Johannes Erz (Quelle: rbb/ Marie Asmussen)
Audio: Inforadio | 13.02.2020 | Marie Asmussen | Bild: rbb/Marie Asmussen

Interview | Bio-Bauer im Oderbruch - "Wir müssen als Landwirtschaft gemeinsam reden"

Johannes Erz besitzt seit acht Jahren einen Öko-Bauernhof im Oderbruch. Der Jung-Landwirt hat einige Zeit gebraucht, um davon leben zu können. Von einem Konfrontationskurs zu den "normalen" Bauern hält er nichts, erzählt er im Interview.

rbb: Herr Erz, Sie sind 35 Jahre alt und betreiben mit Ihrer Frau einen Ökobauernhof in Rathstock. Das ist ein kleines Dorf kurz vor der polnischen Grenze. Was machen Sie hier als Landwirt?

Johannes Erz: Wir bewirtschaften hier knapp 20 Hektar, produzieren dieses Jahr vier Hektar Hokkaidokürbis, eineinhalb bis zwei Hektar Speisekartoffeln, Hafer und Kleegras für die Bodenfruchtbarkeit. Und dann halten wir hier noch knapp 300 Hühner in einem mobilen Stall. Wir vermarkten einerseits ab Hof und wir liefern auch direkt nach Berlin an inhabergeführte Bioläden, aber auch an größere Kunden für die Berliner Schulverpflegung.

Sie stammen aus Baden-Württemberg – wie sind Sie nach Brandenburg gekommen?

Meine Frau und ich haben in Eberswalde Ökolandbau und Vermarktung studiert. Uns hat es hier in Brandenburg so gut gefallen, dass wir zum Leidwesen unserer Eltern und Schwiegereltern gesagt haben, dass wir hier bleiben wollen. Uns gefällt, dass wir Berlin vor der Haustür haben und mich zieht nach wie vor der gute, schwere, fruchtbare Boden und das flache Land im Oderbruch magisch an. Das gefällt mir einfach so gut, dass ich mich jedes Mal freue, wenn ich wieder hier zuhause bin. Wir haben beide keinen elterlichen Betrieb im Rücken. Mein Schwiegervater war evangelischer Pfarrer und mein Vater war Gymnasiallehrer. In Brandenburg gibt es relativ viele Menschen wie uns, viele Gleichgesinnte. Viele dynamische, junge Leute, die alle Spaß an der Landwirtschaft haben.

Dieser fruchtbare Boden im Oderbruch hat seinen Preis. Wie sind Sie an den Hof gekommen, und wie konnten Sie das bezahlen?

Wir haben sehr lange gesucht und hatten viel Glück. Wir haben mit Verbandsvertretern gesprochen, Foren durchstöbert - bis wir diese Hofstelle in Rathstock mit zehn Hektar Land gefunden haben. In den sandigen Ecken Brandenburgs, die unwirtschaftlicher sind, ist es etwas leichter. Die nächste Herausforderung war die Finanzierung. Die Hofstelle hat 250.000 Euro gekostet, inklusive Notar und der Grunderwerbsteuer. Damals war das sehr, sehr viel Geld für uns. Wir haben uns die Summe von der Bank geliehen. Deshalb habe ich die letzten drei Jahre noch im Außendienst gearbeitet und Saatgut verkauft.

Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln steigt. Bio-Obst und Bio-Gemüse aus Brandenburg sind echte Mangelware. Wieso springen nicht noch viel mehr Bauern in diese Marktlücke rein, wenn die Nachfrage in Berlin so groß ist?

Klar, die Nachfrage ist da. Aber es braucht eine gewisse Zeit, bis man dann ein, zwei, drei, vier oder fünf Gemüsearten so gut produziert, dass man dann auch Geld verdienen kann. Gemüse bringt zwar die Chance, relativ hohe Umsätze auf dem einzelnen Hektar zu verdienen. Aber Gemüseproduktion ist auch mit extrem viel Arbeitsaufwand verbunden. Man sagt: eine Arbeitskraft für einen Hektar. Und Arbeitskräfte stehen nicht an jeder Ecke zur Verfügung. Das ist die Problematik: relativ teure Produktion, hohes Risiko. Deshalb scheuen sich viele Betriebe, in diesen Bereich zu gehen.

