Frauen arbeiten in einem Büro an Computermonitoren zu später Stunde (Quelle: imago images)
Bild: imago images/Frank Hoermann

Interview | Wirtschaftsforscherin über Equal Pay Day - "In Teilzeitjobs macht man meist keine Karriere"

Noch immer verdienen Frauen rund 21 Prozent weniger als Männer. Woran liegt das? Wirtschaftsforscherin Katharina Wrohlich über anhaltende Lohnlücken, festgefahrene Vorurteile und familienpolitische Maßnahmen.

Frau Wrohlich, in Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 400 Euro monatlich weniger als Männer. Ihr Stundenlohn liegt 21 Prozent unter dem von Männern. Warum gibt es diesen "Gender Pay Gap", die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern?

Katharina Wrohlich: Eine wesentliche Ursache sind die unterschiedlichen Erwerbsbiografien von Männer und Frauen aufgrund familiärer Verpflichtungen. Viele Frauen gehen nach der Geburt des ersten Kindes lange in Elternzeit. Meist arbeiten sie danach viele Jahre in Teilzeit. Beides wirkt sich negativ auf die Stundenlöhne aus. Denn in Teilzeitjobs macht man meist keine Karriere.

 

Verändern sich die Lohnunterschiede im Lauf der Erwerbstätigkeit?

Die Lohnunterschiede bei Beschäftigten bis zu 30 Jahren sind vergleichsweise gering, nur neun Prozent. Doch diese Lohnlücke erhöht sich auf 28 Prozent für etwa 50-Jährige. Der Grund: In der Erwerbsphase zwischen 30 und 50 steigen die Männerlöhne im Schnitt nochmals sehr stark an. Die durchschnittlichen Löhne bei Frauen steigen nur bis zum Alter von 30 Jahren. Auf diesem Niveau bleiben sie konstant bis zum Ende des Erwerbslebens.

Was sind weitere Ursachen?

Frauen und Männer arbeiten in unterschiedlichen Berufen. In Berufen mit hohem Frauenanteil, etwa pflegenden Berufen, sind die Durchschnittslöhne tendenziell niedriger als in typischen Männerberufen, etwa in der Industrie. In den älteren Generationen gibt es auch Unterschiede in der Ausbildung. Hinzu kommt auch, dass wir viel weniger Frauen in Führungspositionen haben.

Nun verdienen Frauen selbst bei gleicher Qualifikation und Ausbildung sechs Prozent weniger als Männer. Können Frauen ihre Löhne schlechter verhandeln als ihre männlichen Kollegen?

Das muss man differenzierter betrachten. Denn selbst wenn Frauen weniger tough für sich verhandeln als Männer, muss es nicht unbedingt sein, dass sie es nicht besser können. Sondern sie haben vermutlich verinnerlicht, dass sie für ein und dieselbe Handlungsweise anders bewertet werden als Männer. Frauen werden von der Gesellschaft bestraft, wenn sie tough für sich selbst verhandeln.

Was heißt das?

Studien zeigen, dass Frauen, die tough für sich selbst verhandeln, beim Verhandlungsergebnis durchaus erfolgreich sind. Doch danach werden sie von Vorgesetzten wie Kollegen und Kolleginnen als viel unsympathischer wahrgenommen. Das ist bei Männern nicht so. Die Frauen wissen das, teilweise auch unbewusst, und verhalten sich entsprechend. Natürlich gibt es auch geschlechterspezifische Vorurteile, was Frauen und Männer können, was man ihnen zutraut, was sie sich selbst zutrauen und was ihnen zusteht. Vor allem die Älteren haben es stärker verinnerlicht, dass es im Prinzip richtig ist, dass Frauen weniger verdienen. Das belegt auch unsere Studie "Gender Pay Gap in den Köpfen".

Schaut man nach Brandenburg, ist der "Gender Pay Gap" auf den Kopf gestellt: Dort verdienen Frauen in Vollzeitbeschäftigung mehr Geld als Männer. Wie erklären Sie das?

Das wundert mich gar nicht. Zum einen trifft vieles, das ich bis jetzt gesagt habe, viel mehr auf den Westen zu als auf den Osten. In den neuen Bundesländern ist der "Gender Pay Gap" grundsätzlich viel geringer. Zum anderen sind im Osten die Löhne generell niedriger. Der hohe "Gender Pay Gap" im Westen kommt auch daher, dass es dort einige Männer gibt, die richtig viel verdienen. Traditionelle Jobs, wo Männer gut verdienen, sind im Osten weniger vertreten. Dafür gibt es viele Jobs im öffentlichen Sektor, die häufig auch von Frauen ausgeführt werden. Hier haben wir überall sehr geringe "Gender Pay Gaps".

