Pappbecher, Papiertüten, Trinkhalme und andere Essensüberreste liegen vor einem überquellender Mülleimer. (Quelle: dpa/Winfried Rothermel)
Audio: Radioeins | 28.11.2019 | Bild: dpa/Winfried Rothermel

Interview | Deutsche Umwelthilfe - "Nichts ist klimaneutral"

Weil immer mehr Menschen ihren Beitrag zum Umweltschutz leisten wollen, gibt es mittlerweile viele "klimaneutrale" Gegenstände wie Kaffeebecher. Man kann auch "klimaneutral" fliegen. Ein Experte der Umwelthilfe erklärt, was genau der Begriff bedeutet.

rbb: Herr Fischer, was ist wirklich klimaneutral?

Thomas Fischer: Die Frage ist eigentlich ziemlich einfach zu beantworten: Nichts ist klimaneutral. Weil wir alles, was wir tun, alles, was wir produzieren, von A nach B bewegen. Das hat irgendwo Auswirkungen, und es werden Rohstoffe verbraucht. Es wird Energie verbraucht, und das hat natürlich alles auch Klima-Auswirkungen. Insofern sollten wir uns nicht der Illusionen hingeben, Dinge klimaneutral umsetzen zu können. Ich denke, darüber sollten wir ehrlich diskutieren.

Der Tüv Nord schreibt dagegen, klimaneutral kann grundsätzlich fast jedes Produkt werden. Unternehmen können sich bestätigen lassen, dass sie zum Ausgleich für CO²-Emissionen Zertifikate aus anerkannten Klimaschutzprojekten gekauft haben. Wird aus Minus und Plus in Ihrer Rechnung trotzdem nicht Null, also nicht klimaneutral?

Man muss zumindest zunächst mal versuchen, eine bestimmte Hierarchie reinzubringen. Man zunächst einmal versuchen, zu vermeiden und zu verringern - und dann erst zu kompensieren. Denn es ist, glaube ich, niemandem geholfen, beispielsweise Milliarden an einer Einweg-Pappbechern mit Kunststoff-Beschichtung zu verbrauchen. Und sich durch irgendwelche Kompensationszahlungen, die Starbucks oder sonst irgendeine Firma leistet, einzureden, das sei umweltfreundlich. Das ist nicht umweltfreundlich.

Und deshalb sollte man nur Dinge kompensieren, bei denen es keine umweltfreundlichere Alternative gibt. Es kann auch sein, dass jemand, der ganz schnell von A nach B muss, aus irgendwelchen Gründen mal fliegt. Aber deshalb ist das Modell Kurzflüge von irgendwelchen Billigfluglinien, auch wenn die kompensiert werden, per se nicht umweltfreundlich und nicht klimafreundlich.

Inwieweit kann man dann am ehesten klimafreundlich fliegen, wenn man das so sagen kann?

Man kann versuchen, Projekte zu unterstützen, die dazu führen, dass an anderer Stelle Klimagas-Emissionen verringert werden. Dadurch kann man versuchen, die Umweltauswirkungen und Klimaauswirkungen zu verringern. Aber man sollte eben nicht im Sinne eines ökologischen Ablasshandels Strukturen verfestigen, die eigentlich nicht nachhaltig sind.

Wenn man die Möglichkeit hat, von Berlin nach Frankfurt mit dem Zug zu fahren, dann sollte man das tun. Und sich die Welt nicht schönreden, indem man sagt, dann fliege ich eben doch von Berlin nach Frankfurt mit dem Flieger und kompensiere das. Das wäre, glaube ich, das falsche Handeln.

Bio-Plastikverpackungen sollen sich auflösen, und es wird behauptet, die seien klimaneutral. Sind Sie damit zufrieden oder haben Sie da "ooch wat zu meckern"?

Da habe ich aber allerdings etwas zu meckern, weil viele Bio-Kunststoffprodukte und -Verpackungen, was da alles beworben wird, in der Regel aus landwirtschaftlichen Nutzpflanzen hergestellt werden. Häufig kommen die aus den USA, gentechnisch manipuliert, unter Einsatz von Herbiziden, Pestiziden, Düngemitteln. Das verursacht Lachgasemissionen aus dem Boden - hochgradig klimaschädlich. Das Zeug wird dann um die halbe Welt geschippert und dann als Bio-Plastikbecher zehn Minuten eingesetzt, um dann entsorgt zu werden. Und in der Umwelt bauen sich die Dinge auch nicht schneller ab als normaler Kunststoff.

Ich denke, wir sollten uns hier nicht in die Tasche lügen. Da muss man versuchen, Abfälle da, wo es geht, zu vermeiden. Bioplastik, Einweg-Verpackungen, die nicht notwendig sind, sind auch klimaschädlich, sind auch unnötig. Da sollten wir lieber versuchen, zu vermeiden und wiederzuverwenden, wie beispielsweise mit Mehrwegflaschen bei Getränken.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fischer.

Das Gespräch führten Tom Böttcher und Marco Seiffert.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben mit Klick ins Bild nachhören.

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10 Kommentare

  1. 10.

    Moderner Ablasshandel trifft es schon. Die entscheidende Weichenstellung für die umweltpolitisch schlechtere Alternative wurde Anfang der 1990er gestellt, als es darum ging, ein deutschlandweites Pfandsystem aufzubauen oder aber, (Rest-)Behältnisse zu sammeln allein zu dem Zweck, um sie anschließend zu zerstören und daraus etwas Neues zu produzieren.

