17.01.2020, Nordrhein-Westfalen, Köln: Das Logo leuchtet am Morgen auf dem Dach eines Real Supermarktes. Der Metro Konzern plant den Verkauf der SB-Warenhauskette Real. Foto: Oliver Berg/dpa
Video: Brandenburg aktuell | 19.02.2020 | Norbert Polster | Bild: picture alliance/Oliver Berg/dpa

Kaufvertrag unterschrieben - Metro verkauft Real-Kette an Finanzinvestor

Seit 2018 will sich Metro von seiner Supermarktkette Real trennen. Nun ist die Tinte unter dem Kaufvertrag mit einem Investor trocken. Der Kette Real droht jetzt die Zerschlagung. Auch in Berlin und Brandenburg bangen viele um ihre Jobs.

Nach monatelangen Verhandlungen hat der Handelskonzern Metro den Verkauf seiner angeschlagenen Supermarktkette Real unter Dach und Fach gebracht. Der Finanzinvestor SCP habe sich mit der Metro AG auf eine 100-prozentige Übernahme von Real geeinigt, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung beider Unternehmen vom Dienstagabend in Düsseldorf. Demnach soll ein Großteil der Real-Standorte "langfristig weiterbetrieben werden, entweder unter der Marke Real oder durch andere Einzelhändler".

Der Vertrag muss noch vom Aufsichtsgremium der russischen Sistema PJSFC genehmigt werden. Sie stellt die Finanzierung der Übernahme sicher. Sistema teilte ebenfalls am Dienstag in Moskau mit, dass man dafür bis zu 263 Millionen Euro zur Verfügung stelle. Die Transaktion bedarf auch noch der Zustimmung der EU-Kartellbehörden. Diese gilt aber als sehr wahrscheinlich, weil der Käufer SCP bisher nicht im deutschen Handel tätig ist. Die insgesamt rund 300 Millionen Euro, die Metro für Real bekommt, sind etwa 200 Millionen weniger, als sich der Vorstand noch vor einigen Monaten erhofft hatte. 

Metro-Betriebsrat sieht 10.000 Jobs gefährdet

Mit dem Vertrag steht die Kette mit 276 Real-Märkten, 34.000 Beschäftigten, 80 Immobilien und dem Online-Shop real.de faktisch vor der Zerschlagung. SCP kündigte an, dass der Großteil der heutigen Real-Märkte an andere Einzelhändler wie Kaufland, Rewe, Edeka oder Globus verkauft oder aufgeteilt werden soll. Ein Kern von etwa 50 Real-Märkten werde für 24 Monate unter der Marke Real weitergeführt. Bisher geht SCP der Mitteilung zufolge davon aus, das etwa 30 Standorte geschlossen werden. Welche das sind, ist noch nicht bekannt.

"Wir glauben nicht, dass wir in der Region ungeschoren davonkommen", sagte Erika Ritter am Mittwoch rbb|24, die Leiterin des verdi-Fachbereichs Handel für Berlin und Brandenburg. Dort sind insgesamt 1.600 Menschen bei Real beschäftigt, sie verteilen sich auf 13 Real-Märkte in Brandenburg sowie sechs in Berlin. "Die Kollegen haben noch immer keinerlei Infos, wie es weitergeht - sie schauen wie durch eine Milchglasscheibe. Alle fragen sich: Gehören wir zu den 50 Märkten? Und wenn nicht: Wer will uns", sagte Markus Hoffmann-Achenbach, stellvertretender Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Potsdam-Nordwestbrandenburg.

Der Metro-Betriebsrat rechnet eigenen Angaben zufolge damit, dass deutschlandweit etwa 10.000 Real-Mitarbeiter ihren Job verlieren werden. Diese Zahl bezeichnete der Metro-Konzernchef Koch als zu hoch.

Absicherung für manche Mitarbeiter in Brandenburg

Ein wenig Sicherheit haben die Angestellten in Märkten wie Wildau (217 Mitarbeiter), Teltow (155) oder dem Potsdamer Stern-Center (136) bereits jetzt: Laut Metro-Chef Koch hat der Konzern mit dem Betriebsrat für alle Real-Mitarbeiter, die durch betriebsbedingte Kündigung ihren Arbeitsplatz verlieren, eine soziale Absicherung vereinbart.

"Falls es zu einem sogenannten Betriebsübergang kommt, muss der neue Eigentümer zunächst in die Rechte und Pflichten des alten eintreten. Das heißt, dass sich zumindest für ein Jahr nichts für die Mitarbeiter ändert", sagte Markus Hoffmann-Achenbach noch Ende Januar. Je nach Käufer der Filiale könnte sich der Abschied vom Metro-Konzern sogar lohnen: "Rewe, Edeka und Kaufland sind im Gegensatz zu Real im Flächentarifvertrag. Für die Real-Beschäftigten könnte eine Übernahme also vorteilhaft sein."

Viel Nonfood-Ware - anders als bei möglichen Käufern

Die verdi-Handelsexpertin Erika Ritter wendet ein, dass es enorme Unterschiede bei den einzelnen Bewerbern gebe. "Edeka setzt auf Privatisierung seiner Märkte. Das bedeutet, dass die Gefahr besteht, dass einzelne Standorte von Selbständigen übernommen werden. Damit flöge der jeweilige Markt direkt aus der Tarifbindung", sagte sie rbb|24. Kaufland zahle sogar etwas über Tarif, habe aber viele kleinteilige Beschäftigungsverhältnisse, bei denen Mitarbeiter beispielsweise 18 Stunden die Woche arbeiteten und mit monatlich 800 Euro nach Hause gingen.

