Die Karstadt-Filiale am Hermannplatz (Bild: imago images/Rolf Kremming)
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Audio: radioeins | 22.06.2020 | 08:38 Uhr | Tom Böttcher und Marco Seiffert | Bild: imago images/Rolf Kremming Download (mp3, 5 MB)

1.200 Jobs auf der Kippe - Karstadt baut Kaufhaus am Hermannplatz trotz Filial-Schließungen

Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will sieben seiner Filialen in der Region dicht machen. 1.200 Mitarbeiter sind von Jobverlust bedroht. Trotzdem will die Signa-Gruppe das bestehende Kaufhaus am Hermannplatz abreißen und durch einen Neubau ersetzen.

Das geplante neue Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz in Berlin-Kreuzberg soll trotz der angekündigten Schließung von Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof gebaut werden. Das gab der Eigner der Handelskette, die Signa-Gruppe, auf rbb-Nachfrage am Montag bekannt. Das österreichische Immobilienunternehmen Signa, das Karstadt Kaufhof 2019 übernommen hatte, will das bestehende Einkaufszentrum am Hermannplatz abreißen und durch einen Neubau im Stil der 1920er Jahre ersetzen. Daran halte man fest, sagte jetzt ein Signa-Sprecher.

Der Neubau soll Platz für Gewerbe und Wohnungen bieten. Auch die anderen Signa-Projekte in Berlin werde man fortführen, hieß es. Dazu zählen unter anderem der Um- und Ausbau der Karstadt-Filiale am Kurfürstendamm und der Bau eines neuen Hochhauses am Ostbahnhof. Signa hatte angekündigt, 3,5 Milliarden Euro in Berliner Immobilien investieren zu wollen.

Krisentreffen über die Zukunft der Beschäftigten

Die Unternehmensgruppe hatte erst am Freitag angekündigt, sechs seiner elf Filialen in Berlin zu schließen, sowie eine in Potsdam, und das geplante Kaufhaus in Tegel nicht zu eröffnen.

Geschlossen werden sollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur folgende Standorte:

- Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg

- Tempelhofer Damm in Berlin-Tempelhof

- Müllerstraße in Berlin-Wedding

- Berliner Ringcenter an der Frankfurter Allee

- Linden Center in Berlin-Hohenschönhausen

- Gropius-Passagen in Neukölln

Am Montagvormittag kamen daher Gewerkschaftsvertreter und Betroffene zu einem Krisentreffen zu den Schließungsplänen zusammen. Dabei sollte es vor allem um die Zukunft der Beschäftigten gehen. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte seine Teilnahme an dem Treffen angekündigt.

Arbeitsplatzsuche kann schwer werden

Die Gewerkschaft Verdi befürchtet nach eigener Aussage, dass es für die 1.200 betroffenen Mitarbeiter nun sehr schwer werden könnte, wieder in der Branche Arbeit zu finden. Es gebe nur noch diesen einen Konzern, "Warenhausarbeitsplätze werden die Betroffenen nicht wieder finden", sagte Verdi-Handelsexpertin Erika Ritter am Montag dem rbb. Von den 1.200 Betroffenen arbeiten 650 direkt in den Warenhäusern, die übrigen in integrierten Geschäften sowie Feinkostabteilungen und Reisebüros, hatte Ritter am Samstag gesagt.

Bei Karstadt-Kaufhof habe man es mit einer langjährig dort arbeitenden Belegschaft, vor allem Frauen, zu tun, so die Fachbereichsleiterin. "Für die Jungen ist es einfacher neu zu starten. Für die Lebensälteren geht es einfach um Zeitgewinn, um es zum Bezug von Rente zu schaffen." Man kämpfe zunächst einmal um jeden Arbeitsplatz und jeden Standort, egal, ob er auf der Schließungsliste stehe oder nicht, sagte Ritter dem rbb.

Mitarbeiter der Karstadt-Galeria-Kaufhof Filiale am Leopoldplatz in Berlin Wedding protestieren gegen die Schließung ihrer Kaufhalle. (Quelle: rbb/Abendschau)Mitarbeiter der Karstadt-Filiale am Leopoldplatz protestieren gegen die Schließung.

