Archivbild: Die Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta hält eine grüne Kelle hoch. (Quelle: dpa/G. Fischer)
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Nikutta will zur DB - Was der Weggang der BVG-Chefin für Berlin bedeutet

Unter Sigrid Nikutta gelang der BVG der Weg aus den Schulden. Anerkennung bekommt die umstrittene Verkehrschefin selbst von Gewerkschaftern. Nach neun Jahren könnte sie nun zum DB-Konzern wechseln. Wie groß wird die Lücke sein, die sie hinterlässt? Von Thorsten Gabriel

Um Worte ist Sigrid Nikutta selten verlegen. Sätze wie "Ich muss mich erstmal einarbeiten", gehörten vermutlich noch nie zu ihrem Repertoire – in jedem Falle nicht mehr seit dem 28. Mai 2010.

An diesem Tag erklärte die damals frisch bestellte neue Vorstandschefin der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Frage, was sie sich im neuen Job vorgenommen habe: "Ich habe ganz klare Vorstellungen. Mein Interesse ist es nicht, ein Unternehmen zu führen, das dauerhaft immer weiter in die Verschuldung rutscht. Unternehmen sind eigentlich dazu da, sich selber zu tragen."

Sparen für die schwarze Null

2010 – da tickten die Uhren in Berlin noch anders. Acht Jahre lang hatten SPD und Linke unter der Führung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und seines Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) der Stadt gezeigt, was es heißt, zu sparen. Und zwar richtig, in allen Bereichen der Stadt.

Auch weil die Einwohnerzahl Berlins bis zur Mitte der 2000er Jahre noch schrumpfte, war überall zurückgebaut worden: beim Personal in öffentlichen Verwaltungen ebenso wie bei Landesunternehmen wie der BVG. Die Verkehrsbetriebe verlängerten Taktzeiten und verkürzten Züge, um aus den roten Zahlen zu kommen.

Doch erst unter Nikutta schrieb das Traditionsunternehmen dann erstmals eine schwarze Null. Das war im Jahr 2014. Der Abwärtstrend "weiter in die Verschuldung" war gestoppt. Zum einen war dies der Verdienst der zupackenden Managerin Nikutta, zum anderen aber auch eine Folge des Sparkurses der vorangegangenen Jahre.

Für diesen Sparkurs allerdings zahlen BVG und Stadt bis heute einen hohen Preis. Denn die Verkehrsbetriebe sind in den vergangenen Jahren quasi zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Mittlerweile werden über eine Milliarde Fahrgäste pro Jahr gezählt, unter denen die Bus- und Bahnnetze ächzen.

Die Politik stand auf der Bremse

Weil einst auf dringend notwendige Investitionen verzichtet wurde, fehlt es nun an neuen Fahrzeugen und modernisierter Infrastruktur. Neue U-Bahnen sind zwar so gut wie bestellt, doch Züge werden nicht von heute auf morgen konstruiert, gebaut und ausgeliefert.

Obendrein verzögert sich die Zuschlagserteilung für den U-Bahn-Milliardenauftrag, weil es Rechtsstreitigkeiten gibt. Und auch der Personalabbau früherer Jahre rächt sich nun. Händeringend werden Fahrerinnen und Fahrer für Busse und Bahnen gesucht.

Diese Versäumnisse sind zwar nicht in erster Linie der Vorstandschefin anzulasten, sondern der Politik, die auf der Bremse stand. Doch natürlich kam Nikutta der begonnene Sparkurs zunächst nicht ungelegen. Sie wäre wohl nicht im Traum auf die Idee gekommen, davon abzurücken oder sich gegen das politische Diktat zur Wehr zu setzen.

Ansonsten wäre sie nicht drei Jahre nach Amtsantritt bei der schwarzen Null in der Bilanz gelandet – ein wichtiger Meilenstein in ihrer eigenen Karriere.

Milliarden für den Nahverkehr

Die BVG investiert nun wieder kräftig in Menschen und Fahrzeuge. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Verkehrsbetriebe sich mittlerweile aus eigener Kraft tragen würden, wie Nikutta bei ihrem Amtsantritt quasi als Credo formuliert hatte.

