S-Bahn in der Klimakammer
Video: Abendschau | 25.10.2019 | S. Schöbel | Bild: Konsortium Siemens Mobility GmbH/ Stadler Pankow GmbH/ Markus Schieder

Neue S-Bahn im Klima-Windkanal - Angriff auf die vier Erzfeinde

Hauptsache kein Schnee. Oder Sonnenschein. Überhaupt: Wetter kann die Berliner S-Bahn gar nicht leiden. Diesen Spott wollen sie mit der neuen S-Bahn-Generation nicht mehr hören - und sind in die "Klimafolterkammer" nach Wien gefahren. Von Sebastian Schöbel

Unablässig brummen die gewaltigen Lüftungsanlagen und Turbinen im Rail Tech Arsenal von Wien. An manchen Stellen vibriert der Boden. Mittendrin, zwischen gewaltigen, mit Spezialschaum isolierten Rohren und kilometerlangen Kabelsträngen, steht Alexander Kaczmarek. Ein paar Meter unter seinen Füßen, im weltweit größten Klima-Windkanal der Welt, steht Berlins neueste S-Bahn.

Der Berliner ÖPNV und das Klima? Kaczmarek kennt natürlich den Witz mit der S-Bahn und ihren vier Todfeinden. Deswegen macht er ihn lieber gleich selber. "Wir versuchen jetzt mal, vier Freunde der Bahn zu konstruieren: Frühling, Sommer, Herbst und Winter."

Denn die haben die S-Bahn in der Vergangenheit schon mal lahmgelegt: Türen defekt, Bremsen eingefroren, die Elektrik verkokelt. Bei den Zügen der Baureihe 484 aber soll alles anders sein: Wetterfest zu jeder Jahreszeit. "Das wird ein Allwetterzug", verspricht Kaczmarek.

S-Bahn im Klimatunnel des RTA
Eisregen aus der Düse: Die S-Bahn wird mit Wasser bei minus 10 Grad besprüht. | Bild: Konsortium Siemens Mobility GmbH/ Stadler Pankow GmbH/ Markus Schieder

Damit das klappt, wird in den kommenden Wochen ein Halbzug der neuen S-Bahn-Baureihe Tag für Tag in die Wiener Klima-Folterkammer geschickt. Auf Knopfdruck kann im Rail Tech Arsenal so ziemlich jedes Mistwetter produziert werden, von dem die S-Bahner und Kunden in Berlin Alpträume bekommen.

Zuerst steht der Winter auf dem Programm. Spezialdüsen besprühen das Fahrzeug wahlweise mit Eisregen oder Schnee, die Temperatur in dem 100 Meter langen Tunnel wird auf bis zu minus 25 Grad abgesenkt, Turbinen erzeugen Windgeschwindigkeiten bis zu 300 km/h.

Dann wird getestet: Scheibenwischer, Frontscheibenheizung, Digitalanzeigen, Bremsen, Kupplung: Alles muss funktionieren, auch mit dicker Eisschicht oder Schnee drauf. Auch die Türen - in so vielen Wintern die Achillesferse der S-Bahn.

Erstmals mit Klimaanlage

Gebaut wurde die neue S-Bahn in Gemeinschaftsarbeit von Siemens und Stadler Pankow. Beide Unternehmen haben ihre Experten nach Wien geschickt, sie begleiten die Testreihe. Ihr Versprechen: Deutlich weniger Zugausfälle bei der neuen S-Bahn. "Weil viele Systeme mehrfach vorhanden sind", erklärt Siemens Projektleiter Gerald Winzer. "Damit wir weiterfahren können, wenn etwas kaputt geht."

Verbessert werden soll aber auch der Komfort - und zwar durch etwas, das es bisher noch nie in einer Berliner S-Bahn gab: "Wir haben eine Klimaanlage", verkündet Kaczmarek. "Im Winter warm, im Sommer etwas kühler, das ist eine ganz neue Qualität als bei den bisherigen Zügen."

Premiere an Silvester

Auch diese Klimaanlage wird noch im Wiener Klimakanal getestet: Dann drehen die österreichischen Techniker die Schneedüsen auf und fahren stattdessen die Temperatur auf bis zu 45 Grad hoch. Die S-Bahn wird dann im Glutlicht hunderter Speziallampen mit bis zu 1.000 Watt pro Quadratmeter bestrahlt. Vor diesem Test haben sie mehr Bammel als vor den Winterprüfungen, sagen die Wiener Experten. Gegen die Kälte könne man sich nämlich halbwegs schützen. Gegen die Hitze nicht.