Müller: Wir brauchen Warenhäuser in unseren Quartieren

Verdi befürchtet Ritter zufolge auch Auswirkungen auf den Einzelhandel um die betroffenen Filialen herum. Man wolle, dass diese Schließungsliste verkürzt werde, damit diese Warenhäuser als Ankeranbieter in den Innenstädten und Stadtteilzentren auch weiterhin eine Magnetwirkung ausüben könnten. Wenn das nicht gelinge, brauche es für die Zentren Unterstützung durch die Bezirksämter, den Senat oder die Stadtverwaltungen, so Ritter.

Diese Auswirkungen auf die Innenstädte befürchtet auch der Regierende Bürgermeister. Am Rande des Krisentreffens erklärte Müller gegenüber dem rbb, dass die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof als Vermieter auch Mietverträge mit anderen Mietern habe. "Wir brauchen die Vermietung, wir brauchen die Warenhäuser in unseren Quartieren. Und die Vermieter müssen ein daran Interesse haben, Mieter zu haben, die sich nahtlos die Miete leisten können", fügte Müller hinzu.

Auch Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) traf sich am Montag mit Vertretern des Einzelhandelsverbandes Berlin-Brandenburg und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam zu Beratungen über die geplante Schließung der Filiale in der Landeshauptstadt. Man wolle einen Beitrag leisten, um "die Brandenburger Straße wieder nach vorne zu bringen", sagte Schubert. Um sie attraktiver zu machen, sollen 2,5 Millionen Euro in die laut Schubert "stärkste Einkaufsstraße Brandenburgs" investiert werden. Die Karstadt-Filiale als Magnet in der Innenstadt habe zuletzt wachsende Umsatzzahlen gehabt und eine langfristige Standortgarantie. "Umso weniger ist zu verstehen, dass jetzt die Schließung erfolgen soll", so der Oberbürgermeister.

Von den Schließungen könnten in der Region 1.200 Beschäftigte betroffen sein

Wegen der geplanten Schließung in Berlin hatten bereits am Samstag vor einigen Filialen Menschen protestiert. Nach Angaben der Polizei demonstrierten etwa 30 Personen vor der Filiale am Leopoldplatz in Wedding und 80 Personen vor der Filiale an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg.

Für Galeria Karstadt Kaufhof war die Corona-Krise mit ihren Umsatzverlusten durch geschlossene Kaufhäuser das jüngste Riesenproblem einer jahrelangen Liste, geprägt dadurch, dass die Menschen neue Einkaufsgewohnheiten haben und das Internet zur immer stärkeren Konkurrenz wird.

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34 Kommentare

  1. 34.

    Ich denke mal, dass für Galeria - Kaufhof - Karstadt bzw. Sigma allein das Architektonische ausschlaggebend ist. Da wird die Eingebundenheit - hier ja wohl Nichteingebundenheit in das Umfeld - ggf. vernachlässigt. Architektonisch war das 1920er Warenhaus eine Ikone.

    Das läuft wahrscheinlich analog des Fußballs: Der Millionen-Star soll es herausreißen. - Manchmal klappt das, manchmal ist der ein Eigenbrötler und überwirft sich mit dem Rest der Mannschaft.

  2. 33.

    Fände ich schade um das Kaufhaus. Ich gehe da gern einkaufen, einer der wenigen Orte, wo man von Schnürsenkel bis Nähgarn alles bekommt. Und es ist doch ein historisches Gebäude, warum durch einen weiteren gesichtslosen Neubau ersetzen?

  3. 32.

    Ich finde diese Mitteilung unter aller Würde. Ich wohne in Britz und bin immer gerne zu Karstadt am Hermannplatz gefahren um dort zu bummeln, einzukaufen und auch essen zu gehen. Ich kenne auch andere die dies gerne gemacht haben. Man kann dort viel gemütlicher einkaufen als in den Gropius Passagen, die ich möglichst meide. Was ich nur vom Konzern nicht verstehe, dass auf der einen Seite Filialen geschlossen werden und gleichzeitig am Hermannplatz abgerissen und neu gebaut werden soll. Das ist hirnrissig!

  4. 31.

    So sieht's aus. Umbau Karstadt am Kudamm wurde abgesagt. Die vollmundige Ankündigung eines Neubau in Tegel ebenso.
    Warum jetzt ausgerechnet am Hermannplatz ? Geringe Kaufkraft, mieses Umfeld. Die Leute die unten in Britz, Buckow, Rudow wohnen werden kaum den weiten Weg zum Hermannplatz fahren.
    Das ganze Umfeld besteht aus Ramsch,- und Billigläden. Beim geplanten Neubau hat man scheinbar nur aus weiter Ferne auf die Zahlen geschielt.
    Die damalig geplanten shop-in-shop Modelle in den Filialen wurden nicht realisiert. Man wird evtl. Karstadt abreißen und dann einen Grund suchen, das Haus nicht mehr neu zu bauen.

