Symbolbild: Nachhilfe. (Quelle: dpa/Christin Klose)
Video: Abendschau | 11.11.2019 | Andrea Everwien | Bild: dpa/Christin Klose

Verbraucherschutz warnt vor unseriösen Angeboten - Wenn der Nachhilfelehrer gar nicht um die Ecke wohnt

Der große Bedarf an Nachhilfeangeboten für Schüler in Berlin ruft auch unseriöse Anbieter auf den Plan. Eine rbb-Recherche enthüllt in einem konkreten Fall zweifelhafte Geschäftsmethoden. Von Andrea Ewerwien

Der Markt mit der Nachhilfe für Schüler boomt: Laut einer Bertelsmann-Studie bekommen bundesweit mehr als eine Million Schüler bezahlten Extra-Unterricht, durchschnittlich fallen dabei 87 Euro pro Kind und Monat an. Auch in Berlin ist die Nachfrage groß.

Das lukrative Geschäft ruft aber auch unseriöse Anbieter auf den Plan. Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zum Beispiel hingen Ende Oktober Aushänge für Nachhilfeunterricht, die bei näherer Betrachtung einige Fragen aufwerfen.

Mehr als 1.000 Euro für das Gesamtpaket

Der Text erweckt den Eindruck, als handelte es sich um ein Angebot von Berliner Studenten - wer aber unter der angegebenen Nummer anruft, erreicht eine GmbH in Süddeutschland. Die Mitarbeiter dort drängen die Anrufer, möglichst noch während des Gesprächs einen Vertrag abzuschließen. Der soll langfristig binden, die Preise liegen mitunter bei mehr als 1.000 Euro für das Gesamtpaket.

Der rbb sprach mit einer Betroffenen, die Mutter einer 13-jährigen Tochter ist. In ihrem Fall waren es 1.248 Euro, die sie für 79 Unterrichtseinheiten bezahlen sollte - ohne je einen der Nachhilfelehrer gesehen zu haben, geschweige denn, zu wissen, ob der Unterricht etwas taugt. "Ich habe mich total überrumpelt gefühlt", sagte die Geschäftsfrau dem rbb.

Der Mitarbeiter am Telefon habe immer bei den relevanten Themen sehr schnell gesprochen, etwa wenn es um Unterrichtseinheiten und Kosten ging, so dass die Anruferin Probleme hatte, "hinterherzukommen", wie sie sagt. Das ist ärgerlich und auch gefährlich, denn mit dieser Masche werden die Anrufer aus dem Konzept gebracht und psychisch unter Druck gesetzt. Eine Konzentration auf den weiteren Gesprächsverlauf ist dann schwierig.

Ohren auf bei Telefongeschäften

Die Berliner Verbraucherzentrale (VZB) bezeichnet dieses Vorgehen der GmbH als unseriös. Das fängt bereits damit an, dass der Kunde auf dem Werbeflyer nicht klar und deutlich erkennen kann, dass der Anbieter eine GmbH ist. Josephine Frindte, Rechtsberaterin der VZB, sagt dazu: "Natürlich ist es kein faires Angebot, wenn ich auf einen Zettel schaue, auf dem zwei vermeintliche Privatpersonen stehen, ich dann letztlich aber bei einem Unternehmen lande, wenn ich die Handynummer anrufe. Das ist ein Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, weil es eine offensichtliche Irreführung ist." Für den Verbraucher heißt das: Ohren auf bei Telefongeschäften; es gibt ein Recht auf Aufklärung, wer der Geschäftspartner ist.

Leichte Quizaufgaben als Schnupperstunde

Das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt und die Abendschau haben im betreffenden Fall zwei Lockvögel Termine bei der Nachhilfefirma ausmachen lassen, Mutter und Tochter. Die vermeintlich schwache Matheschülerin und ihre Mutter bekamen pünktlich zur vereinbarten Rückrufzeit einen Anruf: Es meldete sich ein Mann, der sich als Benni* vorstellte.

Benni bat Mutter und Tochter, sich Videos anzusehen. die das Prinzip des angebotenen Nachhilfeunterrichts klarmachen sollten - gewissermaßen als Schnuppereinheit. Benni blieb währenddessen in der Leitung.

