Ein Produkt, das in einem viel zu großen Karton liegt, mit dem es versendet wurde (Quelle: privat/H. Fehse)
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Video: Super.Markt | 13.01.2020 | Bild: privat/H. Fehse

Super.Markt | Verbraucher - Verpackungswahnsinn im Onlinehandel

Ein riesiger Karton mit wenig drin: In Deutschland werden kleine Produkte immer häufiger in viel zu großen Verpackungen versendet. Online-Händler verschicken offenbar am liebsten Luft. Warum ist das so?

Laut Umweltbundesamt produziert jeder Deutsche pro Jahr 107 Kilo Verpackungsmüll. Nimmt man den Gewerbemüll dazu, kommen wir so auf 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsabfall (stand 2017). Tendenz steigend. Die offizielle Empfehlung des Umweltbundesamtes daher: "Auf unnötige und unnötig materialintensive Verpackungen sollte verzichtet werden." Das wird Verbrauchern wie Robert Soykas aber schwer gemacht: Dem rbb-Zuschauer aus Wustermark hat es gereicht: Nachdem ihm ein einzelner Scheibenwischer im Riesenkarton geliefert wurde, inklusive  75 Meter Füllmaterial, schickte Soyka seine Fotos an das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt. Die Kollegen recherchierten den Fall.

Nur etwa 30 Kartongrößen

Schon bald kam eine Stellungnahme von Amazon. Die übergroße Verpackung sei reine Praktikabilität, so das Unternehmen: "Auch ist es nicht möglich, Scheibenwischer ohne gesonderte Verpackung zu verschicken, da die Originalverpackung zu schmal ist, um das Versandlabel aufzudrucken. Wir weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass Scheibenwischer nicht dazu taugen, zu verallgemeinern."

Laut dem Händler werden allerdings für die allermeisten Produkte nicht mehr als 30 verschiedene Kartongrößen benutzt. Davon ausgenommen sind Artikel in "Übergröße wie etwa Sonnenschirme". Gearbeitet wird mit Algorithmen. Taucht ein Artikel zum ersten Mal auf, werden Gewicht, Höhe, Breite, Länge und Form gespeichert. Das System gibt dann an der Packstation die Empfehlung für den passenden Karton. Scheibenwischer haben laut Unternehmensangaben jedoch keine Standardkartonage. Landen sie daher quasi automatisch im größtmöglichen Karton? Und warum?

Ein Produkt, das in einem viel zu großen Karton liegt, mit dem es versendet wurde (Quelle: privat/R. Soyka)

Zeitersparnis gleich Geldersparnis

Die Firma FaPack in Berlin-Neukölln stellt seit 150 Jahren Kartonagen her. Das Familienunternehmen in fünfter Generation hat hunderte Vorlagen für verschiedenste Kartongrößen. "Die Versandhändler wollen möglichst wenige Verpackungsgrößen haben. Nicht aus Kostengründen – die Unterschiede zwischen kleinen und großen Verpackungen sind nicht entscheidend. Entscheidend sind die Lohnkosten", sagt Karl-Heinz-Behrens, Inhaber von FaPack und gelernter Verpackungsmittel-Mechaniker. "Wenn der Verpacker zu lange Zeit hat, sich zu überlegen, welche Größe er nimmt, ist das teurer als die größte Schachtel."

Der Verpacker ist schneller, wenn er nur wenige Paketgrößen nutzen muss. Das bedeutet bares Geld für die Onlinehändler. Zudem rechnen Paketlieferdienste wie etwa DHL nach Gewicht ab, nicht nach Volumen. Für die Händler ist es also nicht von Belang, wie groß die Pakete sind, die sie versenden – und sie müssen keine erhöhten Versandkosten an die Kunden weitergeben.

Amazon ist nicht der einzige Onlinehändler, der mit gigantischen Kartons auffällt. Andere arbeiten ähnlich: Der Elektronikversand Conrad Electronis antwortet etwa auf rbb-Anfrage, man habe aktuell sechs Standard-Kartongrößen im Einsatz. Und gibt in diesem Zusammenhang zu, dass es dadurch vorkommen könne, "dass kleine Artikel in einem vergleichsweise großen Karton ausgeliefert werden". Die Liste von Händlern mit ähnlichen Verpackungsstrategien ließe sich erweitern.

Wohin mit dem Müll?

