Symbolbild: Medikamentenherstellung (Quelle: dpa/AP Photo)
Audio: Radioeins | 16.10.2019 | Interview mit Kerstin Kemmritz | Bild: dpa-Symbolbild/AP Photo

Interview | Apothekerkammer zu Medikamentenmangel - "Geschätzt gibt es zurzeit 300 bis 500 Medikamente nicht"

Deutsche Apotheken haben immer öfter Probleme, Kranke mit den den nötigen Medikamenten zu versorgen. Grund sei, dass es für einige Wirkstoffe weltweit nur noch wenige Hersteller gebe, sagt Kerstin Kemmritz von der Apothekerkammer Berlin im Interview.

rbb: Frau Kemmritz, Sie haben eine eigene Apotheke in Weißensee. Welche Medikamente können Sie derzeit nicht verkaufen?

Kerstin Kemmritz: Es gibt leider eine ganze Menge - und es werden von Tag zu Tag mehr. Es sind streckenweise so einfache Sachen wie Schmerzmittel und Augentropfen, die man ohne Rezept bekommt, aber leider auch ganz viele Medikamente gegen Bluthochdruck, Antibiotika, weitere Augentropfen, Medikamente gegen Depressionen und Angsterkrankungen. Die Liste der Medikamente, die derzeit oder auch schon längere Zeit nicht lieferbar sind, lässt sich leider fast unendlich fortführen.

Von wie vielen Medikamenten sprechen wir?

Offiziell sind 276 beim BfArM, also dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, gemeldet. Aber dazu kommen noch ganz viele, die temporäre Lieferengpässe haben - mal ein paar Tage, mal ein paar Wochen. Wir schätzen, dass es so 300 bis 500 Medikamente - je nach Apothekengröße - in verschiedenen Packungsgrößen und Stärken derzeit einfach nicht gibt.

Welche Konsequenzen hat das denn für die Patienten? Zum Teil fehlen da ja auch lebenswichtige Medikamente.

Für die Patienten ist das zum Teil erst mal ein Schock. Einige sind leider fast schon daran gewöhnt, weil das Problem nicht völlig neu ist, sondern sich jetzt nur verstärkt. Aber wer zum ersten Mal davon betroffen ist, versteht - gerechtfertigterweise - die Welt nicht mehr. Deutschland war mal die Apotheke der Welt - und jetzt haben wir Versorgungsengpässe oder Lieferengpässe, je nachdem, wie schlimm das Ganze ist. Die Leute sind natürlich verängstigt, sie sind verärgert.

Sie sind gut eingestellt auf eine Therapie und müssen jetzt irgendetwas wechseln oder gegebenenfalls warten oder nochmal zurück zum Arzt oder ins Krankenhaus. Die Situation ist für alle Beteiligten alles andere als schön. Wir Apotheker setzen natürlich alles daran, dass die Gesundheit nicht leidet und wir Alternativen herausfinden können. Das gelingt uns auch meistens, aber es ist sehr aufwändig. Manchmal müssen wir auch sagen: "Nein, leider kein Medikament für Dich. Wir finden im Moment nichts Adäquates. Mit dem Arzt muss eine Therapieänderung besprochen werden."

Es gibt Medikamente mit einem Wirkstoff von unterschiedlichen Pharmaunternehmern. Sie haben da also auch Ersatzpräparate, die Sie anbieten können - aber nicht immer. Warum nicht?

Bei einigen Leiden sind nicht so viele Patienten betroffen - entsprechend wird auch nicht so viel hergestellt. Wenn es da einen Lieferengpass in der Lieferkette gibt - teilweise gibt es auch nur einen oder ganz wenige Wirkstoffhersteller - dann gibt es einfach den Wirkstoff nicht mehr. Das wohl bekannteste Beispiel aus dem letzten Jahr, was aber zum Teil immer noch zutrifft, ist Valsartan, das aus Qualitätsmängeln zurückgerufen worden ist. Das ist ein sehr bekanntes Blutdruckmittel. Da konnte man auf ähnliche Wirkstoffe - Candesartan, Irbesartan oder Losartan - zurückgreifen. Aber auch die sind jetzt inzwischen vergriffen, weil niemand damit gerechnet hat, dass alle Valsartan-Patienten jetzt auf ein anderes Sartan umgestellt werden. Das ist so eine Kettenreaktion, die mit einem Lieferengpass anfängt und dann auch andere, ähnliche Produkte erreichen kann.

