps, wir müssen auf die mobilen Geräte, wir müssen in die Rechner. An dieser Stelle ist annähernd nichts und hier werden wir nächste Woche Dienstag beginnen, da sind die ersten Workshops aufgesetzt.

Silke Friedrich: Für eine Hauptstadt muss der Grad an investigativem Journalismus erhöht werden. Dass wir auch hinter die Stories schauen müssen. Ich glaube, dass wir uns schon dran gewöhnt haben, dass wir einfach Sachen hinnehmen: Museum wird teurer, BER wird nicht fertig. Ich glaube, wir haben das Potenzial, den Lesern Antworten zu geben, auf die sie dringend warten. Das vermisse ich momentan in der journalistischen Landschaft.

Die Berichterstattung war intensiv, denn die Entwicklung ist gerade für den Berliner Zeitungsmarkt relativ spektakulär. Wir Journalisten müssen natürlich verdichten – auch in den Überschriften. Die "Neue Züricher Zeitung" hat ihren Text betitelt: "Hast du eine Zeitung, bist du jemand?" Identifizieren Sie sich damit?

Silke Friedrich: Nein, gar nicht. Ich würde dem auch widersprechen.

Holger Friedrich: Der schwierigste Entscheidungspunkt bei der ganzen Geschichte war, dass wir uns damit als Familie oder als Person exponieren, was wir per se nicht mögen. Insofern also ganz klar Nein.

Und der Berliner "Tagesspiegel" überschrieb seine Geschichte mit: "Engagement ohne Erfahrung".

Silke Friedrich: Besser als "Erfahrung ohne Engagement" …

Holger Friedrich: … oder "Mit Erfahrung, mit Engagement und ohne Ergebnis".

Die "taz" schrieb: "Idealismus oder Profit". Geht es Ihnen um Idealismus oder Profit?

Holger Friedrich: Beides. Aber ich hätte noch eine vierte Variante: "Zonengabis Rache".

Alfred Neven Dumont, der verstorbene Verleger, der die "Berliner Zeitung" gekauft hatte, wurde mal zitiert mit den Worten: "Wir sind keine Heuschrecke, wir gehen nicht mehr weg". Nun sind sie doch weg. Wie lange bleiben Sie?

Silke Friedrich: Unser Engagement ist auf Langfristigkeit ausgerichtet. Wir machen keinen Sprint, sondern wir sind wie ein schönes Stahlboot, ein schöner Verdränger, der aus dem Wasser gleitet. Das ist unser Ziel und unser Bild.

Holger Friedrich: Wir sind daran interessiert, eine Institution für Berlin so aufzustellen, dass sie auch im 21. Jahrhundert ihre Bedeutung hat, so wie sie es im 20. Jahrhundert hatte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Jörg Wagner und Daniel Bouhs führten das Interview für das "Medienmagazin“ von Radioeins und Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und überarbeitete Version. Das komplette Interview können Sie durch Klick auf das Audiosymbol im Titelbild dieses Beitrags hören.  

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9 Kommentare

  1. 9.

    Es war Tag 5 nach dem noch nicht genehmigten Kauf. Ziel des Interviews war es, die Käufer vorzustellen. Auf einige konkrete Fragen gaben sie keine Antworten mit Verweis auf die Kartellentscheidung, den Verschwiegenheitsklauseln oder dass sie zuerst mit der Redaktion sprechen wollen. Es gab 30 Minuten vor dem Live-Gespräch ein Vorgespräch, das den Rahmen absteckte. Dennoch haben Daniel Bouhs und ich Fragen gestellt, bei denen wir wussten, dass es keine Antworten geben wird. Das kann man nicht unendlich machen. Man muss auch respektieren, dass es für bestimmte Fragen noch zu früh ist. Vielleicht haben Sie auch nur die Inforadio-Fassung gehört, die bei 14:40 Minuten Länge nicht alles abbilden kann. Hier geht es zum Medienmagazin-PodCast: http://bit.ly/2mrvcwZ

  2. 8.