In den empfohlenen Videos ging es allerdings nicht um Matheaufgaben - stattdessen wurde ein kleines Quiz gespielt, das leichte allgemeine Fragen enthielt, die man kaum falsch beantworten konnte.

Die Stimmung der potentiellen Kunden hellt sich durch das Erfolgserlebnis auf. "Man wird natürlich viel beeinflussbarer und ist dadurch auch eher bereit, einfach zu unterschreiben und einen Vertrag abzuschließen, weil man ja von diesem guten Gefühl begleitet wird", sagt die betroffene Mutter der 13-Jährigen.

Nach der ersten Lerneinheit gibt es kaum noch ein Zurück

Von Preisen, Lerninhalten oder Methoden war in dem Testgespräch keine Rede. Trotzdem wurde von der Firma ein schnellfolgender Termin für eine erste Unterrichtseinheit vorgeschlagen. Nicht wie ursprünglich angenommen von Studenten zu Hause durchgeführt, sondern online. Genau da aber liegt das Problem: Mit Beginn der ersten Lerneinheit wäre der Vertrag geschlossen gewesen. Verbraucherschützer nennen das Überrumpelung.

Zwar hat man bei Verträgen, die am Telefon geschlossen werden, ein vierzehntägiges Widerrufsrecht. Doch wer gleich am nächsten Tag die erste Stunde nimmt, hat eine Leistung in Anspruch genommen - und dann gibt es kaum noch einen Weg aus dem Vertrag.

Auch wer später merken sollte, dass er gar nicht alle Unterrichtseinheiten braucht, hat Pech gehabt: Geld zurück gebe es nicht, so die Firma. Man könne dann ja auf ein anderes Fach umschwenken - verschenktes Geld, wenn man das Fach gar nicht braucht. 

Besser lokale Angebote nutzen

"Verträge, bei denen man eventuell auch noch dazu gedrängt wird, relativ schnell zu reagieren - man kann nicht noch mal nach Hause oder man kann die Sache nicht noch mal zugeschickt bekommen, sich darüber Gedanken machen - sind absolut überrumpelnd. Auch da bitte aufmerksam sein, solche Verträge nicht abschließen", rät Frindte.

Zumindest in Berlin sind Eltern nicht auf solche Angebote angewiesen. Schülerinnen und Schüler können Nachhilfeangebote direkt an ihrer Schule finden. An zahlreichen Berliner Schulen gibt es Kooperationen mit Nachhilfeinstituten, die vom Senat finanziell unterstützt werden. Die Schüler können so direkt im gewohnten Lernumfeld den Nachhilfeunterricht erhalten. Die Kosten sind mit weniger als 10 Euro pro Stunde überschaubar. Und: Die Verträge lassen sich jederzeit kündigen.

Sendung: Abendschau, 11.11.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Andrea Everwien

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Frage ist doch nicht, ob Nachhilfeangebote auch von Betrügen kommen können oder nicht. Die Möglichkeit auch hier betrogen zu werden, liegt auf der Hand. Vielmehr sollten wir beim Bildungsministerium nachfragen, warum derart viele Schüler und das in steigender Anzahl, diesen Nachhilfeunterricht braucht? Es wird uns alle Digitalisierung nichts nützen, wenn wir nicht endlich ausreichend finanzielle Mittel in sehr gut qualifizierte Lehrer aus Fleisch und Blut stecken, die unseren Kindern den elementarsten Unterrichtsstoff vermitteln können. Das Märchen von der Inklusion ist ausgeträumt. Das Leben ist mittlerweile für alle Schüler ungerecht. Wer sich Nachhilfe leisten kann oder wessen Eltern Zeit und Möglichkeiten haben, können ihren Kindern über unser desaströses Bildungssystem hinweghelfen. Kinder deren Eltern weder finanzielle Mittel noch Zeit bzw. Fähigkeiten haben bleiben auf der Strecke. Liebe SPD, was ist sozial gerecht daran, den Bildungserfolg der Kinder auf die Elternhäusern abzuwälzen? Warum seht ihr nicht was hier passiert? Warum diskutiert Ihr an den waren Herausforderungen unserer Gesellschaft vorbei? Liegt es daran, dass eure Kinder in der Mehrzahl nicht gezwungen sind die bestehenden öffentlichen Schulen in Berlin und Brandenburg aufzusuchen?

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