Karstadt-Kaufhaus in Berlin-Neukölln auf einer alten Postkarte (Quelle: akg-images)
Audio: Inforadio | 22.01.2020 | Oliver Soos | Bild: akg-images

Pläne für den Hermannplatz - Karstadt-Eigner Benko will "bezahlbaren Wohnraum" schaffen

Nicht etwa ein Hotel und Luxuswohnungen sollen im neuen Karstadt-Gebäude am Hermannplatz entstehen, sondern "bezahlbarer Wohnraum". Das betonte der zuständige Projektleiter vor Bezirkspolitikern im Rathaus Neukölln. Protestiert wurde trotzdem.

Die Karstadt-Eignerin Signa hat ihre Pläne für den Kaufhaus-Neubau am Berliner Hermannplatz weiter konkretisiert. Im Neuköllner Stadtentwicklungsausschuss trug der Konzern am Dienstagabend Details vor.

Der bei Signa zuständige Projektleiter für den Karstadt-Komplex am Hermannplatz, Thibault Chavanat, sagte, im neuen Kaufhauskomplex seien keine Luxuswohnungen geplant, sondern nur "bezahlbarer Wohnraum". Auch soziale Angebote seien im neuen Kaufhauskomplex durchaus denkbar. Neue Gewerbeflächen und ein größeres Karstadt-Kaufhaus würden das Projekt finanzieren.

Die Investorengruppe des österreichischen Multimilliardärs René Benko will das jetzige Kaufhaus abreißen und nach dem Vorbild des ursprünglichen Warenhauses aus den 1920er Jahren neu errichten.

Signa geht von "identitätsstiftender Architektur" aus

Die Besucherzahlen und Umsätze bei Karstadt am Hermannplatz seien seit 15 Jahren rückläufig, sagte Chavanat. Karstadt habe dort die Hälfte seines Umsatzes eingebüßt. Immer mehr Flächen seien untervermietet worden, dadurch sei ein "Geschäfte-Wirrwarr" entstanden. Da helfe nur ein Neubau mit effektiverer Flächenaufteilung und Tiefgarage.

Zum angedachten Nachbau des expressionistischen Vorgängerbaus sagte der Signa-Projektleiter, das Gebäude solle eine "identitätsstiftende Architektur" haben. "Einzelhandel überlebt nur, wenn wir Orte schaffen, die besonders sind", so Chavanat. Signa gehe von einem mindestens einjährigen Diskussionsprozess mit Bürgerbeteiligung aus. Der Neubau würde dann drei bis vier Jahre dauern.

Das Projekt bleibt derweil umstritten. Etwa 150 Anwohner demonstrierten am Dienstagabend gegen das Vorhaben. Sie befürchten eine jahrelange Großbaustelle sowie die Verdrängung von Mietern und Gewerbetreibenden. Viele der Demonstranten strömten auch in den Plenarsaal der Bezirksverordnetenversammlung im Rathaus Neukölln, um ihrem Unmut Luft zu verschaffen.

Archivbild vom 21.10.2018: Das Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln (Quelle: imago-images/Andreas Gora)
Der bisherige Karstadt-Bau ist deutlich schlichter | Bild: imago-images/Andreas Gora

Baustadtrat will keinen "Monumentalbau"

Aus dem Neuköllner Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg, auf dessen Gebiet das Areal am Hermannplatz steht, kamen bereits Signale der Ablehnung. Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) hatte schon im August gewarnt, solch ein Monumentalbau passe nicht nach Kreuzberg und Neukölln. Damit war er auch in seiner eigenen Partei angeeckt. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sagte, sie begrüße das Signa-Vorhaben eines Neubaus des Karstadt-Gebäudes. Ähnlich hatte sich auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), geäußert und angedroht, notfalls müsse hier der Senat eingreifen.

Entgegenkommen auch beim Denkmalschutz

Auch auf einem anderen Problemfeld rund um die Signa-Pläne - beim Denkmalschutz - gibt es Bewegung. Nachdem das Landesdenkmalamt eine veränderte Planung gefordert hatte, reichte Signa kürzlich neue Entwürfe ein, die auf die Kernforderung der Denkmalpflege eingehen. Das vom ursprünglichen Kaufhaus erhaltene Segment soll in seiner Gesamtheit erhalten bleiben, nicht nur die Fassade. Das teilte die Sprecherin des Landesdenkmalamts, Christine Wolf, am Donnerstag dem rbb mit. Demnach legte das Architektenbüro Chipperfield des Investors Signa im Dezember 2019 veränderte Planungen vor. Bisher gibt es für das Riesenprojekt keinen Bauantrag - und infolgedessen auch keine Genehmigung.

Das ursprüngliche Warenhaus aus den 1920er Jahren hatte 70.000 Quadratmeter Einkaufsfläche mit zwei Türmen und Lichtsäulen, es war das größte Kaufhaus der Weimarer Republik. Im April 1945 wurde das Karstadt-Haus von den Nationalsozialisten gesprengt, um die Lebensmittelversorgung der sowjetischen Armee zu behindern. Die erhaltenen Gebäudeteile aus den Jahren 1927 bis 1929 stehen seit Juli 1990 unter Denkmalschutz. Im Februar 1993 wurden die Untergeschosse der ersten Bauphase und der Wiederaufbau von 1951 bis 1952 ebenfalls unter Denkmalschutz gestellt. Benko hatte vor einem Jahr angehkündigt, die historische Fassade wieder herstellen zu wollen.

