Ein Rind steckt in der Durchtriebfalle der mobilen Schlachteinheit (Quelle: dpa/Uwe Zucchi)
Video: rbb|24 | 30.03.2020 | Material: super.markt | Bild: dpa/Uwe Zucchi

Tierschützer schlagen Alarm - Viele Kälber sind nur noch Abfallprodukte der Milch

Um Milch zu produzieren, müssen Kühe jedes Jahr kalben. Kommt dann der Nachwuchs, sind die männlichen Kälber für die meisten Firmen wertlos. Für die Mast sind die Tiere ungeeignet. Der Verbleib vieler dieser Tiere ist unklar. Von Ute Barthel und Claudia Schön

Im Stall von Michael Mull in Lychen stehen sechs schwarz-bunte Kälber und kauen gemächlich Heu. Sie sind sieben Monate alt. Zwei Jahre will sie der Bio-Landwirt aufziehen, obwohl sie für die Mast eigentlich nicht taugen.

Ihre Rasse wurde für eine maximale Milchleistung gezüchtet, also mit Blick auf die Kühe. "Diese Tiere wachsen nur sonntags", sagt der Landwirt augenzwinkernd. "Sie haben lange Beine und zu wenig Fleisch auf den Keulen, Vordervierteln und dem Rücken. Die sind für die Fleischwirtschaft uninteressant." Die Tiere hat er vom Ökodorf Brodowin gekauft. Der Betrieb dort hat, wie fast alle Höfe mit Milchvieh auch, regelmäßig einen Überschuss an männlichen Kälbern.

Ein männliches Milchviehkalb - 70 Euro Verlust

Bislang wurden die Tiere wenige Wochen nach ihrer Geburt an einen Viehhändler verkauft. Ein Verlustgeschäft, wie Ludolf von Maltzan, der Geschäftsführer des Ökodorfes, erklärt. "Wenn wir ein Kalb nach acht Wochen verkaufen, bekommen wir heutzutage 30 Euro pro Tier. Wir haben dann aber schon weit mehr als 100 Euro reingesteckt."

Der Viehhändler verkaufte die überschüssigen Kälber dann weiter an große Mastbetriebe, wo die Tiere in kürzester Zeit regelrecht "aufgepumpt" und dann als Kalbfleisch vermarktet wurden. Mit artgerechter Haltung hatte das nur wenig zu tun. Deshalb hat das Ökodorf Brodowin jetzt das Projekt "Bruderkalb" gestartet, in dem man die Kälber auf dem eigenen Hof und bei Bio-Landwirt Mull selbst mästet. "Die Tiere haben das große Los gezogen", sagt Michael Mull: "Sie werden zwar auch eines Tages geschlachtet, aber sie werden nicht weggeworfen." Kein einfaches Geschäft, denn die Mast von Milchkuh-Kälbern ist aufwändig, weil die Rasse nicht zur Fleischgewinnung gezüchtet wurde. Möglich ist es aber.

Tierschützer: "Kälber werden ertränkt und erschlagen"

An anderen Höfen und Betrieben sind die Rinderhalter gnadenlos. In einigen Betrieben in Deutschland sollen die überflüssigen Kälber bereits kurz nach der Geburt illegal getötet werden. Der Verein SOKO Tierschutz hat diese Fälle dokumentiert. "Wir haben Informanten in Landwirtschaftskreisen, die ganz normal davon sprechen", sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. "Tiere werden ertränkt und erschlagen. Die Kälber werden erstickt, mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Das sind die Praktiken. Oder sie landen einfach in der Güllegrube."

Wie viele Kälber tatsächlich getötet werden, ist aber unklar, denn die Tiere müssen erst sieben Tage nach der Geburt registriert werden. In Brandenburg gab es laut Statistischem Landesamt im November 2019 insgesamt 142.000 Milchkühe. Da die Kühe für eine kontinuierliche Milchproduktion jedes Jahr ein Kalb bekommen müssen, sollte der Kälberbestand eigentlich gleich hoch sein. Es sind aber nur 75.000 Jungtiere bis zum Alter von bis zwölf Monaten registriert. Deshalb stellt sich die Frage, was mit den übrigen Kälbern geschehen ist? Wurden sie alle illegal getötet?

Agrarmarktexperte: "Kälber gehen in den Export"

Von illegalen Tötungen weiß Matthias Kohlmüller von der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI) nichts, wie er erklärt. Er analysiert die Fleisch- und Viehmärkte und hat für die Lücke in der Statistik auch eine Begründung: "Viele Betriebe schicken die Kälber in den Export über Händler in die Niederlande." Dort säßen Betriebe, die auf Kälbermast spezialisiert seien.  

