Ein Berliner Start-up bietet gerettete Lebensmittel bis zu 80 Prozent reduziert an.
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Video: rbb|24 | 19.10.2019 | Stefan Oberwalleney | Bild: rbb/ Oberwalleney

Tafel befürchtet Einbußen - Der Streit um gerettete Lebensmittel

16 Lkw-Ladungen Lebensmittel landen in Berlin jeden Tag in der Tonne. Außer der Tafel gab es lange keine Abnehmer. Doch jetzt kommen neue Unternehmen auf einen Markt, der bis dato gar keiner war. Die Tafel befürchtet Nachteile für Bedürftige. Von Bernadette Huber

Sabine Werth von der Tafel Berlin ist in Aufruhr. Sie hat Angst, dass es bei ihr bald nicht mehr genug Lebensmittel gibt. Im letzten dreiviertel Jahr habe sie bemerkt, dass sie weniger Ware bekomme. "Es wird doch immer noch so viel weggeworfen wie bisher. Warum kommt bei uns dann derzeit weniger an?", fragt sie. Verantwortlich für dieses Gefühl macht sie vor allem die neuen Player auf dem Markt der verschwendeten Lebensmittel.

Allein in Berlin fallen jeden Monat etwa 1.800 Tonnen an Lebensmitteln an, die regulär nicht mehr verwertet werden. Ungefähr ein Drittel davon geht an die Tafel. Der Rest landet in der Tonne.

Seit zwei Jahren verwertet auch das Unternehmen SirPlus einen Anteil. Raphael Fellmer hat SirPlus gegründet - einen Markt, der sonst weggeworfene Lebensmittel aufkauft, 10 bis 20 Tonnen im Monat, und online sowie in drei Berliner Märkten billiger an seine Kunden verkauft.  

"Wir sind keine Konkurrenz zur Tafel", sagt Fellmer, der früher selbst in Tonnen getaucht ist. Vor SirPlus hat er mehrere Initiativen gegründet, um Lebensmittelverschwendung zu verringern, etwa mit FoodSharing und Streiks. Für ihn gibt es mehr als genug Lebensmittel auf der Welt, die noch gerettet werden müssen - auch in Berlin. Bei SirPlus herrsche außerdem das Prinzip "Tafel First". Sein Unternehmen würde zudem teilweise auch ganz andere Produkte anbieten als die Tafel.

Sabine Werth, Gründerin der Berliner Tafel, steht im Verteilzentrum ihrer Organisation (Bild: dpa/Jörg Carstensen)
Sabine Werth, Gründerin der Berliner Tafel | Bild: dpa/Jörg Carstensen

"Die Tafel hat stets Vorrang"

Sabine Werth von der Tafel hat vor allem Angst, dass Märkte wie SirPlus bei den Supermärkten, bei denen beide Lebensmittel abholen, bevorzugt werden. Einer dieser Märkte, die sowohl mit der Tafel als auch mit SirPlus kooperieren, ist die Metro. Hier gibt es eine klare Absichtserklärung die lautet: "Die Tafel hat stets Vorrang."

Doch Sabine Werth ist auch deshalb so besorgt, weil sie befürchtet, Abnehmer wie SirPlus seien im Vorteil, weil sie ein echter Wirtschaftspartner sind. "Dadurch, dass die zahlen, springen die Firmen lieber auf den neuen Zug auf. Weil sie dort schlicht und ergreifend mehr Geld bekommen", sagt sie. Ob es für Supermärkte wirklich rentabler ist, an SirPlus statt an die Tafel abzugeben, ist schwierig zu klären.

Grundsätzlich kann sich ein Unternehmen entscheiden, ob es eine Spende tätigt. Dann muss die Mehrwertsteuer auf den Warenwert gezahlt werden. Oder ob es eine "Nullentnahme" machen möchte. Bei einer solchen Abgabe werden keine Steuern bezahlt, man bekommt aber auch keinen Spendenschein, den man steuerlich geltend machen kann. Für die Unternehmen bedeutet eine Spende also entweder eine schwarze Null oder eine leichte Belastung durch die Merhwertsteuer. Die Metro macht keine Aussage darüber, wie sie die Spendenabgaben handhabt. Es sei aber für das Unternehmen günstiger als eine Standard-Entsorgung der Lebensmittel.