  5. 30.

    Die Händler welche über Amazon verkaufen legen den Preis fest, damit hat Amazon überhaupt nichts zu tun. Karstadt hat sicherlich auch die Möglichkeit günstig einzukaufen, nur geben sie den Maximalpreis rotzfrech an den Kunden weiter. Was soll man da unterstützen?

  6. 29.

    Der Slogan "Geiz ist geil" scheint Ihnen zu gefallen. Was mir nicht gefällt, ist, das Sie alle die bei Amazon bestellen als "Geiz ist geil" Menschen hinstellen.
    Was glauben Sie wohl warum die Leute im Internet einkaufen und das schon vor Corona Zeiten ?
    Bestimmt nicht weil es dort so viel Preiswerter ist...ist es nämlich nicht. Aber die Auswahl ist viel größer. Ich gehe zu Karstadt in Spandau und will Schuhe von Firma Xy in Größe 42 kaufen. Haben wir nicht und können wir auch nicht bestellen. Also was mache ich? Ich gehe noch in drei andere Geschäfte und erlebe das gleiche.
    Am Ende sitze ich am Laptop oder PC und bestelle bei Otto, Zalando oder Amazon und freue mich riesig wenn ich das bekomme, was ich gesucht habe.

  7. 28.

    Das liegt daran, daß IHR dort nicht einkaufen geht, genau wie bei Real und lieber Geiz ist geil bei Amazon bestellt und die Hälfte zurückschickt.
    IHR verlangt, dass ein Unternehmer euch die Arbeit und ein bequemes Leben sichert, aber beitragen tut IHR dazu nichts.
    Dieser Standort scheint sich zu rechnen und andere nicht. Sie reißen auf Dauer die gesunden Häuser mit runter.
    Job behalten ohne Kunden.. echt mal.. so ne Einstellung verschlägt einem schlicht die Sprache. Wo kommt solch ein Anspruchsdenken nur her?

  8. 27.

    Die Unternehmer denen die Firmen gehören, wie auch immer, solange keine Insolvenz besteht, können schließen und öffnen wie sie das für notwendig erachten, wenn es wirtschaftlich sinnvoll scheint.
    Wer sollte das in Ihrem sog. luftleeren Raum verhindern?
    Oder wo sind all die Filialen verschiedener Art in Shoppingcentern von anderen namhaften dennoch existierenden Firmen geblieben? Sie sind raus, weil die Unternehmer das so strategisch wollten und umgesetzt haben. Das kann jede Firma entscheiden wie sie will.

  9. 26.

    @ Eric: Wenn sie das jetzige Gebäude nehmen, könnte das mit dem 1/3 stimmen. Wenn sie aber den Ursprungsbau nehmen, dann ist nur noch ein Bruchteil der alten Substanz vorhanden.

  10. 25.

    Ah, erledigt. Der Nollendorfplatz liegt ja VOR dem Wittenbergplatz.

  11. 24.

    Sie machen es sich ein wenig zu einfach, wenn Sie die Schuld (woran Ihrer Meinung nach auch immer) dem Verbraucher zuschieben.

    Mehrere Male habe ich in letzter Zeit versucht, am Tauentzien bei einem großen Elektrohändler zu kaufen.
    Staubsauger: Dort gewesen, keinen einzigen Verkäufer zur Beratung gefunden. Also nach Hause, recherchiert, welcher gut ist. Zweiter Versuch: Wieder kein Verkäufer. Ich glaube 2 waren da, 2 im Gespräch. Zu wenig für so ein großes Haus. Also online gekauft.
    Mikrowelle: Kein Verkäufer zu sehen, aber endlich einen gefunden. Gefragt, wo die Ware steht. Freundliche Antwort. UND DAS WAR ES. Obwohl ich längere Zeit rumschlich, es kümmerte sich einfach niemand. Also online gekauft.
    Noch Fragen?

  12. 23.

