Mitarbeiter aus dem Repro- und Werbezentrum Prenzlauer Berg. (Quelle: rbb/Abendschau)
Video: Abendschau | 03.12.2019 | Martin Küper | Bild: rbb/Abendschau

Arbeiten mit behinderten Menschen - Inklusion als Selbstverständlichkeit

Im Repro- und Werbezentrum Prenzlauer Berg arbeiten zehn Angestellte - und jeder zweite von ihnen hat ein Handicap. Für die Chefin Karin Meyer ist das eine Selbstverständlichkeit. Dafür wurde ihr Betrieb mit dem Berliner Inklusionspreis ausgezeichnet. Von Martin Küper

Als es in ihrem Betrieb, einer Ostberliner Wohnungsbaugesellschaft, nur noch Entlassungen gab nach der Wende, nahm Karin Meyer ihr Schicksal selbst in die Hand und gründete 1992 einen eigenen Betrieb für Repro- und Kopiertechnik. Da sie es von ihrer Abteilung so kannte, stellte sie von Beginn an auch behinderte Kollegen mit ein: "Wir wussten eigentlich gar nicht, was auf uns zukommt", erinnert sich Karin Meyer an ihre Gründerzeit, "wir haben es aber einfach so gemacht und die Behinderten mitgenommen und die haben dann auch ihre Arbeit gehabt."

In der mittlerweile 27-jährigen Firmengeschichte gab es viele Höhen und Tiefen, aber die Arbeit mit den behinderten Kollegen ist geblieben. Mittlerweile haben fünf von zehn Mitarbeitern ein Handicap.

"Hat sich ganz super gemacht"

Marcel Guttzeit zum Beispiel ist seit Mai dabei. Das Jobcenter hatte sich bei Karin Meyer gemeldet, um auszuloten, ob sie Verwendung für den Autisten hätte. Tatsächlich klang es in der Beschreibung zunächst interessant, doch beim ersten Zusammentreffen überwog erst einmal die Skepsis. "Das bringt nichts", so der Eindruck, doch heute sagt Karin Meyer: "Hätten wir ihn nicht angestellt, hätten wir uns ganz schön geirrt. Denn ich muss sagen: Der Herr Guttzeit hat sich ganz super gemacht." Er hat seinen eigenen Arbeitsbereich und vertraute Strukturen: "Vor allem diese Arbeiten hier: Da kann ich mich sehr schön konzentrieren, mich drin vertiefen, und freue mich dann immer, wenn ich dann damit fertig bin."

Gemischtes Team

Jeder der behinderten Kollegen, so ist es hier organisiert, hat einen Kollegen als Paten, den er fragen kann, sobald Probleme auftauchen und der sich persönlich verantwortlich fühlt. Aber nach einiger Zeit verschwimmen schon oft die Grenzen, und aus allen Kollegen wird ein Team, in dem jeder seinen selbstverständlichen Platz findet. Esther Sandler ist Mediengestalterin, seit gut zwei Jahren im Reprozentrum angestellt. Sie ist schwerhörig "bis an die Taubheitsgrenze", wie sie sagt. Aber durch Logopäden-Training und dank digitaler Hörgerät-Technik bekommt man es als nicht Eingeweihter eigentlich gar nicht mehr mit, dass sie dieses Handicap hat. "Es ist sehr gut gemischt hier", schildert Esther das Arbeitsklima, "und man geht dadurch sehr normal miteinander um und es ist nicht so, dass einer sich ausgeschlossen fühlt oder so."

Ein neuer Anfang

Vor zwei Monaten ist Karin Meyer mit ihrem Team umgezogen in neue, moderne Räume, nur ein paar hundert Meter entfernt von ihrem alten Firmensitz. Kleiner, aber sonst in jedem Fall eine Verbesserung, so ihr Fazit. Aber vor allem auch viel Mehrarbeit durch den Umzug. Wenn am Freitag die Einweihungsfeier der neuen Räume über die Bühne geht, wird ihr ein Stein vom Herzen fallen, denn auch die 75-jährige Karin Meyer selbst müsste sich nach einer schweren Erkrankung eigentlich schonen. Aber - so ihre Lehre aus der eigenen Geschichte - eine Behinderung welcher Art auch immer kann ganz schnell eigentlich jeden treffen. Und dann ist man angewiesen auf eine Umgebung, in der man trotzdem gut leben und arbeiten kann.

Im November wurde das Repro- und Werbezentrum Prenzlauer Berg mit dem Berliner Inklusionspreis ausgezeichnet. Die Jury war beeindruckt von dem Engagement des kleinen Betriebes, der laut Gesetz nicht einmal dazu verpflichtet ist, auch nur einen behinderten Kollegen anzustellen.

Sendung: Abendschau, 03.12.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Martin Küper

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