Stephanie Otto wird neue BSR-Chefin (Quelle: BSR)
Audio: rbb 88,8 | 19.02.2020 | Interview mit BSR-Chefin Stephanie Otto | Bild: BSR

Interview | BSR-Chefin Stephanie Otto - "Sauberkeit ist auch politisch"

Berlin ist dreckig. So schlimm empfindet Stephanie Otto das aber gar nicht. Sie muss es wissen: Seit sechs Monaten ist sie die Chefin der Berliner Stadtreinigung. Im Interview erzählt sie, warum sie auch privat Leute anspricht, die ihren Müll auf den Boden schmeißen.

rbb: Frau Otto, viele sagen, dass Berlin die dreckigste Stadt in Deutschland ist. Empfinden Sie es auch so?

Stephanie Otto: Ich habe jetzt einen guten Blick, weil ich seit knapp sechs Monaten hier bin. Zunächst fällt auf, dass es viel Grün, viel Wasser, aber auch extrem viele kulturelle Dinge gibt, die man machen kann. Wenn es um das Thema Stadt-Sauberkeit geht, empfinde ich es nicht als dreckig. Auffällig ist, dass das Stadtbild von vielen Baustellen geprägt ist.

Ist Sauberkeit auch politisch?

Sauberkeit ist etwas, was alle angeht und damit ist es auch ein Stück weit politisch - keine Frage. Aber auf jeden Fall ist Sauberkeit etwas, was zum Wohlfühlen beiträgt. Das finde ich ganz wesentlich.

Es scheint normal geworden zu sein, sein Zeug einfach wegzuwerfen. Können Sie irgendwas dagegen machen? Sie können ja nicht hinter jedem herlaufen.

Ich finde es gut, dass Berlin eine Offensive gestartet hat, wo man gesagt hat: Sauberkeit ist uns wichtig, und Sauberkeit geht uns alle an. Letztendlich sind wir als Berliner Stadtreinigung am Ende der Kette. Wir machen das weg, was jemand weggeworfen hat. Wir müssen sehen, wie sich die Bevölkerung anpasst und wie wir darauf reagieren können.

Würden Sie mich darauf ansprechen, wenn ich achtlos etwas wegwerfe?

Auf jeden Fall. Ich tue das regelmäßig und nicht nur, weil ich bei der BSR bin. Dabei erschreckt mich eigentlich, wie die Leute darauf reagieren, gerade wenn man sagt: 'Hallo, ich bin von der BSR und überleg' doch mal...' Man bekommt dann ganz schnell die Rückmeldung: 'Aber dafür seid ihr doch da'.

Was sagen Sie darauf?

Ich antworte: 'Machen wir gerne hinten raus, aber wenn Sie es nicht wegschmeißen würden, wäre es direkt schon viel sauberer hier'. Die Reaktionen sind dann ganz unterschiedlich. Manche sagen: 'Okay, ich könnte mal darüber nachdenken'. Andere drehen sich einfach weg und denken: Was will die denn jetzt?

Haben Sie einen Schwerpunkt für die Zukunft?

Die BSR soll als kundenorientierter Dienstleister positiver Gestalter für die Stadt sein. Neben der Sauberkeit ist es ein Thema, wie man ökologisch mit seinem Müll umgeht. Nachhaltigkeit ist auch ein wichtiges Thema, das wir mit den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch mit den engagierten Kolleginnen und Kollegen gemeinsam gestalten. Man wird immer mehr als ökologisch wertvolles Unternehmen wahrgenommen. So kann man auch mal Dinge ansprechen, die vielleicht früher gar nicht so die breite Öffentlichkeit interessiert hat.

Was ist im Ökobereich noch geplant?

Die Hälfte unserer Flotte betanken wir bereits mit unserem Biogas, was aus der Biotonne entsteht. Wir rüsten unsere Diesel-5-Fahrzeuge zur Stickstoffdioxid-Minderung um, was eine Emissionsverbesserung von 90 Prozent erzielt. Das alles passt in das Gesamtbild, was die BSR seit vielen, vielen Jahren macht, um Kreisläufe wieder zu schließen.

Hamburg stellt 30 Millionen Euro pro Jahr für mehr Sauberkeit zur Verfügung. Darüber würden Sie sich doch bestimmt auch freuen, um die Stadt sauber zu halten.