Im Gegenteil. Die Politik hat – nicht nur in Berlin – erkannt, dass Mobilität zur Daseinsvorsorge gehört und die Wirtschaftlichkeit deshalb nicht vorrangig über steigende Fahrpreise erreicht werden sollte. Stattdessen werden in den nächsten Jahren Milliarden an Steuergeld in den öffentlichen Nahverkehr fließen.

Noch spüren die Fahrgäste vor allem in der Hauptverkehrszeit die Versäumnisse der Vergangenheit, wenn Sie sich wieder mal in alten Fahrzeugen drängeln müssen, weil Züge ausgefallen oder Busse verspätet sind.

Die BVG selbst versucht es derweil mit Selbstironie. Für ihre 2015 gestartete Image-Kampagne "Weil wir dich lieben" wird das Unternehmen seit Jahren mit Marketing-Preisen überhäuft. In der Belegschaft allerdings fällt die Resonanz darauf eher verhalten aus. Die interne Kommunikation gelingt offenkundig nicht ganz so geschmeidig wie die nach außen.

Auch Gewerkschafter zollen Anerkennung

Unmut drang in den vergangenen Jahren dann nach außen, wenn umstrukturiert wurde. Wenn langjährige Führungskräfte abgelöst werden, sorgt das nicht zwingend für Beifall.

Und Nikuttas zuweilen robuster Ton, mit dem sie Entscheidungen verteidigt, hört sich für manche nicht unbedingt versöhnlich an. Auch kampferprobte Personalratsvertreter konnten da im verbalen Gefecht schon mal alt aussehen.

Doch trotz mancher Brandbriefe, die Personalvertreter angesichts von Technikproblemen und fehlenden Personal schrieben, erfährt Nikutta Anerkennung aus den Reihen von Gewerkschaftern. Mit ihr könne man konstruktiv zusammenarbeiten, hört man.

Es überrascht nicht, dass Nikutta auf dem Sprung ist und sich nach der Beförderung von Menschen nun dem Transport von Dingen widmet. Einerseits ist sie mit zehn Dienstjahren länger auf dem BVG-Chefposten als die meisten ihrer Vorgänger. Zum anderen kehrt sie damit wieder an ihre Ursprünge zurück: 2010 war sie von der polnischen Tochter der DB Cargo zur BVG gekommen.

Außerdem wird es für sie jetzt wieder darum gehen, ein defizitäres Unternehmen auf Kurs zu bringen. Die Güterverkehrssparte ist der große Verlustbringer der Deutschen Bahn.

Bei der U-Bahn-Ausschreibung war Nikutta außen vor

Wie groß die Lücke ist, die sie bei der BVG hinterlässt, ist eine Frage der Perspektive. Grundsätzlich wird dem traditionsreichen Unternehmen jemand an der Spitze fehlen. Manche allerdings sahen es zuletzt kritisch, dass Nikutta bei wichtigen Unternehmensentscheidungen nicht präsent war.

Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie nicht durfte. Bei der großen U-Bahn-Ausschreibung musste sie außen vor bleiben, weil sich auch der französische Schienenfahrzeughersteller Alstom um den Auftrag beworben hatte, bei der ihr Bruder in einer Führungsposition tätig ist.

Die Compliance-Regeln der BVG schreiben vor, dass sie deshalb bei so einem Geschäft nicht involviert sein darf, um den Verdacht der "Vetternwirtschaft" möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen. Genauso ist es bei der gerade laufenden Ausschreibung für Straßenbahnen. Wieder hat sich dem Vernehmen nach auch Alstom beworben.

Pop: "Für überstürztes Handeln gibt es keinen Anlass"

Fest steht: Nahtlos wird der BVG-Chefposten nicht zu besetzen sein. Nikuttas Weggang wäre ein Verlust für Berlin, lässt sich Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) zitieren, die Aufsichtsratschefin der Verkehrsbetriebe ist.

Sie gibt sich allerdings gelassen. "Für überstürztes Handeln gibt es keinen Anlass" – nicht zuletzt deshalb, weil sie die BVG mit ihrem gerade frisch bestellten Betriebsvorstand Rolf Erfurt gut gerüstet sieht für eine Übergangszeit.

