Die Chemikerin und Asca-Chefin Christine Wedler. (Quelle: rbb/Franziska Ritter)
Audio: Inforadio | 15.11.2019 | Franziska Ritter | Bild: rbb/Franziska Ritter

Eine Chemikerin in Adlershof - Wie eine Wendeverliererin zur Firmenchefin wurde

Mehr als 5.000 Menschen arbeiteten zu DDR-Zeiten an der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof. Nach dem Mauerfall verloren die meisten ihren Job – trotz erfolgreicher Forschung. Was ist aus ihnen geworden? Franziska Ritter über eine Vorzeigeunternehmerin.

Christine Wedler arbeitet schon ihr ganzes Berufsleben in Adlershof. Nach dem Studium begann sie – noch zu DDR-Zeiten - ihre Laufbahn am Zentralinstitut für organische Chemie. Als die Wende kam, bangten sie und ihre 5.600 Forscherkollegen von der DDR-Akademie der Wissenschaften um ihre Jobs.

Der Wissenschaftsrat der BRD sollte die einzelnen Institute evaluieren, die Akademie abwickeln, weil sie nicht in die westdeutsche Forschungslandschaft passte. Mehr als 4.000 Wissenschaftler verloren ihre Arbeit. Was mit ihnen geschah? "Salopp gesagt: Wenn man sie nicht pensioniert hat oder sie weggeflogen sind, um woanders zu arbeiten, hieß es: werdet Unternehmer", sagt der Historiker Peter Strunk.

Zum ersten Mal im Leben arbeitslos

Christine Wedler hatte vorerst Glück. Ihr Institut wurde für erhaltenswert befunden, durfte weiter arbeiten und bekam einen neuen Namen: Institut für Angewandte Chemie. "Wir sind mit Feuereifer ans Werk gegangen", erinnert sie sich. Doch als der Berliner Senat zwei Jahre später die Mittel für das neu gegründete Institut kürzte, verlor auch Christine Wedler ihren Job - zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Chemikerin gab nicht auf. Sie stellte ein Forschungsprojekt auf die Beine und warb Fördermittel von der EU ein. 1997, wenige Monate nach ihrer Kündigung, kehrte sie mit 45 Kollegen in die Labors zurück: "Das war ein riesiger Triumph, ein toller Tag, den ich meinem Leben wohl nicht vergessen werde. Es gab so viele bürokratische Hürden, dass wir zwischendurch dachten, das wird nie was", blickt Wedler zurück.

"Es ging ums Existenzielle"

Nach zwei Jahren liefen die Fördermittel aus und Christine Wedler musste sich wieder etwas Neues einfallen lassen. Also gründete sie gemeinsam mit dem früheren Direktor ihres DDR-Instituts, Hans Schick, kurzerhand ein Unternehmen: die Angewandte Synthesechemie Adlershof, kurz Asca. Wie man einen Betrieb führt, davon hatten die Spitzenforscher aus der DDR keine Ahnung, räumt die Firmenchefin ein. Aber: "Wir hatten keine Alternative. Fragen, die man heute stellt - Liegt mir das? Will ich das? Entspricht mir das? - die haben alle keine Rolle gespielt, es ging ums Existenzielle."

Der Schriftzug "Adlershof. Science at Work." steht auf einem Rasen im Technologiepark Adlershof. (Quelle: imago-images/Schöning)
Bild: imago-images/Schöning

Die Firma läuft - bis heute. Während sie früher überwiegend für die Pharmaindustrie tätig war, arbeitet sie heute im Auftrag privater Analytik-Labore und staatlicher Ämter. "Wir haben immer ohne fremdes Geld gelebt", betont die Chefin, die Asca inzwischen alleine führt. "Anders als Start-ups, die normalerweise eine Anschubfinanzierung brauchen, haben wir die früheren Labore wieder genutzt und sehr wenig Geld ausgegeben. Außerdem hatten wir Verträge, die uns gut über die ersten Jahre gebracht haben." Heute beschäftigt das Unternehmen 30 Mitarbeiter.

Die Aushängeschilder von Adlershof

Die Geschichte von Christine Wedler ist nicht ungewöhnlich für Adlershof. Sie ist eine von vielen DDR-Forschern, die nach dem Mauerfall ihren Job verloren und später ihre eigene Firma aufgebaut haben, betont Peter Strunk. „Es nötigt einem doch enorme Bewunderung ab zu sehen, was diese Menschen geleistet haben. Ich bin gespannt, was sie der nachwachsenden Unternehmergeneration mit auf den Weg geben, die 1989 noch gar nicht auf der Welt war“, sagt der gebürtige Hesse, der für die landeseigene WISTA arbeitet, die den Wissenschafts- und Technologiepark in Adlershof betreibt.

Auf dem gut vier Quadratkilometer großen Gelände im Südosten Berlins haben sich inzwischen mehr als 1.000 Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen angesiedelt, die rund 20.000 Menschen beschäftigen. Der Wissenschafts- und Technologiepark – übrigens der größte seiner Art im Land – weist zweistellige Wachstumsraten auf.

Beitrag von Franziska Ritter

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

4 Kommentare

  1. 4.

    Selten habe ich einen solchen haarsträubenden Schwachsinn gelesen! Wo haben Sie diese Weisheiten her? Aus der BILD?
    Also bitte vorher ausreichend Hirn nachwerfen und Menschen fragen, die dabei waren!
    Weder SED- treu, noch besonders "engagiert" und schon gar nicht hochbegabt, habe ich trotzdem studiert!

  2. 3.

    Genauso geht es! Nicht jammern und lamentieren, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten machen.

  3. 2.

    Leider nix in 30 Jahren nach dem Mauerfall gelernt! Ich war auch nicht konform mit dem damaligen Staat und habe ohne 3 Jahre Armee etc. dennoch strudiert.

  4. 1.

    "Wendeverlierer" - Waren Studium und wissenschaftliche Förderung in der DDR nicht nur dann möglich, wenn man sich besonders SED-treu gezeigt oder engagiert hat? Wie viele hochbegabte Menschen durften in der DDR gar nicht erst studieren, weil sie Jugendweihe und FDJ abgelehnt oder dem Sozialismus nicht gehuldigt haben?

Das könnte Sie auch interessieren