Vortragener bei "Entrepreneurs for Future" (Quelle: Julia Vismann/rbb)
Audio: radioeins | 19.09.2019 | Julia Vismann | Bild: Julia Vismann/rbb

Bündnis "Entrepreneurs for Future" - Wie Unternehmen mit Verzicht den Klimastreik unterstützen

Über 3.000 Unternehmen haben sich zur Gruppe Entrepreneurs for Future vereint, um den Klimastreik zu unterstützen. Dafür wird ein Geschäft unter anderen auf 50.000 Euro Umsatz verzichten, ein Unternehmen geht offline - und manche fahren Auto, um zu helfen. Von Julia Vismann

Am Eingang des Künstlerbedarfs Modulor am Moritzplatz wird kommenden Freitag ein Plakat hängen: "Heute geschlossen wegen morgen!" An diesem Tag wird der Laden im Aufbauhaus nicht seine Türen für Kunden öffnen und verzichtet damit auf einen Umsatz von etwa 50.000 Euro, nach eigenen Angaben. "Das ist die größte Aufgabe der Menschheit – und die ist nicht mit so kleinen Maßnahmen geklärt", sagt Modulor-Gründer Christoph Struhk. Trotzdem werde Struhk auf Umsätze verzichten und zusammen mit seinen Mitarbeitern am Klimastreik teilnehmen.

Modulor-Gründer Christoph Struhk (Quelle: Julia Vismann)
Modulor-Gründer Christoph Struhk | Bild: Julia Vismann

Wenn die Politiker erklärten, man könne die Wirtschaft nicht belasten, sei das Schwachsinn, sagt Struhk: "Sogar kleine Popelunternehmen mit 180 Leuten sind bereit, auf Geld zu verzichten. Dann können die großen Unternehmen doch auch mal auf Gewinne verzichten. Darauf läuft es doch hinaus."

Es reiche auch nicht aus 40 Milliarden Euro für den Klimaschutz heraushauen, wie es die Bundesregierung plant. Notwendig sei eine Transformation der Gesellschaft durch faire Richtlinien für die Wirtschaft, sagt der Modulor-Gründer. Struhk gehört zu den über 3.000 deutschen Unternehmen, die sich den Entrepreneurs for Future angeschlossen haben, um sich für mehr Klimaschutz einzusetzen.

Nicht nur Ökounternehmen beteiligen sich am Klimastreik

Neben nachhaltigen kleinen Firmen wie Soulbottle oder der grünen Suchmaschine Ecosia, die Bäume pflanzt, sind auch Großunternehmen wie das Recycling-Unternehmen Remondis mit 30.000 Mitarbeitern oder das Wasserunternehmen Veolia mit 12.000 Mitarbeitern dabei.

Und nicht nur grüne Ökounternehmen gehören zu den Entrepreneurs for Future, sondern auch Unternehmen wie FlixBus oder die Vergleichsplattform idealo. Deren Gründer und Geschäftsführer Albrecht von Sonntag will am Freitag mit über 1.000 Mitarbeitern am Klimastreik teilnehmen. Darüber hinaus wird die Internetseite für vier Stunden aus dem Netz genommen. Da sei dann ein Störer zu sehen, auf dem steht: "Wir sind geschlossen beim Klimastreik", erklärt von Sonntag.

IDEALO-Gründer und Geschäftsführer Albrecht von Sonntag und Waldemar Zeiler Gründer von Einhorn (Kondome) (Quelle: Julia Vismann)
Waldemar Zeiler vom Kondomhersteller Einhorn (links) | Bild: Julia Vismann

Damit Konsumenten ihr Verhalten ändern, brauche es mehr Transparenz. "Es wird immer gesagt, der Konsument muss an der Kasse entscheiden, ob die Welt jetzt kaputtgehen soll oder nicht. Aber er weiß ja gar nichts. Diese Transparenz muss erstmal hereinkommen", sagt der Idealo-Gründer. Deswegen wünscht er sich von der Politik klare Leitlinien sowohl für die Bürger als auch für die Wirtschaft: "Viele würden aktiv werden, aber sagen, wenn ich das mache, dann würde mich die Konkurrenz von links überholen."

Profite ohne Wachstumsziele

Wenn Waldemar Zeiler vom Kondomhersteller Einhorn an die Zukunft denke, wechsle sein Gefühl zwischen Panik und krassem Tatendrang. Angesichts der schmelzenden Gletscher und brennenden Wälder sei es für Unternehmer höchste Zeit sich am Klimastreik zu beteiligen.

"Als Gründer hast Du das ständig. Du bist immer kurz vorm Bankrott und musst ständig Gas geben, obwohl du weißt, dass du gar keine Ressourcen mehr hast", sagt Zeiler. Deshalb sei Entrepreneurs for Future kein blöder Ansatz, weil genau das könnten Unternehmer. "Sie können, obwohl alles schon verloren scheint, immer nochmal richtig Gas geben und das machen wir."

