Sigrid Evelyn Nikutta (Quelle: dpa/Brakemeier)
Audio: Inforadio | 13.12.2019 | Interview mit Sigrid Nikutta | Bild: dpa/Brakemeier

Interview | Abschied von BVG-Chefin Nikutta - "Ich nehme eine U-Bahn, eine Straßenbahn und die Busflotte mit"

Nach neun Jahren als BVG-Chefin wird Sigrid Nikutta am Freitag offiziell verabschiedet. Zum Jahresende wechselt sie in den Bahnvorstand. Thorsten Gabriel hat mit ihr über die Zeit bei der BVG und ihr Verhältnis zum "Urban Jungle"-Muster gesprochen.

rbb: Frau Nikutta, seit dem Abend des 30. Oktober leben Sie in einer Art Zwischenwelt. Da hat der Aufsichtsrat der Bahn entschieden, Sie sollen künftig die Güterverkehrssparte verantworten. Wenn jetzt in der BVG noch was ansteht, hakt man das eigentlich gedanklich schon ab?

Sigrid Nikutta: Ich habe das absolute Gefühl eines Endspurtes. Seitdem klar war, dass ich die BVG verlasse, habe ich mir ein rotes Buch zugelegt, wo ich sofort angefangen habe reinzuschreiben, was ich unbedingt noch erledigen muss. Die Liste ist immer länger geworden, und entsprechend fühle ich mich auch. Denn ich habe ganz viele Themen, wo ich sage, das will ich jetzt noch machen.

Was steht da an oberster Stelle?

Ganz als erstes in dem roten Buch stand: Übergabe. In dem Falle an meinen Betriebsnachfolger. Und dann stehen dort ganz viele Unterpunkte, wo ich mir aufgeschrieben habe, was ich alles noch sagen muss, was ich noch an Vorgängen übergeben muss oder auch an Gedanken, wo ich denke, das hätte ich gemacht, wenn ich jetzt dageblieben wäre.

Wenn Sie nach Ihrer Bilanz gefragt werden, nennen Sie meistens zwei Sachen:  Sie haben die BVG wirtschaftlich auf Kurs gebracht und zu einem coolen Unternehmen geformt. Aber wo sind Sie auf Granit gestoßen? Wo sind Sie gescheitert?  

Wo ich mir rückblickend denke, da hätte ich vielleicht noch intensiver reingehen sollen, dann ist es die Busbeschleunigung. Das war immer ein Thema. Aber es gab viele Gründe, die dazu führten, dass es nicht so effektiv umgesetzt werden konnte. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich heute sagen, man muss ganz viele kleine Schritte machen. Damit haben wir irgendwann angefangen und haben gesagt, lasst uns jede Linie angucken - beim Bus, bei der Straßenbahn - und jede einzelne Linie beschleunigen.

Ist die Busbeschleunigung ein gutes Beispiel für ein Thema, bei dem Sie vielleicht gesagt haben, warum muss ich bei einem Unternehmen arbeiten, in das die Politik so viel reinredet?

(lacht) Das ist es nicht. Aber an diesem Beispiel habe ich gelernt, wie komplex vermeintlich einfache Sachverhalte sind. Sie denken sich als Normalbürgerin und Normalbürger, da ordne ich das an irgendeiner Stelle an und dann wird das gemacht. Nein, denn sie müssen jede Ampel einzeln anfassen. Jede einzelne Kreuzung muss sich genau angeguckt werden. Da muss es teilweise Gutachten geben, beispielsweise über die Auswirkungen für den Individualverkehr. Es ist ein unglaublich komplexer Vorgang. Ob er so komplex sein muss, frage ich mich auch manchmal. Aber es ist die heutige Realität, und das beschleunigt die Dinge zumindest nicht.

Wir kennen alle die Probleme, die es auf der Schiene zum Teil gibt: Die U-Bahn-Wagen, die zu spät bestellt wurden. Da wäre man früher dran gewesen, wenn vielleicht die BVG oder auch namentlich Sie bei der Politik früher Krach geschlagen hätten.