Ärgerlich wird es spätestens dann für die Verbraucher, wenn sie den Verpackungsmüll wieder loswerden wollen: übervolle Blaue Tonnen im Hof, Nachbarn, die sich nicht mal die Mühe machen, die Kartons überhaupt auseinanderzunehmen. Oft landen auch Pappe und Verpackungsmaterialien wie etwa Luftpolsterkissen in derselben Tonne.

Die Mitarbeiter von Berlin Recycling sind die letzten Opfer des Verpackungsirrsinns in der Hauptstadt. Die ständig steigende Verpackungsflut ist das eine. Aber die Unvernunft und Rücksichtslosigkeit der Anwohner macht es ihnen doppelt schwer. Mitarbeiter Ralf Schoeneberg sagte dem rbb, ihn ärgere am meisten, "dass die Leute nur an sich denken und nicht an Andere." Kartons könnten eine ganze Tonne verstopfen. "Man stellt eine größere Tonne hin, dann werden auch die Kartons größer." Sein Kollege Christian Schebskirchl ergänzt: "Wenn man selber auch mal ein bisschen Hand anlegt und mal ein bisschen nachdrückt, ist jedem geholfen."

Ein Produkt, das in einem viel zu großen Karton liegt, mit dem es versendet wurde (Quelle: privat/M. Baierl)

Couchgarnitur im Müllcontainer

Ein weiteres Problem sei, dass immer häufiger Dinge in der Blauen Tonne landeten, die dort nicht hineingehören. "Wir hatten tatsächlich vor ein paar Jahren mal eine Couchgarnitur aus einem Großraum-Behälter entsorgt. Unschön sind auch Farbeimer, Kochtöpfe und Sachen, die halt nicht reingehören“, so Schebskirchl. Berlin Recycling muss auch deshalb immer öfter zum Ausleeren in die Sortieranlage. Etwa zur Wertstoff-Union Berlin in Neukölln. Hier wird aussortiert, was nicht Papier oder Pappe ist.

Die Anlage hat gut zu tun. Und es wird immer mehr: Betriebsleiter Volker Johannes spricht von einer jährlichen Steigerung von zwei Prozent.

Wer als Verbraucher selbst etwas gegen die Verpackungsflut tun will, kann darauf achten, keine Einzelbestellungen aufzugeben, sondern Sammelbestellungen. Und wenn wieder eine kleine Bestellung im Riesenpaket geliefert wird: Beim Händler beschweren. Nur so kommt der Ärger auch bei den Verursachern an.

Sendung: Super.Markt, 13.01.2020, 20:15 Uhr

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18 Kommentare

  1. 18.

    Ja... Und wenn der Vor Ort Händler was nicht hat, dann holt er es vom Hersteller persönlich ab . Natürlich unverpackt :-D Ganz ehrlich, was wird hier eigentlich verlangt? Der Recyclingmensch jammert, der Verbraucher soll sich beschweren usw. Langsam hakt es Leute. Uns gehts offenbar zu gut. Dieses ständige Gejammer und Gerede, was man machen soll geht mir auf den Keks.

  2. 17.

    Zum Glück kommt die Ware wenigstens ganz ohne Verpackung in den Vorort-Handel. ;-)

  3. 16.

    Ihre Erfahrung kann ich nicht bestätigen, zumindest nicht im Standardversand. Express nutze ich nicht, da könnte das vielleicht anders sein. Beim Standardversand hatte ich noch nie Versandkosten, weil der Versand aufgeteilt wurde. Das wäre auch ein Fall für die Verbraucherzentrale. Amazon verspricht freie Versandkosten im Standardversand ab 29,00 EUR pro Gesamtbestellwert und daran halten die sich auch. Es werden zwar Versandkosten angezeigt, diese aber direkt wieder gutgeschrieben. Wie gesagt, ist meine Erfahrung trotz Versand aus verschiedenen Standorten.

  4. 15.

