Straßenbahnen für Berlin werden am 04.06.2015 im Bombardier Werk in Hennigsdorf (Brandenburg) montiert. (Quelle: dpa/Bernd Settnik)
Video: Brandenburg aktuell | 17.02.2020 | Ludger Smolka | Bild: dpa-Zentralbild

Sorge um Standort in Hennigsdorf - Alstom will Bombardier-Zugsparte kaufen

Der Konzern Alstom will die Zugsparte des Flugzeugherstellers Bombardier übernehmen. Das teilte das Unternehmen am Montag mit. Die IG-Metall befürchtet, dass eine Fusion erhebliche Folgen auch für den Bombardier-Standort Hennigsdorf haben könnte.

Der französische TGV-Hersteller Alstom will die in Berlin ansässige Zugsparte des angeschlagenen kanadischen Rivalen Bombardier kaufen. Dafür solle ein Preis in der Spanne von 5,8 Milliarden Euro bis 6,2 Milliarden Euro gezahlt werden, wie Alstom am Montagabend mitteilte. Eine entsprechende Absichtserklärung ("Memorandum of Understanding") sei unterzeichnet worden. 

Damit bahnt sich unter großen Zugherstellern aus der Not heraus ein neuer Zusammenschluss an. Die Übernahme könnte noch auf Widerstand der Kartellbehörden stoßen. Der TGV-Hersteller Alstom war erst vor einem Jahr an Bedenken der EU-Wettbewerbskommission mit dem Versuch gescheitert, mit Siemens Mobility zu fusionieren.

Mit der Übernahme erhöhe Alstom seinen Auftragsbestand auf 75 Milliarden Euro und werde einen Umsatz von rund 15,5 Milliarden haben, hieß es. Alstom wolle den Kaufpreis, der beim Abschluss der Transaktion festgelegt werde, in bar und Aktien zahlen.

Größter Standort in Hennigsdorf

Bombardier sucht derzeit nach Möglichkeiten, den Schuldenberg abzutragen, den die Entwicklung eines gemeinsamen Flugzeuges mit Boeing angehäuft hat. Ein großer Schritt in diese Richtung könnte der Verkauf des Zuggeschäfts sein. Die Transaktion wäre auch von großer Bedeutung für Deutschland: Von den insgesamt 40.650 Mitarbeitern, die laut dem Unternehmen zuletzt in 60 verschiedenen Ländern tätig waren, arbeiten nach Gewerkschaftsangaben rund 6.500 Stammbeschäftigte in Deutschland. Hinzu kommen rund 1.100 Leiharbeiter.

Die größten Standorte sind Hennigsdorf, Görlitz und Bautzen. Auch in Mannheim, Kassel und Siegensind jeweils mehrere Hundert Menschen beschäftigt. Kleinere Standorte bilden zudem Braunschweig und Frankfurt. 

Gewerkschaft: Bundesregierung soll sich einschalten

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) hofft, dass der Bahnstandort Hennigsdorf durch die angekündigte Übernahme der Zugsparte von Bombardier durch Alstom gesichert und gestärkt wird. Hennigsdorf sei ein hervorragender Traditionsstandort in der Metropolenregion, und das Unternehmen könne auf hoch qualifizierte Fachkräfte und jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen, sagte Steinbach am Montagabend in Potsdam. "Nach den Jahren der Unsicherheit müssen die Beschäftigten in Hennigsdorf endlich wieder eine klare Perspektive erhalten", so der Brandenburger Wirtschaftsminister. 

Oliver Höbel, IG Metall-Vertreter im Bombardier-Aufsichtsrat, sagte in einer Pressemitteilung vom Montag: "Die Beschäftigten der Bombardier-Standorte in Deutschland haben in den letzten Jahren hart um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze gekämpft." Gerade die ostdeutschen Standorte in Bautzen, Görlitz und Hennigsdorf wären von den strukturellen Veränderungen der letzten Jahre stark betroffen. "Die gegenwärtige Situation schafft erneut eine hohe Verunsicherung der Beschäftigten, die schnellst möglich beendet werden muss."

Darüber hinaus forderte die Gewerkschaft die Bundesregierung auf, sich aktiv in die Gespräche von Bombardier und Alstom einzuschalten. Der Erhalt der Standorte und der Arbeitsplätze müsse an erster Stelle stehen. Laut IG Metall könnte ein Zusammenschluss von Bombardier und Alstom ebenfalls an den EU-Wettbewerbshütern scheitern.

Alstom-Aktie schießt in die Höhe

Anders sieht die Stimmung bei Alstom aus. Die geplante Übernahme von Bombardier hievte die Aktien der TGV-Herstellers auf den höchsten Stand seit mehr als elf Jahren.

Bisher konkurrieren Alstom und Bombardier in vielen Bereichen. So baut Alstom unter anderem die bekannten französischen TGV-Hochgeschwindigkeitszüge, Regionalzüge, Metros und Straßenbahnen,bietet aber auch technische Lösungen für Schienen- und Signaltechnik an. Bombardier ist mit seinen Zefiro-Hochgeschwindigkeitszügen in China und Italien im Geschäft. Auch Schienen- und Signaltechnik, Regionalzüge sowie U- und Straßenbahnen kommen von dem kanadisch-deutschen Hersteller, der auch an den ICE-Zügen von Siemens mitarbeitet.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 17.02.2020, 16:00 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Gut, dass ist jetzt eine Störung, die nicht ins Bild passt. Nennen Sie mir einen Schienenfahrzeughersteller, der keine Probleme bei neuentwickelten Fahrzeugen hatte.
    Die heutigen Probleme lassen sich aus meiner Sicht ziemlich gut auf die Problematik Gewinnabzweigung und Investitionsstau zurückführen, auch wenn sich hierzu Ausnahmen finden lassen mögen.