Ich bin eher dafür bekannt, manchmal etwas zu krawallig zu sein, als zu ruhig. Sie können mir glauben, dass es im Hintergrund darüber eine Menge Diskussionen gab. Aber Fakt ist, alles, was wir bestellen, muss auch bezahlt werden oder finanziell gedeckt sein. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben und jetzt diese großen Rahmenverträge auf dem Markt platziert haben - sei es für die U-Bahn oder die Straßenbahn. Wir können große Volumina als Rahmen abrufen, wie beispielsweise bei der U-Bahn bis zu 1.500 Fahrzeuge. Und das wird uns dann in der Zukunft die Möglichkeit geben, immer dann, wenn wir Fahrzeuge brauchen, auch eher kurzfristig welche abzurufen.

Kann es nicht auch sein, dass man als Vorstand eher das Gefühl hat, ich bin hier bestellt worden und habe zu liefern, und mein Job ist es eigentlich nicht, Forderungen aufzustellen gegenüber der Politik, die mich auf den Posten berufen hat.

Natürlich ist das immer ein Spannungsfeld. Dieses Spannungsfeld hat jeder Vorstand. Ich habe aber sehr schnell gesagt, wir brauchen neue U-Bahnen. Denn die U-Bahn im Kleinprofil, die IK-Züge, sind ja schon ab 2012 geliefert worden. Wir haben also sofort angefangen, auch am U-Bahn-Thema zu arbeiten. Auch die Flexity-Trams sind die ganze Zeit geliefert worden. Auch da haben wir eine Option nach der nächsten gezogen. Für den großen Wurf mit den Rahmenverträgen mussten wir erst die finanziellen Grundlagen schaffen. Das haben wir gemacht - dank und mithilfe der Politik. Und das ist ein ganz gutes Ergebnis für die Zukunft.

Inwiefern ist der Nahverkehr wirklich in vollem Umfang Daseinsvorsorge? Welche Pflichten hat der Staat? Auch bei ihrem Antritt stand die Frage vorn, die BVG muss aus den roten Zahlen raus. Inwiefern hat sich Ihr eigener Blick auch auf die Branche und auf das, was Nahverkehr leisten muss, in den Jahren geändert?

Als ich anfing, stand tatsächlich die Frage im Raum: 'Frau Nikutta, Sie sind doch Expertin. Wo können wir Leistungen kürzen?' Da ging es eher darum, wo machen wir weniger - nicht um, wo machen wir mehr? Mein eigener Blick hat sich insoweit verändert, als das mir heute viel klarer als am Anfang ist, wie langfristig der Zeitraum sein muss, für den man plant. Es reicht nicht, für zehn Jahre zu planen. Sie müssen einen Blick in die nächsten 20 bis 30 Jahre haben: Wie entwickelt sich die Stadt, welche Wohngebiete und Industriegebiete entstehen und was sind dann die Ableitungen daraus für den Nahverkehr?

Hätte die Politik aus Ihrer Sicht viel früher anschieben müssen, U-Bahnlinien zu verlängern?

Ich bin da unemotional, weil mein Punkt ganz klar der der Verkehrsexperten ist. Man muss sich einfach in einer Stadt langfristig angucken, welche Verkehrsströme und Fahrgastzahlen zu erwarten sind und entsprechend das optimale Verkehrsmittel wählen. Und wenn ich extrem viele Fahrgäste erwarte in einer besiedelten Stadt, dann ist die U-Bahn das Mittel der Wahl, weil ich dann einfach große Fahrgastzahlen unter der Erde sehr, sehr effizient bewegen kann. Und ich glaube, diese Diskussion muss man ganz unemotional führen. Berlin führt erst seit einigen Jahren überhaupt diese Wachstumsdiskussion. Vor zehn Jahren führten wir noch eine Schrumpfungsdiskussion.

Sie haben kürzlich gesagt: "Am meisten werde ich vermissen, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit zu jedem gelben Fahrzeug in der Stadt gehen und fragen kann: 'Hallo, kann ich mitfahren? Wollen wir ein bisschen reden?'" Ist das nicht eher so ein Satz, den man als Vorstand von einem Unternehmen mit über 14.000 Mitarbeitern sagt, um versucht Bodenkontakt zu halten?