Vor allem für größere Städte verändert sich das Stadtbild, weil das Freizeitverhalten einfach auch ein anderes ist. Für uns bedeutet das auf der einen Seite, dass wir uns noch stärker mit unseren Dienstleistungen darauf einstellen und uns verändern. Es hat auch öfter was mit Geld zu tun. Denn wenn wir an bestimmten Stellen mehr reinigen müssen, muss es auch finanziert werden können. Wir achten sehr stark darauf, dass wir einen hohen Mechanisierungsgrad haben. Die vielen Leih-Fahrräder oder E-Roller, die auf den Bürgersteigen liegen, bedeuten für uns immer mehr Aufwand.

Heißt das, Sie brauchen vom Senat mehr Geld?

Es bedeutet, dass wir differenziert betrachten müssen, wo wir unseren Sauberkeits-Standard in dem Maße halten wollen. Wenn wir das dauerhaft halten wollen, wird das perspektivisch auch mehr Geld bedeuten.

Zum Schluss noch eine berufliche Frage: Wie sieht der Alltag einer BSR-Chefin aus?

Auf jeden Fall vielfältig. Die ersten Wochen und Monate waren davon geprägt, viele neue Menschen zu treffen. Mit den BSR-Mitarbeitern habe ich über ihre Ideen und Ängste gesprochen. Mir ist es wichtig, mit der Basis im Dialog zu bleiben und dabei eine vernünftige Kommunikation zu fahren. Es geht auch darum, dass wir die Dinge, die wir für wichtig halten, im Unternehmen kommunizieren und vor allen Dingen auch die vielen Anregungen von den guten Kolleginnen und Kollegen auch entsprechend mitnehmen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Stephanie Otto führte Ingo Hoppe, rbb 88,88.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbb 88,8, 19.02.2020, 17:05 Uhr

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13 Kommentare

  1. 13.

    "Wenn wir das dauerhaft halten wollen, wird das perspektivisch auch mehr Geld bedeuten."
    Weniger für die Studierten der BSR ausgeben und mehr für Strassenfeger > dann funktioniert es auch mit dem Budget.
    Aber scheinbar ist es Zeitgeist in allen Branchen, das Geld zu verprassen.

  2. 12.

    Vielleicht sollte die BSR mal wieder den Straßenbesen in die Hand nehmen und nicht nur mit blinkendem Playmobilspielzeug herumgurken. Damit kann man wunderbar, Pappbecher, Glasscherben, Imbisspapier, Drogenbesteck und Zigarettenkippen der Hauptstadt wunderbar wegfegen.
    Wenn zunehmend mehr Müll anfällt, würde ich weniger Verschlimmbesserer beschäftigen sondern Arbeiter.
    Der Tourismus und die Bevölkerung nehmen stetig zu, also sollte die BSR auch upgraden.
    Schließlich ist die BSR im Dienste der Bevölkerung, Anstalt Öffentlichen Rechts, sonst brauchen wir das ja nicht.

  3. 11.

    Es stellt sich mir die bange Frage, WIE dreckig Berlin noch werden muss, damit diese Stadt auch von Frau Otto als dreckig empfunden wird.

  4. 10.

    Wenn die Raucher nicht überall ihre Kippen auf die Wege schmeißen würden, wäre schon viel geholfen. Man muss sich nur mal den Kippendreck an stark frequentierten Haltestellen ansehen.Dort hängen Papierkörbe mit Aschenbecher ,aber die Leite sind einfach zu faul um die Zigaretten dort auszumachen .

  5. 9.

    Berlin ist dreckig. Man muss nur mit dem Fahrrad herumfahren, dann sieht man die vielen vergessenen Stellen, ich könnte auf Anhieb 10 Stellen sagen. Es gibt Schwerpunkte, wo es immer wieder extrem ist. An vielen Stellen wird die Reinigung nach Reinigungsklasse nicht eingehalten. Meine Vision ist, Verursacher dadurch zu erwischen, dass man ihnen hinterhergeht, um zu beobachten, was sie gleich mit dem fast leeren Getränkebeutel machen. Entsorgen sie es in den Behälter oder lassen sie es gleich fallen. Dann kann man sie zur Rede stellen oder Bußgeld kassieren. In den Schulen sollten Kinder regelmäßig mit dem Thema konfrontiert werden.