Es gilt allerdings als unwahrscheinlich, dass er gleich auf den Chefposten aufrücken könnte. Pop wünscht sich wieder eine Frau auf der Spitzenposition. "Sollte sich der Bahn-Aufsichtsrat für Frau Nikutta entscheiden, werden wir selbstverständlich angesichts der Vielzahl von männlichen Besetzungen in Spitzenpositionen in der Wirtschaft auch hier versuchen, wieder eine starke und erfahrene Frau zu gewinnen", so Pop.

"Auch Männer können Kinder versorgen"

2010 war Nikutta die erste Frau an der Spitze in der Geschichte der BVG. Wie außergewöhnlich das damals war, zeigte die Premieren-Pressekonferenz. Dort wurde die damals 41-Jährige gefragt, wie sie denn drei Kinder und ihren Job unter einen Hut bringen wolle.

Eine Frage, die kaum einem Mann in dieser Position gestellt worden wäre. "Glücklicherweise", konterte sie damals, "habe ich nicht nur drei Kinder, sondern auch einen Mann". Sie sei überzeugt, "auch Männer können Kinder versorgen und erziehen und das Modell praktizieren wir". Bis heute erfolgreich, mit mittlerweile fünf Kindern.

Sendung: Abendschau, 30.10.2019, 19.30 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Am 22.12.1929 wurde die heutige U-Bahn Linie 3 vom Thielplatz bis Krumme Lanke verlängert. Unverständlich warum nicht gleich bis Mexikoplatz mit Umsteige Möglichkeit zur Wannseebahn S1 fragten sich damals viele Anwohner. Vom Berliner Magistrat wurden die Anwohner immer wieder vertröstet die Verlängerung kommt ganz bestimmt. Nachdem grausamen 2. Weltkrieg & den Boykott der DR S-Bahn wurde diese Verlängerung "vergessen". Das änderte sich im Jahr 1984, am 09.01. als die S_Bagn von der BVG betrieben wurde. Am 01.02.1985 als die Wannseebahn wieder eröffnet wurde, hieß es im Berlier Senat die U3 wird bis zum S-Bhf. Mexikoplatz verlängert. Nur man wartet sei 90 Jahren auf diese Verbindung. Es fehlen nur 700m Tunnel und ein Kopfbahnhof.........

  2. 11.

    Was heißt denn heruntergewirtschaftet? Sind Sie bereit 200 fürs Monatsticket oder 2000 fürs Jahresticket zu zahlen? Schnell mal zum Kudamm 5 € hin und 5 € zurück. Mit 2 Kindern 30 € weg. Oder wollen Sie, dass die Schichtarbeiter für Nachts, Sonn- und Feiertage weniger Geld bekommen (Miete zu teuer), damit Sie ihr Handy im Zug laden können und 2 Min weniger warten müssen.
    Man kann immer nur staunen, was manche Menschen für ein Anspruchsdenken an den Tag legen. Das zieht sich ja mittlerweile durch alle Themengebiete.

  3. 10.

    Imagekampagnen ?? Die hat die BVG gut gefahren. Nicht weniger Verspätungen und Ausfälle als die S-Bahn, im Gegenteil, aber keine Strafzahlungen und keine Ausschreibungen der Linien und die BVG ist anders als die S-Bahn dafür auch noch beliebter. Imagekampagnen = gewirkt.

    Hat man nicht durch die "Vorteile" im Wohnungssektor, Wasser, Strom, Telekom etc genug Lehren gezogen.

  4. 9.

    Bahnhöfe (und Fahrzeuge) sind nicht schmutzig, weil sie von alleine schmutzig werden, sondern weil deren Nutzer schmutzig sind. Oder den Schmutz machen. Oder welche Formulierung der Netiquette entspricht.
    Die Kippen zum Beispiel fallen ja nicht vom Himmel auf die Gleise und die Pfeiler pullern sich nicht von alleine an sowie die Kaugummis und Spucke sind, Überraschung !, nicht von den Vögeln. Sorry, aber das ist von euch Nutzern.

  5. 8.

    Unfassbar, wie die BVG immer weiter heruntergewirtschaftet wird. Hauptsache, man kann es sich schön reden, weil ja eine Frau dafür veranwortlich ist.

    Wäre ein Mann an ihrer Stelle gewesen, wäre er für die gleichen Versäumnisse knallhart angegangen worden.

  6. 7.