"Relativ viele Kälber werden aus Deutschland traditionell in die Niederlande vermarktet. Die Kälberpreise hängen stark von der Entwicklung im Schlachtrinderhandel ab. Hier sind die Preise in den vergangenen zwei Wochen relativ stark eingebrochen. Deswegen ist auch der Preis für Kälber immer weiter gesunken. Ein männliches Milchkalb kostet circa 50 Euro, ein weibliches Milchkalb, das für die Nachzucht nicht gebraucht wird, sogar nur acht Euro", so Kohlmüller.

Schuld am Kälberüberschuss ist die stark spezialisierte Milchviehhaltung in weiten Teilen Deutschland, erklärt Kohlmüller weiter. "Wir produzieren billig, billig, billig und Masse. Nachhaltigkeit und Qualität ist bei Lebensmitteln in Deutschland ein Problem." Das würde sich seiner Meinung nach aber allmählich ändern. Zunehmend werde auf die Zucht von Tieren gesetzt, die für die Milchproduktion und die Fleischmast taugen und eine längere Lebensdauer haben.

Projekt "Bruderkalb" als Alternative

Tierschützer hingegen raten dem Verbraucher zur veganen Ernährung. Nur so könne dem Trend der billigen Milchproduktion ein Ende gesetzt werden. Ursache dieses Problems sei es, dass Produkte mit Kuhmilch nahezu jederzeit und überall konsumierbar sein sollen, sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. "Die Verbraucherinnen und Verbraucher haben es in der Hand, durch einen anderen Konsum, zum Beispiel von Pflanzenmilch oder Reduzierung von Kuhmilch, diese Branche auszubremsen und zumindest vielen Tieren dieses Leid zu ersparen."

Mit dem Projekt "Bruderkalb" versuchen das Ökodorf Brodowin und der Bio-Landwirt Michael Mull einen anderen Weg. Michael Mull ist auch Metzger und verarbeitet die Tiere zu Kalbswiener. Für die Würste zahlt ein EDEKA-Markt in Berlin Mahlsdorf einen fairen Preis. So machen die Biobauern mit dem Projekt zwar keinen Gewinn, aber auch keinen Verlust. Ökonomie und Tierwohl kommen gleichermaßen zu ihrem Recht. Denn ganz und gar auf Fleisch zu verzichten, ist aus Sicht des Landwirts Michael Mull auch keine Lösung. "Man soll lieber einmal weniger Fleisch essen, aber dafür gut. Wir wollen keine Massentierhaltung unterstützen. Wir wollen die Leute wachrütteln und an die Bereitschaft der Leute appellieren, dass dieses Fleisch mehr Geld wert ist", sagt er.

Sendung: Super.Markt, 30.03.20, 20:15 Uhr

Kommentar

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26 Kommentare

  1. 26.

    "Tierschützers sind auch nur Lobbyisten." wenn man sowas schon liest... top Argument! (Ironie) Für wen leisten denn Tierschützer Lobbyarbeit? Für die TIERE etwa? Oh weia - wie DIE TIERE sich da wohl bereichern
    im Ernst, UNMÖGLICH, wie TIERE, am Rande ! mal bemerkt auch angesichts des Ressourcenverbrauchs (D verbraucht ca. 3 !!! Erden !!! Stichwort: Overshoot Day!) lediglich für unser (mimimi / Gewohnheits-) KONSUM ! Verhalten aufs widerlichste MISSBRAUCHT / MISSHANDELT werden - shameshame, es bedarf eines sofortigen Handelns, z. B. in Form einer Ressourcen-Ausgleichs-Steuer /-Abgabe, es kann nicht sein, dass Steuergelder für Tierquälereien fließen, ich könnte kotzen u. ich war ! mal ein großer Käse-Fan, aber nicht mehr, seitdem ich Bescheid weiß um die Produktion. Und kein Mensch stirbt, wenn er keine Fleisch- / Milch- "Produkte" mehr fr.... äh, konsumieren kann! Auch an Arbeitslosigkeit verhungert man nicht, da gibt es andere Wege, denn es gibt nach wie vor keinen Planeten B!!!

  2. 25.