Johannes Erz (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Auf seinem Hof betreibt Johannes Erz auch einen mobilen Stall mit 300 Hühnern | Bild: rbb/ Marie Asmussen

Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Ihnen und den konventionell wirtschaftenden Landwirten hier rundherum?

Es gibt eigentlich keinen Austausch, wir werden gar nicht so beachtet. Beachtet werde ich beispielsweise durch meine Vorstandstätigkeit beim Gewässer- und Deichverband, wo ich natürlich mit diversen größeren Betrieben zu tun habe. Ich glaube, es ist eher so ein gegenseitiges respektieren. Mit dem einen redet man mehr, mit dem anderen weniger. Im Nachbardorf ist ein relativ großer konventioneller Betrieb. Mit dem komme ich super klar, mit dem kann ich echt gut reden und der hat uns schon gut geholfen. Ich bin einer, der keine Fronten zieht. Ich finde, wir müssen als Landwirtschaft gemeinsam reden, um uns weiterzuentwickeln und nicht ständig konfrontativ sein. Damit habe ich ein Problem.

Sie sind und Ihre Frau sind im achten Jahr selbstständige Landwirte. Ihre Hofgebäude sehen ein bisschen pflegebedürftig aus, auf dem Hofplatz steht matschiges Wasser. Wie sieht es in zehn Jahren bei Ihnen aus?

Dann werden die Gebäude umgebaut sein. Es kann auch sein, dass hier eine neue Halle steht. Wir kommen jetzt von dieser Überlebensphase in die Phase, wo wir jedes Jahr den Betrieb nach vorn entwickeln können. Ich frage mich zurzeit auch immer, wann das mal aufhört. Ich glaube nicht, dass es bei uns aufhört. Aber ich kenne auch Betriebe in Brandenburg, wo ich manchmal denke, da könnte man ja vielleicht eigentlich noch mehr machen. Das war mein Ur-Antrieb, selbständiger Landwirt zu sein: der Gedanke, man kann doch was machen. Und wenn es ein Problem gibt, kann man es auch lösen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Interviews, das Marie Asmussen für Inforadio geführt hat. Das vollständige Gespräch hören Sie oben im Beitrag im Audio.

Sendung: Inforadio, 13.02.2020, 09:45 Uhr

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13 Kommentare

  1. 13.

    Alles sehr interessant, Steffen. Nur: was wollen Sie damit sagen?? - Dass kleine Höfe es schwer haben? Ein alter Hut; Bio oder Nicht-Bio. Wobei Bio-Höfe aufgrund der besseren Erzeugerpreise noch eher eine Chance haben. - Oder dass nur kleine Höfe auch ökologisch nachhaltig wirtschaften könnten? Wie kommen Sie denn darauf??

  2. 12.

    4. Technik: Er hat sich eine Maschine gebaut, damit er seine 4 ha Kürbis säen kann. Gut, aber funktioniert das noch bei 40 oder gar 400 ha? Er spricht von einer Wagentrocknung. Wissen Sie was das Ist? Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, wieviel Getreide man ernten kann, wenn man es mit einer Wagentrocknung trocknen muß?
    Und letztlich: warum baut er auf seinem guten Boden kein Gemüse an? Dafür ist der Boden doch viel besser geignet als für Kartoffeln oder Hafer. Die Antwort gibt er im Beitrag selbst, Sie haben es ja gehört.

  3. 11.