    Hallo Eve, ja, in manchen Fällen ist es so, dass die Artikel aus mehreren Standorten versandt werden. Das passiert besonders bei selten gefragten Artikeln, die nicht in jedem Lager vorrätig sind. Die werden von Amazon dann zu Gunsten der Schnelligkeit leider separat versandt statt erst in einem Lager gesammelt zu werden. Das wäre für die Umwelt aber auch nicht viel besser. Es fallen in dem Fall aber definitiv keine gesonderten Versandkosten an, so wieder behauptet wurde, selbst wenn Einzelpositionen unter 29,00 EUR fallen. Insgesamt sind meine Erfahrungen bei Amazon aber ganz gut, es wird gefühlt immer möglichst viel zusammen gepackt und versandt. Auch die Kartongröße ist meist angemessen. Andere Versender sind da weniger "maßvoll", wohl weil sie weniger verschiedene Versandkartons vorhalten wollen.

  5. 14.

    Ich weiß schon, was, wie und bei welchem Anbieter bei Amazon ich bestelle. Und das bei Amazon seit 2004. Dass der garantierte Versand in einer Lieferung (keine Marketplace-Händler dabei) inzwischen Mehrkosten verursacht ist mir im letzten Jahr erstmalig aufgefallen. Es kann durchaus sein, dass die von Amazon angebotenen Waren in verschiedenen Amazon-Standorten (z.B. Polen)auf Lager liegen, darauf habe ich aber weder Kenntnis noch Einfluss.

  6. 13.

    Bereits bei der Bestellung sieht man ob die Ware schon am nächsten Tag da ist; ...wenn Sie in xStdymin bestellen.- Langstrecke wird darauf hingewiesen. Auch verkauft durch...geliefert durch Amazon. Man kann aber davon ausgehen, dass alles in einer Liefrung kommt wenn man vorher mitgedacht hat. Kürzlich erwarben wir -Thermostatarmatur, Eckventile, Brauseschlauch, Handdusche u. Ablaufgarnitur kpl. alles in einem Paket. Lediglich der Waschtisch wurde im Baumarkt bestellt u. abgeholt.

  7. 12.

    Auch wenn alles von Amazon selbst versendet wird können bei vier Produkten vier Einzelsendungen anfallen. Ist mit im letzten Jahr mehrfach passiert. EIn Blick in die Sendungsverfolgung zeigt, warum: Die vier Produkte kommen aus vier unterschiedlichen Amazonlagern. Es ist in so einem Fall wohl kostengünstiger, wenn jedes Lager eine einzelne Sendung verschickt als wenn man die Sendungen intern an einer Stelle sammelt und dann an den Kunden abschickt.
    (Die von Ihnen erwähnte 29,00€ Schwelle gilt bei meinem Bestellungen nicht - ich bin Amazon Prime Kunde.)

  8. 11.

    Man kann durchaus effektiv bei Versandhändlern kaufen. Hat man vor eine beliebte Jeansmarke nochmals oder wieder zu erwerben ist das online schnell erledigt. Auch Schuhe u. Sandalen deutscher Hersteller werden viele Jahre in gleicher Ausführung gefertigt. Man kennt diese Ware aus eigener Erfahrung ; Retoure geht da nix. Ich kaufte auch schon einen PC- Tisch für 80 € weniger als hier im 4km entfernten Möbelhaus. Druckerpatronen, LED-Lampen - gleich im Mehrfachpack und auch Sanitärbedarf etc. kaufe ich lieber bei Amazon als extra nach Berlin zu fahren. Dazu kommt bei vielen techn. Artikeln, dass man Rezensionen anderer Kunden auswerten kann. Die kürzlich gelieferte hochwertige Fahrradbeleuchtung komplett kam in einer Papiertüte mit Blasenfolienpolsterung. Wir sind eifrige Wertstofftrenner.

  9. 10.

    Das mit den Versandkosten bei Amazon stimmt so nicht ganz. Man sollte immer darauf achten, dass die Artikel vom selben Händler bzw. von Amazon selbst versendet werden. Dann gilt die 29,00 EUR Grenze und meist erfolgt die Lieferung im selben Karton. Zumindest versucht Amazon das. Als Käufer kann man den gewünschten Verkäufer für jeden einzelnen Artikel oft selbst bestimmen/ändern. Dann kostet es manchmal zwar ein klein wenig mehr, man entlastet aber die Umwelt.

  10. 9.

    Mein Navigationsgerät schickt mich auch nicht immer auf die sinnvollste Route.
    Wenn Onlinehändler nicht die sinnvollste Verpackung nehmen, dann ist das Kollateralschaden der Digitalisierung. Lieber zu große Verpackung gewählt als zu kleine.
    Aus China habe ich noch nie eine Kartonverpackung erhalten, immer nur Folienverpackung. Null Platzverschwendung, weniger Gewicht. Möchte das der gute Mann mit den Scheibenwischern auch.

