Blick von der Zufahrt zum Güterverkehrszentrum Freienbrink in der Gemeinde Grünheide auf ein gegenüberliegendes Waldstück. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
Bild: dpa/Monika Skolimowska

Tesla kommt nach Brandenburg - Grünheide ist nicht das neue Wolfsburg

Berlin und Brandenburg sind nicht gerade als Zentren der Autoindustrie bekannt. Doch nun will sich Tesla mit einer "Gigafactory" und 7.000 Arbeitsplätzen im brandenburgischen Grünheide ansiedeln. Wird die Region jetzt zum Autoland? Von Vanessa Klüber

Wolfsburg, Sindelfingen, München. Um es in Anlehnung an Henry Ford zu sagen: Dort rollen die Autos vom Band, und zwar von Volkswagen, Mercedes und BMW.

Im Brandenburgischen rollt in diesem Sinne bisher nicht viel, dort dreht es sich eher - gemeint sind die Rotorblätter von Windrädern im Dienste Erneuerbarer Energien. Die sollen unter anderem der Grund dafür sein, dass Grünheide jetzt ein Tesla-Großwerk für Elektroautos bekommen soll.

Keine dominante Autoregion

Doch wie groß wird der Produktionsstandort wirklich - und kann Grünheide dann in einem Atemzug mit den drei Städten genannt werden? "Berlin-Brandenburg zählt nicht zu den dominanten Automobilregionen", da deckt sich die Meinung der Wirtschaftsförderung Brandenburg und von "Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie" [mobilitaet-bb.de] mit dem Bauchgefühl.

Aber schauen wir einmal genauer, wie autoaffin und -produktiv Berlin und Brandenburg im Vergleich mit dem übrigen Deutschland sind.

Arbeitsplätze - nicht vergleichbar mit VW & Co.

Rund 9.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gab es laut Senat 2018 im Fahrzeugbau in Berlin. Je nachdem, ob man Automobilbranche weiter auslegt oder nur die Zahl der Arbeitsplätze in der Auto- und Autoteile-Herstellung betrachtet, sind es in Berlin und Brandenburg zwischen 10.000 und 20.000 Arbeitsplätze.

Mit dem Tesla-Werk in Brandenburg sollen rund 7.000 Arbeitsplätze in die Region kommen. Das ist schon eine Nummer für die Region. Mit den Größenordnungen von Volkswagen in Wolfsburg (mehr als 60.000 Beschäftigte) und Daimler in Sindelfingen (mehr als 35.000 Beschäftigte) hat das aber wenig zu tun. Vergleichbar groß ist das BMW-Werk in München mit rund 9.000 Mitarbeitern, wobei BMW München ausbauen will und rund 130.000 Menschen in ganz Deutschland beschäftigt.

Mehr als 800.000 Menschen arbeiten 2018 in ganz Deutschland in der Automobilindustrie, darunter auch Zulieferer. Da wirkt die Tesla-Nummer nicht mehr ganz so groß. Notiert sei jedoch, dass Elektroautos weitaus einfacher herzustellen sind als Autos mit Verbrennungsmotoren. Verbrenner haben mehr Bauteile - und benötigen deshalb mehr Mitarbeiter.

Autohersteller bislang nur spärlich vertreten

Die großen Autokonzerne haben mehrere Quartiere in der Region. Mehr als 200 Unternehmen der Automobilwirtschaft sind in Berlin und in Brandenburg ansässig – das ist allerdings weit gefasst. Darunter finden sich auch kleine und mittelgroße Unternehmen, und Unternehmen für Antriebssysteme, Engineering, Fahrwerk, Innenausstattung, Instrumente, Elektrik, Elektronik, Software, Karosserie- und Funktionselemente, Mobilitätsdienstleistungen, Produktionsanlagen und Werkstätten, Verarbeitungsarten und Vorprodukte, Werk- und Rohstoffe, Forschungseinrichtungen und sonstige Dienstleistungen. Rund 80 Industrie- und Zuliefererbetriebe sind darunter [businesslocationcenter.de].