    Wie kommen Sie nur darauf, daß mir das Angst macht? Welche Fakten akzeptieren Sie denn?
    1. Daß es die Arbeitskräfte nicht gibt? Sie haben den Beitrag doch gehört?
    Wenn die Menschen gefragt werden ob sie mehr Geld für bessere Lebensmittel ausgeben möchten beantworten das viele mit Ja. Jetzt fragen Sie doch mal ob sie in der Landwirtschaft arbeiten wollen.
    2. Höfe mit 20 ha sollen die Probleme lösen? Mit den 1,5 ha Kartoffeln kann der Hof etwa 800 Menschen pro Jahr versorgen. Jetzt rechnen Sie doch mal nach wieviele solcher Höfe für 6 Mio Berliner und Brandenburger nötig wären. 2018 wurden in Deutschland 181.000 t Kartoffeln ökologisch produziert. Das ist viel-denken Sie. Nun, bei über 8 Mio t Gesamtproduktion würde ich das eher als Nische betrachten.
    3. Der Bauer mußte nebenbei arbeiten, um den Kredit zu bedienen. Seine Frau arbeitet immer noch einen halben Tag in einem anderen Betrieb. Fakt: der Hof hält zwei Leute gerade so über Wasser.

  4. 10.

    Steffen, bitte Fakten. 1.) Nochmal: Der Arbeitskräftebedarf für Biogemüse ist kaum anders als der für konventionelles. 2.) Der Lohn für Arbeitskräfte hängt u.a. von den Erzeugerpreisen ab. Die sind bei Bio allgemein höher. Damit ist zwar der Kaufpreis höher, aber eben auch der Lohn. 3.) Menschen können arbeiten, und wenn Lohn und Bedingungen okay sind, sollen sie das tun. Wenn man davon krumm wird, muss die jeweilige Arbeitsschutz-Gesetzgebung geändert werden. 4.) Mein zu versteuerndes Einkommen als Selbstständiger lag nach Abzug d Sozialabgaben einmal unter 10.000 EUR pro JAHR. Dennoch kaufte und kaufe ich Bio-Produkte. Essen kostet einfach mal Geld, auch wenn viele das gern vergessen wollen. Also erzählen Sie mir nix von "schönem Einkommen." 5.)Die Alternativlosigkeit von nachhaltiger Landwirtschaft ist leider Fakt: Rohstoffe für Agrarchemie sind schlicht endlich. Wenn Ihnen das Angst macht, kann ich Sie verstehen - und beruhigen: Wir können das Problem lösen. Wie? Siehe oben.

  5. 9.

    Ja, da habe ich mich tatsächlich vertan. Ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Arbeitskräftebedarf enorm ist. Ihre Bemerkung mit der Arbeitlosenquote finde ich etwas daneben. Es ist eben einfach, mit einem schönen Gehalt zu erwarten, daß sich die Menschen auf dem Land für Mindestlohn krumm machen um Biogemüse zu produzieren, daß sie sich selbst nicht leisten können. Sie müssen auch bedenken, daß der Bioanbau im Oderbruch vielleicht wirtschaftlich möglich ist, dies in der Sandbüchse Restbrandenburgs aber ganz anders aussehen kann.
    Ihre Anfechtungen von wegen Ängste schüren usw. kommentiere ich mal nicht weiter. Das sehe ich in meinem Beitrag nicht. Den Ball könnte ich eher zurückspielen, von wegen alternativlos.
    Ich sehe nachhaltige Landwirtschaft keineswegs als Bedrohung an. Was ich aber schon gesehen habe sind z.B Kartoffeln von einem Demeterbetrieb, die mal gerade so als Pflanzkartoffeln durchgehen würden :-).

  6. 8.

    Viele inhabergeführte Bioläden und Bio-Supermärkte in Berlin bieten Waren unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Qualitätssiegeln an - oft bis 19, 20 oder 21 Uhr; teils sogar sonntags. - Das einfache EU-Siegel verspricht gruundlegende Standards. Zusätzliche Siegel, also vor allem Bioland, Naturland und Demeter, haben höhere Anforderungen und verdienen m.E. ein höheres Maß an Vertrauen. Und gerade bei regionalen Produkten wird ja oft ein ganz konkreter Erzeuger angegeben; ggf wäre es also einen Versuch wert, den mal zu kontaktieren und zu höhren, ob er mit dem Preis zufrieden ist. - Ich denke, auch und gerade in Berlin hat man schon sehr gute Möglichkeiten, um bequem an recht verlässlich gute Bio-Ware zu kommen.