  11. 8.

    Das hat mit Faulheit in den wenigsten Fällen zu tun. Das Problem ist, dass ich die gewünschten Waren im Einzelhandel gar nicht erst bekomme, der Einzelhändler kann auch nur bei seinen Handelspartnern bestellen, also bleibt nur noch der Onlinehandel. Leider. Erschwert wird die Warenvielfalt vor Ort noch durch die zunehmende Monopolisierung des Handels (siehe Karstadt, Edeka, Rewe, usw.) Eine gute Alternative ist, falls möglich, online bestellen und selbst in einer Filiale abholen.

  12. 7.

    Sammelbestellungen sind auf jeden Fall sinnvoll. Der Haken an der Sache: zumindest Amazon lässt sich inzwischen eine Lieferung aus mehreren Artikeln in einem Versand extra bezahlen. Standardmäßig werden beispielsweise selbst 3 Druckerpatronen in 3 Paketen versendet. Die ggfs. auch mit unterschiedlichen Zustellern geliefert werden.

  13. 6.

    Oh Mann, sowas "liebe" ich ja:
    Leute, deren einziger Beitrag zu einer Diskussion in dem (sicher sehr wichtigen und ungemein bedeutsamen) Hinweis besteht, dass sie das Thema nicht interessiert.

  14. 5.

    Oh man, gibt es auch echte Probleme? Hauptsache das Zeug kommt heil bei mir an, Rest ist mir egal.

  15. 4.

    Wer als Verbraucher selbst etwas gegen die Verpackungsflut tun will,dann sollte man hier vor Ort einkaufen gehen.Aber der Mensch ist halt auch zu faul.Alexa und Co.machen es ja auch alles leichter.Hier sollte man u.a.die Online-Händler sowie den Kunden in die Pflicht nehmen.Also die Gebühren für den Versand,-Zahlungs-,Rückgabe erhöhen.Als Kunde sehe ich z.b.eh nicht die Ware.Aber wenn mir was nicht passt,dann wird das halt wieder zurückgeschickt.Anziehsachen kauft man halt auch direkt beim Händler vor ort.
    Da nimmt man dann 2,3,4 Sachen mit in die Kleiderkabine.Irgend ein Teil wird da schon passen.Aber den Kunden wird es halt zu einfach gemacht.Weniger Onlinewahn,bedeutet auch weniger Verkehr und man tut
    auch was für das Klima.Aber leider sieht die Zukunft anders aus.Alles muss schnell gehen,da man ja keine zeit hat.Läden sterben in Innenstädten aus.Der Mensch gilt jetzt schon als das Faultierähnlichste Geschöpf der Welt.

  16. 3.

    Ein im großen und ganzen interessanter Artikel, wobei ich aber festhalten möchte, das z.B. Amazon recht selten in viel zu großen Kartons ausliefert. Meistens sind die Kartons passend und hat man mehr als eine Bestellung an einem Tag aufgegeben wird dies meistens auch zusammen gefasst.
    Andere Erfahrungen habe ich z.B. mit Versandhäusern wie Otto oder Baur oder Online Apotheken gemacht. Dort habe ich es häufig erlebt, das viel zu große Verpackungen benutzt wurden.
    Tja, und wer natürlich Luftpolster und Pappe nicht trennen kann oder sonst auch Müll nicht in die richtigen Tonnen entsorgen kann, da kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

  17. 2.

    So ist das nunmal, großer Karton mit Filmmaterial für € 0,00 (und keine Fahrkosten), eine Platiktüte für € 0,20.

  18. 1.

    Ich bin kein Wirtschaftsexperte, doch könnte man Einzelhändler nicht steuerpolitisch besser stellen als Versandhändler?
    Je weniger Transporte, desto weniger Umverpackungen und Umweltbelastungen (nicht nur wegen der Verpackungen, sondern auch wegen der Transporte ansich).
    Und was ich auch nicht verstehe:
    Man kann Verpackungen zwar im Supermarkt lassen, doch an Packstationen und in Postfilialen gibt es keine Möglichkeit, beispielsweise sperrige Kartons nicht mich nachhause nehmen zu müssen.

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