Bild: Audio: Inforadio | 04.06.2020 | Interview mit Philipp Bouteiller

Interview | Nachnutzung Flughafen TXL - "TXL soll ein soziales und ökologisches Modellquartier werden"

Ein Wohnviertel, dazu Forschungs- und Industrie-Areale: Die Pläne für die Nachnutzung des Flughafens Tegel werden konkreter. Philipp Bouteiller, Leiter der Tegel Projekt GmbH, über das Besondere an den Entwürfen - und zu Kontroversen.

rbb: Herr Bouteiller, Tegel fliegt, Tegel fliegt nicht, das war das Spiel der letzten zehn Jahre. Gehen Sie davon aus, dass Sie in diesem oder im nächsten Jahr loslegen können?

Philipp Bouteiler: Definitiv wird Tegel im November vom Netz genommen. Daran besteht kein Zweifel mehr. Das heißt, wir können im nächsten Frühjahr oder Sommer anfangen mit der Nachnutzung des Flughafengeländes.

Was ist der Kern der Nachnutzung?

Das Flughafengelände hat eine Größe, die sich die meisten gar nicht vorstellen können. Fünf Quadratkilometer, das sind etwa fünf Prozent der Innenstadtfläche von Paris. So ein Gelände nachzunutzen, das ist eine unglaubliche Chance, eine "Lifetime Opportunity" sagen viele. Andere Metropolen beneiden uns darum.

In Tegel haben wir sehr frühzeitig, nämlich ab 2008, darüber nachgedacht, was wir dort tun wollen als Stadt. Das war ein offener Diskurs mit viel Bürgerbeteiligung. Die Ergebnisse setzt mein Team jetzt planerisch um: Auf der Westseite soll ein über 200 Hektar großes Forschungs- und Industriegebiet für Zukunftstechnologien entstehen. Im östlichen Teil des Geländes soll ein Wohngebiet mit rund 5.000 Wohneinheiten für etwa 10.000 Menschen entstehen, das "Schumacher-Quartier".

Kommen da wieder große Firmen und setzen teure Wohnungen hin?

Genau das soll eben nicht passieren. Das Land gehört weitgehend uns als Stadt: Wir haben die Planungshoheit und damit auch große Gestaltungsfreiheit. Wir haben frühzeitig gesagt, dass es ein soziales, aber auch ein ökologisches Modellquartier werden soll. Wir wollen bezahlbaren Wohnraum schaffen und gleichzeitig nachhaltige Prinzipien einbringen.

Wer wird dort bauen?

Das sind zur Hälfte die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, mit etwa 2.500 Wohneinheiten. Die andere Hälfte wird zum Teil durch Genossenschaften, Baugruppen bespielt, es wird Sondernutzungsformen geben. Von Anfang an war völlig klar, dass wir eben keine Immobilienspekulation wollen.

Worin bestehen die ökologischen Prinzipien?

Wir haben uns gefragt: Warum wollen wir nicht einfach mal 5.000 Wohnungen überwiegend aus Holz bauen? Holzbau ist allgemein im Trend, auch weil Beton zu stark beteiligt an den CO2-Emissionen weltweit ist. Holz kommt jetzt wieder in Mode, weil es neue Produktionstechniken gibt. Man kann großindustriell arbeiten, millimetergenau und in hoher Geschwindigkeit.

Wie sieht es mit der Mobilität aus im Wohngebiet?

Das Auto hat im Quartier auf Dauer nichts zu suchen. Das heißt aber nicht, dass die Menschen auf ihr Auto verzichten müssen. Im Gegenteil: Wir werden Quartiersgaragen haben, die mit einer Mobilitätsgarantie versehen sind: Wenn Sie Ihr Auto dort abstellen, werden Sie sich mit Fahrrädern, Lastenkarren oder kleine Scootern weiterbewegen können. Und diese Mobilität ist immer verbunden mit dem ÖPNV.

In das alte Terminal A soll die Beuth-Hochschule für Technik einziehen, mit 2.500 Studierenden. Was passiert drumherum?

Wir haben uns Forschungs- und Industrieparks weltweit angeguckt, und nur die sind erfolgreich, die akademische universitäre Forschung im Zentrum haben. Deswegen soll in diesen Kern, das sind etwa 40 Hektar, nicht nur die Beuth-Hochschule hin, sondern auch andere Hochschulen. Drumherum haben wir dann kleinere gewerbliche Grundstücke. Und dann haben wir 80 Hektar Industriegebiet. Das ist einzigartig, das hat auch Adlershof nicht. Von der Ideengeneration über die Kommerzialisierung bis hin zur Massenfertigung können Sie die komplette Wertschöpfungskette abbilden.  

Das heißt, erst kommen die Ideen, dann werden sie entwickelt und beforscht, und dann soll produziert werden. Was denn?

Stadttechnologie. Wir haben damals schon gesehen, dass es einen Trend zur zunehmenden Verstädterung gibt. Immer mehr Menschen weltweit ziehen in Städte, das sind schon weit über die Hälfte der Weltbevölkerung. Alles, was eine Stadt funktionieren lässt, ist dadurch ein Zukunftsmarkt.