  7. 7.

    In Kurzform: 1.) Ihre Aussage, dass beim Gemüseanbau "20 Arbeitskräfte/Hektar" gebraucht würden, ist völlig falsch: Der Bericht spricht von 1 Arbeitskraft/ha! 2.) Dieser Bedarf ist NICHT Bio-spezifisch, sondern gilt auch für konventionelle Anbauverfahren!

  8. 6.

    Was erwarten Sie? Eine 24stündige Dauerbetreuung? Haben Sie schon mal daran gedacht, dass auch Biobauern mal Feierabend haben?

  9. 5.

    ... und mal abgesehen von Ihrem kleinen Irrtum um den Faktor 20, Steffen: Der genannte Bedarf an Arbeitskräften für den Bio-Gemüseanbau unterscheidet sich nicht grundsätzlich von jenem für konventionellen. Bei ALLEN Anbauvarianten werden Maschinen eingesetzt (manchmal auch selbstgebaute; haben Sie dem Hörbeitrag bereits gelauscht?), aber vieles muss überall per Hand geschehen. - Aber ich danke Ihnen für dieses plastische Beispiel, wie - vermutlich versehentlich - komplett falsche Zahlen und Fakten verwendet werden, um Ängste zu schüren und die mittelfristig alternativlose Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft als Bedrohung darzustellen. (Angesichts von Arbeitslosenquoten bis 15 % in den Regionen entlang der Oder nochmal zusätzlich bemerkenswert.)

  10. 4.

    Na dann auf aufs Land. Sie habend ja gelesen: Bei Gemüse 20 Arbeitskräfte je Hektar. Agrargenossenschaften haben 2000 ha. Schauen Sie mal nach, wieviel landwirtschaftliche Fläche allein Brandenburg hat. Wo sollen denn die vielen Arbeitskräfte herkommen?

  11. 3.

    Frank, danke für ihren Kommentar. Dem ist nichts hinzuzufügen! Auch ich wünsche den Landwirten viel Erfolg und Durchhaltevermögen. Toll das es das gibt!

  12. 2.

    Herr und Frau Erz, vielen Dank für ihren enormen Mut, ihre Kompetenz und Ihr Durchhaltevermögen, diese grosse Aufgabe ohne familiäre Tradition anzugehen und seit schon acht Jahren durchzuziehen. Ich bin überzeugt, dass künftig immer mehr Menschen erkennen, dass nachhaltige Landwirtschaft der bessere - und auf lange Sicht einzige - Weg für eine sichere, natur- und menschenfreundliche Versorgung ist. Eine Konfrontation ist dabei tatsächlich nicht nötig und nicht förderlich, denn es geht ja um das gemeinsame Ziel, Landschaft, Gewässer und Böden gesund zu halten und gute Lebens-Mittel herzustellen. Und wie es im Bericht steht: genug regional-bio-gierige Kunden gibt es schon jetzt... - Auch an die Autorin Fr Asmusssen vielen Dank für diesen Einblick!

  13. 1.

    Was mir im Alltag fehlt, ist die Verfügbarkeit der Lebensmittel für mich als Endverbraucher. Gut produzierte landwirtschaftliche Produkte, ordentlich gehaltene Tiere etc. nützen mir nichts, wenn der Bäcker zwar früh um 4Uhr das Backen anfängt, dafür sein Geschäft aber schon um 18 Uhr schließt. Da hab ich grad Feierabend. Ähnlich beim Fleischer. Bei den aktuellen Öffnungszeiten der handwerklich arbeitenden Produzenten komm ich einfach nicht zum Einkaufen. Da bleibt mir nur der Supermarkt mit seinen industriellen Lebensmitteln. Und dort habe ich einfach das Vertrauen verloren, dass Ich bei höherem Preis bessere Qualität bekomme und beim Landwirt mehr von meinem Geld ankommt. Und nein, Bio ist für mich heutzutage auch kein Qualitätsgarant mehr.

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