Rotwein wird am 24.04.2017 aus einer Weinflasche in ein Weinglas eingeschenkt. (Quelle: dpa/Benjamin Beytekin)
Video: Abendschau | 11.05.2020 | Ute Sturmhoebel | Bild: dpa/Benjamin Beytekin

Wein und Saft zu Wucherpreisen - Keine Handhabe gegen dubiose Haustürgeschäfte?

Die Firma Weinkurhaus Berlin verkauft per Haustürgeschäft vorwiegend alten Menschen Wein- und Saft - in großen Mengen und stark überteuert. Die Geschäftspraxis ist seit Jahren bekannt, aber die zuständigen Behörden erklären, ihnen seien die Hände gebunden. Von Milan Schnieder

Im Keller von Edeltraud Bade lagern wahre Schätze: Kartons voller Saft - im Wert von 1.277 Euro. Pro Saftflasche hat sie stolze 10,64 Euro gezahlt. Gekauft hat Bade den Saft bei einem Vertreter der Firma Weinkurhaus aus Berlin, sie erinnert sich aber nur vage daran. Als ihre Schwester sie auf die Zahlungen hinweist, ist Bade überrascht: "So viel Geld habe ich ausgegeben?"

Wein, Saft, Likör für 59.000 Euro

Die Seniorin ist längst nicht die einzige Geschädigte, das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt hat weitere Fälle gefunden. Beispielsweise verkaufte das Weinkurhaus innerhalb von fünf Jahren einem schwer behinderten und fast tauben Rentner in Berlin-Reinickendorf Wein, Saft und Likör für mehr als 59.000 Euro. 2014 kaufte die ebenfalls schwer behinderte und fast taube Bewohnerin eines Potsdamer Seniorenheims Wein für über 2.500 Euro. Verkäufer war das Weinkurhaus. Und im Dezember 2019 verkaufte das Weinkurhaus einem 85-Jährigen im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick bei einem einzigen Besuch Wein für knapp 5.000 Euro.

Weinkurhaus verteidigt hohe Preise

Diese Verkaufspraxis findet schon seit Jahren statt. Das Prinzip: Mitarbeiter des Weinkurhauses verkaufen bevorzugt älteren Menschen große Mengen Wein- und Saftflaschen. Die Ware ist durchschnittlich und aus Sicht von Fachleuten überteuert. Die wenigsten der alten Menschen wehren sich im Nachhinein. Die Fälle, die in den letzten Jahren öffentlich wurden, belegen vor allem eines: Diese Verkaufspraxis ist skrupellos und wird offenbar auch nicht gestoppt.

Als der rbb das erste Mal über Weinkurhaus berichtete, kommentierte der Geschäftsführer des Unternehmens Torsten T. - oder jemand, der sich als Geschäftsführer ausgab -  den Artikel online mit dem zynischen Satz: "Ich als Inhaber dieses Geschäftes freue mich über Ihr Feedback und Anregungen, wie unser Geschäftsmodell verbessert werden könnte."

Torsten T. rechtfertigt seine überhöhten Preise mit der angeblich aufwändigen Vertriebsmethode Ende April in einer E-Mail an den rbb: "Es gibt [...] kein anderes Unternehmen, das noch den klassischen Direktvertrieb (zu Hause gekauft + eigene Lieferung direkt in Wohnung oder Keller) durchführt, denn das ist zu teuer."

Viele Verfahren wurden eingestellt

Bei der Staatsanwaltschaft Berlin liegen über 60 Strafanzeigen gegen den Weinkurhaus-Geschäftsführer vor, die Verfahren sind aber eingestellt worden. Der Grund dafür sind Erinnerungslücken der Betroffenen und widersprüchliche Aussagen. Einigen Angehörigen geschädigter Rentner gelang es lediglich, den eigenen finanziellen Schaden zivilrechtlich abzuwenden.

Ohne Verurteilung: Keine Handhabe für das Amt

Die zuständige Stadträtin für Wirtschaft im Bezirk Marzahn-Hellersdorf, Nadja Zivkovic, hatte Super.Markt gegenüber im September 2019 versichert, vom Gewerbeamt prüfen zu lassen, ob man gegen die Geschäftspraktiken der Firma vorgehen müsse. Jetzt erklärte sie auf Nachfrage: "Das Weinkurhaus wurde von uns dahingehend überprüft, dass wir nochmal geschaut haben, ob Verfahren vorliegen, also endgültige Urteile, die bei der Gewerbeausübung Einfluss haben können. Nach derzeitigem Kenntnisstand lagen die uns nicht vor."

