Eine Grafik zum Energieverbrauch (Bild: imago images/Josh McKible)
Video: rbb24 | 10.02.2020 | 13 Uhr | Bild: imago images/Josh McKible

Wechsel des Energieversorgers - Strom- und Gasanbieter lehnen immer öfter Neukunden ab

Ein Wechsel geht schnell und einfach - das verspricht die Werbung und so ist es auch von der Politik gewollt. Doch immer häufiger werden potenzielle Neukunden von den Stromversorgern abgelehnt. Warum ist das so? Von Björn Tritschler

Energieversorger weisen immer öfter Verbraucher als Neukunden ab, die aus Kostengründen den Anbieter wechseln wollen. Nach Untersuchungen des Internetportals "Wechselpilot" machen besonders häufig die Unternehmen Vattenfall und Gasag von ihrem Recht Gebrauch, einen Vertrag zu verweigern: Bei Vattenfall liege die Quote bei 22 Prozent, bei der Gasag bei 27 Prozent.

Betroffen sind demnach vermehrt Kunden, die von so genannten Billig-Anbietern kommen und die wenig Energie verbrauchen. Sie gelten für die Unternehmen als weniger attraktiv.

Vattenfall spricht auf Nachfrage des rbb-Verbrauchermagazins Super.Markt nur von Einzelfällen. Die Gasag erklärt auf Anfrage, ihre Ablehnungsquote liege bei nur 15 Prozent.

Belieferung "im konkreten Fall nicht möglich"

Stefan Seidenglanz aus Königs Wusterhausen hat das Ganze durchgemacht. Zuerst dachte er, mit seiner Bonität "stimme etwas nicht". Als er das ausschließen konnte, versuchte er, den Grund der Ablehnung zu finden. "Ich dachte immer, Neukunden sind willkommen. Scheinbar ist dem nicht so." Immerhin wollte Seidenglanz gerne den Neukundenbonus von 190 Euro von Energieversorger Strogon mitnehmen. Aber Strogon ließ nur verlauten, eine Belieferung sei "im konkreten Fall nicht möglich". Eine Begründung gab es nicht.

"Man wird im Dunkeln gelassen und überlegt sich: Was haben die für Informationen? Gibt es irgendwo Informationen über mich, die nicht richtig sind?", so Seidenglanz. Aber einen "vernünftigen Grund" für die Ablehnung kann er nicht finden. Was der Brandenburger nicht wusste: Er ist kein Einzelfall.

Vor allem Kunden mit geringem Verbrauch betroffen

Das Internetportal Wechselpilot lotst seine Kunden durch den Tarif-Dschungel und hat 20.000 Verträge ausgewertet. "Wir haben in unserer Analyse festgestellt ", sagt Jan Rabe, Gründer von Wechselpilot, "dass gerade Kunden mit geringen Verbräuchen abgelehnt werden. Zusätzlich haben wir auch festgestellt, dass Kunden, die von Discountern kommen, eher abgelehnt werden, als Kunden, die vom Grundversorger wechseln."

Gleichzeitig konnten die Berater von Wechselpilot beobachten, dass in den vergangenen zwei Jahren die Zahl der Ablehnungen gestiegen ist - von zehn auf "aktuell eher 15 Prozent", so Rabe.

Wechselwillige Kunden sind unattraktiv

Immer mehr Firmen fallen mittlerweile negativ auf, darunter auch kommunale Stadtwerke. Selbst die regionalen Grundversorger in Berlin und Brandenburg, Vattenfall und Gasag, lehnen überdurchschnittlich oft ab; zwar nicht für die Grundversorgung, zu der sie verpflichtet sind, dafür aber bei Sondertarifen, mit denen sie auf Wechselportalen um Kunden werben.