  2. 10.

    Blöd, dass z.B. die Problem mit den Hamstern zu einer Zeit begannen, als die Entwicklung der CSeries in einem frühen Projektstadion wegen der Triebwerkssuche geruht hatte.

  3. 9.

    Vielleicht sollten Sie mal überlegen, ob es einen Zusammenhang zwischen Milliardenschulden durch Flugzeugentwicklung und Probleme im Bahnsektor gibt. Wenn ich jahrelang jeglichen Gewinn der Bahnsparte in die Flugzeugentwicklung stecke und dabei notwendige Investitionen im Bahnsektor vernachlässige, führt es irgendwann dazu, dass man seine Projekte nicht mehr im Griff hat. In der Krise werden dann Leute vergrault, um kurzfristig bessere Zahlen zu zeigen. Das ist natürlich sehr pauschal und macht es nicht besser, erklärt aber, warum es soweit gekommen ist.

  4. 7.

    Man könnte ja auch Schienen in jedes Dorf in Brandenburg legen. Die bringen aber wenig, wenn ein gewisser Zug-Hersteller vor allem mit Lieferproblemen auffällt, obwohl er in vielen Bereichen die Staatsbahn beliefert, seine Technik aber nicht auf die Reihe bekommt.

  5. 6.

    Bombardier hat sehr wohl Hochgeschwindigkeit im EU-Programm. Der ETR400 in Italien ist eine Bombardier-Entwicklung wie auch in Spanien verschiedene Hochgeschwindigkeitszüge unterwegs sind, die gemeinsam mit Talgo auf die Schienen gebracht wurden. Zudem ist B. mit an den ICE-Baureihen beteiligt, wenn auch zuletzt wenig ruhmreich.

    Bei den Lokomotiven sind die Siemens Vectron und die Alstom Prima die Hauptkonkurrenten der Traxx-Baureihe. Anderer wie die Stadler Euro verkaufen sich eher schlecht.

    Bei der Zugsicherung ist das abgespeckte ETCS von B. auch einigermaßen erfolgreich.

    Es gäbe also durchaus auch hier einige Überschneidungen.

    Mir würde allerdings als Gegenpol zur CRRC durchaus ein "Airbus auf Schienen" gefallen, ggf. unter Abgabe einzelner Geschäftsbereiche wie die Straßenbahnen.

  6. 5.

    Mal interessant: Arbeitsplätze im Bereich Bahn werden platt gemacht, weil sich eine Firma bei der Entwicklung von Flugzeugen auf irgendeine Art verzockt hat. Gleichzeitig fließen Millionen von Steuergeldern in die Entwicklung von E-SUV s. Alle, die sich darüber aufregen, können mit einer Unterschrift etwas für den ÖPNV tun: https://verkehrswende-brandenburg.vcd.org/startseite/

  7. 4.

    Für die Mobilitätswende werden funktionierende Züge benötigt. Die kommen derzeit aber zu oft nicht aus Hennigsdorf oder Görlitz. Warum wohl hat der treue Kunde DB gebrauchte Züge in Österreich gekauft obwohl der Rahmenvertrag mit Bombardier noch lange nicht ausgefüllt ist und die Twindexx auch in einer 200 km/h-Variante theoretisch verfügbar wären. Die SBB hat aber leider eine andere Praxiserfahrungen sammeln müssen.

  8. 3.

    "den die Entwicklung eines gemeinsamen Flugzeuges mit Boeing angehäuft hat" Schuldenberg ja, gemeinsam mit Boeing nein! Die CSeries war eine komplette Eigenentwicklung vom Bombardier. Sie verzögerte sich jedoch aus verschiedenen Gründen erheblich, was zu dem Schuldenberg geführt hatte. Dieser Geschäftsteil wurde deshalb schon zum Großteil an Airbus und staatlichen Eigentümern abgegeben und ist als A220 jetzt stark nachgefragt. Airbus kann die Ausweitung der Produktion vorfinanzieren, B. nicht.

    Nach dem Verkauf/Fusion der Eisenbahnsparte bleibt bei Bombardier nur noch die Businessjets-Programme mit Learjet und den kleinen Kanzlerfliegern

    Die Zugsparte schwächelt allerdings auch erheblich. Die roten Hamster standen überall rum, nur nicht am Bahnsteig, die S-Bahnen für Stuttgart war problematisch, die DB verweigert derzeit die Abnahme von über 20 mangelbehafteten IC2, die niederländische Staatsbahn bekommt auch kaum Züge für den SPNV in BaWü etc, die Chinesen waren aber glücklich.

  9. 2.

    „Laut IG Metall könnte ein Zusammenschluss von Bombardier und Alstom ebenfalls an den EU-Wettbewerbshütern scheitern.“

    Sehr unwahrscheinlich. Im Gegensatz zur geplatzten Fusion Alstom-Siemens würde kein Riese mit Quasi-Monopol entstehen, da Bombardier z.B. bei der Eisenbahnelektronik nicht so eine große Rolle spielt wie die großen Zwei. Es hat auch in Europa keinen Hochgeschwindigkeitszug im Angebot, und bei allen anderen Segmenten von der Straßenbahn bis zur schweren Lokomotive gibt es mehrere potente Konkurrenten.

  10. 1.

    Könnte der letzte Strohhalm für einige Standorte gerade im Osten sein. Nur eine Ahnung könnte sein das die Bundesregierung vor allem nur die westdeutsche Automobilbranche liebt und Einsatz zeigt. Trotz Mobilitätswende und allen politischen Sonntagsreden.

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