Inwiefern ist die Lohnungerechtigkeit historisch gewachsen?

Im Osten arbeiten Frauen traditionell viel häufiger in Vollzeit. Im Westen dominierte über Jahrzehnte das männliche Ernährermodell. Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau kümmert sich um Haushalt, Kinder und Privatsphäre. Diese Aufteilung hat sich verändert, allerdings nicht hin zu einer Gesellschaft, in der Erwerbs- und Sorgearbeit gleichberechtigt aufgeteilt sind. Sondern: Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau arbeitet Teilzeit.

Seit 2017 soll das Entgelttransparenzgesetz das Prinzip "Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" in der Praxis stärker durchsetzen. Was hat es bewirkt?

Aussagen über das Entgelttransparenzgesetz zu treffen, ist noch etwas früh. Denn man braucht immer eine gewisse Zeit für eine Evaluierung. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn Frauen fragen oft gar nicht nach, was überhaupt gezahlt wird. Deswegen will das Gesetz einen individuellen Auskunftsanspruch sichern. Nach welchen Kriterien wird bezahlt, was gibt es zu verhandeln, wann ist ein guter Zeitpunkt? Wenn ein Unternehmen signalisiert, dass es Gehaltsverhandlungen anberaumen will, melden sich Frauen viel häufiger.

Die Bundesregierung hat weitere Maßnahmen eingeführt, um mehr Lohngerechtigkeit herzustellen: gesetzlicher Mindestlohn, Ausbau der Kinderbetreuung, Elterngeld oder Verbesserung der Familienpflegezeit. Genügt das?

Die Familienpolitik geht sicherlich in die richtige Richtung und hat die Erwerbsbeteiligung von Müttern erhöht, vor allem in Westdeutschland. Doch die zusätzliche Erwerbsbeteiligung von Müttern findet zu großen Teilen in Teilzeit statt. Deswegen bleibt die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern: Denn lange Episoden in Teilzeit führen zu niedrigeren Stundenlöhnen.

Was und wo könnte die Politik verbessern?

Eine Reform des Ehegattensplittings, eine Reform des Elterngeldes, dahingehend dass die Partnermonate stärker ausgeweitet werden. Was noch fehlt, sind weitere finanzielle Anreize, dass sich Väter stärker an Kinderbetreuung und Sorgearbeit beteiligen. Denn noch immer bleibt sehr viel an den Müttern hängen. Solange es klar ist, dass es die Aufgabe von Frauen ist, das Kind aus der Kita abzuholen oder bei Krankheit zu versorgen, wird sich weder an den Frauenkarrieren noch an den stereotypen Zuschreibungen viel ändern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Dr. Katharina Wrohlich sprach Ula Brunner, rbb24.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ein Problem, dass nicht nur Frauen betrifft, wird in dem Artikel ja explizit angesprochen. Und zwar nehme ich auch neben der Geschlechterdiskriminierung vor allem eine Altersdiskriminierung wahr. Junge Leute werden für die identische Tätigkeit zum Teil deutlich schlechter bezahlt als ältere Kollegen. Es wird immer damit argumentiert, dass sie viel erfahrener seien. Das mag zwar sein, aber ist nicht wirklich für jede Tätigkeit relevant und gerade in Sachen Digitalisierung oder Krankenstand gleichen die jüngeren Mitarbeiter einiges aus.
    Wenn ich das jetzt richtig gelesen habe, würde es auch Frauen nutzen, die ihre Erwerbsbiographien unterbrechen, um Familienarbeit zu leisten, wenn das Prinzip der Bezahlung nach Alter aufgehoben würde oder deutlich abgemildert würdeund man weitestgehend zum Prinzip "gleiches Geld für gleiche Arbeit" käme...
    Allerdings bin ich für eine Solidarisierung der alten Entscheider mit den jüngeren Verwalteten nicht gerade zuversichtlich.

  2. 1.

    Guten Tag , ich schreibe das erst mal was online irgendwo rein und bin auch nicht der größte Fan von Nachrichtendiensten da alles nur um Einschaltquoten Umsatz etc. geht und nicht immer um die Wahrheit. So möchte ich aktuell an die Redaktion ein Lob aussprechen das ihr über die App nicht nur Panik macht und weitestgehend normale Artikel sendet. Weiter so, und danke dafür. Ich wünsche eine angenehmen Tag.

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