    @Dirk: Mach keine Dinger! Im 7. Jahr? Ich falle gleich rückwärts vom Stuhl. Da wurden früher ganze Tunnel mit mehreren Bahnhöfen in dieser Zeit fertig.
    @rbb: Bitte greift dieses Thema auf. Das ist doch unglaublich.

  7. 6.

    Thema BVG. Schlimm genug was da abgeht. Die Bahnhöfe verdrecken immer mehr. Ich kenne noch Zeiten als die Bahnhöfe in einem sehr sauberen Zustand waren. Kein Wunder, da ein Reinigungsarbeiter früher 3 Bahnhöfe hatte, muss heute die Reinigungskraft bis zu 13 Bahnhöfe reinigen. Das ist nicht machbar. Berlin stellt sich dadurch ein Armutszeugnis aus. Zu dem User Falk. Der Bahnhof Bismarkstr. Ist im SIEBTEN JAHR Baustelle. Auch andre Bahnhöfe sind seit Jahren eine Baustelle. BSP. Rathaus Steglitz. Soviel dazu. Die Fahrpreise finde ich total überhöht. Monatskarte AB kostet im Moment noch 81 Euro. In DM sind das 182. Soviel habe ich noch nie bezahlen müssen. Es wäre sehr angebracht das die Bahnhöfe wieder sauberer werden. Noch ein Manko. Die Behindrten haben heute noch Schwierigketen Problemlos sich befördern zu lassen. In einer Studie die ich 2008 mitgemacht habe stellte sich damals schon heraus das die BVG zwar etwas macht, was aber viel zu lange dauert. Ich habe es miterlebt das ein Aufzugeinbau 3 Jahre gedauert hat. (Richard-Wagner-Platz). Liebe BVG kommt mal langsam aus den Hufen.

  8. 5.

    "Mein Interesse ist es nicht, ein Unternehmen zu führen, das dauerhaft immer weiter in die Verschuldung rutscht. Unternehmen sind eigentlich dazu da, sich selber zu tragen."

    Eine schöne Aussage. Nur sollte meiner Auffassung nach die BVG und auch die Bahn, erst gar kein "Unternehmen" sein. Der öffentliche Nah,-und Fernverkehr gehört wieder in den öffentlichen Dienst. Denn ein Unternehmen sollte sich nicht nur selbst tragen, sondern auch Gewinn machen. Und genau dies hat meiner Meinung nach in vielen Bereichen unseres Lebens nichts zu suchen. Krankenhäuser, Verkehr, Wasser, Strom....hier "verbietet" es sich auf Gewinn aus zu sein. Alles das gehört zu 100 Prozent in die öffentliche Hand und den öffentlichen Dienst. Hierfür zahle ich Steuern......so war es früher selbstverständlich. Früher war zwar nicht alles besser, aber halt auch nicht alles schlechter!

  9. 4.

    Der Weggang bedeutet, dass unter Umständen der Bahnhof Bismarckstraße noch zu meinen Lebzeiten fertig wird.
    Bitte liebe rbb Redaktion. Berichtet doch Mal in der Abendschau was zur Hölle dort los ist. Ich glaube, dass die Bauarbeiten dort schon mindestens 3 Jahre gehen. Ist doch alles nicht mehr normal.

  10. 3.

    Außer Tarnsitzmuster-Gimmicks war da nix.

  11. 2.

    Die BVG kann man inzwischen nur noch meiden. Die "ist mir egal" Einstellung hat diese Dame aber sehr gut verkörpert. Es würde eine generelle Überholung benötigen, um mich jemals als "Kunde" zurück zu gewinnen. So wie BVG sich Momentan darstellt insbesondere im Bereich der U Bahn fahre ich selbst bei Minus 2 Grad lieber mit dem Fahrrad oder laufe.

  12. 1.

    Viel voran gebracht hat diese Frau nicht, eher hat Sie die BVG heruntergewirtschaftet und die ganzen Imagekampagnen waren auch nur heiße Luft ebenso die unsinnige Schickeria Kutsche Berlkönig. Die BVG wird durch die Neubesetzung in ruhigere und erfolgreichere Fahrwasser fahren. Und nur der beste sollte die BVG leiten und nicht wie Frau Pop wieder durch politische Kungeleien eine Frau auf den Posten heben, kein Wunder das die Politikverdrossenheit immer mehr zunimmt.

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