Was ist eigentlich der Grund für die Lieferengpässe? Man sollte ja meinen, es gibt einen Markt, da wird ordentlich produziert...

Die Gründe sind sehr vielfältig, deshalb ist eine Lösung auch nicht ganz so einfach. Aber wir haben eben keine normale, offene Marktwirtschaft, sondern der Arzneimittelmarkt wird staatlich reguliert, was einerseits gut und verständlich ist, weil es sich bei Arzneimitteln um eine besondere Ware handelt. Andererseits sind die Eingriffe streckenweise so groß - es geht ja unter anderem auch ganz massiv um die Preise -, dass es in der globalisierten Welt eine Konzentration auf wenige Wirkstoffhersteller gibt. Wenn da ein Problem auftaucht - das können Qualitätsprobleme sein, Zuliefererprobleme, viele Sachen sind denkbar - dann gibt es da einfach einen Ausfall für mehrere Tage oder Wochen.

Wie kann das Problem auf Dauer gelöst werden? Weniger Regulierung?

An einigen Stellen müsste man weniger regulieren. An anderen Stellen muss man jetzt aber auch unterstützend eingreifen und Anreize dafür schaffen, dass wieder in Deutschland oder wenigstens Europa Wirkstoffe produziert werden, damit die Zugriffsmöglichkeiten dadurch leichter werden und die Hersteller auch schneller reagieren können. Diese Anreize zu erhöhen, wäre sicherlich sinnvoll, natürlich auch die Handlungsmöglichkeiten im Rahmen von Austauschmöglichkeiten für die Apotheken zu verbessern. Aber das Wichtigste wäre sicherlich zu sagen: Die Produktion muss deutlich verstärkt wieder in Europa stattfinden und sich auf mehrere Wirkstoffhersteller verteilen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Frauke Oppenberg, Radioeins. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

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10 Kommentare

  1. 10.

    Für den Patienten wäre es viel einfacher, wenn der Arzt schon im Vorfeld über die Nichtverfügbarkeit des gewohnten Medikaments informiert wäre. So spart sich Patient 1. den Schock in seiner Apotheke und 2. wird Patient nicht wieder zum Arzt zurückgeschickt zwecks neuer Medi-Therapie. Kunde Patient kommt dann aufgeklärt in die Apotheke mit dem für ihn vom Hausarzt ausgewählten Alternativmedikament.
    Ich frage mich, warum die Ärzte munter Medis rezeptieren, die es zur Zeit nicht gibt?????

  2. 9.

    Glaube ich nicht!
    Man wird bald alles mittels elektronischen-Rezept vom Arzt mit einem PC, Terminal o.ä. regeln bzw. abwickeln können.
    Irgendwann bestellt der Patient und/oder Arzt selbst online.
    Minderschwere Behandlungen werden durch KI im Wohnzimmer die Apotheken ersetzen.
    Ich denke in 10 Jahren wird es im Bereich der Medizin ausgereift sein auf viele Apotheken zu verzichten.
    Im Moment verschachern sie auch nur Medikamente, von teuer bis günstig, mit dem selben Wirkstoff, weshalb die Preisspannen?
    20 Jahre später wird jeder seinen persönlichen Arzt "Alexa" an der Wand haben, mit Testindikatoren, Diagnosen und Rezept-Bestellvorgang. Die Ampullen kommen dann Same-Day-Deliver (Lieferung am selben Tag), wenn nicht sogar aus einem Automaten um die Ecke.
    Der Pferdekutscher hatte sich auch unentbehrlich gefühlt, und nun?
    Klar werden hier viele alte Menschen das unvorstellbar finden, aber es wird so kommen.

  3. 8.

    Hier ein interessanter Link:

    https://list-of-shame.de

  4. 7.