Just als Sie 2012 in das Projekt eingestiegen sind, gab es eine Vollbremsung wegen des BER und Tegel musste nochmals richtig herhalten. Haben Sie auch manchmal gedacht: 'verflixtes Berlin!'?

Nein. Ich lebe seit 1989 mit Unterbrechungen hier aus Überzeugung, und habe auch zwei Berliner produziert. Das ist meine Heimatstadt. Das war eine Verkettung von saudummen Geschichten, die an anderer Stelle auch hätten passieren können. Am Anfang hat es uns sehr belastet. Und dann haben wir die Chance darin erkannt: Nämlich das zu tun, was wir ohnehin hätten tun müssen, wenn wir schon 2012 auf das Gelände gekommen wären, nämlich Planungsrecht zu schaffen. Inzwischen sind wir so weit, dass wir belastbare Planungen haben. Die Pläne für den ersten Bauabschnitt werden dann sukzessive ab Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres ins Abgeordnetenhaus gehen, sodass wir im nächsten Sommer loslegen können.

Die Leute werden sicher genau gucken, was nun in Tegel passiert. Bei dem Stichwort Smart City denken manche vielleicht: Wie komme ich da rein als Bürger, muss ich gleich eine Datenspende abgeben? Wie durchlässig wird dieses ganze Gelände sein, wieviele Bürgerwünsche und Ideen fließen da noch ein in den nächsten Jahren?  

Die Datenspende ist ein wichtiger Punkt ist in dem ganzen Smart-City-Diskurs, der sehr kontrovers diskutiert wird. Die Technik soll dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Aber wir beobachten mit Sorge, wie dieses Prinzip in anderen Ländern ausgehebelt wird. Nachhaltigkeit ohne Datenverarbeitung geht nicht. Aber wie schaffen wir es, die Datensouveränität der Bürger zu respektieren? Darum geht es, und dafür starten wir im Augenblick Projekte, das hat auch viel mit Open Data zu tun.

Der andere Punkt sind die Bürgerinnen und Bürgern. Es soll kein exklusiver abgetrennter Bereich sein, im Gegenteil. Wir haben viel über öffentlichen Raum nachgedacht, und uns ist es wichtig, überall in diesem Projekt Begegnungsräume zu schaffen, wo sich Neues ergeben kann. Dann wollen wir vom Wohnquartier aus einen intensiv genutzten Quartierspark schaffen, und aus diesem Quartiersparkhaus heraus machen wir dann einen Landschaftspark in einer Übergangsphase und dann geht es über in eine naturnahe, offene Landschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Philipp Bouteiller sprach Christian Wildt für Inforadio. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.  

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19 Kommentare

  1. 19.

    Das so bezeichnete West-Berlin wird ebenso wie das so bezeichnete Ost-Berlin so lange existent bleiben, wie Menschen, die damit jeweils groß geworden sind, leben. Die junge Generation, die nach Berlin zuzieht, weiß davon nichts.

    Die Älteren ziehen von Steglitz nach Reinickendorf und von Treptow nach Weissensee, verbleiben in ihrer Hälfte. Die Jungen ziehen von Kreuzberg nach Friedrichshain, von Schöneberg nach Mitte und von Prenzlauer Berg nach Moabit.

    Die doppelte Ausgabe von Berlin ist im Schwinden begriffen - Die Exponate von Dahlem ziehen künftig von der Peripherie ins Zentrum, namentlich ins Humboldt-Forum und die Charité hat das Benjamin-Franklin-Hospital in Steglitz übernommen.

    Schön, dass jetzt alle die Gäule auf dem Brandenburger Tor von vorn sehen können. Die einen, die nah rankamen, sahen sie ja nur von hinten, die anderen, die sie von vorn hätten sehen können, wurden durch paranoiden Sicherheitsabstand davon abgehalten.

  2. 18.

    TXL soll ein soziales und ökologisches Modellquartier werden.

    In Berlin? Ich rate mal: so modellhaft wie das Märkische Viertel zum Beispiel?
    Sorry, keine Chance!

  3. 17.

    Das macht auch keiner.
    In der Wasserstadt ist dies genauso geplant. In den Pepitahöfen ist das befahren mit dem Auto Sport. Da werden die Minieinkäufe natürlich ausgeladen und die Kinder zur Oma gebracht, trotz Verbot und Abschleppdienst im Genick. Die Zufahrt wird geknackt und es wird gerast, dass man zur Seite springen muß.
    Autofrei wird nicht klappen, es hält sich nur die Minderheit daran.

  4. 16.

    Was für merkwürdige Debatten;ihr könnt meckern,wie ihr wollt,denn ihr habt es gut....

  5. 15.

    Ja ja... träumen darf man ja mal. Letztendlich muss Berlin die Flächen zum Marktpreis verkaufen. Die Finanzheie warten schon auf lecker Renditebeute! Sozial ist dann nicht mehr zu bezahlen und der Investitionszuschlag für hippes „ökologisch“ machts dann noch mal teurer. Die Buden dort werden garantiert teuer gehandelt, auch ohne brauchbare Nahverkehrsanbindung. Die wird eh erst frühestens 10 Jahre nach Fertigstellung der letzten Quartiere dort vorhanden sein. Schöne ökologische nrue Stadtwelten. Aber träumen darf man ja mal...