Nein, überhaupt nicht. Das werde ich wirklich vermissen. Ich habe auch oft gesagt, als BVG-Chef ist man niemals einsam, weil man einfach überall in der Stadt Menschen hat, mit denen ich auch zu jeder Tages- und Nachtzeit reden kann. Sie werden ganz viele Kolleginnen und Kollegen treffen, die das erlebt haben, weil ich das wirklich konsequent mache. Ich fahre gerne mit und erfahre auch gerne, wie sie denn die Dinge sehen beziehungsweise auch, was deren tägliches Geschäft so bringt. Als Vorstand haben Sie ja die permanente Gefahr, in einer Wolke zu leben. Dieser Gefahr wollte ich nie erliegen, sondern immer den Kontakt mit den Menschen, die das eigentliche Geld verdienen, haben. Na klar ist es so, dass der eine oder andere mal sagt: 'Frau Nikutta, das finde ich absolut nicht in Ordnung. Und das verstehe ich überhaupt nicht. Wie konnten Sie das entscheiden.' Das ist doch eine gute Diskussion. Ich brauche nicht nur Menschen, die sagen, wie schön es ist.

Smartphone, Internet, Gummibärchen - ohne diese drei Dinge können Sie nicht leben, haben sie in einem Fragebogen ausgefüllt. In den letzten Jahren hätten sie auch sagen können, ihren Schal im BVG-Muster "Urban Jungle". Wandert der jetzt in die Andenkenkiste?

Ich weiß noch nicht, was ich mit meinem Schal machen werde. Ich trage ihn äußerst konsequent. Ich habe ja nicht nur den Schal, sondern auch Socken, sowie eine Hand- und eine Umhängetasche. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich mein Leben umgestalten werde. Auf jeden Fall hat mir meine Vorstandskollegin bei der Bahn einen roten DB-Schal geschenkt als Zeichen dafür: Lege bitte den "Urban Jungle"-Schal ab. Vielleicht trage ich ihn dann heimlich und privat.

Wie kam es eigentlich bei Ihnen zu Hause an, dass Sie sich diesen Fanartikeln verschrieben haben? War Ihre Familie auch manchmal genervt?

Ehrlicherweise ist mein Umfeld manchmal genervt, weil ich einen Hang zur Exzessivität bei solchen Dingen habe. Auch der Besprechungsraum bei der BVG ist komplett im "Urban Jungle"-Design tapeziert. Das irritiert den einen oder anderen durchaus. Ich finde, es strahlt ganz viel Gemütlichkeit aus.

Welches Andenken abseits der Fanartikel werden Sie aus Ihrem Büro mit in den Bahn-Tower mitnehmen?

Ich werde eine U-Bahn, eine Straßenbahn und die Busflotte mitnehmen, bestehend aus Gelenkbus, zwölf-Meter-Bus und Doppeldecker-Bus, sowie eine Fähre. Das wird dann ganz prominent platziert, genauso wie auch die ganzen Jahren bei der BVG. Dazu zählte im übrigen auch ein Güterzug.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Sigrid Nikutta sprach Thorsten Gabriel. Das Interview ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Originalgespräch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Artikels nachhören.   

Sendung: Inforadio, 13.12.2019, 10:45 Uhr

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Antwort auf [Horst] vom 13.12.2019 um 13:18
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14 Kommentare

  1. 13.

    " Autofahrer " Anscheinend haben Sie die hohen Subventionen, die die BVG jedes Jahr erhält, vergessen. Diese Subventionen zahlen die Steuerzahler, auch diejenigen den jeden Tag, auf die Öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind. Auch wenn die Fahrpreise pro Ticket 10 Euro kosten würde, würde der Service nicht besser werden.Es liegt an der Misswirtschaft der letzten 30 Jahre. Es haben vorausschauende Manager haben gefehlt bzw. fehlen.

  2. 11.