Ohne strafrechtliche Urteile könne die Behörde nichts tun, sagt die Stadträtin. Das Amt hat also keine Handhabe gegen das Weinkurhaus? Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigt dem rbb die Ansicht des Bezirks: Die zivilrechtlichen Urteile gegen das Weinkurhaus seien nicht ausreichend. Entscheidend sei, dass keine strafrechtlichen Verurteilungen vorliegen.

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz verweist lediglich auf die Verbraucherzentrale. Die Verbraucherzentrale Berlin erklärt, im vorliegenden Fall nicht klagen zu können. Sie empfiehlt den Betroffenen, eine Strafanzeige zu stellen. Das aber hat – wie oben geschildert - bisher 60 Mal nichts gebracht.

Verbraucherforscher: Gewerbeordnung muss geändert werden

Tobias Brönneke, Professor für Verbraucherforschung und nachhaltigen Konsum an der Hochschule Pforzheim, widerspricht der Ansicht von Gewerbeamt und Bundesministerium: "Die Gewerbebehörden meinen immer, sie seien nicht zuständig, wenn es um private Vertragsschlüsse geht. Das ist aber zu kurz gegriffen. Wenn eine Vielzahl noch dazu schutzwürdiger Verbraucher auf gut Deutsch übers Ohr gehauen werden können, dann muss die Gewerbebehörde meines Erachtens schon einschreiten."

Brönneke plädiert für eine schnelle Gesetzesänderung und fordert, dass Verbände wie die Verbraucherzentralen künftig das Recht bekommen, bei Behörden auf den Entzug der Gewerbeerlaubnis zu klagen. Dafür müsste, so sein Vorschlag, in der Gewerbeordnung ausdrücklich gesagt werden, "dass Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Verbraucherschutzvorschriften ständig zu umgehen und zu brechen, die Gewerbeerlaubnis auch entzogen werden kann."

Ein gutes Zeichen gibt es immerhin: Als Sachverständiger berät Brönneke den Verbraucherausschuss des Bundestages, damit der ein entsprechendes Gesetz auf den Weg bringen kann.

Sendung: Super.Markt, 11.05.2020, 20:15 Uhr

Beitrag von Milan Schnieder

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13 Kommentare

  1. 13.

    Wenn man wollte käme Paragr. 138 BGB Sittenwidrigkeit und Wucher in Betracht. Leider sind die Grenzen zur Rechtsgeschäftsfähigkeit zu scharf. Und das Handeln einiger Möchtegernbeamten läßt grobe Nachlässigkeit in ihrer Arbeit vermuten.

  2. 12.

    Wenn man wollte käme Paragr. 138 BGB Sittenwidrigkeit und Wucher in Betracht. Leider sind die Grenzen zur Rechtsgeschäftsfähigkeit zu scharf. Und das Handeln einiger Möchtegernbeamten läßt grobe Nachlässigkeit in ihrer Arbeit vermuten.

  3. 11.

    "Einigen Angehörigen geschädigter Rentner gelang es lediglich, den eigenen finanziellen Schaden zivilrechtlich abzuwenden."
    Ich vermute ,dass das auch Fälle waren,in denen die Verträge bei Dementen mangels Geschäftsfähigkeit für ungültig erklärt wurden. Wenn sich aber Menschen, ob Senioren oder auch Jüngere,lediglich was aufquatschen lassen ,sie geschäftsfähig sind und es keine Hinweise oder Zeugenaussagen auf Zwang gibt,ist den Verkäufern weder zivil- strafrechtlich bezukommen.

  4. 10.

    Das Problem ist ja, das der überteuerte Mist fast ausschließlich alten, dementen und offensichtlich nicht mehr rechtsfähigen Personen angedreht wird, die sich nicht wehren können. Zu "normalen" Menschen kommen die doch gar nicht.

  5. 9.

    Ihr regt euch alle über Safthändler auf aber über knapp 100 öffentlich rechtliche Sender als "Grundversorgung" die selbst gegen den ausdrücklichen Willen von Nichtnutzern über 7 Milliarden EUR im Jahr eintreiben, geht ihr wohlwollend hinweg.
    Keiner traut sich die Karten auf den Tisch zu legen. Ob es um Kaffefahrten, Gewinnspiele um Wein oder sonstwas geht. Die Frage ist eher, ob hier noch eine Geschäftsfähigkeit der Käufer vorliegt. Ob es Handyverträge, Flatrates oder einst Klingeltonabos waren... immer schieben die Betroffenen ihre eigene Unfähigkeit auf andere ab.

  6. 8.