Rabe hat dafür eine Theorie: "Die Energieversorger versuchen, die Neukunden mit Bonuszahlungen im ersten Jahr zu locken, um dann anschließend ab dem zweiten, dritten Jahr ihre entsprechenden Margen zu machen. Insofern ist es klar, dass für sie ein Kunde, der dauernd wechselt, nicht der attraktivste ist." Der Fokus liege stattdessen darauf, einen Kunden zu gewinnen und diesen möglichst lange zu halten. Im Energiebereich nennt man diese Art Kunden "Schläfer".

Sind aufgeklärte Verbraucher wie Stefan Seidenglanz für Energieversorger also uninteressant? Für Strogon anscheinend ja, die durchschnittliche Ablehnungsquote des Anbieters liegt bei 19 Prozent. Zu den Gründen dieser hohen Quote will sich das Unternehmen gegenüber dem rbb nicht äußern.

Eine Kontrolle der Energieversorger gibt es nicht

Das Problem mit dem liberalisierten und deregulierten Markt kennt auch Energieberaterin Hasibe Dündar. Denn auch wenn sich die Beschwerden häufen: Die Verbraucher können gegen Ablehnungen erst einmal nichts machen. "Fakt ist, das in Deutschland Privatautonomie besteht, also unter anderem Abschlussfreiheit. Das heißt, jedermann kann frei entscheiden, ob und mit wem er einen Vertrag abschließt", so erklärt es die Expertin der Verbraucherzentrale. "Genau wie der Verbraucher selbst kann auch der Energielieferant, so lange er nicht der Grundversorger in dem jeweiligen Netzgebiet ist, frei bestimmen, ob er einen Vertrag mit dem jeweiligen Verbraucher abschließt."

Das Problem: Eine Kontrolle der Energieversorger gibt es nicht. Beispiel Vattenfall: Wechselpilot hat dort eine Ablehnungsquote von 22 Prozent ermittelt. Doch auf Nachfrage verweist Vattenfall auf Einzelfälle: "Gründe können die Vertragsführung oder das Zahlungsverhalten des Kunden sein."

Die Gasag räumt ein, 15 Prozent potenzieller Neukunden abzulehnen – Wechselpilot hat 27 Prozent ermittelt. Auf Nachfrage hebt die Gasag hervor: "Die Angebote der Gasag finden sich (…) nicht unter den Discount-Angeboten. Wir wollen uns mit Verlässlichkeit, Service und Regionalität (…) abheben."

Auch regionale Anbieter locken mit Boni und Geschenken

Aber ein kurzer Blick auf ein Vergleichsportal zeigt: Auch die regionalen Anbieter locken mit Boni und Geschenken - Lockmittel, wie sie bei den Discountern eingesetzt werden.

Deshalb fordert Wechselpilot-Gründer Rabe mehr Druck durch die Politik: "Das eine ist, dass die Wechselprozesse zeitnah durchgeführt werden müssen. Das man also auch ein Zeitlimit einführt, wie schnell ein Wechsel bestätigt werden muss oder beispielsweise auch abgelehnt werden muss. Weil das teilweise bis zu zwei Monaten dauert und dann Kündigungsfristen überschritten werden." Zusätzlich fordert er zu jeder Ablehnung auch eine Begründung.

Es gibt einen gesetzlichen Anspruch auf Energieversorgung

Zuletzt ist es wichtig für die Verbraucher, zu wissen, dass selbst bei einer Ablehnung kein Versorgungsausfall stattfindet; es wird niemand abgeschaltet. Jeder Haushaltskunde hat einen gesetzlichen Anspruch auf Energieversorgung durch den Grundversorger. Schlägt ein Anbieterwechsel fehl, fällt der Verbraucher automatisch in die Grundversorgung und wird weiter mit Strom oder Gas beliefert. Die Ablehnungen von Gasag oder Vattenfall beziehen sich auf Sondertarife der Energieanbieter - die Grundversorgung ist nicht betroffen.