    Woher wissen sie, dass die schwarzen Schafe unter den LW in der Mehrheit sind? Von den Seiten von Peta und ST? Gerade Peta usw. sind Lobbyisten in eigener Sache. Sie produzieren "Skandale", da dies ihr Geschäft ist. Ohne Skandale keine Spenden- und Steuergelder. Das würde ich als Betrug bezeichnen! Zitat: "In einigen Betrieben in Deutschland sollen die überflüssigen Kälber bereits kurz nach der Geburt illegal getötet werden. Der Verein SOKO Tierschutz hat diese Fälle dokumentiert." In "einigen Betriebe" sollen ca. 70.000 Kälber illegal getötet werden und die haben dies dokumentiert? Sehr unwahrscheinlich. Wo sind die Beweise? Waren sie schon mal auf einem LW-Betrieb? Glaube ich nach Ihren Aussagen kaum. Der eigentliche Skandal ist, dass der RBB als öffentlich rechtlicher Sender sich vor deren Karren spannen lässt.

  3. 24.

    Sie informieren sich offenbar ausschließlich über die Seiten der Lobbyisten. Ja, auch Tierschützer verstehen es, Einzelfälle so aufzubauschen und zu instrumentalisieren. Deswegen sind es eben Lobbyisten. Sie meinen, die schwarzen Schafe seien die Mehrheit? Beleg dafür gaben Sie aber nicht, weil das einfach nicht realistisch ist. Und andere hier zu Maßregeln ist auch nicht besonders höflich. Es geht hier auch um die Versorgung der Menschen mit Nahrung, wirtschaftliche Interessen sind mit den ethischen rechtlichen Vorgaben in Einklang zu bringen. Und die meisten Lebensmittelhersteller schaffen das problemlos. Sie empören sich, weil Sie nur eine Seite betrachten.

  4. 23.

    Wie emphatielos und uneinsichtig so einige sein können, Hr. Grohl und Hr. Latte, und Fr. Nina, da haben Sie wohl was falsches verstanden. Nicht die Tierschützer sind die Lobbyisten. Der Verbraucher will immer alles billig. Dann nehmen Sie bitte auch die Flasche Milch die über 2 Euro kostet. Wenn das alle machen würden, würde die Billigmilch im Laden vergammeln. Reden können einige gut, handeln ist aber besser. Ich habe ein Video gesehen, da wird ein Schweinchen gegen einen Pfosten geknallt und dann auf dem Boden geworfen, es zappelt am Boden, ein anderes Schwein wird mit den Füßen getreten. GEHTS NOCH? Was stimmt da nicht? Der Verbraucher! Sicher gibt es Landwirte, wo das nicht so ist und das ist auch gut so. Aber leider sind die schwarzen Schafe in der Mehrheit. Schauen Sie doch mal auf der Seite von Peta oder Soko Tierschutz. Grauenvolle und furchtbare Videos. Und dann kommt der Kommentar: Kalbswiener sind Lecker. Zum Übergeben ist das. Schämen Sie sich, sowas zu schreiben.

  5. 22.

    „ Um Milch zu produzieren, müssen Kühe jedes Jahr kalben.“ Hallo RBB. Ist das eure Aussage oder woher stammt diese? Bitte recherchiert nochmal nach. Denn eine Kuh muss nicht jedes Jahr kalben. Würde mich mal interessieren, wie Ihr auf diese Annahme kommt. Danke

  6. 21.

    Auch wenn die Kuh auf maximale Milchleistung gezüchtet wurde, nutzt das genau nix, wenn sie in die Hände von jemanden gerät, der sich mit Milchbildung nicht auskennt.

  7. 19.

    Eine Kuh braucht exakt EIN Kalb, um ihr Leben lang Milch zu geben. Und das Kalb kann sie sogar säugen. Dass sie stattdessen jedes Jahr einen Milchauslöser gebären muss, liegt ausschließlich an der geistigen Beschränktheit der Milchbauern. Die kennen einfach nicht die biologischen Mechanismen der Milchbildung und lernen stattdessen etwas komplett Falsches. Die Melkmaschinen sind auch suboptimal, um nicht zu sagen völlig ungeeignet.

  8. 18.

    Der Mensch ist Allesfresser und will Milch, Kakao, Sahne, Käse, Quark, Joghurt etc. PUNKT.
    Wir töten auch Pflanzen zum essen.

  9. 17.

    Ich wundere mich eher, dass Sie - als ordentlicher Landwirt - sich über den Bericht ärgern. Nutzen Sie doch die Chance und zeigen der Welt, dass derart widerliche Zustände bei Ihnen nicht herrschen. Bspw. gibt es ja schon Bio-Eier, die auf der Verpackung explizit damit werben, dass die männlichen Küken aufgezogen werden. Analog könnten Sie das doch auch mit Ihrer Milch machen. Ich als Verbraucher, würde mich über derartige Angebote sehr freuen und beim Kauf bevorzugen: "Mit dem Kauf dieser Milch unterstützen Sie die artgerechte Aufzucht männlicher Kälber."