Ob sich das alles lohnt und die neue S-Bahn die in sie gesteckten Erwartungen erfüllt, erleben die Berlinerinnen und Berliner am 1. Januar 2021. Um 4 Uhr, in der Silvesternacht, sollen die neuen Züge der Baureihe 484 in den Regelbetrieb gehen.

Sendung:  Abendschau | 25.10.2019 | 19.30 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    "Gegen die Kälte könne man sich nämlich halbwegs schützen. Gegen die Hitze nicht." Das ist leider so!

  2. 10.

    Die Bremse hat so nichts mit den Klimakammertests zu tun. Es geht eher darum ob die Klimaanlage bei -25 grad den Innenraum warm und bei 40 grad den Innenraum kühl halten kann.
    Auch hilfreich: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimakammer

  3. 9.

    "Die vier Erzfeinde" gibt es doch überhaupt nicht in Berlin.
    In Berlin stehen die Züge still, weil wieder einmal ein unnützer Baum am Gleis stand und umgekippt ist, oder die die Technik Zugsicherung nicht funktioniert.

  4. 8.

    Haben Sie wirklich erst jetzt vom Lastenheft des Senates für die neuen S-Bahnen erfahren. Ansonsten wäre Ihrer Reaktion auf die Klimaanlage unverständlich, da Jahre zu spät.

  5. 7.

    Es wäre ziemlich blöd, wenn ein Auto den Prüfstand nicht erkennen würde. Wie, glauben Sie, würden die diversen Assistenzsysteme reagieren? Die technische Lösung der deutschen Konzernen ist immerhin in weiten Teilen aufgeklärt worden. In Frankreich und Italien ist man noch nicht so weit.

    Wie man den Artikel zudem auch als Laie entnehmen könnten sind sowohl die -25°C wie die +45°C die Temperaturen im Klimatunnel. Im Sommer kommt noch die simulierte Sonnenstrahlung hinzu, die auf den Zug einwirkt.

  6. 5.

    Wow im Jahr 2019 doch schon mit Klimaanlage? Das funktioniert in anderen Ländern schon seit den 70ern/80ern... Na immerhin die BVG bekommt nicht mal das hin, aber denen ist eh alles egal

  7. 4.

    Die Kommentare hier sind unverständlich....jetzt macht die S-Bahn etwas. Aber gemeckert wird immer noch.

  8. 3.

    Ob die SBahn auch wie so manches deutsches Auto die Testsituation erkennt wäre doch die Frage.
    Aber mal im Ernst - 25 Grad bei welcher Luftfeuchtigkeit? An die 40 Grad, sollte man nicht vielleicht einen Gang höher schalten? Sonneneinstrahlung auf Parkplätzen schaffen es doch auch ein Auto bis zu 60 Grad oder mehr zu erhitzen.
    Aber ich bin ja nicht vom Fach. Im Umkehrschluss wirds dann also spätestens 2022 wieder teurer für die BVG Kunden, muss ja schließlich alles finanziert werden.

  9. 2.

    Wetter findet nicht nur während einer (Probe-)Stunde statt, sondern ggf. tage- und wochenlang. Da gilt es, mit der entsprechenden Wartung darauf zu reagieren. Die aber findet aus Kostengründen so nicht statt. Oder treffender: Sie findet nur in den sicherheitsrelevanten Bereichen - bspw. Bremsen - statt. Folglich kumuliert sich die Anfälligkeit für Defekte. Da können die noch so weit fahren, egal wohin, solange nur gehandelt wird, solange ein Defekt eintritt, werden natürlich bewusst in Kauf genommene Defekte auftreten.

    Das ist sozusagen eine innere Logik, die solange gilt, bis die Deutsche Bahn und ihre Tochterunternehmen sich eines Anderen und Besseren besinnt. Da wird es aber wohl einen "Aufstand" der Fahrgäste brauchen, die sich einen Eingriff in ihre Zeitautonomie so nicht einfach gefallen lassen. ;-

  10. 1.

    Na ich bin gespannt und lass mich gern überzeugen! Wird da auch die ganze Technik in dem Klimakanal während der Fahrt getestet oder nur im Stillstand? Wenn ein Zug steht und 45 Grad hat ok, doch wenn der bei 45 Grad fährt und da bremst wird das ja durch Reibung noch wärmer?!

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