  6. 7.

    Mit dieser Einstellung ist diese Frau fehl am Platz.

  7. 6.

    >>Berlin ist dreckig. So schlimm empfindet Stephanie Otto das aber gar nicht.<<
    Etwas anderes als BSR-Chefin zu sagen, hieße, "Ich mach einen schlechten Job".

  8. 5.

    Sauberkeit ist also politisch, ja? Volle Zustimmung - das ist wie mit dem Ausbau des ÖPNV und Spaßangeboten wie dem Berlkönig: Die Wählerhochburgen Kreuzberg,Friedrichshain, ... werden gepampert bis die Windel platzt, während die Bevölkerung am Stadtrand am liebsten zu Fuß zur Arbeit in der Innenstadt laufen soll.

    Was das mit der BSR zu tun hat? Na besuchen Sie mal den Stadtrand, wenn "gelber Sack ist" - unser toller Senat hat der BSR eingeräumt, KEINE Tonnen aufstellen zu müssen. Also stellt man am Abend einen gelben (Plastik-!)sack vor die Tür und hofft, dass der Inhalt nicht über Nacht von Fuchs, Wildschwein & Co. quer in der Straße verteilt wurde - denn auch viele Straßen dürfen am Stadtrand die Anwohner selbst reinigen, ganz offiziell kommt da KEINE BSR.

  9. 4.

    Super! Bitte für die Dame eine Exkursion durch den großen Bezirk Berlin Mitte, fernab der Nobelstraßen. Da trifft dann Utopie auf Realität.

  10. 3.

    Berlin ist dreckig weil die BSR zu wenig Papierkörpe bereitstellt.
    Zu Ostzeiten standen an Knotenpunkten wie am Alex etliche blaue Großtonnen mit Deckel mit Loch oben, so ne Art Abfall-Iglus herum, und zusätzlich die regulären Stein-Papierkörbe mit herausnehmbarem Einsatz.
    Vielleicht liegt es einfach an der BSR nicht Herr der Lage zu sein.

  11. 2.

    Also, ihre Taktik, um den heißen Brei herumzureden, ähnelt stark einer Politikerin als einer Chefin der Stadtreinigung. Berlin ist dreckig! Punkt. Die Ignoranten lassen ihren Unrat dort fallen und liegen, so wie sie wollen und gehen. In Massen und nicht nur wenige Personen. Die BSR kommt scheinbar aufgrund der vielen Ecken gar nicht mehr hinterher, überall ihre Arbeit zu verrichten. Unsere Straße in Spandau war schon vor Jahren dreckig, wurde laut damaligem Plan einmal die Woche gereinigt. Offiziell. Inoffiziell war es nur ein Huschen. Heute, 2020, scheint unsere Straße vergessen und nur sporadisch gereinigt zu werden. Vernünftige Leute sind dem Dreck der Ignoranten ausgeliefert.

  12. 1.

    Das lokale Kommunalwesen scheint von "vorherigen Zeiten" geprägt. Dabei war es damals für seine Zeit argumentativ zwar progressiv, als da mit den Preußischen Reformen, spez. mit der „Ordnung für sämtliche Städte der preußischen Monarchie“ vom 19.11.1808, ein Ideal einer Selbstverwaltung verwirklicht werden sollte, mit welchem in der Bevölkerung auch ein Interesse an öffentlichen Angelegenheiten geweckt werden sollte (wobei Zitate wie z.B.: "Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft hemmt sein Reifen." von J.G. Frey). Aber dies war zu Zeiten als u.a. "Grundbesitzer" mit mehr Stimmrecht als alle deren Mieter, was sich eben auch noch heute äußert wenn da Briefkastenfirma z.B. aus Paris flott als Teil der Kommune gilt, während gebürtige Berliner insb. als Obdachlose nicht als Teil der Kommune gelten - wobei eben nicht verwundert, dass viele nicht mal Bezug zur "eigenen Kommune" haben, in welcher eigentlich genau so wenig Grund Kippe hinzuschmeißen wie bei sich im Garten.

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