Als Sondermüll gesammelte Medikamente (Quelle: dpa/Baumgarten)
Video: rbb|24 | 04.11.2019 | Material: Super.Markt | Bild: dpa/Baumgarten

Geschätzter Jahresbetrag - Warum Medikamente für Milliarden Euro im Müll landen

Die Behandlung ist vorbei – aber es sind noch Tabletten übrig, weil die Packung so groß war. Einer Expertenschätzung zufolge werden jährlich Medikamente in Milliardenwert weggeworfen. Dabei gäbe es Alternativen.

Medikamente im Wert von schätzungsweise fünf Milliarden Euro landen jährlich in deutschen Mülleimern. Eine repräsentative Umfrage des rbb ergab, dass gut 75 Prozent der Berliner und Brandenburger schon Medikamente entsorgt haben. Als Grund gaben 62 Prozent der Befragten an, dass zum Zeitpunkt der Genesung noch ausreichend Medikamente in der Verpackung vorrätig waren.

27 Prozent vertrugen nach eigener Aussage die verschriebenen Medikamente nicht. Andere Gründe waren, dass die Wirkung nicht erzielt, die Behandlung vorzeitig abgebrochen oder ein Medikament nicht vertragen wurde.

Verschwendung enormer Werte

Der Pharmakologe Gerd Glaeske kritisiert im rbb-Verbrauchermagazin SUPER.MARKT die Verschwendung enormer Werte: "Ich bin sicher, dass um die zehn Prozent der Ausgaben im Müll landen – eher bis 15 Prozent. Das wären dann zwischen fünf und sieben Milliarden Euro." Früher kamen Altmedikamente in den Sondermüll. Heute jedoch dürfen sie über den Hausmüll entsorgt werden, so dass die genaue Menge an Arzneiabfällen nicht mehr erfasst wird. Es bleiben nur Schätzungen, sagt der Gesundheitsökonom.

Rund 40 Prozent der Befragten werfen übriggebliebene Medikamente in den Hausmüll. Bei drei Prozent landen nicht mehr benötigte Medikamente sogar in der Toilette. Doch hier können nach dem Klärvorgang Überreste der Wirkstoffe vorhanden bleiben und wieder in den Wasserkreislauf gelangen. Bei der Verbrennung des Hausmülls bleiben hingegen keine Wirkstoffe zurück.

Zwar gibt jeder zweite Berliner und Brandenburger seinen Medikamentenreste bei einer Apotheke zurück. Doch die Apotheken dürfen sie nicht weitergeben, sondern müssen sie ebenfalls entsorgen.

Abhilfe ist möglich

Die jährliche Verschwendung zulasten aller Krankenversicherten geht weiter, obwohl aus anderen Ländern Verfahren bekannt sind, die Abhilfe versprechen. Aus Entwicklungsländern, aber auch aus Skandinavien und den Niederlanden ist eine exakte Portionierung bekannt. Statt 50er- oder 100er- Packungen erhält ein Patient nur so viele Tabletten, wie er benötigt.

Auch in Deutschland gibt es erste Modellprojekte. So packt eine Hamburger Apotheke etwa individuelle Kleinstgrößen für Patienten ab. Dies ist aber auch im industriellen Stil möglich. Die Hamburger Firma Multidos versorgt damit heute schon rund 23.000 Patienten in Deutschland. Der Service, bei dem sich der Patient auch nicht mehr ums Abzählen und Sortieren einzelner Medikamente kümmern muss, ist gegen eine monatliche Zuzahlung erhältlich.

Sendung: Super.Markt, 04.11.2019, 20:15 Uhr

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4 Kommentare

  1. 4.

    Was da aus Hamburg gezeigt wird,klingt komfortabel. Hätte ich als chronisch Kranker auch gern. Einzige Einschränkung: auch chronisch Kranke möchten mal verreisen. Ist jetzt schon schwierig, wenn man sich auf eine Apotheke festgelegt hat. Wenn man nur noch die Dosis für 2 Wochen bekommt, ist es praktisch gar nicht mehr möglich, sich länger als ein Wochenende zu entfernen.

  2. 3.

    An diesem guten Ansatz können viele mit entsprechendem passendem Berufswunsch mitarbeiten. Aber nur die, die zur Schule gegangen sind...

  3. 2.

    Ja die Entsorgung ist ein Problem. Ich wollte abgelaufene Medikamente kürzlich in die Apotheke bringen. Die Apothekerin ist sehr nett und meinte: "Ja, die können sie mir geben. Ich werfe sie aber auch einfach in den Restmüll. Eigentlich können sie sich damit den Weg in die Apotheke sparen." Toll! Und ich habe auch keine Lust, statt einer halben Flasche eine ganze Flasche Hustensaft zu trinken, damit sie nicht alt wird und nicht weggeworfen wird. Im übrigen gelangen Medikamentenwirkstoffe auch in den Wasserkreislauf, wenn der Mensch sie einnimmt. Die Wirkstoffe (auch Anti-Baby-Pille) verlassen den Körper ja über den Urin (und so).

  4. 1.

    Bei "uns" gibt es auch verschiedene, kleinere Packungsgrößen, auch mit 10, 20 oder mehr Tabletten.
    Das variiert halt je nach Medikament und Erkrankung.

    Wie genau kann man denn voraussagen, ob man 10, 12 oder vielleicht doch 15 Tabletten braucht?

    Bei chronischen Krankheiten sieht das natürlich noch ganz anders aus, aber um die geht's hier ja wohl nicht.

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