  6. 14.

    Die "Nach-Mauerzeiten" sind aber nicht unbedingt die besseren Zeiten!
    Auch wenn es ihnen nun überhaupt nicht gefällt, es wird immer ein West-Berlin und einen Ostteil der Stadt geben.

  7. 13.

    Sie müssen sich so langsam damit abfinden, dass TXL schließt. Da gibt es kein Zurück mehr. Aber ich bezweifle eh, dass Sie auch nur einen Stein in Tegel aufgebaut haben. Mal abgesehen davon, dass Sie offensichtlich in Nach-Mauerzeiten noch immer nicht angekommen sind. West-Berlin, Mimimi ist auch mal gut, sag ich auch als West-Berlinerin. (Mal sehen, ob mal wieder ein Kommentar beim RBB durchkommt)

  8. 12.

    Was ist mit den Behinderten, die nicht Rad fahren können, und so lange Wege laufen?
    Sowieso wird den Radfahrern alles zugestanden, auch Gesetze brechen.

  9. 11.

    BER im Nebel, oder Technikausfall??!! Und alle müssen entweder zurückfliegen oder nach LEJ- Leipzig!!
    TXL muss bleiben. Das haben wir West-Berliner mit unserer Hände Arbeit aufgebaut!!

  10. 10.

    Natürlich hat auch Berlin bald einen richtigen Flughafen.
    Er nennt sich "Flughafen Berlin-Brandenburg"
    Das er in Brandenburg liegt, geschenkt.

  11. 9.

    Ja, #TXL muss bleiben! Als Kondensationspunkt der #UrbanTechRepublic mit
    #Bildung der Beuth Hochschule statt Boarding,
    Berliner Feuerwehr für Brandschutz-Ausbildung statt Triebwerke löschen,
    StartUps statt lauter Kerosin-Starts,
    grüner Park statt leerer & stinkender Betonpisten.
    Daneben Wohnen in Berlin im TXL – Schumacher Quartier für >5000 Menschen.
    Also für die ZUKUNFT dieser Stadt eine breite Strahlkraft und Anziehungskraft ohne rückwärts gerichteten Populismus und Anachronismus, der diesem charmanten Denkmal für dessen zweite Zukunft absolut nicht würdig ist.
    Danke an Herrn Bouteiller & Team als auch den Senat für dieses ein Jahrzehnt dauernde Entwicklungsprojekt für eine moderne Stadt!

  12. 7.

    Die Überschrift ist aber ganz schön irreführend. Wie die Aussage eben auch. Wo bitte ist denn da ökologisches Denken? Wo ist der große durchgehende Grünzug, der erst eine grüne Lunge schaffen kann? Vom Tegeler Forst bis zu Schillerpark und Rehberge wäre hier eine ganz große Chance. Wir haben genug zubetoniert. Warum geht das einfach immer so weiter?

  13. 6.

    Geplant ist u.A.: "Wenn Sie Ihr Auto dort abstellen, werden Sie sich mit Fahrrädern, Lastenkarren oder kleine Scootern weiterbewegen können."
    Und das auf einem Gelände mit fünf Quadratkilometer Fläche?
    Was ist das denn für ein seltsamer Plan - man stelle sich die dort lebenden 10.000 Menschen vor wie sie mit dem Bollerwagen ihre Habseligkeiten zur Wohnung karren. Einfach unglaublich!

  14. 5.

    "Versiegelung um jeden Preis"... Haben Sie sich überhaupt schonmal die Lagepläne angeschaut? Die Bebauung findet nämlich punktuell und aufgelockert statt. Von einem völlig verdichteten Flughafenareal sind wir sehr weit entfernt. Und das wird auch so bleiben.

  15. 4.

    Und nun hat BERLIN keinen Flughafen mehr
    würde doch als Ausweich behilflich sein, staat in Leipzig zu landen---------

  16. 3.

    "Versiegelung um jeden Preis"... Haben Sie sich überhaupt schonmal die Lagepläne angeschaut? Die Bebauung findet nämlich punktuell und aufgelockert statt. Von einem völlig verdichteten Flughafenareal sind wir sehr weit entfernt. Und das wird auch so bleiben.

  17. 2.

    Ökologische Flächenversiegelung durch ein Wohnghetto dieses Ausmaßes? Das kann auch nur ein Zugezogener ehem. McKinsey-Geldverbrenner meinen.

  18. 1.

    Schade, dass die Chancen, in Zeiten des Klimawandels für mehr grüne Flächen zu sorgen, hier so schändlichst vertan werden. Versiegelung um jeden Preis - bis die Hitze die Leute umhaut. Glückwunsch.
    Berlin - Du bist lange schon nich mehr dufte - Du bist nur noch stinkend nach Abgas und Co2 - und es wird immer schlimmer.

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