    Dem PR-mäßig so bezeichneten Grünen Punkt wurde regierungsseitig damals der Vorzug gegeben. Später gab es zentimeterweise Korrekturen, als gemerkt wurde, dass die einzusammelnden Verpackungen keinewegs allesamt in den gelben Tonnen, sondern massenhaft im Wald und auf der Heide rumliegen.

    Bliebe die Frage einer neuen Weichenstellung nach einem verflossenen, ja regelrecht vertanen Vierteljahrhundert. Jede Produktion, die nicht sein muss, vergrößert auch nicht den Wohlstand, belastet aber die Umwelt.

  2. 9.

    "Bioplastik, Einweg-Verpackungen, die nicht notwendig sind, sind auch klimaschädlich, sind auch unnötig." Toller Satz. Sachen, die nicht notwendig sind, sind also unnötig..... Inhaltsleerer gehts nicht.

  3. 8.

    Moderner Ablasshandel.

  4. 7.

    Dazu hatten wir 40-50 Jahre Zeit. Das sind ja alles keine neuen Erkenntnisse. Genutzt hat es nichts.
    Ganz offensichtlich ist es dem Menschen nicht gegeben, rational und sozial zu handeln, sobald man das eigene Handeln nicht mehr unmittelbar erlebt.
    Das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe für die Bibliotheken füllende Gesetzesliteratur, die es gibt und voller Verbote sind. Und nun müssen da eben noch einige Seiten mehr dazu kommen- das ist also nichts Neues. Nur dass es diesmal Regeln und Verbote sein werden, die das Überleben der Menschheit sichern werden oder zumindest sollen.

    Allerdings muss das ganze natürlich sozial ausgeglichen geschehen- weshalb Verteuerung alleine nicht ausreicht.

    @anorak2: ganz falsche Schlussfolgerung. Vielleicht nochmal ganz in Ruhe anschauen?

  5. 6.

    So kann man Menschen mitnehmen, wie hier im Gespräch. Verbieten, alles Teuer machen, Arbeitsplätze vernichten ist erst einmal der falsche Weg! Verspätete Pubertät in der Lausitz ausleben stößt auch nur auf Widerstand. Die meisten Menschen möchten und können ihren ökologischen Fußabdruck verändern und dafür müssen sowohl die Jugendlichen als auch die Erwachsenen umdenken. Die Menschen müssen aber finanzierbare Alternativen und neue berufliche Möglichkeiten haben. Zahlen wie 2025, 2030 oder 2035 sind Zahlen, wichtig ist der Prozess, der die Menschen mitnimmt. Ich bin auch kein Freund von unüberschaubare Schulden, die dann der heutigen Jugend überlassen werden sollen. Dieses Jahr 35 Milliarden, nächstes Jahr wieder, Unrealistisch und Populistisch von den Grünen.

  6. 5.

    "Nichts ist klimaneutral" Eben, den meisten Leuten war das aber schon vor der Klimakampagne klar, denn alles wirkt auf alles ein. Das ist genauso wahr wie irrelevant, unvermeidlich und harmlos. Es gibt keinen Grund deswegen eine Katastrophe auszurufen, die Gesellschaft umzustülpen oder neue Steuern zu erfinden.

  7. 4.

    "Klimaneutral" ist eine Eigenschaft, die sich Marketing-Experten von Green-Washing-Kunden ausgedacht haben. Ein Klimaforscher oder jemand, der/die sich für die Umwelt engagiert, wird damit nicht arbeiten.

    Es geht darum, den Fußabdruck kleiner zu machen. Momentan trampeln viele von uns durch die Landschaft mit dem Habitus von "nach mir die Sintflut". Die Schöpfung zu bewahren scheint manchem Zeitgenossen einfach total unwichtig zu sein. Hauptsache Spaß. Hauptsache ich. Hauptsache viel. In Wirklichkeit macht das Menschen unzufrieden und einsam. DAS ist das Problem mit Konsum. Er wirkt wie eine Droge, die nur Spaß macht, wenn die nächste Dosis höher ist. Was die Dosis ist, mag unterschiedlich sein. Das Problem bleibt das Gleiche:

    Mehr PS, mehr Kaffee(becher) to go, mehr Billigflugreisen, mehrmehrmehr... wer das kritisch hinterfragt ist eine Spaßbremse, ein "grünversiffter Linker". Hauptsache der Blick auf "mich selbst" kann vermieden werden, der tut manchem offenbar weh.

  8. 3.

    dazu: Selbst der MENSCH ist it nicht "Klimaneutral"

  9. 2.

    Gefällt mir: "" Abfälle da, wo es geht, zu vermeiden. Bioplastik, Einweg-Verpackungen, die nicht notwendig sind, sind auch klimaschädlich, sind auch unnötig. Da sollten wir lieber versuchen, zu vermeiden und wiederzuverwenden, wie beispielsweise mit Mehrwegflaschen bei Getränken.""

    Genauso sah die Kindheit der nun beschimpften Generation aus!

  10. 1.

    Ich sehe hier in Deutschland kaum Handlungsbedarf. Verbesserungspotenzial ja, mehr aber auch nicht.

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