    Wenn es keine vor-Ort-Apotheken mehr gibt, dann gibt es auch keine vor-Ort-Apotheken im Notdienst mehr! Dann kann das Kind eben am Wochenende sein Antiboticum nicht bekommen und quält sich schmerzhaft bis zum Eintreffen des Paketes warten. Und wenn der Arzt einen Fehler in der Verordnung gemacht hat, was laut Tagesschau von vor ein paar Jahren 8000 (!!) mal PRO TAG vorkommt, dann kümmert sich niemand darum.

    Außerdem ist die Liefersituation bei Online-Apotheken nicht anders! Die drastisch zunehmenden Lieferengpässe sind nicht ein Problem der deutschen vor-Ort-Apotheken, sondern ein EU- und weltweites Problem! Kunden von uns haben versucht, Arzneimittel, die es zur Zeit in Deutschland nicht gibt, in anderen EU-Ländern per Privatrezept zu kaufen und kamen mit leeren Händen wieder, weil es dort auch nichts gab!

  5. 6.

    Diese Aussage ist falsch. Wenn Apotheken wichtige Arzneimittel nicht mehr bekommen, haben auch Online-Apotheken diese nicht. Aber eine individuelle Beratung über mögliche Alternativen kann nur die Apotheke vor Ort mit dem Patienten führen.

  6. 5.

    Auch da werden Sie die fehlenden Arzneimittel nicht bekommen. Ist völlig wurscht. Und wenn es auch keine Online Apotheken mehr gibt, dann dürfen Sie bei den Herstellern nach Ihrem benötigten und nicht lieferbaren Arzneimittel auf die Suche gehen, viel Spaß! Vor allem, wenn Sie richtig krank sind und sofort ein Arzneimittel brauchen.

  7. 4.

    Apotheken wird es bald nicht mehr geben, die Revolution geht in Richtung Onlineapotheke bzw. -handel.
    Das erinnert an die Abschaffung der Pferdekutsche. Irgendwann gab es Automobile.

  8. 3.

    Die Situation ist schon jetzt beängstigend. Man darf sich nicht vorstellen, was in einer wirklichen Krisensituation passieren würde. Globalisierung funktioniert im sensiblen Bereich der Arzneimittelmittelversorgung nicht. Die Lage auf dem Impfstoffmarkt ist ein Vorgeschmack. Liberalisierung funktioniert bei Automobilindustrie oder IT, aber nicht im Gesundheitswesen

  9. 2.

    Frau Kemmritz bringt es im letzten Absatz auf den Punkt. Es müssen "Anreize" geschaffen werden. Aber warum sagt sie nicht es müssen Gelder fließen? Das ist doch der Punkt, hätten die Krankenkassen nicht das System kaputt gespart, hätten wir das Problem so sicher nicht.

  10. 1.

    Der Leser sollte wissen, dass Frau Dr. Kemmritz ja nur von der Liefersituation in einer vor-Ort-Apotheke in den Angaben von 300-500 fehlenden Artikeln sprechen kann. Es gibt ja auch zahlreiche (!!) Arzneimittel , die nur in Kliniken Anwendung finden und nicht zu Verfügung stehen. Oft sind es Krebsmittel.
    Man sollte sich auch mal darüber Gedanken machen, warum bei den Arzneimitteln so gut wie nie der Hersteller in den Packungsbeilagen erwähnt wird!! So bekommt der Patient nicht mit, dass das Mittel aus Fernost kommt.
    Oft fehlen banale Sachen. vor wenigen Jahren gab es nirgendwo Mullkompressen 10x20 cm, nirgendwo. Inzwischen zum Glück wieder beschaffbar.
    Die marktbeherrschende Macht der Krankenkassen trägt die Hauptschuld an dem Dilemma. Wenn in Deutschland im Sommer 2018 Notfallpens für Wespenallergiker (Preis ca. 99 €) nicht verfügbar waren , aber die Preise in New York zur gleichen Zeit für die gleichen Pens zwischen 250 und 440 Dollar bezahlt wurden, dann weiß man ja.....

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