Raphael Fellmer, Gründer und Geschäftsführer von "SirPlus", misst in einer Filiale mit einem Infrarot-Thermometer die Temperatur eines Fruchtjoghurts (Bild: dpa/Christoph Soeder)
Raphael Fellmer, Gründer von SirPlus | Bild: dpa/Christoph Soeder

Der nächste Bewerber drängt auf den Markt

SirPlus bezahlt beim Abholen einen "symbolischen Preis". Dieser sei "sehr gering, auch um möglichst zu verhindern, dass dann nicht mehr gespendet wird", sagt Fellmer. Den genauen Preis wollen weder die Metro noch SirPlus verraten. Allerdings muss die Mehrwertsteuer so nicht auf den - meist höheren - Warenwert, sondern nur auf den "symbolischen Preis" bezahlt werden. Einen Spendenschein gibt es hierfür allerdings nicht. Diesem Hintergrund könnte vor allem in Zukunft große Bedeutung zukommen.

Denn auch wenn für die Tafel und SirPlus derzeit genügend Lebensmittel anfallen, der nächste Bewerber drängt schon auf den Markt: Das schwedische Unternehmen Matsmart will 2020 in Deutschland einsteigen. Das Konzept ist fast identisch zu dem von SirPlus. In Finnland und Schweden ist Matsmart bereits erfolgreich. Das letzte Investment von 17 Millionen Euro, das auch für die Expansion nach Deutschland gedacht ist, kam vom deutschen Investmentfonds "LeadX Capital Partners".  Der wiederum wird von der Metro finanziell unterstützt. Auf Anfrage heißt es, es handele sich hierbei um "eine strategische Investition der Metro AG, die den Markteinstieg des Start-ups mit Know-how unterstützen wird".

Nur mit Know-How oder auch mit Waren? Diese Frage wird von der Metro auf rbb|24-Anfrage nicht beantwortet.

Kein "Tafel-Gesetz" in Deutschland

Ob die Tafel auch in Zukunft genug Lebensmittelspenden bekommt, ist im Moment vom guten Willen der beteiligten Unternehmen abhängig. Politisch gibt es derzeit keinen Schutz. In anderen Ländern gibt es Regelungen: Frankreich hat eine Spendenpflicht für große Supermärkte schon 2016 verankert. England hat im Frühjahr 2019 eine Halbierung der Lebensmittelverschwendung bis 2030 beschlossen.

Bundes-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt bis jetzt auf freiwillige Vereinbarungen mit den Handelsketten – ein Gesetz ist bisher nicht geplant.

Eine andere Möglichkeit wäre, den Anreiz für Spenden zu erhöhen. Zum Beispiel indem die Mehrwertsteuer darauf abgeschafft wird. Dann müssten die Unternehmen keine Steuer auf Spenden zahlen, bekämen auf den Nettowarenwert trotz dessen eine Spendenbescheinigung. Dafür will Sabine Werth nun unter anderem kämpfen. Denn: "Wir müssen nur eins berücksichtigen: Die Berliner Tafel unterstützt Bedürftige. Die anderen nicht", sagt sie.

Gespräch im November

Raphael Fellmer von SirPlus möchte ein gutes Verhältnis zu Sabine Werth und der Tafel. Er "möchte keine Lebensmittel wegnehmen", sondern "Lebensmittelverschwendung verringern". Darauf müssten sich beide einigen können. Doch Sabine Werth stört sich an der Eigendarstellung von SirPlus: "Ich habe etwas gegen die Augenwischerei. Es sind Wirtschaftsunternehmen, und dann sollen sie es auch so bezeichnen!" Fellmer sagt, so wirtschaftlich würde er noch gar nicht arbeiten: Trotz steigendem Umsatz habe SirPlus bis heute noch keinen Gewinn erzielt.

Die beiden Konkurrenten wollen nun aber aufeinander zugehen: Beide Parteien treffen sich im November zu einem Gespräch, um Lösungen zu suchen - und am Ende weniger Lebensmittel zu verschwenden.

Sendung: Inforadio, 19.10.2019, 10.00 Uhr

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Beitrags hatten wir geschrieben, dass in Berlin nur bei zwei der 850 Supermärkte, die die Tafel jede Woche anfährt, derzeit eine grundsätzliche Überschneidung nachgewiesen werden konnte. Wir haben diesen Satz entfernt, da wir uns an den offiziellen Partnern orientiert haben, es sich aber nicht sicher sagen lässt, wie viele weitere Märkte von beiden Einrichtungen angefahren werden.