    Wenn ich das hier so lese: Schulden hinterlassen, runter gewirtschaftet... Leute ihr zahlt einfach zu niedrige Fahrpreise. Das ist der Punkt. Ihr denkt man könnte Luxuswagen und Dienstleistungen ohne Geld bekommen und auch die Beschäftigten mit Mindestlohn abspeisen (außer wenn es euch selbst betrifft), die euch am Wochenende und Feiertagen, auch jetzt an Heilig Abend zu den Partys und Halli Galli kutschen.. Das Geld muss irgendwo herkommen.
    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/01/bvg-zuschuesse-steigen-nahverkehrsplan.html
    Das Geld fehlt woanders z.B. im Wohnungsbau. Kitas, Schulen usw. Zahlt höhere Fahrpreise und man kann all eure Wünsche erfüllen.

  3. 10.

    ... und zig Millionen Schulden läßt sie da.

  4. 9.

    Haben Sie was gelesen, was ich nicht geschrieben habe ? Habe ich von Korruption bei der BVG geschrieben ? Ich habe seinerzeit gegen eine Behörde des Senats geklagt, mehr möchte ich mich hier nicht weiter dazu äußern.

  5. 8.

    Frau Nikutta verlässt die BVG! Das ist nach meiner Einschätzung die beste Nachricht der letzten 20 Jahre. Sei es der Einkauf von technisch wirklich mangelhaften, aber billigen Bussen die unter anderem auf der Linie M45 eingesetzt werden. Sei es das Umsetzen der Taktung auf der Linie 7 zu Lasten der Fahrgäste oder oder oder.
    Ihr nächstes Ziel? Den Gütertransport bei der Deutschen Bahn gegen die Wand fahren. Nach meiner Einschätzung wird ihr das auch mit Sicherheit gelingen. Aber wirtschaftlich.

  6. 7.

    Sie haben Hinweise auf Korruption bei der BVG? Warum gehen Sie damit nicht zur Justiz und beschränken sich damit, die Wahrheit nur hier zu verbreiten?

  7. 6.

    Frau Nikutta geht, jemand anderes wird diesen Posten übernehmen. Deswegen dreht sich die Uhr nicht gleich anders.

  8. 5.

    Sie hätten Frau Nikutta auch fragen sollen, wann der Bahnhof Bismarckstraße fertig wird. Das können Sie ja dann bei dem neuen BVG Chef nachholen ;-) Vielleicht hat er ja eine ungefähre Vorstellung vom Jahrzehnt.

  9. 3.

    9 Jahre lang die BVG bergab geführt, da kann man stolz sein. Hoffe der Nachfolger (m,w,d) wird nicht nach Parteibuch ausgesucht sondern nach echter Fähigkeit und mit Rückgrat. Aber solche Leute werden in Berlin leider nicht durch die Politik eingestellt.

  10. 2.

    Schade, das Frau Nikutta die BVG verlässt. Auch wenn ich mit ihr direkt nie etwas zu tun hatte, wirkte sie auf mich wie eine wirklich bürgernahe und ehrliche Kernzerncheffin. Mit ihr geht ein gewisser, ja verjüngender und positiver Mensch. Bleibt nur zu hoffen, dass Sie bei der DB nicht kaputt gespielt wird!

    Ich wünsche ihr alles Gute für die Zukunft und uns jemanden, der ihren Weg weiter geht.

  11. 1.

    Ja, Frau Nikutta, jetzt nach fast 9 Jahren kommen Sie zu der Erkenntnis ? Jasager, haben wir leider sehr viele, in den Führungsetagen unserer Republik, nicht nur in Berlin. Deshalb hapert es auch an vielen Stellen. Die Ehrlichen und die nicht korrupt sind, werden leider viel zu selten gehört. Hätte ich seinerzeit " geschmiert " als Geschäftsführer einer kleinen Firma, bei den Behörden, hätten die mir sicherlich nicht so viele schwere Steine in den Weg gelegt. Ich habe den Menschen nie nach dem Mund geredet und bin immer ehrlich und Aufrichtig, durchs Leben gegangen.

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