So setze sein Unternehmen nicht auf das von der Wirtschaft beschworene ewige Wachstum: "Wir haben keine Wachstumsziele bei Einhorn, trotzdem geht es uns gut und trotzdem sind wir profitabel. Das muss man überdenken, das ist Teil der Revolution, in der Arbeits- und Unternehmenswelt, und das ist gerade eine gute Zeit dafür." So sei allen klar, dass die Wirtschaft nicht weiter auf Wachstum setzen könne. Vor allem innovative Start-ups aus Berlin hätten deshalb eine wichtige Vorreiterrolle.

Unternehmer und Schüler gemeinsam gegen den Klimawandel

Die Entrepreneurs for Future unterstützen am Freitag die Schüler von Fridays For Future. Die Entrepreneurs 4 Future demonstrieren bereits ab 11 Uhr am Bundesfinanzministerium und schließen sich dann ab 12 Uhr dem Klimastreik am Brandenburger Tor an. Da die meisten Schüler noch keinen Führerschein haben, wird der Truck von den "Entrepreneurs" gefahren. Außerdem wollen sie mit einem eigenen großen Laster zur Demo kommen - ein Dilemma, auf einer Klimademo mit einem Diesel-Lkw aufzutauchen.

Die Entrepreneurs denken darüber nach, stattdessen mit einem Elektroauto einen Anhänger zu ziehen oder auf Lastenräder umzusteigen. Beim Klimastreik sind die Entrepreneurs for Future durch ihren Businesslook im eigenen Block zu erkennen. Allerdings waren sie sich beim Vorbereitungstreffen nicht einig, ob ein Anzug repräsentativ für hippe Berliner Start-ups ist.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages hieß es, die Demo starte um 11 Uhr vor dem Bundeswirtschaftsministerium. Das ist falsch, sie startet vor dem Finanzministerium. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Sendung: Radioeins, 20.09.2019, 13 Uhr

Beitrag von Julia Vismann

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8 Kommentare

  1. 8.

    Aber nur wenn der Laden exklusiv ist. Sonst gehe ich woanders hin. Oder bestellte gleich bei Amazon, da habe ich die Ware am nächsten Tag zu Hause. Ist auch prima für's Klima, nicht wahr?

  2. 7.

    Sehr gut! Massiver Druck aus allen Teilen der Gesellschaft! Die Politik gefährdet mit Ihrem Nichtstun beim Klimaschutz die Umwelt, die Zukunft der Menschen und der Wirtschaft! Damit muss endgültig Schluss sein!

  3. 6.

    50.000 Euro Umsatz hätten jetzt wieviel Steuereinnahmen generiert, mit denen man Gutes für den Klimaschutz hätte tun können? Und was würde folgen, würden wie gewünscht möglichst viele Unternehmen diesem Beispiel folgen und ja auch sonst gern auf Umsatz verzichten?

    Na, egal, es geht ja darum, "ein Zeichen zu setzen", nicht wirklich etwas zu tun. Und wer arbeitslos zuhause sitzen muss spart ja schon mal prima CO2 ein, das durch den Weg von und zur Arbeit freigesetzt worden wäre. Hinzu kommt der erwünschte Konsumverzicht (sprich: Armut).

    (Bin gespannt, ob dieser Kommentar durch die immer schärfer werdende RBB-Zensur kommt. Ja, tagesschau.de weist uns mit seiner berühmten Politik den Weg!)

  4. 5.

    Wenn ich einen Ladem für einen Tag schließe kommen die Kunden die etwas brauchen am nächsten Tag. Ich glaube nicht dass sich der Gesamtumsatz wirklich verringert

  5. 3.

    Liebe Redaktion, bitte um Korrektur:

    Sie schreiben: "Die Entrepreneurs 4 Future demonstrieren bereits ab 11 Uhr am Wirtschaftsministerium".
    Das ist nicht richtig. Es handelt sich um das Finanzministerium.

    Danke!

  6. 1.

    Eventuell wäre es besser den Laden für immer zu schließen!? Wegen dem Klima! Wenn so viele Leute C0/2 freisetzen, um dort hin zu kommen? Auch die riesigen Räumlichkeiten müssen Belüftet und Klimatisiert werden......nee nee CO/2...schon wieder! Im Winter muss das auch alles beheizt werden! Au K..... noch mehr CO/2! Und dann die Angebotspalette! Chemie, Papier, Kunststoff.........geht ja gar nicht, für Klima Aktivisten! Wenn Ihr schon Symbol Politik betreibt, und versucht die Massen zu beeinflussen, bitte mit Ehrlichkeit! Und nicht alles CO/2 den Individualverkehr in die Schuhe schieben! Eure Aktion am Freitag suggeriert genau diesen Umstand!!!!

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