Beim Fahrzeugbau werden in Berlin nur rund 16 Unternehmen gezählt, darunter keine großen Werke. Zum Vergleich: Das Statistische Bundesamt zählt deutschlandweit 956 Betriebe, die Kraftwagen und Kraftwagenteile herstellen.

Und wird produziert? BMW fertigt zum Beispiel Motorräder in Berlin, Brose macht Antriebstechnik und Motoren, Mercedes-Benz stellt Motoren her, Continental unter anderem Hydraulik. VW hat einen neuen Campus für Digitales eröffnet. Alle Unternehmen und Forschungseinrichtungen finden Sie auf dieser Karte [businesslocationcenter.de].

Schwerpunkt liegt auf der Forschung

Auto-stark ist die Region vielleicht in der Forschung. Es gibt zum Beispiel die Technische Universität Berlin, die BTU Cottbus-Senftenberg, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und mehrere Fraunhofer-Institute. In der TH Brandenburg wird zu Mechatronik und Automatisierungssystemen gelehrt, an der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin zu Industrial Engineering. Weitere Infos finden sich hier [mobilitaet-bb.de].

Ein Tesla-Werk macht noch kein Autoland

Künftig könnten Berlin und Brandenburg in der Automobil-Wirtschaft eine größere Rolle spielen: Brandenburg als wichtiger Standort für Erneuerbare Energien, die für Elektroautos verwendet wird, und Berlin mit seiner Stärke in der Digitalwirtschaft: Künstliche Intelligenz, vernetztes und autonomes Fahren, Car-Sharing sind Spielfelder der Hauptstadt.

Doch in einem Atemzug mit Wolfsburg, Sindelfingen und München wird Grünheide auch künftig nicht genannt werden können.

Beitrag von Vanessa Klüber

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21 Kommentare

  1. 21.

    Die Monokultur-Kiefernwälder sollten doch eh weg, was regt man sich jetzt so künstlich auf???

  2. 20.

    Warum die dort bauen wollen und nicht auf nem anderen Standort? Weil in Grünheide schon der Bebaungsplan existiert (damals, als BMW da hin wollte, wurde der erstellt und gilt weiterhin) und man deswegen nicht erst noch das langwierige und umständliche B-Plan-Verfahren durchlaufen muss. Tesla will Ende 2021 die Fabrik gebaut haben. Wenn man erst noch nen B-Plan durch die Bürokratie bekommen müsste, könnte man wahrscheinlich nicht vor 2022/2023 anfangen zu buddeln...
    Tesla sagte also wahrscheinlich: der Standort oder wir gehen eben in ein anderes Bundesland, wo man ähnliches anbieten kann.

  3. 19.

    Ich bitte Sie, zwischen ausgesprochenen Berufspessimisten und Kritikern, die in einem offenen Sinne Bedenken anmelden, zu unterscheiden. Nicht jeder, der Kritik übt, ist ein Gegner von etwas.

    Friedhofsruhe, auch verbal, hat noch niemanden gedient.

  4. 18.

    Es geht mir nicht darum, dass nichts riskiert werden sollte, sondern um die reißerischen Versprechungen, die nur allzugut an die von mir aufgezählten Projektankündigungen erinnern. Die Stadtväter von Frankfurt (Oder) wollten damals doch tatsächlich die Ortseingangsschilder mit Solar-City ergänzen. Hochmut kommt vor dem Fall.

    Und was mir auch etwas zu kurz kommt bei der Jubelberichterstattung ist die fatale Entwicklung, dass dieses Werk nicht etwa dorthin kommen soll, wo die aktuelle Politik durch die Schließung von Tagebauen und Kraftwerken Arbeitsplätze vernichtet, sondern in den Speckgürtel von Berlin.

  5. 17.