    Als Unternehmen würde ich nur dort investieren, wo ich gefördert werde bzw. wo ich unterstützt werde. Meistens sind das dann die wirtschaftlich stabilen Regionen. RRG ist kein guter Partner für die Wirtschaft. Selbst in Berlin gibt es regionale Unterschiede. Nicht jeder Bezirk ist gut. Daher würde ich mir diesen Standort nochmal überlegen.

  13. 22.

    Alle reden nur noch von Karstadt am Hermannplatz. Was ist eigentlich aus den Plänen Abriss und Neubau Karstadt Kurfürstendamm geworden? In welchem Hinterzimmer wird darüber gesprochen? Es sollte doch auch dort eine Bürgerbeteiligung geben.

  14. 21.

    Nur eine U-Bahn Station weiter wird Luxussanierung betrieben und keiner stört sich daran.
    Langsam hat man das Gefühl der Senat benutzt den Hermannplatz nur als Ablenkung.
    Traurig das die Strategie in Berlin funktioniert.

  15. 20.

    Diejenigen, die im Internet bestellen, dürfte es vollkommen egal sein, ob eine Filiale schließt, da sie sowieso nicht dort hingehen. Es ist auch nicht nur das Internet Schuld, denn wenn neben Karstadt Primark öffnet und jeder nur nach Schnäppchen sucht (weil er sich nichts anderes mehr leisten kann oder nach dem Motto "Geiz ist geil" lebt), muss man sich nicht wundern!

  16. 18.

    Bis das neue Kaufhaus am Hermannplatz fertig ist, gibt es den Karstadt-Kaufhof-Konzern womöglich gar nicht mehr. Da kommt doch garantiert ein Einkaufzentrum rein - so wie schon in zahlreichen anderen früheren Karstadt-Filialen. Dem Signa-Konzern wird es nur um den Immobilien-Standort gehen. Ob speziell Karstadt erhalten bleibt, ist da wahrscheinlich eher egal. Vermieten lässt es sich auch an andere.

  17. 17.

    "Müller: Wir brauchen Warenhäuser in unseren Quartieren" - wenn dem wirklich so wäre, dann würden sich Karstadt und Kaufhof nicht bereits seit Jahren in einer tiefen Krise befinden (bzw. hätten sich dann bereits andere Wettbewerber am Markt platziert). Das Konsumverhalten hat sich aber geändert - das Geschäftsmodell von Galleria Karstadt Kaufhof aber seit Jahrzehnten nicht. Darin liegt das eigentliche Problem (und deshalb brauchen wir auch keine Warenhäuser in diesem Sinne in unseren Quartieren - denn wir haben REWE, Aldi, LIDL, Kaufland, Amazon, Zalando, etc. die den veränderten Geschmack der Kunden in im Off- und Online-Handel bedienen).

  18. 16.

    Oh je... es werden auch die Dagoberts arbeitslos. Nix mehr mit Karstadt-Erpressung...
    Aber mal Satire beiseite...
    Nicht alles an Konzeptfehlern kann Corona in die Schuhe geschoben werden. Jetzt kommen diese erst zutage in ungünstigen Zeiten für vor-Ort-Konsumente. Es tut mir bitter Leid für die betroffenen Angestellten. Sie haben garantiert keine Schuld. Und auch die Verbraucher/Konsumenten sind ein wenig auch Schuld. Wer einen Laden oder eine Infrastruktur wie z.B. auch ÖPNV nicht nutzt, verliert diese.
    Komisch, dass Shoppingcenter - auch kleinere - sich trotz Corona sich noch rechnen. Kaufhäuser sind ja auch nur Shoppingcenter in einem anderen Gewand. Es braucht eben für die jeweiligen Orte immer eigene Konzepte.
    Die damaligen Quelle-Kaufhäuser als Konzept könnte man doch pimpen. Vor Ort anschauen und kaufen und sich das Zeug dann nach Hause liefern lassen, verbunden natürlich mit nem eigenen Onlineshop für sonstwo in der Pampa ohne stationäres Kaufhaus.

  19. 15.

    Was ich nicht ganz verstehe ist: Wieso soll ein Gebäude abgerissen werden welches zum großen Teil aus den 20/30 Jahren stammt. Die SS hat ja in den letzten Kriegstagen das Gebäude teilweise gesprengt, weil ihre Lebensmittelreserven dort lagerten. Nur ein drittel des Gebäudes stammt aus der Nachkriegszeit.

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