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12 Kommentare

  1. 12.

    Danke für diese wertvollen Beiträge!
    Zum Thema Supermärkte werfen mehr weg als sie spenden:
    Supermärkte sortieren nur 0,5% der Lebensmittel aus, über 50% arbeiten mit Tafeln und immer mehr auch zum Teil zusätzlich mit anderen Essensrettern wie Foodsharing. Von den 50% Verlust in Deutschland geht sehr wenig bei Supermärkten verloren.
    Meine Kritik an den Supermärkten: Die gleichen Sachen, die abgegeben werden landen bei allen! Ketten auch immer wieder in der Tonne. Das muss nicht sein. Warum darf bei jeder Kette immer noch der Filialleiter entscheiden, ob weggeworfen wird oder nicht? Das sollte sich ändern.
    Positiv: ALDI kooperiert hier in der Gegend jetzt neben den Tafeln auch mit Essensrettern. Bald bei 64 Filialen!

  2. 10.

    Mit ihrem Social-Impact-Start-up „SIRPLUS“ wollen die Gründer Raphael Fellmer und Martin Schott die Welt verändern und verbessern. In sogenannten "Rettermärkten" und im eigenen Online-Shop verkaufen sie abgelaufene Lebensmittel, die noch verwertbar sind. Durch die direkte Zusammenarbeit mit Produzenten und Großhändlern ist es ihnen möglich, eine große Menge an Lebensmitteln zu retten und den Endkonsumenten günstig anzubieten. Dafür benötigen sie 700.000 Euro und bieten im Gegenzug sechs Prozent der Firmenanteile.Fazit:Das sind Heuchler,die bereichern sich noch daran.In so einer Tafel zahlt man Symbolisch 1.€.


  3. 9.

    Alles, was man über SirPlus wissen muss, wurde in der Sendung "Höhle der Löwen" gezeigt. Herr Kofler hat den Firmeninhabern sehr deutlich einen "Einlauf" verpasst. Mehr muss man gar nicht sagen.

  4. 8.

    Sirplus ist eine Firma mit Gewinnerzielungsabsicht. Die wohlfeile, aber völlig verlogene, Weltenretter-Attitüde und Selbstdarstellung der Geschäftsführer konnte man beim Auftritt in der Höhle der Löwen bewundern. Kurz bevor sie von den Investoren komplett zerlegt wurden.
    Sirplus hat ganz klar gesagt, das die in den Läden verkauften Waren maximal 40% im Bezug auf den urspüngl. Ladenpreis gesenkt, aber erheblich günstiger eingekauft werden. Weder die Sprüche des angeblichen Geldstreiks (der auch nicht so richtig echt war), noch der Plan sich global aufzustellen, war ernst zu nehmen. Ein Vergleich mit der Tafel verbietet sich völlig.
    Das man versucht hat die Gemeinnützigkeit zu erlangen um Steuern zu sparen, bestätigte lediglich die Zweifel der Investoren.
    Den beiden ging es nicht um einen Investor, im Gegenteil, der wäre bei einem erwarteten Gewinn von 26 Mio. € gar nicht nötig. Es ging Ihnen vermutlich um die ansonsten sehr teure Werbezeit in einer erfolgreichen Show.

  5. 7.

    "Allein in Berlin fallen jeden Monat etwa 1.800 Tonnen an Lebensmitteln an, die regulär nicht mehr verwertet werden. Ungefähr ein Drittel davon geht an die Tafel. Der Rest landet in der Tonne.". Sprich, ohne zusätzliche Unternehmen würden weiterhin 2/3 im Müll landen. Die Tafel nimmt ja nicht mal die Hälfte; also ist das Jammern doch eher übertrieben. Die 2/3 müssen ja auch erst mal verwertet sein.

  6. 6.

    "Für die Unternehmen bedeutet eine Spende also entweder eine schwarze Null oder eine leichte Belastung durch die Merhwertsteuer."

    wieso bedeutet der zweite Weg eine Belastung durch Mehrwertsteuer, wenn man dabei eine Spendenbescheinigung bekommt? Oder kann man diese Spendenbescheinigung etwa nicht bei der Steuererklärung dann absetzen?

    Wenn man aber keinen Vorteil durch diese Spendenbescheinigung hätte, würde man doch eh nur den Weg eins in Betracht ziehen. So oder so käme es zu keiner Belastung.