    Aber aufgrund des aktuellen undurchsichtigen Systems und der vielen immer wieder veröffentlichten Skandale, greife ich auch gerne und häufig zu Pflanzenmilch (Hafer und Mandel sind lecker!).

    Insofern würde ich solche Berichte als Chance betrachten.

  10. 16.

    Wieso wird dem rbb unsachliche Berichterstattung vorgeworfen? Das sind die typische Tiraden von Bauern und Agrar- Lobbyisten welche mit diesem perversen System gutes Geld verdienen. Ich bin glücklich, dass es Tierschützer gibt, die diese heimlich gedrehten Videos an die Presse geben! Nur so erfahren wir Verbraucher, wie es hinter den hohen Gittern der Milchfabriken wirklich aussieht! Keine Spur vom glücklichen Landleben und glücklichen Tieren.

  11. 15.
    Antwort auf [N1] vom 30.03.2020 um 17:11

    Dafür können pflanzliche Drinks Allergien auslösen. Jeder muss wissen, was er verträgt und will. Birken- und Erdnussallergiker sollten Soja bzw Mandeln weglassen. Hafer ist süßer als Milch usw... Tierschützers sind auch nur Lobbyisten.

  12. 14.

    also, wenn man daraus Wurst machen kann, dann ist doch alles okay. Muss nur eben eine Wille zum Schlachten vorhanden sein. Kalbswiener sind sehr lecker.

  13. 13.

    mir nicht. Über Geschmack kann man streiten, geht aber an der Sache vorbei. Ich bleibe bei der Milch von der Kuh.

  14. 12.

    Hier ist von Milchrasse-Kälbern die Rede, die auf maximale Milchproduktion gezüchtet wurden. Kalbfleisch hingegen stammt höchstwahrscheinlich von Fleischrassen, wo Bemuskelung, Schlachtleistung etc. die wichtigsten Zuchtziele sind.

  15. 11.

    Weil der Verbraucher den größten Einfluss hat. Selbst wenn unsere Milch zum Tierwohl teurer werden würde, würden Händler vermehrt Billigmilch aus dem Ausland importieren. Und wie es dort mit den Tierschutz und dessen Überwachung aussieht ist fraglich. Z.B. lassen Berichte über Umgang mit Geflügel in EU-Ost-Staaten nichts Gutes erahnen.
    Und diesen Import kann unser Staat auch nicht einfach so unterbinden. Also würde Supermarktkette X anfangen diese Billigmilch anzubieten, ziehen die anderen nach und der oftmals ahnungslose Verbraucher greift zu billig. Könnte man meinen, dass dann wenigstens bei uns der Tierschutz besser überwacht wird. Aber oftmals sitzen Bürgermeister und Produzent am Stammtisch. Und es ist ja bekannt, dass den Amtstierärzten sehr oft von oben die Arbeit schwer gemacht wird. Und selbst wenn mal wirklich durchgegriffen werden sollte, dann dohen Produzenten auch gerne mal, die Region zu verlassen. Was den politisch Verantwortlichen auch die Wähleschaft kosten könnte.

  16. 10.

    Ich bin erstaunt, dass sich eine öffentlich rechtliche Rundfunkanstalt von solch billiger Hetze animieren lässt.




  17. 8.

    Zitat "Tiere werden ertränkt und erschlagen. Die Kälber werden erstickt, mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Das sind die Praktiken. Oder sie landen einfach in der Güllegrube." Die Arbeit der Milchvieh- und Kälberhalter mit diesem Satz zu schildern ist glattweg eine Sauerei und hat nichts mit der Realität zu tun. Man wird den Eindruck nicht los, dem RBB Team fehlt es an Wissen und handwerklichen Können für eine sachliche Recherche. Ein paar Aussagen, etwas Internet, zusammengewürfelte Statistik und fertig ist die Story. So macht man Brandenburger Landwirtschaft kaputt.

  18. 7.

    1. Warum ist Kalbsschnitzel dann so viel teurer als anderes Fleisch?
    2. Warum überschwemmt man damit nicht billig die Märkte in der Dritten Welt wie mit Milchpulver und Hänchenhälse?
    3. Gibt es nicht eh schon viel, viel zu viele Kühe durch deren massige Produkte die Marktpreise viel zu tief sind.

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