    Nichts präsentiert die Krise des Journlismus besser als dieses Interview. Es wird in keiner Weise sichtbar, wie und was sie anders machen wollen - welches Konzept sie haben. Weil Wagner und Bouhs nicht nachfragen. Friedrich redet von "einen sehr interessanten Content zur Verfügung stellen." - da MUSS doch die Frage kommen, was das sein soll. Und wie sich das finanziert - ...
    Überhaupt scheinen die beiden wenig vorbereitet - Null Fragen zu Umsatz, Gewinn, Kosten, Reichweiten-Ziele, Personal... nur beim Kaufpreis (das unwichtigste Detail) fragen sie nach. Statt dessen Fragen sie ausführlich nach Soundbits wie Headlines von anderen Zeitungen - das ist für mich kein Journalismus. Statt dessen hätten sie die Zeit besser genutzt, wenn sie nachgefragt hätten, wie sie in Berlin "investigativen Journalismus" nicht nur finanzieren - sondern auch noch Gewinn damit machen wollen. Und was die Anzeigenkunden dazu sagen. Viele spannende Themen (Unabhängigkeit d. Redation) wurden Null angesprochen.

  3. 7.

    Mich erinnert das etwas an die "Wochenpost" und ihre spätere Übernahme und dann folgende Einstellung. Sie fiel seinerzeit in ein Nachwende-Loch, als "die" Ostdeutschen sie nicht mehr lasen und sie für die definiert Westdeutschen zu unbekannt war. Dabei hätte die Wochenpost heute immer noch ihr Publikum. Oder gerade heutzutage wieder. Eine Zeitung, die hektisch wechselnden Livestyles abhold ist, die eine abgrundtief ehrliche und tiefgründige Information darbietet.

    Wer sich täglich informieren will: Genau solches ist auch der Berliner Zeitung zu gönnen.

  4. 6.

    Weitere Aussagen – auch dazu finden – finden Sie in der Langfassung des Gesprächs, die bei radioeins lief. Hier der Podcast https://www.radioeins.de/archiv/podcast/medienmagazin.html

  5. 5.

    Was der McKinsey-Mann wohl im "politischen Diskurs" vermisst? - Nachtigall, ick hör dir trapsen ...

  6. 4.

    Was fehlt denn nun im "Diskurs"? Keine Frage dazu. Das ist kein Interview, sondern nichtssagende Eigenwerbung.

  7. 3.

    Danke, gutes Interview. Interessanter Einblick in die Denkweise zweier "Typen", die nicht nur aalglatte (Heu-)Schrecken sind. Am Besten hat mir natürlich "Zonengabis Rache" gefallen - ich hoffe, die Berliner Zeitung erreicht die Genialität der damaligen Satire, die vorausahnend punktgenau den Coup der Printbranche landete. Dass die beiden Protagonisten aus dem verblichenen Land zeigen, dass es mehr als die Abgehängten in Brandenburg etc gibt, die das derzeitige Bild prägen. Dass uns mehr eint als trennt. Und dass guter und politischer Journalismus ein Zuhause hat, so wie es war, als ich die Berliner noch nicht abbestellt hatte....

  8. 2.

    Mutig, mutig. Die Auflage allein der Berliner Zeitung hat sich iun den letzten 20 Jahren mehr als halbiert.

  9. 1.

    „Wir denken, dass im politischen Diskurs etwas fehlt.“ und „Zonengabis Rache“ - zwei Zitate, die mich aufhorchen lassen. Aber offenbar keine Nachfrage dazu, was das bedeutet, welche Motivation dahinter steckt. Sehr schade. Das Wichtigste fehlt mal wieder im Artikel. Ich hoffe, im Podcast des Medienmagazins bekommt man die Antwort auf die drängende Frage nach der Motivation hinter dem Kauf.

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