    E-Mobilität wird die Umweltzerstörung verschärfen. Giftige Batteriechemikalien in einem Schutzgebiet und intakten Waldgebiet zu bearbeiten zerstört die Umwelt. Ein intakter Wald kompensiert CO2, nicht Neupflanzung.
    Die Politik läßt sich von einem Hochstapler unter Druck setzen und betrügen: Steuergeldsubventionen werden von Tesla abkassiert. Die einzige Autobahnabfahrt am Berliner Ring ist für ein Industriegelände ein Nadelöhr, das Gelände liegt inmitten eines dichten Seengebietes und nahe dem geschützten Spreeuferbereich: künftige Spreehochwasser werden durch die Batterieproduktionshallen schwerste Umweltschäden, Grundwasservergiftung bringen. Das Verkehrschaos ist vorprogrammiert; volkswirtschaftlicher Schaden durch irreale und schädliche Arbeitsplatzversprechen wie z.B. am BER auch die seit Jahrzehnten fehlenden Arbeitsplätze!

  6. 16.

    An die Kritiker und Pessimisten.
    Welche Alternativen bieten sie in einer industriel nicht besonders entwickelten Region 7.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Auch wenn Sie es nicht mögen, aber Menschen die Geld verdienen können in ihrer Umgebung etwas investieren und damit auch Aufschwung erzeugen. Drei Wanderrouten und ein Waldrastplatz sind schön aber Menschen werden damit nicht in Lohn und Brot gebracht.

  7. 15.

    Ich glaube mal, da gilt es zu unterscheiden, wo und was riskiert wird.

    Wer nie einen Sprung ins kalte Wasser eines Schwimmbades sich traut, der wird von Ängsten getrieben immer und ewig am Beckenrand hocken. Wer mit 120 km/h in eine Kurve hineinfährt, die mit 80 km/h beschildert ist, landet ggf. am nächsten Baum.

  8. 14.

    Wer nichts riskiert, kann nichts verlieren... aber auch nicht gewinnen! Und zumindest beim BER sind der Bund und Berlin genauso Schuld am Fiasko, wie es Brandenburg ist.

  9. 13.

    Wie immer sieht der Deutsche alles erstmal pessimistisch.
    Ich finde es gut.

  10. 12.

    Während in den Brandenburger Medien kritiklos die SPD-Version des Ganzen seit vorgestern aus allen Lautsprechern schallt, gibt der Deutschlandfunk auch kritischen Stimmen eine Chance:
    Mobilitätsexperte zu Deutschlandplänen von Tesla „Elon Musk steht für Größenwahn“
    Wolfgang Lohbeck im Gespräch mit Nicole Dittmer
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/mobilitaetsexperte-zu-deutschlandplaenen-von-tesla-elon.1008.de.html?dram:article_id=463378&utm_source=pocket-newtab

    Nach gescheiterten Projekten wie Lausitzring, Cargolifter, Chip- und Solarfabriken und der Dauerquerele BER sollten man vorsichtiger agieren und nicht schon wieder "Wunderwaffenankündigungen" (gegen den wirtschaftlichen Niedergang) herausposaunen, wo noch nichts ist.

  11. 11.

    Die Stadt Wolfsburg war eine künstliche Gründung, ebenso wie Ludwigsfelde oder Salzgitter, seinerzeit Hermann-Göring-Stadt, um die Wohnbebauung neben einer gigantischen Industrieanlage zu bauen. Mithin Monostrukturen mit all ihren Facetten. "Wenn VW hustet, hat Wolfsburg die Grippe" lautet ein bekanntes Sprichwort.

    Wolfsburg war eine Gründung zur NS-Zeit, zur Produktion des KdF-Wagens ("Kraft durch Freude") und es ist schon bezeichnend, wie bruchlos und unkritisch nachfolgende Generationen mit derlei Gedankengut umgehen. Nicht, dass ich Wolfsburg und VW 1 : 1 als Nazi-Geschichte darstellen will, es hat eben seinen Kerngedanken in der Nazizeit. Auch denjenigen Gedanken einer rein technokratischen Gründung, was wir heute HOFFENTLICH differenzierter und nicht so einseitig sehen wie seinerzeit.

  12. 10.