Auch Stefan Seidenglanz ist am Ende erfolgreich gewesen. Der Brandenburger hat einen neuen - und günstigeren - Gas-Anbieter gefunden.

Beitrag von Björn Tritschler

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28 Kommentare

  1. 28.

    Zitat: "Schlägt ein Anbieterwechsel fehl, fällt der Verbraucher automatisch in die Grundversorgung und wird weiter mit Strom oder Gas beliefert." Sie beschreiben die Situation ganz richtig und ich habe von den Wechselversuchen auch die Nase voll, denn ich habs Mitte der 90 er Jahre und um 200er rum mehr masl probiert mit Zeus, Hermes, Ares und ähnlichen Gottehieten. Entweder die BEWAG läßt ein nicht ausm Vertrag raus um mauert oder die Neuanbieter können oder wollen nicht liefern oder gehen vor Vertragsbeginn in die Pleite - nee, schönen Dank auch für nix! Doch nicht so'n Streß wegen der paar Euros.

  2. 27.

    Ja, janz jenau. Bin nämlich nur Endverbraucher und keen Installateur. Aber was inner Anzeige steht is auch egal - Hauptsache warm.

  3. 24.

    Auch wenn dit nur ne beispielhafte Grafik ist: Wer stellt sich denn bitte die Klimaanlage oder Heizung auf 68° ein? Und das bei den heutigen Preisen bzw. dieser nervigen Umweltdebatte....

  4. 23.

    Also wem 150 € zu wenig zum Wechseln sind, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.
    Ich wechsel immer wenn die Preise wieder mal erhöht werden und das funktioniert super und lohnt sich jedesmal.
    Kann das jedem nur empfehlen und die abschätzigen Kommentare hier können nur aus der Stromanbieter Ecke kommen.
    Also einfach mal machen und nicht immer nur rumjammern.

  5. 22.

    Kann ich mir absolut nicht vorstellen, es sei denn sie holen einen Schufa-Auskunft ein. Da würde ich den einen oder anderen auch nicht "beliefern".

  6. 21.

    Wieso? Hat Sie jemand abgelehnt? Bei Ihrem Verbrauch ist ein Wechsel doch unnötig. Worüber beschweren Sie sich? Es geht sozusagen um Stromjumper. Solche Kunden will eigentlich kein Unternehmen. Die Angebote richten sich an Neukunden, ja. Aber solche, die nur ein Jahr bleiben, will niemand. Jeder Wechsel kostet das Unternehmen auch Geld. Und Sie glauben doch wohl nicht, dass diese Kosten nicht auf die Stromkosten aller umgekehrt werden.

  7. 20.

    Wo soll das noch hinführen? Lehnen dann womöglich bald auch Krankenkassen diejenigen ab, die ihnen zu wenig Lohn verdienen? Gilt nicht das Gesetz der Gleichbehandlung?

  8. 19.

    Zahlreiche Stromanbieter werben und locken mit Angeboten immer wieder Stromkunden an und ab. Nehmen Kunden diese Angebote mehrfach an werden sie nicht ggf. angenommen - was sind denn das für unseriöse Geschäftspraktiken? Wir haben in unserer 93 qm Wohnung in den letzten Jahren alle alten Haushaltsgeräte und Leuchtmittel durch sehr energieeffiziente Geräte/ Leuchten ersetzt. Wir sind acht Wochen im Jahr nicht in der Wohnung und essen überwiegend an der Arbeitsstelle und auswärts. Wir zahlen nur 36 Euro pro Monat für Strom. Wird man jetzt für Energie sparen bestraft?

  9. 17.