    Das ist Angebot und Nachfrage und wer den Kram überteuert kauft und geschäftsfähig ist, ist selber Schuld. Deshalb hat die Justiz ja solche Probleme. Wenn man keinen Betrug nachweisen kann oder dass jemand zum Kauf genötigt wurde, ist da nichts zu machen. Deshalb bleibt nur stetes warnen und die Hoffnung, dass keine/r mehr kauft.

  7. 7.

    Ich hoffe, das ich mal einen dieser widerwärtigen Drücker des Weinkurhauses dabei erwische, wie er versucht einem Nachbarn/ Nachbarin diesen Ramsch anzudrehen. Ich werde ihm dann sehr eindrücklich erklären das seine Tätigkeit im Haus/den Häusern nicht erwünscht ist.
    Bis dahin werde ich diesen Artikel aber ausdrucken und an die schwarzen Bretter der Häuser hängen.

    zitat: dass Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Verbraucherschutzvorschriften ständig zu umgehen und zu brechen, die Gewerbeerlaubnis auch entzogen werden kann."Zitat Ende. Hat nicht ein gewisser Herr Maschmeyer mit seiner Firma AWD auf genau diese Art und Weise sein Vermögen gemacht?

  8. 6.

    Wenn die Berliner Politik wirklich wollte, hätte sie die ekelerregenden Praktiken dieses dubiosen "Weinkurhauses" schon längst beendet. Auf der Strecke bleiben diejenigen, die sich nicht wehren können: Die Alten. Es ist unglaublich.

  9. 5.

    Das stinkt doch zum Himmel. Wenn man Saft und Wein überteuert Menschen andreht die nicht mehr alles gleich überschauen können und sich nicht wehren können. Hauptsache bei den Verkäufern (Betrüger) stimmt die Kasse. Die Firma Weinkurhaus fühlt sich bestimmt ganz toll. Hoffentlich kann man denen bald das Handwerk legen.

  10. 4.

    Was für eine Schande! Wie kann es sein, dass gegen solche Verbrecher keine Handhabe gefunden wird?

  11. 3.

    Wir haben uns mal einen Spaß daraus gemacht, den Vertreter in unsere Dachgeschosswohnung kommen lassen. Klimanlage aus, diverse (schlechte) Weine durchprobiert und ihm dann gesagt, wir müssten noch überlegen. Ein vertaner Abend für ihn.

    Ansonsten kann man nur sagen: Bei unbekannten Anrufern sofort auflegen. Beiim unangekündigten Besuch an der Tür nicht aufs Klingeln reagieren. Und NIE etwas unterschreiben.
    Vor Jahren hat KabelDeutschland Drücker bei uns durchs Haus geschickt. Der 85jährigen Nachbarin haben sie komplett einen neuen Vertrag angedreht. Mir hat der Drücker erzählt, er könne an meiner Antennendose prüfen, ob ich doppelt zahlen würde. Ich habe ihn herzhaft ausgelacht. Und dann hatte er die Tür vor der Nase.

  12. 2.

    Das ist ein echtes Problem. Ich will meine Mutter nicht entmündigen,warne sie aber regelmäßig vor dem Enkeltrick,dem abgewandelten Coronatrick. Sie soll sich bitte nichts am Telefon aufschwatzen lassen,sondern am besten gleich auflegen und bitte sich auch nichts an der Haustür andrehen lassen und bitte um Gottes Willen keinen Vertreter in die Wohnung lassen.
    Mit mäßigem Erfolg. Kaffeefahrten macht sie nicht mehr,da buchen wir lieber seriöse Senoirenfahrten.
    Das ist ja auch schwer,wenn einem da geschulte Gangster so richtig freundlich was erklären. Ich versuche weiterhin,meine Mutter und ihren Freundes - und Bekanntenkreis zu überzeugen ,bitte hyper vorsichtig zu sein und informiere sie über solche Berichte,damit sie vllt auch gegenseitig auf sich aufpassen. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf.Schließlich gehören sie noch zu den XY-Zuschauern,schon zu Eduard Zimmermanns Zeiten :-)

  13. 1.

    Das ist meiner Oma schon vor mehr als 10 Jahren passiert, teilweise dement wurde sie mit dem überteuerten Müll über den Tisch gezogen. Später sind die Typen sogar im Altersheim gewesen um Verträge abschließen zu wollen. Nicht mal eine Anzeige wurde von der Polizei aufgenommen. Wir haben als Familie dann einige Verträge anderweitig rückwirkend auflösen können. Schon gut, wenn die sich vorher ankündigen.

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