    Gute Argumente wären Vorschläge (so manchen Verbandes), die besser sind, als die bereits von Fachläuten geprüften Standortlösungen. Bloße Ideen, von wem auch immer, einfach "in den Raum geworfen", reichen nicht aus. Der Verwaltung wünscht man starke Nerven und man möchte zurufen: "vermasselt es nicht".

  13. 9.

    … noch nicht. Wolfsburg war auch nicht IMMER Wolfsburg.

  14. 8.

    Bedenken zu äußern ist doch nicht per se "hysterisch". Auch wenn es nicht Ihrer Einschätzung der Dinge entspricht. Warum müssen berechtigte Einwände, auf diese Art weg-gedraengelt werden? Man könnte sich doch einfach mal mit einer guten Argumentation dazu äußern. Warum halten sie die Kritik des Umweltbundes an dem vorgesehenen Standort nicht für sinnvoll? Bisher machen Sie nur Andeutung und werfen Schlagworte über die Lösung in den Raum. Vielleicht kann man Ihnen bei einer nachvollziehbaren Argumentation sogar folgen. Einfach nur ein Etikett "hysterisch" draufkleben, ist jedenfalls nicht überzeugend.

  15. 6.

    Man kann das hier wieder einmal alles zerreden, bla bla...
    Es ist ein Werk und kein 7.Weltwunder welches gebaut wird. Unsere Region tut ja so als ob eine Marsstation errichtet werden soll und alles bis ins Detail ausgeklügelt werden muss. Wer sagt denn ob Tesla uns nutzt? In Bezug der Arbeitsplätze vielleicht, vielleicht arbeiten dort aber auch polnische EU-Bürger. Aber vielleicht ist dieser Standort zur Versorgung des zahlungskräftigen Osteuropas ausgerichtet. Das Genödel geht einen auf den Geist.

  16. 5.

    Ich will noch ein Weiteres in die Debatte werfen. Das will ich nicht als Gegenargument verstanden wissen, vielmehr nur, um eine Sensibilität für geschichtliche Dinge abzuprüfen.

    Genauso, wie gut Dreiviertel der Berliner nicht wissen, dass ihr weltbekanntes Brandenburger Tor mitnichten nach dem Land Brandenburg, vielmehr nach der Stadt Brandenburg an der Havel benannt ist, genausowenig scheinen die Brandenburgischen - diej. vom Land Brandenburg - zu wissen, an welchen Wegeverläufen ihr Land seinerzeit sich entwickelt hat. Einer dieser historisch bedeutsamen Wegeverläufe ist die alte Poststraße, die in diesem Fall von Erkner herkommt, dort auch noch so heißt, in Höhe der künftigen Ansiedlung immerhin per Brücke die Autobahn kreuzt und dann zunichte gemacht wird infolge der künftigen Industrieansiedlung. Sie kreuzt das Gelände diagonal, um nach dem Kreisel der BAB-Abfahrt im Wald in Richtung Mönchwinkel und Hangelsberg weiterzugehen.

  17. 4.

    Wäre Robert Havemann begeistert gewesen ob solcher Ansiedlung? Oder sind er und die Seinen für ganz Entwicklungen eingetreten - sozialer, menschlicher, die Technik dem Menschen dienend, als dass wieder nur alle Räder rollen mussten, nicht für den Krieg, sondern vermeintlich für den Frieden, jetzt für Arbeitsplätze?

    Keine Frage ist, dass eine Innovation angestoßen wurde und wird. Dennoch gilt es, "auf dem Teppich" zu bleiben. Das Auto ist per se keine Zukunftsinvestition, es ist eine ergänzende Investition, da, wo andere Verkehrsmittel, die umwelt- und platzsparender sind, nicht hinreichen. Das bleibt auch beim E-Auto so.

  18. 3.

    Das hat nichts mit Hysterie zu tun, sondern mit voellig unnoetigem Flaechenverbrauch.

  19. 2.

    Na raten Sie mal warum die stillgelegt wurden. Mit Sicherheit nicht aufgrund der tollen Infrastruktur. Warum muss man in Deutschland immer alles tot kritisieren? Der hysterische Deutsche halt...

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