Strassenszene auf der Bismarckstraße in Berlin (Quelle: imago images/Florian Gaertner)
Audio: rbb | 05.09.2019 | Benjamin Eyssel | Bild: imago images/Florian Gaertner

Trotz Software-Update - Warum VW-Diesel weiter hohe Schadstoffe abstoßen

Trotz Software-Updates stoßen VW-Dieselfahrzeuge zum Teil immer noch große Schadstoffmengen aus - zumindest bei bestimmten Temperaturen. Der Autokonzern beruft sich dabei auf eine Ausnahmeklausel. Doch die ist umstritten.

Diesel-Autos von Volkswagen stoßen trotz Software-Updates noch immer große Mengen Schadstoffe aus. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins "Kontraste" wird die Abgasreinigung bei bestimmten Temperaturen deutlich gedrosselt - und zwar, sobald die Temperaturen unter 15 Grad fallen oder über 33 Grad steigen. In Fachkreisen spricht man von einem "Thermofenster".

Wenn es draußen kühler wird, bringt den Recherchen zufolge die neue Software bei den VW-Diesel-Autos keine Verbesserung beim Stickoxid-Ausstoß. Im Gegenteil, so Jürgen Resch, der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe: "Was uns völlig erschreckt hat, war, dass bei winterlichen Temperaturen oder Temperaturen, wie wir sie ab Oktober wieder zu erwarten haben, die Werte sogar höher sind als die, die wir gemessen haben vor dem Software-Update im Sommer."

"Auch das Thermofenster ist eine Abschalteinrichtung und damit illegal"

VW argumentiert, das Thermofenster sei notwendig, um den Motor vor Schaden zu schützen und beruft sich dabei auf eine Ausnahmeklausel in der betreffenden Verordnung. Der Verwaltungsrechtler Professor Martin Führ von der Hochschule Darmstadt hält solche Thermofenster allerdings für illegal: "Auch das Thermofenster ist eine Abschalteinrichtung und Abschalteinrichtungen sind verboten. Der Begriff verschleiert den Umstand, dass die Abgasreinigung ausgeschaltet wird, es sind weite Bereiche der normalen Temperaturen, die wir hier in Mitteleuropa haben, nicht erfasst, und das ist nicht erlaubt."

Auch Professor Kai Borgeest, der das Zentrum für Verbrennungsmotoren an der Technischen Hochschule Aschaffenburg leitet, bemängelt das weitläufige "Thermofenster" bei Volkswagen. "Das Temperaturfenster ist ein reines Kostenargument. Man kann auch die Fenster wesentlich breiter fassen oder sogar ganz darauf verzichten. Das ist ausschließliche ein Frage des Geldes und nicht der technischen Machbarkeit", so der Experte.

Andere Diesel-Hersteller ebenfalls in Verdacht

Das Landgericht Düsseldorf hat einem Autofahrer nun Recht gegeben, der gegen VW geklagt hat, weil ihm trotz Software-Update Fahrverbote drohen. Die Begründung der Richter: Das Fahrzeug sei noch immer mangelhaft. Das Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig, könnte den Recherchen zufolge aber weitreichende Folgen haben.

Auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages kommt in einem Gutachten zum Schluss, dass solche Thermofenster in der Abgasreinigung illegal sind. Das dem Verkehrsministerium unterstellte Kraftfahrtbundesamt aber hat die Updates für die VW-Motoren genehmigt – mitsamt Thermofenster. Auf Anfragen des ARD-Magazins Kontraste reagieren Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und sein Ministerium ausweichend. In einer schriftlichen Antwort heißt es: "Das KBA prüft fortlaufend (…) Fahrzeuge und geht Hinweisen – selbstverständlich auch denen des Düsseldorfer Landgerichts - nach."

Experten gehen davon aus, dass nicht nur VW, sondern so gut wie alle Diesel-Hersteller mit fragwürdigen Thermofenstern arbeiten. Noch ist die Rechtsprechung uneinheitlich, eine höchstrichterliche Entscheidung gibt es bislang nicht. Doch der Druck auf Autoindustrie und Verkehrsministerium nimmt zu.

Das ARD-Magazin "Kontraste" berichtet darüber ausführlich am Donnerstag ab 21:45 Uhr

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Antwort auf [Alfred Neumann] vom 06.09.2019 um 09:49
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33 Kommentare

  1. 33.

    Fakten: Software wurde manipuliert. Geltende Werte werden weitreichend nicht eingehalten, falsche Werte wurden beworben, Luft ist stark schadstoffhaltig.
    Welche Ideologie verfolgen Sie mit Ihrem Post?
    Oder darf einfach nicht sein, was Ihren Interessen nicht entspricht?

  2. 32.

    Die Tabellen im Focus lassen aber auch einen anderen Schluss zu: NOx-Probleme haben eher die Ballungsräume denn kleinere Städte. Es ist ganz banal die schiere Menge an Fahrzeugen. 12 E-Busse pro Stunde statt 12 SCR-nachgerüsteter Doppeldecker sind dagegen nur ein Symbol, welches auf Grund der deutlich kleineren Fahrzeuggröße sogar negative Effekte haben könnte.

  3. 31.