"Man muss außerdem sehen: Alle potentiellen Käufer sind im Lebensmitteleinzelhandel. Real aber verkauft fast zur Hälfte Nonfood-Ware, zum Beispiel Fahrräder oder Fernseher, und hat das entsprechende Personal dafür. Dieses Konzept gibt es bei den anderen nicht - es ist völlig offen, wie sie das in Zukunft betreiben wollen", sagte Ritter.

Trend geht zu kleineren Märkten

Die Supermarktkette Real war ein großes Problem für den Düsseldorfer Handelsriesen und hatte nach jahrelangen Umsatzeinbußen im Geschäftsjahr 2018/19 hohe Verluste gemacht. "Wir haben letztes Jahr über 250 Millionen Euro Cash verloren bei Real", sagte der Metro-Chef Olaf Koch auf der Hauptversammlung am 14. Februar. "Wir können dieses Geschäft nicht weiter tragen."

Die Betreiber der Märkte litten seit Jahren unter den veränderten Einkaufsgewohnheiten in Deutschland. Immer öfter entschieden sich Kunden gegen Hypermärkte wie Real und kauften lieber in Supermärkten und bei Discountern in ihren Wohnvierteln - der Trend geht seit Jahren zu kleineren Flächen. Nach der Übernahme von Real ist es nach Informationen der "Lebensmittelzeitung" eine Option, bestehende Standorte zu verkleinern, weiterbetrieben mit dann entsprechend weniger Mitarbeitern. Viele Märkte sind stark modernisierungsbedürftig, weil Metro in den vergangenen Jahren nur wenig Geld in die defizitären Häuser investieren wollte.

Es ist sehr deutlich geworden, dass der Komplettverkauf eines solchen Unternehmens fast unmöglich ist. Inzwischen ist eine Zerschlagung Programm. Die Standorte und Arbeitsplätze zu halten, wird schwieriger."

Erika Ritter, Leiterin des Fachbereiches Handel bei verdi Berlin-Brandenburg

Verkaufsbemühungen liefen seit September 2018

Der Konzernchef hatte bereits 2018 angekündigt, die Supermarktkette abgeben zu wollen, um sich ganz auf das Großhandelsgeschäft mit Gastronomen und kleinen Händlern konzentrieren zu können. Doch erwies sich der Verkaufsprozess als deutlich schwieriger als erwartet. Verhandlungen mit dem Immobilieninvestor Redos scheiterten. Erst im zweiten Anlauf gelang eine Einigung. "Es ist sehr deutlich geworden, dass der Komplettverkauf eines solchen Unternehmens fast unmöglich ist. Inzwischen ist eine Zerschlagung Programm. Die Standorte und Arbeitsplätze zu halten, wird schwieriger", sagt Erika Ritter.

Die Verkaufsbemühungen wurden nicht zuletzt durch die hohe Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel erschwert. Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit ihrem Discounter Lidl dominieren den deutschen Markt schon heute so sehr, dass der geplante Weiterverkauf zahlreicher Real-Märkte an die "großen Vier" bei den Wettbewerbshütern mit Sorge gesehen wird.

Prüfung durch Kartellamt kann bis zu vier Monate dauern

Sie werden beim Verkauf der Märkte für jeden Standort genau prüfen, ob die Übernahme durch einen Konkurrenten den Wettbewerb vor Ort beeinträchtigt. Wer in der Gegend die größte Marktmacht besitzt, hat in der Regel die schlechtesten Chancen, zusätzliche Märkte zu übernehmen.

Falls das Kartellamt keine Bedenken hat, erlaubt es die Übernahme in der Regel innerhalb eines Monats. Eine aufwändigere Prüfung kann bis zu vier Monaten dauern. Solange werden die Beschäftigten keine Gewissheit haben, wie es für sie weitergeht.

Sendung: Inforadio, 19.02.20, 9 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    "Trend geht zu kleineren Märkten"

    Nö, METRO möchte nur zurück zum Großhandel. Die Meldung gab es schon 2018.
    Wikipedia: Metro AG, Quellenachweis 24. > Pressemitteilung.

  2. 5.

    Respekt an die harten Banger! Ist immer wieder schön, solche Leute auf Metalkonzerten zu sehen.

  3. 4.

    "Standorte und Arbeitsplätze zu halten, wird schwieriger." Daher sollte Real verstaatlicht werden. Die Regierung beschwert sich, dass die Supermarktketten angeblich die Bauern übervorteilen. Die Regierung will mehr Bio-Essen, weniger Fleisch. Dann soll die Regierung es selber vormachen. Entweder der Bund oder Brandenburg. Berlin würde sich bestimmt auch beteiligen.

  4. 3.

    Ich hoffe sehr dass eine Vielfalt an Hypermärkten erhalten bleibt. TESCO oder Carrefour wären eine Bereicherung, schade dass die nicht unter den Interessenten sind.

  5. 1.

    10.000 Jobs? Die anderen Ketten suchen Hände ringend Fachkräfte. Drama für nix.
    Niemand verliert seinen Job sondern nur den Arbeitgeber. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Ich würde mich schon mal woanders bewerben, bevor es alle tun.

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