Sendung: Inforadio, 22.01.2020, 6:27 Uhr

Archivbild: Das Karstadt Kaufhaus in Neukölln ca. 1929 (Quelle: dpa/ akg-images)Historische Aufnahme des Karstadt-Hauses, ca. 1929

12 Kommentare

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  1. 12.

    Als Neuköllnerin bin ich gegen den Ausverkauf unserer Stadt bzw. Kiezes an Investoren, die die Herkunft ihrer Millionen verschleiern. Welchen Nutzen hat es für Signa ein gut erhaltendes Kaufhaus abzureißen? Für Abriss und Neubau sind Megagelder vorhanden, während den Beschäftigten von Karstadt die Kündigung droht. Megaprojekte, bei denen die Gier dubioser Unternehmen bedient wird und der Mensch nicht zählt, haben hier nichts verloren. Signa-Karstadt wird sein: jahrelange Baustelle, Luxusgewerbe, Coworking, hochpreisige Mikroappartments. Ein 50 qm² Wohnung einfache Wohnanlage kostet jetzt in Neukölln/Kreuzberg 1000,-€ warm. Stadtentwicklung muss sich an den Bedürfnissen der Menschen, der Anwohner orientieren, nicht an den Interessen ausländischer Investoren.

  2. 11.

    Ich glaube, dass dann, wenn Baubeginn ist, gewisse linke Gruppierungen auch Sturm laufen.
    "Die Stadt gehört uns" - der krude und verworrene Gedanke wird auch hier den Investor verjagen.
    Die eingeengte Sicht dieser Menschen verhindern Arbeitsplätze (Google, Amazon u.a.) und eben auch Sozialwohnungen, die von einem Investor gebaut werden. Wie bei einem pawlowschen Hund, läuft reflexartig der Sabber bei dem Begriff "Investor".

  3. 10.

    Ich bin froh als Neuköllner, dass es einen Investor gibt, der das alte Gebäude Karstadt im alten Glanz wiedererstehen lässt. Allein der U Bahnzugang zum Kaufhaus war und ist einmalig und dazu gehört einfach das alte Gebäude. Auch Ihre Kritik in Bezug was Straßen weiter passiert teile ich nicht. Ich denke Sie meinen die Sanierung / Umbau der seit Jahren leer stehenden Gebäude von C&A , Karstadt Schnäppchen-Center etc.
    Es hat sich aber keiner aufgeregt, dass gerade vor C&A eine Obdachlosenszene im erbärmliche Zustand campiert. Es wird Zeit, dass es vorwärtsgeht und der Bezirk braucht das Geld auch um seine sozialen Projekte zu finanzieren. Ja, Neukölln ist arm, aber der Bezirk sollte auch Projekte fördern, die den Bezirk aufwerten und auch neue Arbeitsplätze anziehen. Es gibt genug Gesetze um gegen Verdrängung vorzugehen. (Milieuschutz etc.) Weiterhin welche Verdrängung denn bitte schön??? Sie meinen doch nicht die Handyläden, Wettbüros, Barbiershops, Juwelierläden (Steueroasen) ???

  4. 9.

    Sozialer Wohnungs bau wird nur 10 Jahre fördert (je nach bezirk) danach kann die Miete alle zwei Jahre um 15/20% bis maximal wert des Mietspiegels angehoben werden - je nach dem, das Kiez wird sich also auch mit Sozialwohnungen verändern und leute Verdrängen! Spätestens in 10 Jahren wenn sich die Bewohner die Mieterhöhung nicht leisten können...

  5. 8.

    Michaeel
    Wenn es an dem so wäre. Doch was wenige Strassen weiter passiert - interessiert keinen Menschen.
    Andere Investoren können frei von medialer Aufmerksamkeit alles bauen was sie wollen. Da interessiert plötzlich kein Anwohner und Kiez oder Verdrängung mehr.

    Einfach mal bei googel eingeben: kreuzberg berlin neubau büro

  6. 6.

    Benko hat an die FPÖ gespendet. https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Benko#Ibiza-Aff%C3%A4re
    Die AfD legt ihre Spender nicht offen. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-neue-spendenaffaere-partei-liess-sich-von-reichen-goennern-finanzieren-a-1298842.html

  7. 5.

    Schade dass Florian Schmidt keine Häuser mehr für die Diese eG kaufen will. Andere haben vorgemacht, wie man ein kampagnenfrei ein Hochhaus in Kreuzberg bauen kann. Sigma hätte früher auf die gleiche Idee kommen können.

  8. 4.

    Die Grünen wollen scheinbar keine TRAM. Warum sonst wurden auf der Oberbaumbrücke die Gleise entfernt (anstatt vernünftig zu legen).

  9. 3.

    Da zeigt sich die provinzielle Seite der Grünen und ihren Neuköllner Kiezbewohnern.
    Es muß alles Heruntergekommen aussehen - im Interesse der Mentalität der linken Neuköllner Einwohner.
    Weltstädtische Architektur stört da nur.
    Und bitte: Wenn schon ein Neubau, dann bitte nach Möglichkeit ohne Bauzeit

  10. 2.

    Wann soll denn endlich der Hermannplatz umgebaut werden? Das wird seit Jahren verschoben. Ab wann soll da und durch die Urbanstraße die Straßenbahn fahren? Klappt das noch vor dieser Riesenbaustelle? Oder nochmal 30 Jahre warten auf die Tram?

  11. 1.

    Karstadt? Und Sozialwohnungen? Ich lach mich tot. Wahrscheinlich für ihre eigenen Angestellten, die sich bei ihrem Gehalt sonst keine Wohnung mehr leisten können.

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