  7. 5.

    So eine Institution wie die Tafel ist etwas sehr wichtiges, auch wenn immer wieder davon geschwärmt wird wie reich wir deutschen sind. Armut gibt es trotzdem und von der Tafel leben nicht nur Menschen die auf der Straße leben, sondern auch die wachsende ärmere Bevölkerung, darunter sogar Familien mit Kindern.
    Wenn nun immer mehr ein kommerzielles Ding daraus wird, die abgelaufenen Produkte preiswert weiter zu verkaufen, ist das für einen Verein wie die Tafel natürlich auf die Dauer ein Einbruch an möglichen Spenden. Und da wird aktuell nicht nur SirPlus einen Beitrag leisten, sondern sicher auch Dienste wie die App „Too Good To go“, wo man Reste als Konsument vermittelt bekommt.

    Und das Frau Klöckner dazu mal wieder nichts anderes einfällt als auf Freiwilligkeit zu setzten, das ist doch auch typisch. Was anderes hat sie in ihrer Amtszeit eh noch nie wirklich gesagt als auf Freiwilligkeit zu setzen. Bestes Beispiel ist hier die Lebensmittelampel, die den Verbraucher auf sehr einfache Weise warnen könnte, wenn Produkte nicht sehr gesund sind obwohl sie es auf den ersten Blick vermitteln. Aber auch hier schwimmt die gute Dame hin und her und die Lebensmittellobby freut sich.

    Traurig das ganze. Und dann ist die CDU verwirrt wenn jemand wie der YouTuber Rezo mal Fakten auf den Tisch legt und mit verständlicher Sprache zeigt, was die CDU so alles verbockt hat in den letzten Jahren. Ich kann nur hoffen, das so ein Video nochmal auftaucht, wenn es 2021 wieder Bundestagswahlen gibt. Auf der anderen Seite habe ich Angst, das dann die rechten Parteien davon profitieren.

  8. 4.

    Der Geschäftsführer von Sirplus sagt, dass man die gleichen Ziele wie die Tafel habe. Die Tafel gibt Lebensmittel an Bedürftige für einen symbolischen Beitrag von meist € 1.- ab und Sirplus VERKAUFT Lebensmittel. Das sollen die geichen Ziele sein?

  9. 3.


    Dir Firma Sirplus ist ein ganz normaler Lebensmittelhändler, der mit Restposten handelt. Billig einkaufen, teuer verkaufen. Das hat Rudis Resterampe mit Nonfood gemacht oder wird im Buchhandel mit dem "Modernen Antiquariat" gemacht.
    Bei Sirplus wird nicht auf die regionale Herkunft der Produkte geachtet, Bio findet nicht statt und von gerechten Erzeugerpreisen will man nichts wissen. Viele der Beschäftigten sind Praktikanten, die allenfalls Fahrtkosten ersetzt bekommen und einen Tarifvertrag gibt es nicht. Im Handelsregister sind gleich drei Firmen eingetragen, SIRPLUS GmbH, SirPlus Rettermärkte GmbH und SirPlus Online GmbH. Firmengeflechte dieser Art wählen Unternehmer gerne, damit weniger Steuern bezahlt werden müssen.

  10. 2.

    In erster Linie geht es doch darum, dass keine Lebensmittel weggeworfen werden. Dazu könnte auch beitragen, dass die Lebensmittelhändler und Bäcker nicht bis zum Feierabend das volle Sortiment vorhalten müssen. Dann bleibt auch nicht soviel übrig. Im kleinen soll man ja auch nach Bedarf einkaufen, damit nichts im Müll landet. Diese gedankenlose Überflussgesellschaft geht einfach zu fahrlässig mit Lebensmittel um . Dazu gehört auch Personalmangel bei den Aufsichtsbehörden,
    die mangels ausreichender Kontrollen Lebensmittel- rückrufe und skandale vermehrt ermöglichen.

  11. 1.

    Die 10 bis 20 t für SirPlus dürften derzeit eher im statistischen Rauschen untergehen als dass bei den Tafeln deshalb aktuell weniger ankommt. Es gibt angeblich ja auch nur bei zwei Märkten Überschneidungen. Wegen dieser einfachen Plausibilitätsprüfung muss der Grund für den Rückgang des Wareneinganges ein anderer sein. Der Artikel hätte noch weiterer Recherche bedarf.

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