    Ihre Stichprobe ist viel zu klein. Sie sollten Ihren Blick weiten. Vergleicht man die Ergebnisse der Zählstellen mit dem Wetterbericht, stellt man schnell fest, dass auch bei einer Tiefsttemperatur von +4°C um den Faktor 3-4 weniger Rad gefahren als bei +25°. Auch bei den sommerlichen Temperaturen gibt es immer wieder Alleinunfälle auf Grund nicht angepasster Geschwindigkeit. Die, die dabei in der Polizeistatistik auftauchen, führten sicherlich fast immer auch zu einem Krankenwageneinsatz.

  4. 30.

    Einen ersten Versuch beheizter Radwege,, soll es schon gegeben haben
    https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/erftstadt-bei-koeln-deutschlands-erster-solar-radweg-oeffnet-a-1237681.html
    Und ja, im Winter trennt sich die Spreu vom Weizen. Sind Radwege nicht geräumt, führ` ich die Kolonne auf der Straße auch gern an.

  5. 29.

    Auch, wenn es den VW- und DIesel-Hassern und -Hetzern gegen den Strich geht: Wie sehr es bei dem Thema nur um linksgrüne Ideologie geht (Abschaffung des Individualverkehrs) und wie wenig um Fakten, zeigt diese Studie: https://www.focus.de/auto/news/abgas-skandal/fahrverbote-und-ihr-wahrer-zweck-die-legende-vom-boesen-diesel-geraet-ins-wanken_id_11069398.html

  6. 28.

    Bei Eis fährt man auch kein Fahrrad, da passt man als Autofahrer und Fussgänger schon höllisch auf, aber unsere Radler mit Tunnelblick könnten auch aufpassen und vorsichtig fahren, aber bei den Grünen gibt es bald eine Radweg-Fussboden-Heizung.

  7. 27.

    Ich wähle die etablierten Parteien nicht mehr, denen wir diese Miesere zu verdanken haben. Denn sie schaffen die gesetzlichen Rahmenbedingungen incl. Kontrollinstanzen dafür! Ich gebe den anderen Parteien auch eine Chance es besser zu machen... Dieser Konsequenz müssten viel mehr folgen.

  8. 26.

    Das Problem betrifft nicht nur VW, sondern fast alle vom KBA nachgemessenen Dieselhersteller. Dafür muss man aber alte Berichte gelesen haben.

  9. 25.

    Also ich hab im letzten Winter, der ja nun wirklich mild war, zwei Unfälle mit Krankenwageneinsatz auf Grund von vereisten Radwegen miterlebt.

  10. 24.

    Haben Sie die Ergänzungen des Artikels überhaupt gelesen? Das wäre von Vorteil.

  11. 23.

    Einwohner dieser Stadt müssen schon lange zurückdenken, dass es für längere Zeit in dieser Stadt überhaupt einen Grund gab, dass Straßen und Wege geräumt werden müssen. Die Ausrede zieht seit Jahren vielleicht in den Alpen, aber nicht hier.

  12. 22.

    Worüber sind Sie eigentlich besorgt, Besorgter? Ist doch schick, etwas zwar mit verantworten, nicht aber mehr ertragen zu müssen. Es sind viel zu wenige Sauen. Und "schlauer" sind Ihre Beiträge auch nicht. Haben Sie das Problem nicht erkannt, oder nur keine Lösung?

  13. 19.

    Danke für die klaren Worte! Auch ich halte mittlerweile jede Stockente für intellektuell höherstehend als die deutschen Diesel-Fahrer, die offenbar noch immer glauben wollen, daß die Welt eine Scheibe ist, Putin ein Demokrat und Donald der größte Präsident der Menschheit.

  14. 18.

    Ziel erreicht! Der oberflächliche Leser hat wieder einen Grund gefunden, über VW zu lästern.

  15. 17.

    Ein Konzern, der die Kunden und die Umwelt bescheisst und schädigt, in den USA zu Milliardenstrafen verdonnert wurde, dort Autos zurücknehmen musste, verarscht und blendet hierzulande die Kunden und die Öffentlichkeit und "muss" ein lächerliches "Softwareupdate" aufspielen.
    Warum diese Scheißkarren überhaupt noch gekauft werden, ist mir rätselhaft. Aber scheinbar sind die Deutschen Kunden inklusiver "unserer Politiker" genauso blöde, für was sie auch vom Konzern verkauft wurden - abgesehen von der Öffentlichkeit, die veräppelt und über den Leisten gezogen wird, dass es nur so quietscht.
    Wenn der Kohleausstieg (hoffentlich bald) kommt, dann kann der Ausstieg Niedersachsens aus dem "Programm VW" auch beschlossen werden und zwar SOFORT - wo ist das Problem?
    Liebe Politbonzen - bestraft diese kriminellen Vereine endlich mal und lasst Euch mal nicht immer wieder vergifteten Honig ums Maul schmieren - seid doch mal standhaft und lasst Euch nicht länger veräppeln - es reicht endlich!!

  16. 16.

    Das steht anders im Artikel. "Was uns völlig erschreckt hat, war, dass bei winterlichen Temperaturen ... die Werte sogar höher sind als die, die wir gemessen haben vor dem Software-Update im Sommer." DUH und RBB setzen auf oberflächliche Leser.

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