    Ich wechsle jedes Jahr bei Strom und Gas und hatte noch nie Probleme mit dem Bonus. Er muß vertragsgemäß ausgezahlt werden und das wurde er. Aber ein Check24-Beerater sagte mir vor 4 Monaten, daß sich manche Anbieter mit faulen Ausreden vor der Auszahlung drücken. Er nannte sie mir auch konkret namentlich. Normalerweise wird Neukundenbonuns gezahlt, wenn man nicht in den letzten 6 Monaten vor dem Wechsel bei derselben Firma Kunde war. Längere Fristen werden von den Wechselportalen als unseriös bezeichnet und der Bonus nicht genannt und berechnet. Ich weiß nicht, warum dein Bekannter den Bonus nicht bekam. drückt sich die Firma vor der Auszahlung, hat er Vertragsbedingungen nicht beachtet, geriet er in einen anderen Tarif derselben Firma? Daß man beim Grundversorger landet, wenn man keinen neuen Anbieter findet, ist kein Trost. Denn der ist teuer.

  10. 16.

    Als ich jung verheiratet war und irgendwann 3 Kinder mit "Strombedarf" hatte waren 150 € eine utopische Größe- völlig unvorstellbar. Wir zahlten ja nur 8 Pfennige in Aluwährung. Alle wußten: Energie st billig aber Mangelware; es gab einfach zu wenig. Aber niemand trieb den Preis ins...dahin wo wir jetzt sind. Manno, alles in 2-3x A und alles in LED. Möchte ja mit der Welt in Verbindung bleiben-per net und so. Wer mir das nun noch nimmt, der gehört stromfrei in eine dunkle Zelle. Basta.

  11. 15.

    Hallo Olli, bist ja stets beschäftigt mit der "Minimalisierung" des Strompreises. Wäre ich autarker Energieerzeuger mit vielen AKW / KKW wäre dein Strompreis zumindest so wie in Polen. Vom Kosovo ganz zu schweigen; die zahlen so 6 cent / kWh. Da gab es mal fernab einen Tsunami und unsere Physikerin hatte Angst. Etwa vor so ewas oder vor was oder wie ? Macron hätte das so nie fertig gebracht. Aber warum denkt der so anders als Merkel ?

  12. 14.

    Immer daran denken: J.W.v. Goethe lebte ohne E-Licht; ohne Waschmashine oder Trockner. Auch ohne Kühlkombi oder sogar Auto-neuerdings e-mobil gefordert. Die ganze Welt bewundert den Goethe, den Schiller, den Rembrand, den J.S. Bach. Niemand bewundert unsere "Spitzen" politiker-wenn ehrlich gemeint.

  13. 13.

    Grundversorger ist in jedem Versorgungsgebiet immer nur EIN Unternehmen, in Berlin z.B. Vattenfall. Die verpflichtende Grundversorgung gilt nur für den Tarif "Grundversorgung", zu DEM muss der Grundversorger jeden Kunden nehmen - aber er muss diesem Kunden nicht Zugang zu einem anderen Tarif (Sondertarife, wie z.B. spezielle Onlne-Tarife oder spezielle Strommixe) geben. Zwangsvertrag also ja, aber zu einem (in der Regel teureren) Tarif, dem sog. Grundtarif.

  14. 12.

    Zumindest den Verbrauch muss der Kunde ja im neuen Antrag selbst angeben, schon wegen der Einstufung für die Abschläge...

  15. 11.

    Ich will keine Wechsel-Junkies ( Preisdrücker ) ich will verlässliche Stromversorger, die ihre Mitarbeiter vernünftig bezahlen und zuverlässig arbeiten.

  16. 10.

    Ja, sischer dat. Kost ja auch nix und dafür kannst du dann regelmäßig dem Finanzamt die mickrigen Einnahmen melden. Und irgendwann muss der Akku im Keller entsorgt werden...

  17. 9.

    #rbb24: Woher kennt der neue Anbieter den vergangenen Verbrauch und die Dauer des alten Vertrages? Oft sind die Stadtwerke "Scheinfirmen" der Großen Versorger, wie z.B. Eon. "Lockangebote" sind diskriminierend, wenn diese nicht für Alle gelten? Also für Neu- und Bestandskunden nach der Vertragslaufzeit?

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